Miss­brauch einer Gene­ral­voll­macht

Wenn ein Bevoll­mäch­tig­ter bei Errich­tung einer Gesell­schaft die ihm erteil­te Gene­ral­voll­macht miss­braucht, kann eine Haf­tung gemäß § 826 BGB gege­ben sein.

Miss­brauch einer Gene­ral­voll­macht

Wil­lens­er­klä­run­gen zwi­schen den Betei­lig­ten, die auf den Abschluss eines Gesell­schafts­ver­trags gerich­tet sind, wer­den bei einer feh­ler­haf­ten Gesell­schaft vor­aus­ge­setzt. Grund­sätz­lich lie­gen sie nicht vor, wenn ein Mit­ge­sell­schaf­ter die ihm erteil­te Voll­macht über­schrei­tet.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall begehrt die Klä­ge­rin, eine Toch­ter des Beklag­ten, Scha­dens­er­satz und Fest­stel­lung, dass der Beklag­te für Ein­grif­fe in die Ver­fü­gungs­be­fug­nis über ihr Ver­mö­gen scha­dens­er­satz­pflich­tig ist. Die Klä­ge­rin ver­füg­te unter ande­rem über Grund­be­sitz und ein erheb­li­ches Geld­ver­mö­gen. Ihr Ver­mö­gen und das ihrer Schwes­ter wur­de auf­grund einer Gene­ral­voll­macht vom Beklag­ten ver­wal­tet.

Nach Mei­nung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts, der Gesell­schafts­ver­trag sei gemäß § 138 BGB nich­tig und der Beklag­te haf­te grund­sätz­lich nach § 826 BGB, weil er bei Errich­tung der Gesell­schaft die ihm erteil­te Gene­ral­voll­macht miss­braucht habe, nicht zu bean­stan­den. Auf der Grund­la­ge der tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen liegt bereits auf­grund der Ver­trags­ge­stal­tung ein Miss­brauch der Gene­ral­voll­macht vor, weil der – fak­tisch unwi­der­ruf­li­che – Ent­zug der Ver­fü­gungs­be­fug­nis über ihr Ver­mö­gen über einen Zeit­raum von 19 Jah­ren hin­weg eine Ver­let­zung der ver­mö­gens­wer­ten Inter­es­sen der Klä­ge­rin dar­stellt [1]. Dass die Klä­ge­rin an der GbR zu 99 % betei­ligt sein und ihr das in die GbR ein­ge­brach­te Ver­mö­gen wirt­schaft­lich wei­ter­hin gehö­ren soll­te, ist inso­weit uner­heb­lich. Maß­geb­lich ist, dass ihr die Ver­fü­gungs­be­fug­nis über ihr Ver­mö­gen für einen lan­gen Zeit­raum ent­zo­gen und sie dadurch in ihrer Ver­trags­frei­heit zu stark ein­ge­schränkt wur­de. Zudem umging der Beklag­te damit zugleich den für eine Gene­ral­voll­macht aner­kann­ten Grund­satz der Befug­nis des Voll­macht­ge­bers zum jeder­zei­ti­gen Wider­ruf [2]. Auf­grund die­ses Voll­machts­miss­brauchs war die im Namen der Klä­ge­rin abge­ge­be­ne Wil­lens­er­klä­rung des Beklag­ten zur Errich­tung der GbR unwirk­sam und zugleich der Gesell­schafts­ver­trag nach § 138 BGB nich­tig, weil es sich bei der Gesell­schafts­grün­dung um ein Insich­ge­schäft des Beklag­ten han­del­te und der Miss­brauch der Ver­tre­tungs­macht ihm – und damit allen Betei­lig­ten – bekannt war.

Es ist in der Recht­spre­chung aner­kannt, dass Ver­ein­ba­run­gen, die Ange­stell­te, Bevoll­mäch­tig­te oder sons­ti­ge Ver­tre­ter einer Par­tei im Ein­ver­ständ­nis mit dem Ver­trags­geg­ner hin­ter dem Rücken des Geschäfts­herrn und zu des­sen Nach­teil tref­fen, gegen die guten Sit­ten ver­sto­ßen und nich­tig sind [3]. Im Hin­blick dar­auf kommt es auf die in der Revi­si­ons­ver­hand­lung erho­be­ne Gegen­rü­ge des Beklag­ten nicht an.

Rechts­feh­ler­haft ist aller­dings die Begrün­dung, mit der das Beru­fungs­ge­richt die schlüs­si­ge Dar­le­gung des Scha­dens bzw. des künf­ti­gen Scha­dens­ein­tritts ver­neint hat. Die Klä­ge­rin muss ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts zur schlüs­si­gen Scha­dens­dar­le­gung nicht vor­tra­gen, dass sich die Ver­fü­gun­gen des Beklag­ten schä­di­gend auf ihr Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­ben (vgl. §§ 730 ff. BGB) aus­ge­wirkt haben. Die Grund­sät­ze der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft ste­hen der von der Klä­ge­rin ins­be­son­de­re in der Kla­ge­schrift und in einem Schrift­satz sub­stan­ti­iert dar­ge­leg­ten Scha­dens­be­rech­nung nicht ent­ge­gen. Das Beru­fungs­ge­richt hat ver­kannt, dass eine feh­ler­haf­te Gesell­schaft nicht zustan­de gekom­men ist, und des­halb fal­sche Anfor­de­run­gen an die Sub­stan­ti­ie­rungs­last der Klä­ge­rin gestellt.

Im Streit­fall han­delt es sich nicht um eine feh­ler­haf­te Gesell­schaft, son­dern um eine soge­nann­te Schein­ge­sell­schaft, auf die die Grund­sät­ze über die feh­ler­haf­te Gesell­schaft und somit auch die Grund­sät­ze der Abwick­lung nicht anwend­bar sind [4]. Eine feh­ler­haf­te Gesell­schaft setzt wie jede Gesell­schaft einen Gesell­schafts­ver­trag vor­aus. Es genügt zwar bei ihr das Vor­lie­gen eines man­gel­haf­ten Ver­trags. Die­ser muss aber von dem tat­säch­li­chen, wenn auch recht­lich feh­ler­haf­ten Wil­len der Ver­trag­schlie­ßen­den getra­gen sein. Grund­le­gen­de Vor­aus­set­zung für die Annah­me einer feh­ler­haf­ten Gesell­schaft ist mit­hin das Vor­lie­gen von – wenn auch feh­ler­haf­ten – auf den Abschluss eines Gesell­schafts­ver­trags gerich­te­ten Wil­lens­er­klä­run­gen zwi­schen den Betei­lig­ten [5]. Ein rechts­ge­schäft­li­ches Han­deln der Gesell­schaf­ter fehlt, wenn ein Mit­ge­sell­schaf­ter die ihm erteil­te Voll­macht über­schrei­tet [6]. Etwas ande­res gilt nur, wenn die übri­gen Gesell­schaf­ter die Erklä­rung für wirk­sam gehal­ten haben, weil sie etwa davon aus­gin­gen, der Mit­ge­sell­schaf­ter sei wirk­sam ver­tre­ten wor­den und sei­ne Zustim­mung lie­ge vor [7], oder wenn der Ver­tre­ter zwar ohne Voll­macht gehan­delt hat, der Abschluss des Gesell­schafts­ver­trags aber vom Auf­trag des Gesell­schaf­ters umfasst war und damit auf sei­nen Wil­len zurück­zu­füh­ren ist [8]. Im Streit­fall lie­gen die­se Aus­nah­men beim rechts­miss­bräuch­li­chen Abschluss des Gesell­schafts­ver­trags nicht vor, weil nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts der Beklag­te eigen­mäch­tig und in einem Insich­ge­schäft gehan­delt hat. Aus den­sel­ben Grün­den fehlt ein vom Wil­len aller Gesell­schaf­ter getra­ge­ner Voll­zug des Gesell­schafts­ver­trags.

Nach den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen muss­te die Klä­ge­rin nicht dar­le­gen, inwie­fern sich die Ver­fü­gun­gen des Beklag­ten schä­di­gend auf ihr Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­ben aus­ge­wirkt haben bzw. im Hin­blick auf den Fest­stel­lungs­an­trag aus­wir­ken könn­ten. Es reicht viel­mehr aus, dass sie – wie ins­be­son­de­re in der Kla­ge­schrift und im Schrift­satz vom 12. Mai 2009 gesche­hen – sub­stan­ti­iert dar­ge­legt hat, dass die Ver­fü­gun­gen des Beklag­ten einen eige­nen Scha­den der Klä­ge­rin begrün­det haben. Dazu hat das Beru­fungs­ge­richt bis­her kei­ne Fest­stel­lun­gen getrof­fen. Das Beru­fungs­ur­teil ist dem­nach auf­zu­he­ben und die Sache zur wei­te­ren Sach­auf­klä­rung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 562 Abs. 1, § 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Sep­tem­ber 2011 – VI ZR 229/​09

  1. vgl. BGH, Urteil vom 25.02.2002 – II ZR 374/​00, WM 2002, 756 f.; sie­he auch Urteil vom 01.06.2010 – XI ZR 389/​09, NJW 2011, 66 Rn. 16[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.02.1988 – V ZR 231/​86, WM 1988, 714, 715; vom 01.06.2010 – XI ZR 389/​09, aaO mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 17.05.1988 – VI ZR 233/​87, WM 1988, 1380, 1381; BGH, Urtei­le vom 14.06.2000 – VIII ZR 218/​99, VersR 2000, 1551, 1552; vom 25.02.2002 – II ZR 374/​00, aaO; vom 0106.2010 – XI ZR 389/​09, aaO, Rn. 13, 18[]
  4. eben­so BGH, Urteil vom 01.06.2010 – XI ZR 389/​09, aaO, Rn. 21 in einem die­sel­be GbR betref­fen­den Urteil[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 14.10.1991 – II ZR 212/​90, NJW 1992, 1501, 1502 mwN; vom 01.06.2010 – XI ZR 389/​09, aaO, Rn. 20[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 18.10.1962 – II ZR 12/​61, WM 1962, 1353, 1354; vom 12.10.1987 – II ZR 251/​86, WM 1988, 414, 416 f.; vom 14.10.1991 – II ZR 212/​90, aaO; vom 01.06.2010 – XI ZR 389/​09, aaO[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.10.1987 – II ZR 251/​86, aaO, 417; vom 14.10.1991 – II ZR 212/​90, aaO; vom 01.06.2010 – XI ZR 389/​09, aaO[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.12.2002 – II ZR 109/​01, BGHZ 153, 214, 221 f.; vom 21.03.2005 – II ZR 310/​03, NJW 2005, 1784, 1786; vom 01.06.2010 – XI ZR 389/​09, aaO[]