Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus

Die Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus nach § 63 StGB darf nur ange­ord­net wer­den, wenn zwei­fels­frei fest­steht, dass der Unter­zu­brin­gen­de bei der Bege­hung der Anlass­ta­ten auf­grund eines psy­chi­schen Defek­tes schuld­un­fä­hig oder ver­min­dert schuld­fä­hig war und die Tat­be­ge­hung hier­auf beruht [1].

Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus

Die­ser Zustand muss, um eine Gefähr­lich­keits­pro­gno­se tra­gen zu kön­nen, von län­ge­rer Dau­er sein [2].

Im vor­lie­gen­den Fall ent­hielt das land­ge­richt­li­che Urteil nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs hier­zu kei­ne aus­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen: Soweit das Land­ge­richt im Anschluss an den Sach­ver­stän­di­gen davon aus­geht, dass der Beschul­dig­te an einer schi­zo­af­fek­ti­ven Stö­rung mit mani­schen Zügen lei­de, wer­den die die­se Bewer­tung tra­gen­den Anknüp­fungs- und Befund­tat­sa­chen nicht in aus­rei­chen­dem Umfang wie­der­ge­ge­ben [3]. Die Urteils­grün­de beschrän­ken sich auf eine Mit­tei­lung der Dia­gno­se und all­ge­mein gehal­te­ne Aus­füh­run­gen über die gewöhn­lich bei die­sem Krank­heits­bild zu beob­ach­ten­den Auf­fäl­lig­kei­ten. Inwie­weit der Beschul­dig­te kon­kret auf­grund Wahnerle­bens han­del­te, wird nicht dar­ge­stellt, viel­mehr las­sen die Urteils­grün­de offen, ob sich der Beschul­dig­te von „ver­meint­li­chen oder tat­säch­li­chen“ Beein­träch­ti­gun­gen beläs­tigt fühl­te, als es zu den ihm vor­ge­wor­fe­nen Taten gekom­men ist. Dass sein psy­chi­scher Zustand andau­ernd gestört war, wird nicht näher auf­ge­zeigt. Allein der Umstand, dass bereits dem Urteil vom 02.03.2007, durch das die Unter­brin­gung des Beschul­dig­ten in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus ange­ord­net und die Voll­stre­ckung der Maß­re­gel zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wor­den war, die Dia­gno­se einer schi­zo­af­fek­ti­ven Psy­cho­se mit mani­scher Aus­len­kung zugrun­de lag, reicht hier­für nicht.

Auch die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se im land­ge­richt­li­chen Urteil begeg­ne­te für den Bun­des­ge­richts­hof durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken:

Eine Unter­brin­gung nach § 63 StGB kommt nur in Betracht, wenn eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des dafür besteht, dass der Täter infol­ge sei­nes Zustands in Zukunft Taten bege­hen wird, die eine schwe­re Stö­rung des Rechts­frie­dens zur Fol­ge haben [4]. Ob eine zu erwar­ten­de Straf­tat zu einer schwe­ren Stö­rung des Rechts­frie­dens führt, muss anhand der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­falls ent­schie­den wer­den. Die erfor­der­li­che Pro­gno­se ist auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Täters, sei­nes Vor­le­bens und der von ihm began­ge­nen Anlass­ta­ten zu ent­wi­ckeln [5].

Die­sen Anfor­de­run­gen wer­den die Erwä­gun­gen des Land­ge­richts nicht gerecht. Eine die Bio­gra­phie des Beschul­dig­ten und sei­ne Krank­heits­ge­schich­te in den Blick neh­men­de Gesamt­wür­di­gung wur­de nicht erkenn­bar vor­ge­nom­men. Dabei hät­te Berück­sich­ti­gung fin­den müs­sen, dass der inzwi­schen 48 Jah­re alte Beschul­dig­te seit dem Jahr 1999 unter psy­chi­schen Stö­run­gen lei­det und zuvor nur im Jahr 2005 straf­recht­lich in Erschei­nung getre­ten ist. Ob er die Bewäh­rungs­zeit aus dem Urteil vom 02.03.2007 durch­ge­stan­den hat, tei­len die Urteils­grün­de nicht mit. Aus den Grün­den jenes frü­he­ren Urteils ergibt sich, dass der Betreu­er des Beschul­dig­ten auch für den Wir­kungs­kreis Gesund­heits­sor­ge ein­schließ­lich der Zufüh­rung zu einer Zwangs­me­di­ka­ti­on und das Auf­ent­halts­be­stim­mungs­recht bestellt war. Zu die­sem Umstand ver­hal­ten sich die aktu­el­len Urteils­grün­de nicht. Auch wäre das Land­ge­richt gehal­ten gewe­sen, näher auf die Schwe­re und den bis­he­ri­gen Ver­lauf der ange­nom­me­nen schi­zo­af­fek­ti­ven Stö­rung ein­zu­ge­hen. Der­ar­ti­ge Erkran­kun­gen ver­lau­fen pha­sen­haft, wobei es zu Zei­ten voll­stän­di­ger Remis­si­on kom­men kann, in denen kei­ne psy­chi­schen Beein­träch­ti­gun­gen zu beob­ach­ten sind [6]. Es hät­te daher nähe­rer Dar­le­gung bedurft, mit wel­cher Häu­fig­keit es in der Ver­gan­gen­heit bei dem Beschul­dig­ten zu Krank­heits­pha­sen gekom­men ist und wel­che pro­gno­sere­le­van­ten Schlüs­se dar­aus zu zie­hen sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Janu­ar 2015 – 4 StR 514/​14

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 08.04.2003 – 3 StR 79/​03, NStZ-RR 2003, 232[]
  2. BGH, Beschluss vom 29.08.2012 – 4 StR 205/​12, NStZ-RR 2012, 367; Urteil vom 06.03.1986 – 4 StR 40/​86, BGHSt 34, 22, 27[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 16.01.2013 – 4 StR 520/​12, NStZ-RR 2013, 141, 142; Beschluss vom 26.09.2012 – 4 StR 348/​12, Rn. 8; Beschluss vom 29.05.2012 – 2 StR 139/​12, NStZ-RR 2012, 306, 307; Beschluss vom 14.09.2010 – 5 StR 229/​10, Rn. 8; Urteil vom 21.01.1997 – 1 StR 622/​96, BGHR StGB § 63 Zustand 20[]
  4. BGH, Urteil vom 02.03.2011 – 2 StR 550/​10, NStZ-RR 2011, 240, 241[]
  5. BGH, Beschluss vom 26.09.2012 – 4 StR 348/​12, Rn. 10; Urteil vom 17.11.1999 – 2 StR 453/​99, BGHR StGB § 63 Gefähr­lich­keit 27[]
  6. Hoff/​Sass in: Kröber/​Dölling/​Leygraf/​Sass, Hand­buch der Foren­si­schen Psych­ia­trie, Bd. 2, S. 84 f.; Nedopil/​Müller, Foren­si­sche Psych­ia­trie, 4. Aufl., S. 181 f.; Mül­ler-Isber­ner/­Venz­laff in: Venzlaff/​Foerster, Psych­ia­tri­sche Begut­ach­tung, 5. Aufl., S. 181 f.[]