Nie­der­le­gung des Notar­am­tes wegen Kin­der­be­treu­ung

Ein Anwalts­no­tar hat kei­nen Anspruch auf eine erneu­te Über­tra­gung des Notar­am­tes, wenn er sein Amt für mehr als ein Jahr gemäß § 48 BNo­tO nie­der­ge­legt hat.

Nie­der­le­gung des Notar­am­tes wegen Kin­der­be­treu­ung

Gemäß § 6b Abs. 1 Halb­satz 1 BNo­tO ist nach Ablauf der Pfle­ge- und Betreu­ungs­zeit eine erneu­te Bestel­lung zum Notar mög­lich, wenn eine neue Notar­stel­le aus­ge­schrie­ben wor­den ist und der Betrof­fe­ne das Bewer­bungs­ver­fah­ren erfolg­reich durch­lau­fen hat. Ein Anspruch auf die Schaf­fung einer neu­en Notar­stel­le besteht nicht.

So lau­tet das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Nota­rin, die zur Betreu­ung ihrer zwei min­der­jäh­ri­gen Kin­der ihr Notar­amt ab 1. Febru­ar 2004 gemäß § 48b BNo­tO vor­über­ge­hend nie­der­ge­legt hat­te und die Ertei­lung des Notar­am­tes mit Wir­kung vom 1. April 2011 wie­der bean­tragt hat. Das lehn­te der Beklag­te zu 1 ab.

Mit der Kla­ge begehrt die Klä­ge­rin die Ver­pflich­tung der Beklag­ten, ihr das Amt als Nota­rin nach vor­über­ge­hen­der Amts­nie­der­le­gung gemäß § 48b BNo­tO wie­der­zu­er­tei­len. Hilfs­wei­se begehrt sie, den Beklag­ten zu 2 zu ver­pflich­ten, eine Notar­stel­le im Amts­ge­richts­be­zirk U. aus­zu­schrei­ben, und den Beklag­ten zu 1 zu ver­pflich­ten, die Stel­le mit ihr zu beset­zen. Nach­dem sie in der ers­ten Instanz unter­le­gen ist, ver­folgt die Klä­ge­rin mit ihrer Beru­fung ihr Begeh­ren in vol­lem Umfang wei­ter.

Der von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­te Anspruch ergibt sich nicht aus § 48c Abs. 1 Satz 1 BNo­tO. Nach die­ser Bestim­mung wird der Notar an sei­nem bis­he­ri­gen Amts­sitz erneut bestellt, wenn er mit dem Antrag auf Geneh­mi­gung der vor­über­ge­hen­den Amts­nie­der­le­gung erklärt, sein Amt inner­halb von höchs-tens einem Jahr wie­der antre­ten zu wol­len. Eine der­ar­ti­ge Erklä­rung hat die Klä­ge­rin nicht abge­ge­ben. Viel­mehr hat sie ihr Amt für einen län­ge­ren Zeit­raum als ein Jahr nie­der­ge­legt.

Die Bestim­mung des § 48b BNo­tO gewährt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ge­rin kei­nen Anspruch auf eine erneu­te Bestel­lung zur Nota­rin.

Zwar legt der Wort­laut der Bestim­mung, wonach der Notar, der ein Kind unter 18 Jah­ren oder einen nach amts­ärzt­li­chem Gut­ach­ten pfle­ge­be­dürf­ti­gen sons­ti­gen Ange­hö­ri­gen tat­säch­lich betreut oder pflegt, das Amt mit Geneh­mi­gung der Auf­sichts­be­hör­de vor­über­ge­hend nie­der­le­gen kann, auf den ers­ten Blick die Annah­me nahe, der Notar kön­ne nach Ablauf des Zeit­raums der Nie­der­le­gung sein Amt ohne wei­te­res wie­der auf­neh­men. Ein der­ar­ti­ges Ver­ständ­nis der Norm lie­ße aber den bei der Aus­le­gung einer Geset­zes­be­stim­mung zu berück­sich­ti­gen­den Gesamt­zu­sam­men­hang des Geset­zes sowie Sinn, Zweck und Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Bestim­mung in unzu­läs­si­ger Wei­se außer Acht. § 48b Abs. 1 BNo­tO darf nicht iso­liert betrach­tet wer­den, son­dern ist im Zusam­men­hang mit den Bestim­mun­gen der §§ 48c, 47 Nr. 7, § 56 Abs. 3, § 6 Abs. 4 Satz 1, § 6b Abs. 1 Halbs. 2 BNo­tO zu sehen. § 48b Abs. 1 BNo­tO regelt all­ge­mein, dass der Notar unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen sein Amt vor­über­ge­hend für höchs­tens zwölf Jah­re nie­der­le­gen kann. Gemäß § 47 Nr. 7 BNo­tO führt die vor­über­ge­hen­de Amts­nie­der­le­gung zum Erlö­schen des Amts mit der Fol­ge, dass der Notar, will er sein Amt wie­der­erlan­gen, erneut zum Notar bestellt wer­den muss. § 48c BNo­tO räumt dem Notar, der mit dem Antrag auf Geneh­mi­gung der vor­über­ge­hen­den Amts­nie­der­le­gung nach § 48b BNo­tO erklärt, sein Amt inner­halb von höchs­tens einem Jahr am bis­he­ri­gen Amts­sitz wie­der antre­ten zu wol­len, eine Wie­der­be­stel­lungs­ga­ran­tie am bis­he­ri­gen Amts­sitz ein. In die­sem – und nur in die­sem – Fall wird die Notar­stel­le für den ehe­ma­li­gen Amts­in­ha­ber "frei gehal­ten", indem gemäß § 56 Abs. 3 BNo­tO ein Ver­wal­ter bestellt wird; eine Aus­schrei­bung der Stel­le vor der Stel­len­be­set­zung ist abwei­chend von dem all­ge­mei­nen Grund­satz des § 6b Abs. 1 Halbs.1 BNo­tO auf­grund der aus-drück­li­chen Rege­lung in § 6b Abs. 1 Halbs. 2 BNo­tO nicht erfor­der­lich.

Legt der Notar sein Amt dage­gen für mehr als ein Jahr nie­der, wird sei­ne Stel­le ent­we­der neu aus­ge­schrie­ben oder – sofern, wie im Streit­fall, kein Bedürf­nis für die Bestel­lung eines Notars im Sin­ne des § 4 BNo­tO besteht – ein­ge­zo­gen. Nach Ablauf der Pfle­ge- bzw. Betreu­ungs­zeit kann der Betrof­fe­ne gemäß § 6b Abs. 1 Halbs. 1 BNo­tO nur dann erneut zum Notar bestellt wer­den, wenn eine neue Notar­stel­le aus­ge­schrie­ben wor­den ist und er das Bewer­bungs­ver­fah­ren erfolg­reich durch­lau­fen hat. Er hat dage­gen kei­nen Anspruch auf Schaf­fung einer neu­en Notar­stel­le1. Die Zei­ten der vor­über­ge­hen­den Amts­nie­der­le­gung wegen der Betreu­ung von Ange­hö­ri­gen wer­den im Aus­wahl­ver­fah­ren in dem Umfang ange­rech­net, den die Rechts­ver­ord­nun­gen der Län­der nach § 6 Abs. 4 Satz 1 BNo­tO vor­se­hen. Dass die­sen Anrech­nungs­be­stim­mun­gen für den Bereich des Anwalts­no­ta­ri­ats seit Inkraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung des Zugangs zum Anwalts­no­ta­ri­at zum 1. Mai 2011 kei­ne Bedeu­tung mehr zukommt, ist im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang uner­heb­lich, da in den §§ 48b und 48c BNo­tO nicht zwi­schen dem haupt­be­ruf­li­chen und dem Anwalts­no­ta­ri­at unter­schie­den wird. Der Umstand, dass ein Bewer­ber um eine Stel­le als Anwalts­no­tar schon ein­mal eine Notar­stel­le inne­hat­te und sein Amt gemäß § 48b BNo­tO für mehr als ein Jahr vor­über­ge­hend nie­der­ge­legt hat­te, wird aller­dings bei einer künf­ti­gen Aus­wahl­ent­schei­dung gemäß § 6 BNo­tO Berück­sich­ti­gung fin­den müs­sen.

Die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis wird durch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der §§ 48b, 48c BNo­tO bestä­tigt. Danach hat sich der Gesetz­ge­ber bewusst dafür ent­schie­den, dem Notar, der sein Amt für mehr als ein Jahr aus fami­liä­ren Grün­den nie­der­legt, kei­nen Wie­der­be­stel­lungs­an­spruch ein­zu­räu­men, son­dern sei­ne Inter­es­sen ledig­lich durch die Anrech­nungs­mög­lich­keit im Aus­wahl­ver­fah­ren zu schüt­zen (§ 6 Abs. 4 Satz 1 BNo­tO). Aus­weis­lich der Begrün­dung des Ent­wurfs eines Drit­ten Geset­zes zur Ände­rung der Bun­des­no­tar­ord­nung und ande­rer Geset­ze vom 29. Dezem­ber 1995 war es ein Anlie­gen des Ent­wurfs, die Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie für Nota­rin­nen und Nota­re zu ver­bes­sern2. Den Nota­rin­nen und Nota­ren soll­te die Mög­lich­keit ein­ge­räumt wer­den, ihr Amt vor­über­ge­hend nie­der­zu­le­gen, um sich fami­liä­ren Auf­ga­ben zu wid­men3. Eine Wie­der­be­stel­lungs­ga­ran­tie am bis­he­ri­gen Amts­sitz soll­te aber nur den Nota­ren ein­ge­räumt wer­den, die gemäß § 48c Abs. 1 BNo­tO mit dem Antrag auf Geneh­mi­gung der vor­über­ge­hen­den Amts­nie­der­le­gung nach § 48b BNo­tO erklä­ren, das Amt inner­halb von höchs­tens einem Jahr am bis­he­ri­gen Amts­sitz wie­der antre­ten zu wol­len4. Die­se Befris­tung war aus Sicht des Gesetz­ge­bers unab­weis­bar, um die kon­ti­nu­ier­li­che Qua­li­tät der nota­ri­el­len Amts­aus­übung durch Bestel­lung eines qua­li­fi­zier­ten Ver­wal­ters sicher­zu­stel­len. Durch die ent­spre­chen­de Erklä­rung des Notars soll­te die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung in die Lage ver­setzt wer­den zu ent­schei­den, ob die Notar­stel­le neu aus­ge­schrie­ben oder – im Fall des § 48c BNo­tO – gemäß § 56 Abs. 3 BNo­tO ein Nota­ri­ats­ver­wal­ter bestellt wer­den soll5.

Die Kon­se­quenz, dass bei einer mehr als ein­jäh­ri­gen Amts­nie­der­le­gung nach § 48b BNo­tO der erneu­ten Bestel­lung zum Notar eine Stel­len­aus­schrei­bung und ein Aus­wahl­ver­fah­ren vor­an­zu­ge­hen hat, ist im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren erkannt wor­den. Der vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz vor­ge­leg­te Refe­ren­ten­ent­wurf vom 26. Juli 1995 hat­te in Art. 1 Nr. 22 vor­ge­se­hen, § 39 BNo­tO um einen Absatz 2 zu ergän­zen, wonach die Auf­sichts­be­hör­de der Nota­rin oder dem Notar auf Antrag aus fami­liä­ren Grün­den einen stän­di­gen Ver­tre­ter für die Dau­er von bis zu drei Jah­ren bestel­len kann. Auf­grund der Ein­wän­de meh­re­rer Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tun­gen, dass die­se Rege­lung die Gefahr einer Ver­pach­tung der Notar­stel­le her­bei­füh­re und es im Bereich des haupt­be­ruf­li­chen Nota­ri­ats an der erfor­der­li­chen Anzahl geeig­ne­ter Ver­tre­ter feh­le, wur­de die­ser Vor­schlag fal­len gelas­sen. Der von der Bun­des­re­gie­rung am 6. Dezem­ber 1995 beschlos­se­ne Ent­wurf eines Drit­ten Geset­zes zur Ände­rung der Bun­des­no­tar­ord­nung und ande­rer Geset­ze6 sah statt­des­sen die Ein­fü­gung der §§ 48b und 48c BNotO‑E vor, die abge­se­hen von redak­tio­nel­len Ände­run­gen der spä­ter in Kraft getre­te­nen Rege­lung ent­spra­chen. Trotz der im wei­te­ren Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren geäu­ßer­ten Beden­ken des feder­füh­ren­den Rechts­aus­schus­ses, des Aus­schus­ses für Frau­en und Jugend und des Aus­schus­ses für Fami­lie und Senio­ren7 sowie der Län­der Hes­sen und Schles­wig-Hol­stein8, dass die vor­ge­schla­ge­nen Rege­lun­gen kei­ne ent­schei­den­de Ver­bes­se­rung hin­sicht­lich der Ver­ein­ba­rung von Beruf und Fami­lie im Bereich des Nota­ri­ats bräch­ten, weil die Betrof­fe­nen das Bewer-bungs­ver­fah­ren neu durch­lau­fen müss­ten, hat der Gesetz­ge­ber bei der Ver­ab­schie­dung die­ser Nor­men mit Aus­nah­me von redak­tio­nel­len Ände­run­gen an der Ent­wurfs­fas­sung fest­ge­hal­ten9. Er hat damit bewusst in Kauf genom­men, dass er das von ihm ange­streb­te Ziel, die Ver­ein­ba­rung von Beruf und Fami­lie auch im Nota­ri­at zu ver­bes­sern und den Nota­rin­nen und Nota­ren die Mög­lich­keit zu ver­schaf­fen, sich fami­liä­ren Auf­ga­ben zu wid­men, nur in beschränk­tem Umfang errei­chen wür­de und sich von der – an sich als Leit­bild ins Auge gefass­ten10 – Rege­lung über die Beur­lau­bung von Rich­tern und Beam­ten ent­fer­nen wür­de.

Bei die­ser Sach­la­ge kann § 48b BNo­tO ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ge­rin auch nicht im Wege einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung ein Anspruch auf Wie­der­be­stel­lung am bis­he­ri­gen Amts­sitz ent­nom­men wer­den. Denn eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung kommt nur dann in Betracht, wenn eine Norm meh­re­re Aus­le­gun­gen zulässt, die teils zu einem ver­fas­sungs­wid­ri­gen, teils zu einem ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ergeb­nis füh­ren wür­den11. Sie fin­det ihre Gren­ze dort, wo sie – wie im Streit­fall – zu dem klar erkenn­ba­ren Wil­len des Gesetz­ge­bers in Wider­spruch tre­ten wür­de12.

Der Rechts­streit war auch nicht gemäß Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG aus­zu­set­zen und eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des § 48b BNo­tO ein­zu­ho­len. Der Bun­des­ge­richts­hof hält die Bestim­mung nicht für ver­fas­sungs­wid­rig. Sie ver­stößt ins­be­son­de­re nicht gegen Art. 6 Abs. 1 GG oder Art. 3 Abs. 1 GG.

Als Frei­heits­recht ver­pflich­tet Art. 6 Abs. 1 GG den Staat, Ein­grif­fe in die Fami­lie zu unter­las­sen. Dar­über hin­aus ent­hält die Bestim­mung eine wert­ent­schei­den­de Grund­satz­norm, die für den Staat die Pflicht begrün­det, Ehe und Fami­lie zu schüt­zen und zu för­dern13. In die­sem Zusam­men­hang folgt aus der Bestim­mung auch eine gewis­se Ver­pflich­tung des Staa­tes, die Kin­der­be­treu­ung in der jeweils von den Eltern gewähl­ten Form in ihren tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen zu ermög­li­chen und zu för­dern14. Der Staat hat grund­sätz­lich dafür Sor­ge zu tra­gen, dass es Eltern mög­lich ist, zeit­wei­se auf eine eige­ne Erwerbs­tä­tig­keit zuguns­ten der per­sön­li­chen Betreu­ung ihrer Kin­der zu ver­zich­ten15. Bei der Erfül­lung die­ser Schutz­pflicht kommt dem Gesetz­ge­ber aber ein Einschätzungs‑, Wer­tungs- und Gestal­tungs­frei­raum zu, der auch Raum für die Berück­sich­ti­gung kon­kur­rie­ren­der öffent­li­cher und pri­va­ter Inter­es­sen lässt16. Durch die Schaf­fung des § 48c BNo­tO wur­de die Mög­lich­keit der Eigen­be­treu­ung von Kin­dern bereits in nicht uner­heb­li­chem Umfang geför­dert. Auch wenn die­se Rege­lung die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf in gerin­ge­rem Umfang her­stellt, als wün­schens­wert erschei­nen mag, war der Gesetz­ge­ber zu einer wei­ter­ge­hen­den För­de­rung der Kin­des­be­treu­ung inner­halb der Fami­lie ver­fas­sungs­recht­lich nicht ver­pflich­tet. Er durf­te bei der Ent­schei­dung, für wel­chen Zeit­raum die Stel­le eines sein Amt aus fami­liä­ren Grün­den nie­der­le­gen­den Notars für die­sen "frei­zu­hal­ten" ist, viel­mehr auch das Inter­es­se der Bevöl­ke­rung an einer ange­mes­se­nen Ver­sor­gung mit Nota­ria­ten und an einer kon­ti­nu­ier­li­chen Qua­li­tät der nota­ri­el­len Amts­aus­übung durch qua-lifi­zier­te Ver­wal­ter sowie das Inter­es­se der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung an Pla­nungs­si­cher­heit berück­sich­ti­gen.

Eine Ver­let­zung von Art. 3 Abs. 1 GG ist eben­falls nicht ersicht­lich. § 48b BNo­tO ver­stößt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ge­rin ins­be­son­de­re nicht des­halb gegen Art. 3 Abs. 1 GG, weil die fami­li­är beding­te vor­über­ge­hen­de Amts­nie­der­le­gung mit einem Ver­zicht auf die Mög­lich­keit der Ein­künf­te­er­zie­lung ver­bun­den und das beruf­li­che Ein­kom­men, das die Klä­ge­rin bei Fort­füh­rung ihres Amtes hät­te erzie­len kön­nen, den übri­gen Amts­in­ha­bern zuge­flos­sen sei. Die­se hät­ten ihre Tätig­keit unge­hin­dert aus­üben kön­nen, weil sie nicht der Dop­pel­be­las­tung durch Berufs­aus­übung und Kin­der­er­zie­hung aus­ge­setzt gewe­sen sei­en. Denn der Umstand, dass die Klä­ge­rin wäh­rend der Kin­der­er­zie­hungs­zeit kein Ein­kom­men erzielt hat, ist dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass sie sich ent­schie­den hat, ihr Amt (für mehr als ein Jahr) nie­der­zu­le­gen, und des­halb kei­ne nota­ri­el­len Leis­tun­gen erbracht hat. Hier­in liegt kei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ungleich­be­hand­lung im Ver­hält­nis zu kin­der­lo­sen Amts­in­ha­bern, die ihr Amt aus­ge­übt haben.

Das Ober­lan­des­ge­richt hat auch zu Recht ange­nom­men, dass die auf Aus­schrei­bung einer Notar­stel­le im Amts­ge­richts­be­zirk U. und auf Beset­zung der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le mit der Klä­ge­rin gerich­te­ten Hilfs­an­trä­ge unzu­läs­sig sind, weil es an der erfor­der­li­chen Kla­ge­be­fug­nis der Klä­ge­rin fehlt. Soweit der Hilfs­an­trag auf die Aus­schrei­bung einer neu­en Notar­stel­le gerich­tet ist, ist statt­haf­te Kla­ge­art die all­ge­mei­ne Leis­tungs­kla­ge. Die Ver­pflich­tungs­kla­ge schei­det aus, da die von der Klä­ge­rin begehr­te Errich­tung und Aus­schrei­bung einer neu­en Notar­stel­le kei­ne Ver­wal­tungs­ak­te, son­dern ver­wal­tungs­tech­ni­sche Vor­be­rei­tungs­maß­nah­men ohne Rege­lungs­cha­rak­ter dar­stel­len, die nicht auf unmit­tel­ba­re Außen­wir­kung gerich­tet sind17.

Der Klä­ge­rin fehlt aber die – auch für die all­ge­mei­ne Leis­tungs­kla­ge gemäß § 111b Abs. 1 Satz 1 BNo­tO, § 42 Abs. 2 VwGO ana­log erfor­der­li­che18 – Kla­ge­be­fug­nis. Die unter­las­se­ne Aus­schrei­bung einer Notar­stel­le im Amts­ge­richts­be­zirk U. ver­mag die Klä­ge­rin nicht in ihren Rech­ten zu ver­let­zen.

Die Aus­schrei­bung von Notar­stel­len rich­tet sich gemäß § 4 BNo­tO an den Erfor­der­nis­sen einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge aus, wobei das Bedürf­nis nach einer ange­mes­se­nen Ver­sor­gung der Recht­su­chen­den mit nota­ri­el­len Leis­tun­gen und die Wah­rung einer geord­ne­ten Alters­struk­tur des Notar­be­rufs zu berück­sich­ti­gen sind. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs steht der Ver­pflich­tung der Jus­tiz­ver­wal­tung, ihr dadurch eröff­ne­tes Ermes­sen feh­ler­frei aus­zu­üben, kein sub­jek­ti­ves Recht von Bewer­bern um eine Notar­stel­le gegen­über. Die Bedürf­nis­prü­fung dient viel­mehr aus­schließ­lich dem Inter­es­se der All­ge­mein­heit am Funk­tio­nie­ren der vor­sor­gen­den Rechts­pfle­ge19. In die Frei­heit der Berufs­wahl (Art. 12 Abs. 1 GG) wird dadurch nicht ein­ge­grif­fen, denn die­se besteht nur nach Maß­ga­be der vom Staat zur Ver­fü­gung gestell­ten Ämter20. Bei der Bestim­mung der Zahl und des Zuschnitts der aus­zu­schrei­ben­den Notar­stel­len (§ 4 BNo­tO) han­delt die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung in Aus­übung die­ser allein objek­ti­ven Inter­es­sen die­nen­den Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt21. Eine Leis­tungs­kla­ge auf Stel­len­aus­schrei­bung ist des­halb nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich unzu­läs­sig22.

Dies gilt auch dann, wenn ein Notar sein Amt gemäß § 48b BNo­tO für mehr als ein Jahr nie­der­ge­legt hat. Wie oben aus­ge­führt ist sein Amt in die­sem Fall gemäß § 47 Nr. 7 BNo­tO erlo­schen; sei­ne Stel­le wird – anders als im Fall des § 48c BNo­tO – nicht für ihn "frei­ge­hal­ten". Ob nach Ablauf der Pfle­ge- bzw. Betreu­ungs­zeit eine neue Stel­le aus­zu­schrei­ben ist, beur­teilt sich aus­schließ­lich nach den Bedürf­nis­sen einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge und ist der Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt des Staa­tes vor­be­hal­ten.

Der auf Ver­pflich­tung der Beklag­ten zur Beset­zung einer im kom­men­den Jahr im Amts­ge­richts­be­zirk U. mög­li­cher­wei­se aus­zu­schrei­ben­den Notar­stel­le mit der Klä­ge­rin gerich­te­te Hilfs­an­trag ist unzu­läs­sig. Da noch nicht fest­steht, ob die­se Stel­le tat­säch­lich aus­ge­schrie­ben wer­den wird, fehlt es jeden­falls an dem erfor­der­li­chen Rechts­schutz­in­ter­es­se.

Der auf Ver­pflich­tung der Beklag­ten zur Beset­zung einer der im Land­ge­richts­be­zirk L. aus­ge­schrie­be­nen Notar­stel­len mit der Klä­ge­rin gerich­te­te Hilfs­an­trag ist zuläs­sig. Er hat jedoch in der Sache kei­nen Erfolg. Wie oben aus­ge­führt, hat die Klä­ge­rin kei­nen Anspruch auf Über­tra­gung einer Notar­stel­le, ohne zuvor ein Aus­wahl­ver­fah­ren erfolg­reich durch­lau­fen zu haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Novem­ber 2011 – NotZ(Brfg) 3/​11

  1. vgl. Cus­to­dis in Eylmann/​Vaasen, BNo­tO, BeurkG, 3. Aufl., §§ 48b, 48c BNo­tO Rn. 11; Lerch in Arndt/­Ler­ch/­Sand-küh­ler, BNo­tO, 6. Aufl., 2008, § 48b BNo­tO Rn. 12 []
  2. BT-Drucks. 13/​4184, S. 19 []
  3. BT-Drucks. 13/​4184, S. 28 f []
  4. BT-Drucks. 13/​4184, S. 19, 20, 28 f []
  5. vgl. BT-Drucks. 13/​4184, S. 20, 29 []
  6. BR-Drucks. 890/​95 []
  7. BR-Drucks. 890÷1÷95 []
  8. BR-Drucks. 890÷2÷95 []
  9. vgl. auch Pro­to­koll der 693. Sit­zung des Bun­des­rats vom 09.02.1996, Abschn. C, S. 39 []
  10. vgl. BT-Drucks. 13/​4184, S. 29 []
  11. BVerfG NJW 2001, 2160, 2161 []
  12. BVerfG, DNotZ 2005, 931, 935; NJW 2007, 2977, 2980; BGH, Urteil vom 24.06.2009 – XII ZR 161/​08, NJW 2009, 2744 Rn. 28 []
  13. BVerfGE 87, 1, 35; 103, 242, 257 f.; BVerfG NVwZ-RR 2008, 723, 724 []
  14. BVerfGE 99, 216, 234; 121, 241, 263 f.; Fam­RZ 2011, 1209 Rn. 9 []
  15. BVerfGE 99, 216, 234; 121, 241, 263 f. []
  16. vgl. BVerfGE 77, 170, 214 f.; 82, 60, 81; 85, 191, 212; BVerfG NVwZ-RR 2008, 723, 724 []
  17. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 20.07.1998 – NotZ 31/​97, DNotZ 1999, 251; vom 31.03.2003 – NotZ 24/​02, DNotZ 2003, 782; vom 28.11.2005 – NotZ 30/​05, DNotZ 2006, 384, jeweils mwN []
  18. vgl. BGH, Beschluss vom 31.03.2003 – NotZ 24/​02, DNotZ 2003, 782; Säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 21.06.2011 – 3 A 224/​10; VG Köln, Urteil vom 14.07.2011 – 26 K 3869/​10; Kopp/​Schenke, VwGO, 17. Aufl., § 42 Rn. 62 mwN []
  19. z.B. BGH, Beschlüs­se vom 31.03.2003 – NotZ 24/​02, NJW 2003, 2458, 2459; vom 24.11.1997 – NotZ 10/​97, NJW-RR 1998, 849, 850; vom 18.09.1995 – NotZ 46/​94, NJW 1996, 123, 124; vom 14.04.2008 – NotZ 118/​07, DNotZ 2008, 865 []
  20. BVerfGE 73, 280, 292; BGH, Bbe­schluss vom 31.03.2003 – NotZ 24/​02, aaO; sie­he auch BVerfGE 80, 257, 263 []
  21. BGH, Beschlüs­se vom 28.11.2005 – NotZ 34/​05, BGHZ 165, 146, 149; vom 31.03.2003 – NotZ 24/​02, aaO; vom 14.04.2008 – NotZ 118/​07, aaO; vom 23.07.2007 – NotZ 42/​07, DNotZ 2008, 311; vom 15.11.2010 – NotZ 4/​10, DNotZ 2011, 391 []
  22. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 03.11.2003 – NotZ 10/​03, NJW-RR 2004, 274; vom 31.03.2003 – NotZ 24/​02, aaO []