Buß­geld für den Rechts­nach­fol­ger

Die Erstre­ckung der (kar­tell-)buß­geld­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit auf wirt­schaft­lich nahe­zu iden­ti­sche Rechts­nach­fol­ger stellt kei­nen Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 2 GG dar.

Buß­geld für den Rechts­nach­fol­ger

Abs. 2 GG zieht auch für die Aus­le­gung von Buß­geld­vor­schrif­ten eine ver­fas­sungs­recht­li­che Schran­ke 1. Da Gegen­stand der Aus­le­gung gesetz­li­cher Bestim­mun­gen immer nur der Geset­zes­text sein kann, erweist die­ser sich als maß­ge­ben­des Kri­te­ri­um: Der mög­li­che Wort­sinn des Geset­zes mar­kiert die äußers­te Gren­ze zuläs­si­ger rich­ter­li­cher Inter­pre­ta­ti­on. Wenn Art. 103 Abs. 2 GG Erkenn­bar­keit und Vor­her­seh­bar­keit der Buß­geld­an­dro­hung für den Normadres­sa­ten ver­langt, so kann das nur bedeu­ten, dass die­ser Wort­sinn aus der Sicht des Bür­gers zu bestim­men ist 2. Die­se Gren­ze haben die Fach­ge­rich­te mit ihrer Inter­pre­ta­ti­on von § 30 Abs. 1 OWiG nach der Ein­schät­zung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht über­schrit­ten.

Die Auf­fas­sung, dass die Fest­set­zung einer Geld­bu­ße gegen eine Gesamt­rechts­nach­fol­ge­rin, die mit der ursprüng­li­chen juris­ti­schen Per­son bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se nahe­zu iden­tisch ist, von die­sem Wort­laut nicht mehr erfasst wird, trifft nicht zu. Gera­de aus Sicht eines unvor­ein­ge­nom­me­nen Bür­gers dürf­te in die­sen Fäl­len die Annah­me einer fort­dau­ern­den buß­geld­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit zur Ver­mei­dung der Umge­hungs­ge­fahr nahe lie­gen.

Unbe­strit­ten ist dem­entspre­chend, dass eine blo­ße Umfir­mie­rung und auch der allei­ni­ge Wech­sel der Rechts­form einer Ver­ant­wor­tungs­zu­rech­nung nach § 30 Abs. 1 OWiG in der Regel nicht ent­ge­gen­ste­hen 3. Aber auch bei wei­ter­ge­hen­den gesell­schafts­recht­li­chen Umge­stal­tun­gen kann von einer Ver­hän­gung der Geld­bu­ße gegen "die­se" juris­ti­sche Per­son gespro­chen wer­den, wenn es sich aus Sicht des Bür­gers fak­tisch um die glei­che juris­ti­sche Per­son han­delt. Die hier­für vom Bun­des­ge­richts­hof ent­wi­ckel­ten Kri­te­ri­en – Gesamt­rechts­nach­fol­ge und "Nahe­zu-Iden­ti­tät" bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se 4 – sind dabei geeig­net, die Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me einer Ver­ant­wor­tungs­zu­rech­nung hin­rei­chend zu kon­kre­ti­sie­ren.

Auch der Wil­le des Gesetz­ge­bers stützt die vom Bun­des­ge­richts­hof vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung. Denn Zweck der Geld­bu­ße für juris­ti­sche Per­so­nen ist die Schaf­fung eines Aus­gleichs dafür, dass der juris­ti­schen Per­son, die nur durch ihre Orga­ne zu han­deln im Stan­de ist, zwar die Vor­tei­le die­ser in ihrem Inter­es­se vor­ge­nom­me­nen Betä­ti­gung zuflie­ßen, dass sie aber beim Feh­len einer Sank­ti­ons­mög­lich­keit nicht den Nach­tei­len aus­ge­setzt wäre, die als Fol­ge der Nicht­be­ach­tung der Rechts­ord­nung im Rah­men der für sie vor­ge­nom­me­nen Betä­ti­gung ein­tre­ten kön­nen. Dem­entspre­chend sol­len die der juris­ti­schen Per­son zuge­flos­se­nen Gewin­ne abge­schöpft und die Erzie­lung sol­cher Gewin­ne bekämpft wer­den 5. Der Bun­des­ge­richts­hof ermög­licht mit sei­ner Recht­spre­chung die Errei­chung die­ser Zie­le auch bei wirt­schaft­lich zumin­dest weit­ge­hend iden­ti­schen Rechts­nach­fol­gern.

Dem­ge­gen­über kann die Ansicht, der Begriff der juris­ti­schen Per­son sei aus Grün­den der Ein­heit der Rechts­ord­nung in einem "fach­sprach­li­chen" Sin­ne aus­zu­le­gen, nicht über­zeu­gen. Es bleibt einer­seits unklar, wel­chen Inhalt die­ses fach­sprach­li­che Ver­ständ­nis haben soll, wäh­rend die Beschwer­de­füh­re­rin ande­rer­seits außer Acht lässt, dass in einer zwar ein­heit­li­chen, aber je nach Sach­be­rei­chen dif­fe­ren­zier­ten Rechts­ord­nung eine "Rela­ti­vi­tät der Rechts­be­grif­fe" ange­legt ist 6.

Hin­zu kommt, dass für die Rechts­nach­fol­ge­rin das Risi­ko ihrer Her­an­zie­hung bei der Ahn­dung der Kar­tell­ord­nungs­wid­rig­keit zumin­dest auf­grund der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs vor­her­seh­bar sein muss­te 7. Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te sei­ne grund­le­gen­de Ent­schei­dung aus dem Jahr 1986 mehr­fach und auch unmit­tel­bar vor der Umwand­lung der M. GmbH bestä­tigt 8. Auch in der Recht­spre­chung der Ober­ge­rich­te 9 und von der über­wie­gen­den Mei­nung in der Lite­ra­tur wird die Rechts­auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs geteilt 10.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 20. August 2015 – 1 BvR 980/​15

  1. vgl. BVerfGE 87, 399, 411 m.w.N.[]
  2. vgl. BVerfGE 71, 108, 115[]
  3. vgl. Mey­berg, in: Beck­OK OWiG, § 30 Rn. 39, 41, 15.12 2014 m.w.N.[]
  4. vgl. BGHSt 52, S. 58 ff.; BGH, Beschluss vom 11.03.1986 – KRB 8/​85; Beschluss vom 23.11.2004 – KRB 23/​04; Beschluss vom 04.10.2007 – KRB 59/​07[]
  5. vgl. BT-Drs. V/​1269, S. 59 f.[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 27.12 1991 – 2 BvR 72/​90[]
  7. vgl. dazu BVerfGE 73, 206, 243; 126, 170, 196 f. m.w.N.[]
  8. vgl. BGHSt 57, S.193 ff.; BGH, Beschluss vom 10.08.2011 – KRB 2/​10; Beschluss vom 10.08.2011 – KRB 55/​10[]
  9. vgl. BayO­bLG, Beschluss vom 28.05.2002 – 3 ObO­Wi 29/​02; OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 13.01.2010 – VI-Kart 55/​06, OWi u.a.; s.a. schon KG, Urteil vom 18.04.1984 – Kart. a 27/​83[]
  10. vgl. Gürt­ler, in: Göhler/​Gürtler/​Seitz, OWiG, 16. Aufl., 2012, § 30 Rn. 38c; Rogall, in: Karls­ru­her Kom­men­tar OWiG, 4. Aufl., 2014, § 30 Rn. 46 ff. m.w.N. auch zur Gegen­auf­fas­sung; Förs­ter, in: Rebmann/​Roth/​Herrmann, OWiG, § 30 Rn. 50 ff., April 2014[]