Aus­gleichs­an­spruch bei Ver­trags­ver­let­zun­gen des Han­dels­ver­tre­ters

Der Bun­des­ge­richt­hof kommt einem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 1 nach und ändert sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zum Aus­gleichs­an­spruch der Han­dels­ver­tre­ter und Ver­trags­händ­ler2:

Aus­gleichs­an­spruch bei Ver­trags­ver­let­zun­gen des Han­dels­ver­tre­ters

§ 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB ist auf­grund von Art. 18 Buchst. a der Han­dels­ver­tre­ter-Richt­li­nie 86/​653/​EWG 3 richt­li­ni­en­kon­form dahin aus­zu­le­gen, dass der Aus­gleichs­an­spruch nach die­ser Vor­schrift nur dann aus­ge­schlos­sen ist, wenn zwi­schen dem schuld­haf­ten Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters und der Kün­di­gung des Unter­neh­mers ein unmit­tel­ba­re­rer Ursa­chen­zu­sam­men­hang besteht.

Die richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB gilt nicht nur für Han­dels­ver­tre­ter­ver­hält­nis­se, son­dern auch für das Recht der Ver­trags­händ­ler.

Der Aus­gleichs­an­spruch ist nicht gemäß § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB (ana­log) des­halb aus­ge­schlos­sen, weil der Vetrrags­händ­ler in fort­ge­setz­tem, kol­lu­si­vem Zusam­men­wir­ken mit einem Drit­ten gegen die Zuschuss­be­din­gun­gen der Beklag­ten ver­sto­ßen und sich dadurch ihr nicht zuste­hen­de Zuschüs­se in erheb­li­cher Höhe ver­schafft hat. Dar­in liegt zwar ein schuld­haf­tes Ver­hal­ten des Ver­trags­händ­lers, das den Geschäfts­herrn zur frist­lo­sen Kün­di­gung des Ver­tra­ges aus wich­ti­gem Grund berech­tigt hät­te, wenn sie davon vor Ver­trags­be­en­di­gung erfah­ren hät­te. Dies führt aber ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht zu einem Aus­schluss des Aus­gleichs­an­spruchs nach § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB. Der Bun­des­ge­richts­hof an die­ser Recht­spre­chung, die eine Anwen­dung des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB auf eine Fall­ge­stal­tung wie die vor­lie­gen­de bejaht hat 4, nicht fest.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat mit Urteil vom 28. Okto­ber 2010 5 auf das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­ge­richts­hofs in die­ser Sacher wie folgt beant­wor­tet:

"Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie 86/​653/​EWG des Rates vom 18. Dezem­ber 1986 zur Koor­di­nie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit-glied­staa­ten betref­fend die selb­stän­di­gen Han­dels­ver­tre­ter lässt es nicht zu, dass ein selb­stän­di­ger Han­dels­ver­tre­ter sei­nen Aus­gleichs­an­spruch ver­liert, wenn der Unter­neh­mer ein schuld­haf­tes Ver­hal­ten des Han­dels-ver­tre­ters fest­stellt, das nach dem Zugang der ordent­li­chen Kün­di­gung des Ver­tra­ges und vor Ver­trags­en­de statt­ge­fun­den hat und das eine frist­lo­se Kün­di­gung des Ver­trags gerecht­fer­tigt hät­te."

Danach ist § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB richt­li­ni­en­kon­form dahin aus­zu­le­gen, dass der Aus­gleichs­an­spruch nach die­ser Vor­schrift nur dann aus­ge­schlos­sen ist, wenn zwi­schen dem schuld­haf­ten Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters und der Kün­di­gung des Unter­neh­mers ein unmit­tel­ba­rer Ursa­chen­zu­sam­men­hang besteht. An der gegen­tei­li­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, nach der – ent­spre­chend dem Wort­laut des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB – ein sol­cher Kau­sal­zu­sam­men­hang für die Anwen­dung der Vor­schrift nicht erfor­der­lich sein soll 6, kann daher nicht fest­ge­hal­ten wer­den.

Die richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB gilt nicht nur für Han­dels­ver­tre­ter­ver­hält­nis­se, son­dern auch für den vor­lie­gen­den Fall eines Händ­ler­ver­tra­ges. Zwar regelt die Richt­li­nie nur das Recht der Han­dels­ver­tre­ter, nicht das der Ver­trags­händ­ler. Nach deut­schem Recht ist aber das Han­dels­ver­tre­ter­recht auf das Rechts­ver­hält­nis der Ver­trags­händ­ler ent­spre­chend anzu­wen­den. Dies gilt auch inso­weit, als die Aus­le­gung han­dels­ver­tre­ter­recht­li­cher Bestim­mun­gen – wie hier des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB – durch die Han­dels­ver­tre­ter­richt­li­nie beein­flusst wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Febru­ar 2011 – VIII ZR 226/​07

  1. EuGH, Urteil vom 28.10.2010 – C‑203/​09, DB 2010, 2495[]
  2. Auf­ga­be von BGHZ 40, 13; 48, 222[]
  3. Richt­li­nie 86/​653/​EWG des Rates vom 18. Dezem­ber 1986 zur Koor­di­nie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten betref­fend die selb­stän­di­gen Han­dels­ver­tre­ter[]
  4. BGH, Urteil vom 06.07.1967 – VII ZR 35/​65, BGHZ 48, 222 ff.[]
  5. EuGH, Urteil vom 28.10.2010 – C‑203/​09, DB 2010, 2495 [Vol­vo Car Ger­ma­ny GmbH/​Autohof W. GmbH][]
  6. BGH, Urtei­le vom 12.06.1963 – VII ZR 272/​61, BGHZ 40, 13, 15 f.; vom 06.07.1967 – VII ZR 35/​65, aaO S. 224 ff.[]