Zah­lungs­ein­stel­lung, Insol­venz­ver­schlep­pung und die ver­letz­te Buch­füh­rungs­pflicht

Die Vor­aus­set­zun­gen der Zah­lungs­ein­stel­lung gel­ten nach den Grund­sät­zen der Beweis­ver­ei­te­lung als bewie­sen, wenn der Geschäfts­füh­rer einer GmbH, der von einem Gesell­schafts­gläu­bi­ger wegen Insol­venz­ver­schlep­pung in Anspruch genom­men wird, sei­ne Pflicht zur Füh­rung und Auf­be­wah­rung von Büchern und Bele­gen ver­letzt hat und dem Gläu­bi­ger des­halb die Dar­le­gung nähe­rer Ein­zel­hei­ten nicht mög­lich ist.

Zah­lungs­ein­stel­lung, Insol­venz­ver­schlep­pung und die ver­letz­te Buch­füh­rungs­pflicht

Der Bun­des­ge­richts­hof bil­lig­te daher in einem sol­chen Fall dem Gläu­bi­ger einen Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den GmbH-Geschäfts­fü­her aus § 823 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 64 Abs. 1 GmbHG aF (jetzt § 15a InsO) zu. Der Bun­des­ge­richts­hof sah es als erwie­sen an, dass die GmbH (Schuld­ne­rin) zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses mit der Klä­ge­rin zah­lungs­un­fä­hig und damit insol­venz­reif war, und der beklag­te Geschäfts­füh­rer sei­ne dar­aus fol­gen­de Pflicht zur recht­zei­ti­gen Stel­lung des Insol­venz­an­trags schuld­haft ver­letzt hat.

Der Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens nach § 64 Abs. 1 GmbHG aF ist bei Ein­tritt der Insol­venz­rei­fe grund­sätz­lich sofort zu stel­len. Die höchs­tens drei­wö­chi­ge Frist des § 64 Abs. 1 GmbHG aF ist nur dann eröff­net, wenn eine recht­zei­ti­ge Sanie­rung "ernst­lich zu erwar­ten ist" 1. Die Vor­aus­set­zung die­ser Aus­nah­me hat nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen der­je­ni­ge dar­zu­le­gen, der sich dar­auf beruft 2, hier der beklag­te Geschäfts­füh­rer.

Die Zah­lungs­un­fä­hig­keit zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses ergibt sich für den Bun­des­ge­richts­hof schon aus § 17 Abs. 2 Satz 2 InsO. Danach ist Zah­lungs­un­fä­hig­keit in der Regel anzu­neh­men, wenn der Schuld­ner sei­ne Zah­lun­gen ein­ge­stellt hat. Dafür reicht ein nach außen her­vor­tre­ten­des Ver­hal­ten, in dem sich typi­scher­wei­se aus­drückt, dass der Schuld­ner nicht in der Lage ist, sei­ne fäl­li­gen Zah­lungs­pflich­ten zu erfül­len. Die tat­säch­li­che Nicht­zah­lung eines erheb­li­chen Teils der fäl­li­gen Ver­bind­lich­kei­ten reicht für eine Zah­lungs­ein­stel­lung aus, auch wenn noch geleis­te­te Zah­lun­gen beträcht­lich sind, aber im Ver­hält­nis zu den fäl­li­gen Gesamt­schul­den nicht den wesent­li­chen Teil aus­ma­chen. Sogar die Nicht­zah­lung einer ein­zi­gen Ver­bind­lich­keit kann eine Zah­lungs­ein­stel­lung begrün­den, wenn die For­de­rung von ins­ge­samt nicht unbe­trächt­li­cher Höhe ist. Haben im frag­li­chen Zeit­punkt fäl­li­ge Ver­bind­lich­kei­ten bestan­den, die bis zur Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens nicht begli­chen wor­den sind, ist regel­mä­ßig von Zah­lungs­ein­stel­lung aus­zu­ge­hen 3.

Aller­dings muss die Vor­aus­set­zun­gen der Zah­lungs­ein­stel­lung grund­sätz­lich der­je­ni­ge dar­le­gen und bewei­sen, der dar­aus Rech­te für sich her­lei­ten will 4. Das ist hier die Klä­ge­rin (Gläu­bi­ge­rin). Sie hat nach der Fest­stel­lung des Beru­fungs­ge­richts teil­wei­se kei­ne sub­stan­zi­ier­ten Anga­ben zu den Ent­ste­hens- und Fäl­lig­keits­zeit­punk­ten der bei Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens offe­nen Ver­bind­lich­kei­ten gemacht.

Des­sen bedurf­te es aber auch nicht. Denn nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs gel­ten die Vor­aus­set­zun­gen der Insol­venz­rei­fe nach den Grund­sät­zen der Beweis­ver­ei­te­lung als bewie­sen, wenn der Geschäfts­füh­rer die ihm oblie­gen­de Pflicht zur Füh­rung und Auf­be­wah­rung von Büchern und Bele­gen nach §§ 238, 257 HGB, § 41 GmbHG ver­letzt hat und dem Gläu­bi­ger des­halb die Dar­le­gung nähe­rer Ein­zel­hei­ten nicht mög­lich ist 5. So liegt der Fall hier.

Bei der im Rah­men des gegen den beklag­ten GmbH-Geschäfts­füh­rer ein­ge­lei­te­ten Ermitt­lungs­ver­fah­rens erfolg­ten Durch­su­chung wur­den zu drei vom Beklag­ten anläss­lich des Insol­venz­an­trags als offen ste­hend bezeich­ne­ten Ver­bind­lich­keit der Schuld­ne­rin (über 90.270,00 €, 17.806,25 € und 41.666,00 €) kei­ne Unter­la­gen auf­ge­fun­den. Damit ist davon aus­zu­ge­hen, dass der beklag­te Geschäfts­füh­rer jeden­falls inso­weit sei­ne Pflicht aus § 257 Abs. 1 Nr. 2 bis 4 HGB ver­letzt hat, die emp­fan­ge­nen Han­dels­brie­fe und die Abschrif­ten der abge­sand­ten Han­dels­brie­fe sowie Buchungs­be­le­ge – wie Rech­nun­gen und Quit­tun­gen – auf­zu­be­wah­ren. Hät­te er die­se Unter­la­gen auf­be­wahrt, hät­te die Klä­ge­rin nach Ein­sicht­nah­me in die Ermitt­lungs­ak­te ent­spre­chen­den Vor­trag hal­ten kön­nen. Das ist ihr auf­grund der Ver­let­zung der Auf­be­wah­rungs­pflicht durch den Beklag­ten unmög­lich. Dage­gen spricht nicht, dass die Klä­ge­rin die Mög­lich­keit hat­te, die ihr aus der Ermitt­lungs­ak­te bekann­ten Gläu­bi­ger hin­sicht­lich der Fäl­lig­keits­zeit­punk­te ihrer jewei­li­gen For­de­run­gen und etwai­ger Stun­dun­gen zu befra­gen. Denn das Inter­es­se der Gläu­bi­ger ist vor­ran­gig auf die Durch­set­zung ihrer eige­nen For­de­run­gen gerich­tet, und sie sind der Klä­ge­rin nicht zur Aus­kunft ver­pflich­tet.

Auf­grund der Zah­lungs­ein­stel­lung jeden­falls zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses mit der Klä­ge­rin wird gemäß § 17 Abs. 2 Satz 2 InsO ver­mu­tet, dass die Schuld­ne­rin zu die­sem Ter­min zah­lungs­un­fä­hig und damit insol­venz­reif war. Es ist weder fest­ge­stellt noch sonst ersicht­lich, dass der Beklag­te Vor­trag zur Wider­le­gung die­ser Ver­mu­tung gehal­ten hät­te. Ins­be­son­de­re spricht nichts dafür, dass der Beklag­te damit hät­te rech­nen kön­nen, die fäl­li­gen For­de­run­gen jeweils in einem Zeit­raum von längs­tens drei Wochen erfül­len zu kön­nen, so dass eine blo­ße Zah­lungs­sto­ckung in Betracht käme 6. Die Geschäfts­ver­bin­dung mit dem Kun­den G. und die dar­aus zu erwar­ten­den monat­li­chen Zah­lungs­an­sprü­che in Höhe von jeweils 90.125 € rei­chen dafür eben­so wenig aus wie der Zah­lungs­ein­gang in Höhe von 70.000 € am 13.07.2005 und die teil­wei­se noch offe­nen Kre­dit­li­ni­en bei der D. Bank und der B. Bank. Denn der Beklag­te hat nicht dar­ge­legt, war­um er die offe­nen Ver­bind­lich­kei­ten der Schuld­ne­rin trotz die­ser Ver­mö­gens­wer­te nicht begli­chen hat.

Damit braucht nicht ent­schie­den zu wer­den, ob die Schuld­ne­rin zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses mit der Klä­ge­rin auch wegen Über­schul­dung im Sin­ne des § 19 Abs. 2 InsO insol­venz­reif war.

Das für die Ersatz­pflicht aus § 823 Abs. 2 BGB erfor­der­li­che Ver­schul­den des Geschäfts­füh­rers wird ver­mu­tet 7.

BGH, Ver­säum­nis­ur­teil vom 24. Janu­ar 2012 – II ZR 119/​10

  1. BGH, Urteil vom 09.07.1979 – II ZR 118/​77, BGHZ 75, 96, 111 f.[]
  2. BGH, Urteil vom 26.06.1989 – II ZR 289/​88, BGHZ 108, 134, 144 f.; Urteil vom 06.06.1994 – II ZR 292/​91, BGHZ 126, 181, 200[]
  3. BGH, Urteil vom 30.06.2011 – IX ZR 134/​10, ZIP 2011, 1416 Rn. 12; Urteil vom 11.02.2010 – IX ZR 104/​07, ZIP 2010, 682 Rn. 42, jeweils m.w.N.[]
  4. BGH, Urteil vom 06.06.1994 – II ZR 292/​91, BGHZ 126, 181, 200; Urteil vom 25.07.2005 – II ZR 390/​03, BGHZ 164, 50, 57[]
  5. BGH, Urteil vom 12.03.2007 – II ZR 315/​05, ZIP 2007, 1060 Rn. 14 zur Über­schul­dung[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 24.05.2005 – IX ZR 123/​04, BGHZ 163, 134, 139 f.[]
  7. BGH, Urteil vom 06.06.1994 – II ZR 292/​91, BGHZ 126, 181, 200[]