Eige­ne medi­zi­ni­sche Sach­kun­de des Gerichts?

Nach § 86 Abs. 1 VwGO, § 58 Abs. 1 BDG und § 41 DiszG Ber­lin obliegt den Tat­sa­chen­ge­rich­ten die Pflicht, jede mög­li­che Auf­klä­rung des ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts bis zur Gren­ze der Zumut­bar­keit zu ver­su­chen, sofern dies nach ihrem mate­ri­ell­recht­li­chen Rechts­stand­punkt für die Ent­schei­dung des Rechts­streits erfor­der­lich ist 1.

Eige­ne medi­zi­ni­sche Sach­kun­de des Gerichts?

Bestehen tat­säch­li­che Anhalts­punk­te dafür, dass die Fähig­keit des Beam­ten, das Unrecht der Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, wegen einer see­li­schen Stö­rung im Sin­ne von § 20 StGB erheb­lich gemin­dert war, so darf das Ver­wal­tungs­ge­richt die­sen Aspekt nicht ohne Sach­auf­klä­rung zu Guns­ten des Beam­ten unter­stel­len, ihm aber bei der Bestim­mung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me kein Gewicht bei­mes­sen. Viel­mehr muss es die Fra­ge einer Min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Beam­ten auf­klä­ren.

Hat der Beam­te zum Tat­zeit­punkt an einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung im Sin­ne von § 20 StGB gelit­ten oder kann eine sol­che Stö­rung nach dem Grund­satz "in dubio pro reo" nicht aus­ge­schlos­sen wer­den und ist die Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Beam­ten erheb­lich, so ist die­ser Umstand bei der Bewer­tung der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens mit dem ihm zukom­men­den erheb­li­chen Gewicht her­an­zu­zie­hen. Bei einer erheb­lich ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit kann die Höchst­maß­nah­me regel­mä­ßig nicht mehr aus­ge­spro­chen wer­den 2.

Dar­an gemes­sen muss geklärt wer­den, ob der Beam­te im Tat­zeit­raum an einer see­li­schen Stö­rung im Sin­ne von § 20 StGB gelit­ten hat, die sei­ne Fähig­keit, das Unrecht der Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, ver­min­dert hat. Hier­für bedarf es in der Regel beson­de­rer medi­zi­ni­scher Sach­kun­de. Erst wenn die see­li­sche Stö­rung und ihr Schwe­re­grad fest­ste­hen oder nach dem Grund­satz "in dubio pro reo" nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, kann beur­teilt wer­den, ob die Vor­aus­set­zung für eine erheb­lich gemin­der­te Schuld­fä­hig­keit vor­lie­gen. Denn von den Aus­wir­kun­gen der krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung auf die Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit in Bezug auf das Ver­hal­ten des Beam­ten hängt im Dis­zi­pli­nar­recht die Beur­tei­lung der Erheb­lich­keit einer ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit im Sin­ne von § 21 StGB ab. Die Fra­ge, ob die Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit auf­grund einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung "erheb­lich" war, ist eine Rechts­fra­ge, die die Ver­wal­tungs­ge­rich­te in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu beant­wor­ten haben. Hier­zu bedarf es einer Gesamt­schau der Per­sön­lich­keits­struk­tur des Betrof­fe­nen, sei­nes Erschei­nungs­bil­des vor, wäh­rend und nach der Tat und der Berück­sich­ti­gung der Tat­um­stän­de, ins­be­son­de­re der Vor­ge­hens­wei­se 3.

Auf­grund des Vor­brin­gens des Beam­ten auch im Beru­fungs­ver­fah­ren bestand hin­rei­chen­der Anlass, der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge der erheb­li­chen Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Beam­ten zum Tat­zeit­punkt nach­zu­ge­hen. Auch hat der Beklag­te in der Beru­fungs­ver­hand­lung für den Fall, dass sein Antrag auf Ände­rung des Urteils des Ver­wal­tungs­ge­richts und Abwei­sung der Kla­ge erfolg­los bleibt, bean­tragt, ein Gut­ach­ten eines foren­si­schen Psych­ia­ters zum Beweis der Tat­sa­che ein­zu­ho­len, dass er sich im Zeit­punkt der Tat auf­grund star­ken Alko­hol- und Dro­gen­kon­sums im Ver­bund mit einer Depres­si­on in einem Zustand zumin­dest erheb­lich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit befand.

Ob das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt den erwähn­ten Hilfs­be­weis­an­trag ver­fah­rens­feh­ler­frei mit der Begrün­dung hät­te ableh­nen kön­nen, dass es sich – jeden­falls bei den erst­mals in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom Beam­ten behaup­te­ten Can­na­bis-Kon­sum – um gestei­ger­tes, daher unglaub­haf­tes Vor­brin­gen han­del­te und des­halb kei­ne hin­rei­chen­den Anhalts­punk­te für den behaup­te­ten Ent­las­tungs­grund vor­la­gen, kann dahin­ste­hen. Die­sen Weg ist das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht gegan­gen. Es hat viel­mehr sei­ner recht­li­chen Wür­di­gung die Anga­ben des Beam­ten zu dem von ihm behaup­te­ten Alko­hol- und Betäu­bungs­mit­tel­kon­sum zugrun­de gelegt. Nach die­sen tat­säch­li­chen Annah­men des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts hat der Beklag­te wäh­rend eines Zeit­raums von sechs Mona­ten vor dem Tat­zeit­punkt regel­mä­ßig täg­lich Bier und Kräu­ter­li­kör sowie Can­na­bis kon­su­miert. Hier­zu hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­führt, es sei aus­zu­schlie­ßen, dass der damit vom Beam­ten beschrie­be­ne Miss­brauch in Gestalt des Alko­hol- und Betäu­bungs­mit­tel­kon­sums wäh­rend die­ser ver­gleichs­wei­se kur­zen Zeit­span­ne eine schwe­re psy­chi­sche Per­sön­lich­keits­ver­än­de­rung nach sich gezo­gen haben könn­te. Für eine sol­che Bewer­tung der Fol­gen eines regel­mä­ßi­gen Can­na­bis­kon­sums sowie eines regel­mä­ßi­gen Par­al­lel­kon­sums von Alko­hol und Can­na­bis bedarf es medi­zi­ni­scher Sach­kun­de, über die ein Gericht nicht ver­fügt. Dem­entspre­chend muss das Gericht zur Bewer­tung der Aus­wir­kun­gen in aller Regel sach­ver­stän­di­ge Hil­fe in Anspruch neh­men. Glaubt das Gericht, die erfor­der­li­che medi­zi­ni­sche Sach­kun­de aus­nahms­wei­se selbst zu besit­zen und auf sach­ver­stän­di­ge Hil­fe­stel­lung ver­zich­ten zu kön­nen, muss es dies dar­le­gen 4. Dem Beru­fungs­ur­teil ist aber nicht zu ent­neh­men, wor­aus sich die­ser vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für sich in Anspruch genom­me­ne Sach­ver­stand – aus­nahms­wei­se – ergibt. Auch hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht ermit­telt, wel­che Men­gen Alko­hol und Can­na­bis der Beklag­te, der in der Zeit vom 25.04.bis zum 26.05.2003 dienst­un­fä­hig erkrankt war, täg­lich kon­su­miert hat. Es hat sich fer­ner nicht mit der all­ge­mein­kun­di­gen wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis aus­ein­an­der­ge­setzt, dass der kom­bi­nier­te Kon­sum von Can­na­bis und Alko­hol zu einer Poten­zie­rung der Wir­kun­gen bei­der Stof­fe führt und des­halb psy­cho­ti­sche Stö­run­gen oder Beein­träch­ti­gun­gen des Herz-Kreis­lauf-Sys­tems zur Fol­ge haben kann 5.

Fer­ner ergibt sich aus den Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, dass dem Attest des den Beam­ten im Tat­zeit­raum behan­deln­den Fach­arz­tes Hin­wei­se dar­auf zu ent­neh­men sind, dass der Beklag­te bereits im April 2003 an einem Bur­nout-Syn­drom gelit­ten habe, wel­ches durch eine deut­lich depres­si­ve Stim­mung domi­niert gewe­sen sei. Auch die­ser Dia­gno­se hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt jeg­li­che Bedeu­tung für die foren­si­sche Bewer­tung des psy­chi­schen Zustands des Beam­ten im Mai 2003 abge­spro­chen, ohne sei­ne für eine sol­che Bewer­tung erfor­der­li­che medi­zi­ni­sche Sach­kun­de dar­zu­le­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 28. Janu­ar 2015 – 2 B 15.2014 -

  1. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 06.02.1985 – 8 C 15.84, BVerw­GE 71, 38, 41; und vom 06.10.1987 – 9 C 12.87, Buch­holz 310 § 98 VwGO Nr. 31 S. 1[]
  2. BVerwG, Urteil vom 25.03.2010 – 2 C 83.08, BVerw­GE 136, 173 Rn. 29 ff.; Beschluss vom 20.10.2011 – 2 B 61.10 9[]
  3. stRspr, vgl. BVerwG, Urteil vom 29.05.2008 – 2 C 59.07 30[]
  4. stRspr, vgl. etwa BVerwG, Beschlüs­se vom 21.02.2014 – 2 B 24.12 – IÖD 2014, 100 Rn. 10; und vom 26.05.2014 – 2 B 69.12NJW 2014, 2971 Rn. 10 m.w.N.[]
  5. BayVGH, Urteil vom 12.03.2012 – 11 B 10.955SVR 2012, 396 Rn. 54 m.w.N. und VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 19.08.2013 – 10 S 206/​13NJW 2014, 410 Rn. 6 m.w.N.[]