Grund­satz der ein­heit­li­chen Pflicht­ver­let­zung im berufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren

Der Grund­satz der ein­heit­li­chen Pflicht­ver­let­zung im berufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gebie­tet die Ein­be­zie­hung erkenn­bar sach­lich und zeit­lich zusam­men­hän­gen­der Pflicht­ver­let­zun­gen in ein gericht­li­ches Ver­fah­ren. Nach berufs­ge­richt­li­cher Ver­ur­tei­lung hin­dert dies die spä­te­re Ahn­dung so zusam­men­hän­gen­der Pflicht­ver­let­zun­gen in einem neu­en Ver­fah­ren.

Grund­satz der ein­heit­li­chen Pflicht­ver­let­zung im berufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren

Im Berufs­recht gilt all­ge­mein der Grund­satz der ein­heit­li­chen Pflicht­ver­let­zung 1, der auch für Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men nach der Wirt­schafts­prü­ferord­nung Anwen­dung fin­det 2. Dies hat zur Fol­ge, dass das zu ahn­den­de Gesamt­ver­hal­ten eine ein­zi­ge Ver­feh­lung bil­det, ohne dass es dar­auf ankommt, ob es sich jeweils um selbst­stän­di­ge Taten im Sin­ne des § 264 StPO han­delt. Die­ses Gesamt­ver­hal­ten wird zu einer ein­heit­lich zu bewer­ten­den Pflicht­ver­let­zung zusam­men­ge­fasst 3. Der Grund­satz legt Staats­an­walt­schaft und Berufs­ge­richt regel­mä­ßig eine beson­de­re Ver­pflich­tung auf, dass meh­re­re Pflicht­ver­let­zun­gen des­sel­ben Berufs­an­ge­hö­ri­gen tun­lichst nicht in getrenn­ten, son­dern in einem ein­heit­li­chen Ver­fah­ren ver­han­delt und beur­teilt wer­den, zumal sich regel­mä­ßig auch nur so eine dem maß­geb­li­chen Gesamt­ver­hal­ten ange­mes­se­ne Sank­ti­on fin­den lässt.

Aller­dings muss der mate­ri­ell­recht­li­che Grund­satz der ein­heit­li­chen Pflicht­ver­let­zung nicht zwangs­läu­fig dazu füh­ren, dass damit zugleich eine berufs­recht­lich ein­heit­li­che Tat im ver­fah­rens­recht­li­chen Sin­ne geschaf­fen wird. Viel­mehr wer­den hier­durch die meh­re­ren Pflicht­ver­let­zun­gen nicht zu einer recht­li­chen Ein­heit ver­bun­den, wie dies im Kri­mi­nal­straf­recht regel­mä­ßig üblich ist. Die Rechts­kraft eines im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ergan­ge­nen Urteils, durch wel­ches der Täter zu einer Dis­zi­pli­nar­stra­fe ver­ur­teilt wor­den ist, hin­dert grund­sätz­lich nicht dar­an, den Täter wegen einer vor jenem Urteil began­ge­nen Pflicht­ver­let­zung in einem neu­en Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren zu ver­fol­gen und zu sank­tio­nie­ren 4 2/​62, BGHSt 19, 90, 93; vgl. auch BVerw­GE 73, 178, 180; Jähn­ke in Fest­schrift für Pfeif­fer, 1988, S. 941, 942; kri­tisch hier­zu Feue­rich in Feuerich/​Weyland BRAO, 8. Aufl., § 113 Rn. 49)).

Dies bedeu­tet aber nicht, dass berufs­ge­richt­li­che Maß­nah­men nicht auch die Ahn­dungs­mög­lich­keit für eine neu­er­li­che Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me ver­brau­chen kön­nen. Auch für die Dis­zi­pli­nark­la­ge gilt, dass jeden­falls der aus dem Rechts­staats­prin­zip zu fol­gern­de Ver­trau­ens­grund­satz die neu­er­li­che dis­zi­pli­na­ri­sche Ahn­dung des­sen unter­sagt, was bereits Gegen­stand berufs­ge­richt­li­cher Prü­fung war. Soweit daher wei­te­re Ver­stö­ße in einem unmit­tel­ba­ren sach­li­chen und zeit­li­chen Zusam­men­hang mit aus­drück­lich ange­klag­ten Ein­zel­hand­lun­gen ste­hen und als sol­che für das Berufs­ge­richt erkenn­bar waren, ist eine spä­te­re Ahn­dung aus­ge­schlos­sen. Das gilt glei­cher­ma­ßen für dem Berufs­ge­richt bekann­te Vor­gän­ge, die die­ses selbst in die Prü­fung im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­be­zo­gen hat.

Sol­che kön­nen dann auch der rich­ter­li­chen Kogni­ti­on unter­wor­fen wer­den. Zwar gilt auch im berufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren der Ankla­ge­grund­satz mit der Fol­ge, dass Gegen­stand des Ver­fah­rens nur Pflicht­ver­stö­ße sein dür­fen, die Gegen­stand der Anschul­di­gungs­schrift und des Eröff­nungs­be­schlus­ses waren 5. Das berufs­ge­richt­li­che Ver­fah­ren zielt aber auf die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob und inwie­weit der Berufs­an­ge­hö­ri­ge auf­grund sei­ner Per­sön­lich­keit für sei­nen Beruf noch trag­bar ist oder bei ihm eine erzie­he­ri­sche Ein­wir­kung mit dem Ziel gebo­ten erscheint, den Ein­tritt der Untrag­bar­keit abzu­wen­den. Dem­entspre­chend hat die berufs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung bei der Prü­fung eines soge­nann­ten dis­zi­pli­na­ri­schen Über­hangs (vgl. § 115b BRAO; § 69b WPO; § 92 StBerG) immer ver­langt, dass Berufs­pflicht­ver­let­zun­gen ein­heit­lich zu bewer­ten sind, soweit zwi­schen ihnen ein sach­li­cher und zeit­li­cher Zusam­men­hang vor­han­den ist 6. Dies gilt im Übri­gen vor allem bei Pflicht­ver­stö­ßen, die ihre Grund­la­ge in der man­geln­den Zah­lungs­fä­hig­keit oder wil­lig­keit des Berufs­an­ge­hö­ri­gen haben. Hier liegt es in beson­de­rem Maße auf der Hand, dass das Fehl­ver­hal­ten des Berufs­an­ge­hö­ri­gen nur dann sach­ge­recht beur­teilt wer­den kann, wenn der Umfang sei­ner nicht befrie­dig­ten Ver­bind­lich­kei­ten und die Ursa­chen hier­für mög­lichst umfas­send im berufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gewür­digt wer­den.

Besteht eine ent­spre­chen­de Kogni­ti­ons­pflicht für das Berufs­ge­richt, dann bestimmt die­se auch den Umfang des Dis­zi­pli­nark­la­ge­ver­brauchs. Dabei kor­re­spon­diert das durch das Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 3 GG) geschütz­te Ver­trau­en mit den ver­fah­rens­recht­li­chen Mög­lich­kei­ten der Sach­ver­halts­auf­klä­rung 7. Das Berufs­ge­richt muss schon auf­grund sei­ner Ver­pflich­tung, die cha­rak­ter­li­che Eig­nung und einen etwai­gen Ein­wir­kungs­be­darf mög­lichst sach­ge­recht zu erfas­sen, ihm erkenn­ba­re Pflicht­ver­let­zun­gen ein­be­zie­hen. Besteht ein sach­li­cher und zeit­li­cher Zusam­men­hang zu den in der Anschul­di­gungs­schrift auf­ge­führ­ten Ein­zel­vor­gän­gen 8, ist inso­weit auch kei­ne Nach­trags­an­schul­di­gung erfor­der­lich. Die hier­in lie­gen­de gewis­se Locke­rung des Ankla­ge­grund­sat­zes ist eine sach­ge­rech­te Kon­se­quenz aus dem Grund­satz der Ein­heit­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung. Dem ver­fah­rens­recht­li­chen Schutz des Berufs­an­ge­hö­ri­gen ist dann aus­rei­chend Genü­ge getan, wenn ihm durch das Berufs­ge­richt in Form des Hin­wei­ses (§ 265 StPO) ver­deut­licht wird, wor­in es eine erwei­ter­te Pflicht­ver­let­zung mög­li­cher­wei­se sieht. Hier­ge­gen kann sich der Berufs­an­ge­hö­ri­ge dann aus­rei­chend ver­tei­di­gen, bei gra­vie­ren­den und über­ra­schen­den Erkennt­nis­sen not­falls in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 265 Abs. 3, 4 StPO. Darf das Berufs­ge­richt bei sei­nem Erkennt­nis in der Sach­ver­halts­fest­stel­lung umfas­send auf die zusam­men­ge­hö­ri­gen Ein­zel­vor­gän­ge als Bestand­tei­le der Pflicht­ver­let­zung zugrei­fen, dann for­dert es der aus dem Rechts­staats­prin­zip fol­gen­den Ver­trau­ens­schutz­ge­dan­ke, inso­weit auch einen Dis­zi­pli­nark­la­ge­ver­brauch anzu­neh­men.

Ein Dis­zi­pli­nark­la­ge­ver­brauch kann nur inso­weit ein­tre­ten, als das erken­nen­de Gericht über­haupt von dem Pflicht­ver­stoß Kennt­nis neh­men konn­te 9. Des­halb kommt es nicht auf den Zeit­punkt der Rechts­kraft an, son­dern auf den Zeit­punkt der letz­ten Tat­sa­chen­ver­hand­lung, die dem in Rechts­kraft erwach­se­nen Urteil vor­an­ge­gan­gen ist 10.
Eben­so wie sich bei einer Bestra­fung wegen Nicht­ab­füh­rung der Arbeits­ent­gel­te oder Nicht­ab­ga­be einer Steu­er­erklä­rung die Straf­kla­ge ver­braucht, ver­braucht sich auch eine Dis­zi­pli­nark­la­ge, wenn die Ursa­che für die Begrün­dung des rechts­wid­ri­gen Zustan­des berufs­ge­richt­lich geahn­det ist. Eine neu­er­li­che Ahn­dung hät­te mit­hin nur Beug­e­cha­rak­ter und wäre mit dem auch im Berufs­recht gel­ten­den Schuld­prin­zip unver­ein­bar ohne dass es dar­auf ankommt, wann eine ent­spre­chen­de Abur­tei­lung erfolgt ist, weil dies von der durch Zufäl­lig­kei­ten beding­ten Geschwin­dig­keit des Ver­fah­rens abhin­ge 11. Dar­aus folgt, dass der Umstand einer nicht voll­stän­di­gen Bezah­lung der Kam­mer­bei­trä­ge dann nicht mehr in einem nach­fol­gen­den berufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren sank­tio­niert wer­den kann, wenn er in die Ahn­dung einer (ein­heit­li­chen) Pflicht­ver­let­zung in einem vor­he­ri­gen Ver­fah­ren ein­ge­schlos­sen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. August 2012 – WpSt® 1/​12

  1. vgl. BGH, Urteil vom 05.12.1977 – AnwSt ® 5/​77, BGHSt 27, 305, und vom 20.05.1985 – StbStR 9/​84, BGHSt 33, 225, 229; Wag­ner, Die Kon­kur­renz zwi­schen dem Straf­ver­fah­ren und dem anwalts­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren, Ber­lin 2005, S. 48; Gehre/​Koslowski, StBerG, 6. Aufl., § 89 Rn. 9; Feue­rich in Feuerich/​Weyland, BRAO, 8. Aufl., § 113 Rn. 25 ff.[]
  2. Pickel in Hense/​Ulrich, WPO, 2008, § 67 Rn. 9[]
  3. Ditt­mann in Henssler/​Prütting, BRAO, 3. Aufl., § 113 Rn. 5[]
  4. BGH, Urteil vom 22.07.1963 – NotSt ((Brfg[]
  5. BGH, Urteil vom 25.01.1971 – AnwSt ® 7/​70, BGHSt 24, 81, 86[]
  6. vgl. BVerw­GE 73, 166, 167 f.; Jähn­ke aaO S. 945[]
  7. BGH, Beschluss vom 26.08.2003 – 5 StR 145/​03, BGHSt 48, 331, 336[]
  8. vgl. Kuhls, StBerG, 3. Aufl., § 90 Rn. 68 ff.; Wulff, WPK-Maga­zin 1/​2007, S. 38, 40[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 18.07.1956 – 6 StR 28/​56, BGHSt 9, 324; Beschluss vom 23.10.2008 – 1 StR 526/​08[]
  10. vgl. auch Mey­er-Goß­ner, StPO, 55. Aufl., Ein­lei­tung Rn. 175[]
  11. vgl. BVerfG [Kam­mer] Stra­Fo 2007, 369[]