Stor­no­be­ar­bei­tung durch Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung

Im Fall der Stor­no­ab­wehr not­lei­den­der Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge mit­tels Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung an den Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter genügt das Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men sei­ner Nach­be­ar­bei­tungs­pflicht nicht, wenn es den Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter nicht unver­züg­lich auf die Gefahr einer Stor­nie­rung hin­weist.

Stor­no­be­ar­bei­tung durch Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung

Dem Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men ist gestat­tet, sich in ange­mes­se­ner Zeit eine gewis­se Klar­heit zu ver­schaf­fen, ob Anhalts­punk­te für eine Ver­trags­ge­fähr­dung vor­lie­gen, und die Ent­schei­dung zu tref­fen, ob es eige­ne Nach­be­ar­bei­tungs­maß­nah­men ergreift oder sich dar­auf beschränkt, dem Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter die sich abzeich­nen­de Stor­no­ge­fahr mit­zu­tei­len.

Die blo­ße Ver­sen­dung einer Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung an den Nach­fol­ger des aus­ge­schie­de­nen Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters ist kei­ne aus­rei­chen­de Maß­nah­me der Stor­no­ge­fahr­ab­wehr.

Gemäß § 87a Abs. 3 Satz 2 in Ver­bin­dung mit § 92 Abs. 2 HGB ent­fällt der Anspruch des Han­dels- bzw. Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters auf Pro­vi­si­on im Fal­le der Nicht­aus­füh­rung des Geschäfts durch den Unter­neh­mer, wenn und soweit die Nicht­aus­füh­rung auf Umstän­den beruht, die vom Unter­neh­mer nicht zu ver­tre­ten sind. Die Nicht­aus­füh­rung (Stor­nie­rung) des Ver­trags ist schon dann von dem Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men nicht zu ver­tre­ten, wenn es not­lei­den­de Ver­trä­ge in gebo­te­nem Umfang nach­be­ar­bei­tet hat. Art und Umfang der dem Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men oblie­gen­den Nach­be­ar­bei­tung not­lei­den­der Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge bestim­men sich nach den Umstän­den des Ein­zel­falls. Das Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men kann ent­we­der eige­ne Maß­nah­men zur Stor­no­ab­wehr ergrei­fen, die dann frei­lich nach Art und Umfang aus­rei­chend sein müs­sen, oder sich dar­auf beschrän­ken, dem Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter durch eine Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung Gele­gen­heit zu geben, den not­lei­dend gewor­de­nen Ver­trag selbst nach­zu­be­ar­bei­ten 1.

Den Ver­si­che­rer trifft die Dar­le­gungs- und Beweis­last dafür, dass er eine ord­nungs­ge­mä­ße Nach­be­ar­bei­tung des not­lei­den­den Ver­si­che­rungs­ver­trags vor­ge­nom­men hat 2.

Ent­schließt sich der Ver­si­che­rer, der bei einem Ver­si­che­rungs­ver­trag bestehen­den Stor­no­ge­fahr durch die Ver­sen­dung einer Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung an den Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter ent­ge­gen­zu­wir­ken, und sen­det er zu die­sem Zweck eine Mit­tei­lung, die die­sen von ihrem Inhalt her in die Lage ver­setzt, sei­ner­seits Abwehr­maß­nah­men gegen die Stor­no­ge­fahr zu ergrei­fen, so recht­zei­tig an den Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter, dass bei nor­ma­lem Ver­lauf mit deren recht­zei­ti­gem Ein­gang zu rech­nen ist, so ist der Ver­si­che­rer sei­ner Pflicht zur Stor­no­ge­fahr­ab­wehr in aus­rei­chen­dem Maße nach­ge­kom­men 3. Der Ver­si­che­rer muss die Mit­tei­lung so recht­zei­tig ver­sen­den, dass der Ver­tre­ter sich sinn­voll und mit Aus­sicht auf Erfolg um eine Ret­tung des Ver­trags bemü­hen kann 4. Das hat das Beru­fungs­ge­richt im Aus­gangs­punkt nicht ver­kannt.

Der Ver­si­che­rer hat, sofern er den Ver­trag nicht selbst nach­be­ar­bei­ten will, son­dern den Weg wählt, den Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter von der Ver­trags­ge­fähr­dung in Kennt­nis zu set­zen, die­sen unver­züg­lich auf die Gefahr der Stor­nie­rung des betrof­fe­nen Ver­si­che­rungs­ver­trags hin­zu­wei­sen hat 5. Dies folgt aus der dem Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter gegen­über bestehen­den Treue­pflicht 6. Wenn der Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter eine rea­lis­ti­sche Chan­ce haben soll, den Ver­trag zu ret­ten, müs­sen ihm Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lun­gen so bald wie mög­lich zuge­sandt wer­den.

Unver­züg­lich, also ohne schuld­haf­tes Zögern (§ 121 Abs. 1 BGB), erfolgt eine Hand­lung nur, wenn sie inner­halb einer nach den Umstän­den des Ein­zel­falls zu bemes­sen­den Prü­fungs- und Über­le­gungs­zeit vor­ge­nom­men wird 7. Der Ver­si­che­rer, der den Weg der Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung wählt, muss sich daher so bald, wie es ihm nach den Umstän­den mög­lich und zumut­bar ist, gegen­über dem Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter erklä­ren. Die Revi­si­ons­er­wi­de­rung weist zu Recht dar­auf hin, dass die Aus­sich­ten auf "Ret­tung" des Ver­trags nach der Lebens­er­fah­rung sin­ken, je mehr Zeit ver­streicht. Die Anfor­de­run­gen an den Ver­si­che­rer dür­fen dabei nicht über­spannt wer­den, son­dern müs­sen sich unter tatrich­ter­li­cher Wür­di­gung der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­falls und ange­mes­se­ner Abwä­gung der Inter­es­sen bei­der Par­tei­en im Rah­men des objek­tiv Zumut­ba­ren hal­ten. Der Revi­si­on ist dar­in zuzu­stim­men, dass der Ver­si­che­rer in der Regel nicht bereits nach dem ers­ten Schei­tern des Ein­zugs von Ver­si­che­rungs­bei­trä­gen eine Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung ver­sen­den muss. Dies lässt nicht ohne Wei­te­res schon eine Ver­trags­ge­fähr­dung besor­gen. Es ist dem Ver­si­che­rer gestat­tet, sich in ange­mes­se­ner Zeit eine gewis­se Klar­heit zu ver­schaf­fen, ob Anhalts­punk­te für eine Ver­trags­ge­fähr­dung vor­lie­gen, und die Ent­schei­dung zu tref­fen, ob er eige­ne Nach­be­ar­bei­tungs­maß­nah­men ergreift oder sich dar­auf beschränkt, dem Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter die sich abzeich­nen­de Stor­no­ge­fahr mit­zu­tei­len, wobei der Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter die für die Nach­be­ar­bei­tung not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen erhal­ten muss. Danach ist es nicht zu bean­stan­den, wenn der Ver­si­che­rer in einem stan­dar­di­sier­ten Schrei­ben um Über­prü­fung der Bank­ver­bin­dung bit­tet, wenn die Last­schrift nicht ein­ge­löst wird. Ergibt sich nach die­sem Klä­rungs­ver­such eine Stor­no­ge­fahr – was regel­mä­ßig anzu­neh­men sein dürf­te, wenn eine Reak­ti­on auf die stan­dar­di­sier­te Anfra­ge in ange­mes­se­ner Frist nicht erfolgt – darf der Ver­si­che­rer mit der ent­spre­chen­den Mit­tei­lung an den Ver­tre­ter in der Regel nicht mehr als zwei Wochen abwar­ten.

Für eine ord­nungs­ge­mä­ße Nach­be­ar­bei­tung not­lei­den­der Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge durch den Ver­si­che­rer genügt es nicht, wenn die­ser dem Nach­fol­ger des aus­ge­schie­de­nen Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters Stor­nie­rungs­ge­fahr­mit­tei­lun­gen über­mit­telt.

Sieht der Ver­si­che­rer von einer Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung an den bis­he­ri­gen Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter ab und nimmt er sein Recht wahr, ande­re Maß­nah­men zu ergrei­fen, müs­sen die­se nach Art und Umfang aus­rei­chend sein. Inso­weit kann der Ver­si­che­rer zwar auch den Nach­fol­ger des aus­ge­schie­de­nen Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters mit der Nach­be­ar­bei­tung beauf­tra­gen. Dies ist auch in der Recht­spre­chung der Ober­lan­des­ge­rich­te nicht bean­stan­det wor­den 8. Aller­dings weist die Revi­si­ons­er­wi­de­rung zu Recht dar­auf hin, dass die blo­ße Ver­sen­dung einer Stor­no­ge­fahr­mit­tei­lung an den Bestands­nach­fol­ger kei­ne aus­rei­chen­de Maß­nah­me ist. Ein auch dar­auf gerich­te­tes Wahl­recht des Ver­si­che­rers gibt es – anders als die Revi­si­on meint – nicht und ist in der Recht­spre­chung auch nicht gebil­ligt wor­den. Denn der Bestands­nach­fol­ger wird den Schwer­punkt sei­ner Tätig­keit aus Grün­den des eige­nen Pro­vi­si­ons­in­ter­es­ses dar­auf set­zen, Neu­ver­trä­ge abzu­schlie­ßen und nicht dem Pro­vi­si­ons­in­ter­es­se sei­nes Vor­gän­gers die­nen wol­len 9. Daher muss der Ver­si­che­rer wei­te­ren Vor­trag zur kon­kre­ten Nach­ar­beit durch den Nach­fol­ger des aus­ge­schie­de­nen Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters oder zur Aus­sichts­lo­sig­keit der Nach­ar­beit hal­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Juni 2012 – VII ZR 130/​11

  1. BGH, Urtei­le vom 01.12.2010 – VIII ZR 310/​09, NJW 2011, 1590 Rn. 15; vom 25.05.2005 – VIII ZR 279/​04, NJW-RR 2005, 1196, unter II 4; und VIII ZR 237/​04; vom 12.11.1987 – I ZR 3/​86, NJW-RR 1988, 546; vom 19.11.1982 – I ZR 125/​80, VersR 1983, 371; jeweils m.w.N.[]
  2. BGH, Urtei­le vom 01.12.2010 – VIII ZR 310/​09, aaO Rn. 23; vom 25.05.2005 – VIII ZR 279/​04, aaO; und VIII ZR 237/​04, aaO Rn. 14; vom 12.11.1987 – I ZR 3/​86, aaO unter II 1; vom 19.11.1982 I ZR 125/​80, aaO unter I 2 b; Thu­me in: Küstner/​Thume, Hand­buch des gesam­ten Ver­triebs­rechts, Bd. 1, 4. Aufl., 2012, Kap. V Rn. 532[]
  3. BGH, Urteil vom 01.12.2010 – VIII ZR 310/​09, aaO, Rn. 24[]
  4. BGH, Urteil vom 19.11.1982 – I ZR 125/​80, aaO unter I 2 b cc; Löwisch in: Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 2. Aufl., § 92 Rn. 21[]
  5. so auch Emde, Ver­triebs­recht, 2. Aufl., § 92 HGB Rn. 18, unter Hin­weis auf Meck­len­brauck, VersR 2006, 1157, 1161[]
  6. zur gegen­sei­ti­gen Treue­pflicht im Recht der Han­dels­ver­tre­ter sie­he BGH, Urteil vom 18.06.1964 – VII ZR 254/​62, BGHZ 42, 59, 61 f.; Thu­me, aaO, Kap. IV Rn. 75 ff.[]
  7. BGH, Urteil vom 24.01.2008 – VII ZR 17/​07, NJW 2008, 985 Rn. 18; BGH, Beschluss vom 15.03.2005 – VI ZB 74/​04, NJW 2005, 1869 unter II 1a, jeweils m.w.N.[]
  8. sie­he OLG Schles­wig, BeckRS 2010, 06907; OLG Bran­den­burg, BeckRS 2009, 15961; OLG Cel­le, OLGR 2001, 267; OLG Düs­sel­dorf, OLGR 1999, 469[]
  9. vgl. Meck­len­brauck, aaO[]