Das wie­der­ge­fun­de­ne Trans­port­gut und das Car­net

Ein Car­net TIR zählt nicht zu den "not­wen­di­gen Urkun­den" im Sin­ne von Art. 11 Abs. 1 CMR, die der Absen­der dem Fracht­füh­rer für die Durch­füh­rung der Beför­de­rung zur Ver­fü­gung zu stel­len hat.

Das wie­der­ge­fun­de­ne Trans­port­gut und das Car­net

Wird in Ver­lust gera­te­nes Trans­port­gut nach Ablauf der in Art. 20 Abs. 1 CMR genann­ten Fris­ten wie­der auf­ge­fun­den, so kann sich der Ersatz­be­rech­tig­te gleich­wohl auf die Ver­lust­fik­ti­on gemäß Art. 20 Abs. 1 CMR beru­fen und Scha­dens­er­satz ver­lan­gen.

Nach Art. 17 Abs. 1 CMR haf­tet der Fracht­füh­rer grund­sätz­lich für den zwi­schen der Über­nah­me des Gutes und sei­ner Ablie­fe­rung ein­ge­tre­te­nen Ver­lust. Gemäß Art. 20 Abs. 1 CMR kann der Ver­fü­gungs­be­rech­tig­te das Gut, ohne wei­te­re Bewei­se erbrin­gen zu müs­sen, als ver­lo­ren betrach­ten, wenn es nicht bin­nen sech­zig Tagen nach der Über­nah­me durch den Fracht­füh­rer abge­lie­fert wor­den ist. Es han­delt sich inso­weit um eine unwi­der­leg­ba­re Ver­mu­tung 1. Der Anspruchs­be­rech­tig­te soll nach dem fest­ge­leg­ten Zeit­punkt dis­po­nie­ren kön­nen, ohne Gefahr zu lau­fen, das Gut spä­ter doch anneh­men zu müs­sen 2. Er kann daher auch auf­grund der blo­ßen Ver­lust­fik­ti­on den im Ver­lust­fall all­ge­mein vor­ge­se­he­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch gel­tend machen 3.

Die­sem hier­aus resul­tie­ren­den Scha­dens­er­satz­ver­lan­gen steht nicht ent­ge­gen, dass das Trans­port­fahr­zeug samt Ladung spä­ter wie­der auf­ge­taucht ist, so etwa im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den­nen Fall vom tür­ki­schen Zoll zurück­ge­ge­ben wur­de, wenn zu die­sem Zeit­punkt die Ablie­fe­rungs­frist von sech­zig Tagen bereits abge­lau­fen war. Wird das Gut nach Ablauf der Frist des Art. 20 Abs. 1 CMR, so kann sich der Ersatz­be­rech­tig­te gleich­wohl auf die Ver­lust­fik­ti­on gemäß Art. 20 Abs. 1 CMR beru­fen 4.

Von der Obhuts­haf­tung gemäß Art. 17 Abs. 1 CMR ist der Fracht­füh­rer dann befreit, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für einen Haf­tungs­aus­schluss nach Art. 17 Abs. 2 CMR vor­lie­gen. Die Haf­tungs­be­frei­ung nach Art. 17 Abs. 2 CMR erfor­dert, dass der Ver­lust des Gutes durch ein Ver­schul­den des Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten, durch eine nicht vom Fracht­füh­rer ver­schul­de­te Wei­sung des Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten, durch beson­de­re Män­gel des Gutes oder durch Umstän­de ver­ur­sacht wur­de, die der Fracht­füh­rer nicht ver­mei­den und deren Fol­gen er nicht abwen­den konn­te. Im Streit­fall kommt allein ein Ver­schul­den der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin oder der Klä­ge­rin, die im Ver­hält­nis zur Beklag­ten als Absen­de­rin fun­gier­te, in Betracht. Das Ver­schul­den im Sin­ne von Art. 17 Abs. 2 CMR setzt nicht vor­aus, dass der Ver­fü­gungs­be­rech­tig­te gegen ech­te Ver­trags­pflich­ten ver­stößt. Es genügt viel­mehr, dass er in vor­werf­ba­rer Wei­se eine Oblie­gen­heit zur Scha­dens­ver­hin­de­rung ver­letzt, das heißt die ver­kehrs­er­for­der­li­che Sorg­falt nicht beach­tet hat. Das dem Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten anzu­las­ten­de Ver­hal­ten muss zudem kau­sal gewor­den sein und kann sowohl den Ein­tritt als auch die Höhe des Scha­dens betref­fen 5.

Die Aus­stel­lung des Car­net TIR obliegt allein dem Fracht­füh­rer oder dem von ihm beauf­trag­ten Unter­fracht­füh­rer.

Gemäß Art. 11 Abs. 1 CMR hat der Absen­der dem Fracht­füh­rer die­je­ni­gen Urkun­den zur Ver­fü­gung zu stel­len, die für die vor der Ablie­fe­rung des Gutes zu erle­di­gen­de Zoll- oder sons­ti­ge amt­li­che Behand­lung not­wen­dig sind. Damit sind sämt­li­che Urkun­den gemeint, die die betei­lig­ten Hoheits­trä­ger bei einem grenz­über­schrei­ten­den Trans­port zur Vor­aus­set­zung des Grenz­über­tritts gemacht haben 6. Doku­men­te, die ledig­lich die Abwick­lung von Ver­wal­tungs­ver­fah­ren begüns­ti­gen oder den Grenz­über­tritt beschleu­ni­gen kön­nen, wer­den vom Wort­laut des Art. 11 Abs. 1 CMR nicht erfasst 7. Dem­entspre­chend ord­net Art. 11 Abs. 2 Satz 2 CMR eine ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­ge 8Haf­tung des Absen­ders für alle Schä­den an, die aus dem Feh­len, der Unvoll­stän­dig­keit oder der Unrich­tig­keit der nach Art. 11 Abs. 1 CMR erfor­der­li­chen Urkun­den ent­stan­den sind.

Bei einem Car­net TIR han­delt es sich nicht um eine "not­wen­di­ge Urkun­de" im Sin­ne von Art. 11 Abs. 1 CMR.

Nach der Prä­am­bel des Zoll­über­ein­kom­mens über den inter­na­tio­na­len Waren­trans­port mit Car­nets TIR (TIR-Über­ein­kom­men von 1975) basiert das Über­ein­kom­men auf dem Wunsch der Ver­trags­par­tei­en, den inter­na­tio­na­len Waren­trans­port mit Stra­ßen­fahr­zeu­gen zu erleich­tern. Dem­entspre­chend müs­sen gemäß Art. 4 des Über­ein­kom­mens für Waren, die im TIR-Ver­fah­ren beför­dert wer­den, kei­ne Ein­gangs- und Aus­gangs­ab­ga­ben bei den Durch­gangs­zoll­stel­len ent­rich­tet oder hin­ter­legt wer­den. Für Waren, die im TIR-Ver­fah­ren unter Zoll­ver­schluss mit Stra­ßen­fahr­zeu­gen, Last­zü­gen oder Behäl­tern beför­dert wer­den, wird nach Art. 5 Abs. 1 des Über­ein­kom­mens grund­sätz­lich kei­ne Beschau bei den Durch­gangs­zoll­stel­len vor­ge­nom­men, wodurch sich der Auf­ent­halt an den Gren­zen im All­ge­mei­nen erheb­lich ver­kürzt. Eine Beschau erfolgt ledig­lich stich­pro­ben­ar­tig in Aus­nah­me­fäl­len. Die Aus­stel­lung eines Car­net TIR liegt danach in der Regel im Inter­es­se des Fracht­füh­rers, weil dadurch die Abwick­lung der Beför­de­rung ver­ein­facht und beschleu­nigt wird. Eine gesetz­li­che Bestim­mung, die die Aus­stel­lung des Car­net TIR durch den Absen­der vor­schreibt, gibt es nicht. Das schließt es zwar nicht aus, dass sich der Absen­der gegen­über dem Fracht­füh­rer ver­trag­lich ver­pflich­ten kann, für die Beschaf­fung eines Car­net TIR zu sor­gen. Im ent­schie­de­nen Fall sah der Bun­des­ge­richts­hof jedoch in dem Umstand, dass der Fracht­füh­rer für die Aus­stel­lung des Fracht­briefs und des Car­net TIR 35 € gezahlt hat, spricht viel­mehr für die Annah­me, dass es Sache des Fracht­füh­rers war, die­se Doku­men­te zu besor­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Sep­tem­ber 2010 – I ZR 152/​09

  1. BGH, Urteil vom 25.10.2001 – I ZR 187/​99, TranspR 2002, 198, 199 = VersR 2002, 1580; Kol­ler, Trans­port­recht, 07. Aufl., Art. 20 CMR Rn. 1; MünchKomm.HGB/Jesser-Huß, 02. Aufl., Art. 20 CMR Rn. 4; Boesche in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 02. Aufl., Art. 20 CMR Rn. 2[]
  2. Herber/​Piper, CMR, Art. 20 Rn. 3[]
  3. BGH, TranspR 2002, 198, 199[]
  4. BGH, TranspR 2002, 198, 199; Herber/​Piper aaO Art. 20 Rn. 3; Boesche in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn aaO Art. 20 CMR Rn. 2; Thume/​Demuth, CMRKom­men­tar, 02. Aufl., Art. 20 Rn. 4[]
  5. Kol­ler aaO Art. 17 CMR Rn. 31a; Boesche in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn aaO Art. 17 CMR Rn. 22; MünchKomm.HGB/JesserHuß aaO Art. 17 CMR Rn. 30 f.[]
  6. Thume/​Temme aaO Art. 11 Rn. 3[]
  7. Kol­ler aaO Art. 11 CMR Rn. 2; Thume/​Temme aaO Art. 11 Rn. 8; Boesche in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn aaO Art. 11 CMR Rn. 2; Herber/​Piper aaO Art. 11 Rn. 1[]
  8. vgl. Kol­ler aaO Art. 11 CMR Rn. 3; Helm, Fracht­recht II: CMR, 02. Aufl., Art. 11 Rn. 4; MünchKomm.HGB/JesserHuß aaO Art. 11 CMR Rn. 4[]