Zun­gen­kuss als eine dem Bei­schlaf ähn­li­che Hand­lung

In der Regel kann ein "Zun­gen­kuss" nicht unter eine dem Bei­schlaf ähn­li­che Hand­lung im Sin­ne von § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB sub­su­miert wer­den.

Zun­gen­kuss als eine dem Bei­schlaf ähn­li­che Hand­lung

Die­se Erkennt­nis ver­dan­ken wir dem Bun­des­ge­richts­hof, der über meh­re­re Fäl­le von sexu­el­lem Miss­brauch an Kin­dern zu ent­schei­den hat­te, bei dem die ers­te Tat dar­in bestand, dass der Ange­klag­te der Geschä­dig­ten einen "Zun­gen­kuss" gab, den das Kind als "eklig" emp­fand.

Hat sich die Tat in einem "Zun­gen­kuss" erschöpft, kann die­ser nach Mei­nung des Bun­des­ge­richts­ho­fes zwar als sexu­el­le Hand­lung von eini­ger Erheb­lich­keit – die auch mit einem Ein­drin­gen in den Kör­per ver­bun­den ist – ange­se­hen wer­den im Sin­ne von §§ 176 Abs. 1, 184g Nr. 1 StGB 1, jedoch kann sie nicht als eine zugleich "dem Bei­schlaf ähn­li­che" Hand­lung betrach­tet wer­den. Dage­gen spricht schon das äuße­re Erschei­nungs­bild der Hand­lung, an der – anders als bei dem bei­schla­f­ähn­li­chen Anal- oder Oral­ver­kehr 2 – kein pri­mä­res Geschlechts­or­gan betei­ligt ist. Soweit § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB auch deskri­pi­ti­ve Ele­men­te ent­hält, liegt die Gleich­set­zung des Zun­gen­kus­ses mit dem Bei­schlaf schon begriff­lich fern.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­ho­fes ist die Ähn­lich­keit der sexu­el­len Hand­lung mit dem Bei­schlaf aber vor allem auch an der Gewich­tung der Rechts­guts­ver­let­zung zu mes­sen. Geschütz­tes Rechts­gut ist in den Fäl­len des § 176a StGB die unge­stör­te sexu­el­le Ent­wick­lung des Kin­des 3. Der Zun­gen­kuss wirkt hier­auf regel­mä­ßig nicht so inten­siv ein wie ein Vaginal‑, Oral- oder Anal­ver­kehr.

Schließ­lich ergibt sich auch aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en nicht, dass der Gesetz­ge­ber den Fall des Zun­gen­kus­ses der Norm unter­wer­fen woll­te 4. Die Mei­nung des Bun­des­ge­richts­ho­fes ent­spricht der in der Lite­ra­tur vor­herr­schen­den Ansicht 5, dass der "Zun­gen­kuss" in der Regel kei­ne dem Bei­schlaf ähn­li­che Hand­lung im Sin­ne des § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB ist. Ob unter beson­de­ren Umstän­den in extre­men Aus­nah­me­fäl­len etwas ande­res gel­ten kann, kann hier offen blei­ben.

Auch der Beschluss des Bun­des­ge­richts­ho­fes vom 21. Mai 2008 6 hat die Beweis­wür­di­gung des Tat­ge­richts bean­stan­det und das ange­foch­te­ne Urteil des­halb auf­ge­ho­ben. Die Ein­ord­nung des "Zun­gen­kus­ses" als eine dem Bei­schlaf ähn­li­che Hand­lung war dort kei­ne tra­gen­de Erwä­gung. Im Urteil vom 18. Novem­ber 19997 hat das Gericht ande­re For­men des Ein­drin­gens in den Kör­per als beim Oral- oder Anal­ver­kehr "mit Aus­nah­me des Zun­gen­kus­ses" als dem Bei­schlaf ähn­li­che Hand­lun­gen bezeich­net.

Es bleibt daher im hier vor­lie­gen­den Fall bei der Erfül­lung des Grund­tat­be­stands nach § 176 Abs. 1 StGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. April 2011 – 2 StR 65/​11

  1. dif­fe­ren­zie­rend OLG Bran­den­burg NStZ-RR 2010, 45 f.[]
  2. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 14.09.1999 – 4 StR 381/​99, BGHR StGB, § 176a Abs. 1 Nr. 1 Sexu­el­le Hand­lung 1[]
  3. BGH, Urteil vom 16.06.1999 – 2 StR 28/​99, BGHSt 45, 131, 132; Beschluss vom 19.12.2008 – 2 StR 383/​08, BGHSt 53, 118, 119[]
  4. vgl. BT-Drucks. 13/​8587 S. 31 f.; zuvor BT-Drucks. 13/​2463 S. 7 und 13/​7324 S. 6, jeweils zu § 177 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 StGB[]
  5. vgl. Fischer, StGB, 58. Aufl. § 176a Rn. 8; LK/​Hörnle, StGB, 12. Aufl. § 176a Rn. 27; Perron/​Eisele in Schönke/​Schrö­der, StGB, 27. Aufl. § 176a Rn. 8; Ren­zi­kow­ski NStZ 2000, 367 f.; SK/​Wolters aaO § 176a Rn. 16; Zieg­ler in v. Heint­schel-Hein­egg, Beck­OK-StGB 2011 § 176a Rn. 12; wei­ter­ge­hend Fol­kers JR 2007, 11 ff.; aA NK/​Frommel, StGB, 2009 § 176a Rn. 11; Lau­ben­thal, Sexu­al­straf­ta­ten; Die Straf­ta­ten gegen die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung, 2000, Rn. 382[]
  6. 5 StR 197/​08[]
  7. 4 StR 389/​99, NJW 2000, 672 f.[]