Scha­dens­er­satz­rechts­schutz – und der Ein­tritt des Rechts­schutz­falls

Das den Ein­tritt des Rechts­schutz­fal­les bestim­men­de schä­di­gen­de Ver­hal­ten muss beim Scha­dens­er­satz­rechts­schutz eben­so wie beim ver­stoß­ab­hän­gi­gen Rechts­schutz nach dem Tat­sa­chen­vor­trag des Ver­si­che­rungs­neh­mers ihm gegen­über began­gen sein. Ohne die­sen Bezug fehlt es an der Eig­nung, einen Ver­si­che­rungs­fall aus­zu­lö­sen.

Scha­dens­er­satz­rechts­schutz – und der Ein­tritt des Rechts­schutz­falls

Die von § 4 (1) Satz 1 a)) ARB 94 fest­ge­schrie­be­ne Anknüp­fung an die ers­te Ursa­che des Scha­dens kann zu einer die Wirk­sam­keit in Fra­ge stel­len­den sehr wei­ten Vor­ver­la­ge­rung des Ver­si­che­rungs­fal­les füh­ren.

Bei wort­laut­kon­for­mer Anwen­dung birgt dies die Gefahr einer ufer­lo­sen Rück­ver­la­ge­rung in sich, die den berech­tig­ten Inter­es­sen des Ver­si­che­rungs­neh­mers wider­spricht1. Die­ser wird daher nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nur sol­che Ursa­chen als für den Beginn des Ver­si­che­rungs­schut­zes maß­ge­ben­de Ereig­nis­se ver­ste­hen, die der Scha­dens­er­satz­pflich­ti­ge, gegen den er Ansprü­che erhebt, zure­chen­bar gesetzt hat und die den Ein­tritt irgend­ei­nes Scha­dens, den er von die­sem ersetzt bekom­men will, nach der Lebens­er­fah­rung hin­rei­chend wahr­schein­lich machen2. Für den Ein­tritt des Ver­si­che­rungs­fal­les ist danach auf den Tat­sa­chen­vor­trag abzu­stel­len, mit dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer sei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch begrün­det. Frü­hes­ter Zeit­punkt ist das dem Anspruchs­geg­ner vor­ge­wor­fe­ne pflicht­wid­ri­ge Ver­hal­ten ihm gegen­über, auf das er sein Ersatz­ver­lan­gen stützt3. Nicht die objek­ti­ven Gege­ben­hei­ten bil­den mit­hin das den Rechts­schutz­fall aus­lö­sen­de Kau­sa­l­ereig­nis, son­dern die vom Ver­si­che­rungs­neh­mer behaup­te­ten Vor­gän­ge, für die der Anspruchs­geg­ner ihm gegen­über haf­tungs­recht­lich ver­ant­wort­lich sein und durch die er ihn geschä­digt haben soll; auf Schlüs­sig­keit und Beweis­bar­keit die­ses Vor­tra­ges kommt es dabei nicht an4.

Nur in die­ser ein­schrän­ken­den Aus­le­gung nach dem maß­geb­li­chen Ver­ständ­nis eines durch­schnitt­li­chen Ver­si­che­rungs­neh­mers ohne ver­si­che­rungs­recht­li­che Spe­zi­al­kennt­nis­se, der bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung, auf­merk­sa­mer Durch­sicht und Berück­sich­ti­gung des Sinn­zu­sam­men­hangs auch sei­ne Inter­es­sen beach­tet5, hält die­se Klau­sel einer Inhalts­kon­trol­le (§ 307 BGB) stand.

Inso­weit unter­schei­det sie sich nicht von der für Rechts­schutz­fäl­le nach § 4 (1) Satz 1 c)) ARB 94 mit ihrer Anknüp­fung an den Ver­stoß gegen Rechts­pflich­ten und Rechts­vor­schrif­ten. Auch dabei kommt es für die Fest­le­gung des Rechts­schutz­fal­les nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unter aus­drück­li­cher Bezug­nah­me auf die vor­ge­nann­ten von ihm zum Scha­dens­er­satz­rechts­schutz ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze auf die dem Ver­trags­part­ner vor­ge­wor­fe­ne Pflicht­ver­let­zung und den dazu gehal­te­nen Tat­sa­chen­vor­trag an, mit dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer den Ver­stoß begrün­det, unab­hän­gig von Schlüs­sig­keit, Sub­stan­ti­iert­heit und Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Behaup­tung6.

Das erfüllt zugleich den "fass­ba­ren Bezug des Erst­ereig­nis­ses zur Per­son des Geschä­dig­ten", der von der Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ins­be­son­de­re bei auf Ver­let­zun­gen von Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten und Unter­las­sen beru­hen­den Haf­tun­gen oder Gefähr­dungs­haf­tun­gen für die Fest­le­gung des schä­di­gen­den Ereig­nis­ses her­an­ge­zo­gen wird7. Die scha­dens­er­satz­be­grün­den­de Pflicht­ver­let­zung muss nach der Dar­stel­lung des Ver­si­che­rungs­neh­mers ihm gegen­über began­gen sein. Nur dar­auf kann er einen eige­nen Anspruch gegen den Schä­di­ger stüt­zen, den er im Pro­zess­we­ge mit dem Deckungs­schutz sei­nes Rechts­schutz­ver­si­che­rers durch­set­zen möch­te. Das gilt nach der vor­ge­nann­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs für die Ver­si­che­rungs­fäl­le nach § 4 (1) Satz 1 a)) und c)) ARB 94 unter­schieds­los. Bei­de Rechts­schutz­fäl­le sind für den Ver­si­che­rungs­neh­mer erkenn­bar nach Wort­laut, Sys­te­ma­tik und Zweck glei­cher­ma­ßen über die Ver­let­zung von Pflich­ten eines zwi­schen den Par­tei­en bestehen­den Schuld­ver­hält­nis­ses fest­ge­legt8. Ob sich die Pflicht­ver­let­zun­gen gegen­über dem geschä­dig­ten Ver­si­che­rungs­neh­mer auf gesetz­li­che oder ver­trag­li­che Schuld­ver­hält­nis­se bezie­hen sol­len, ist inso­weit ohne Belang. Das den Ein­tritt des Rechts­schutz­fal­les bestim­men­de schä­di­gen­de Ver­hal­ten muss mit­hin gegen­über dem Ver­si­che­rungs­neh­mer began­gen sein. Ohne die­sen Bezug fehl­te sei­nem Tat­sa­chen­vor­trag die anspruchs­be­grün­den­de Eig­nung und damit zugleich die Eig­nung, einen Ver­si­che­rungs­fall aus­zu­lö­sen. In die­sem Punkt stimmt bei der Ver­schul­dens­haf­tung das einen Rechts­schutz­fall nach § 4 (1) Satz 1 a)) ARB 94 begrün­den­de ers­te scha­den­ver­ur­sa­chen­de Ereig­nis mit dem nach § 4 (1) Satz 1 c)) ARB 94 über­ein9.

Der Rechts­schutz­fall wird dem­ge­mäß beim ver­stoß­ab­hän­gi­gen Rechts­schutz wie beim Scha­dens­er­satz­rechts­schutz in glei­cher Wei­se über den Ein­tritt des dem Anspruchs­geg­ner ange­las­te­ten pflicht­wid­ri­gen Ver­hal­tens ihm gegen­über als frü­hest mög­li­cher Zeit­punkt fest­ge­legt10.

Das ist hier der Vor­wurf, Wirt­schafts­prü­fer und Bera­tungs­un­ter­neh­men hät­ten Bei­hil­fe zu vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung, Betrug und Kapi­tal­an­la­ge­be­trug der für das Anla­ge­kon­zept Ver­ant­wort­li­chen geleis­tet. Die Klä­ge­rin stützt ihre behaup­te­ten Ansprü­che aus § 8232 BGB i.V.m. §§ 263, 264a StGB, §§ 826, 830 BGB auf die Unter­stüt­zung des die­sen Ver­ant­wort­li­chen auf Sei­ten der S. AG als Haupt­tä­ter bei ihrer Kapi­tal­an­la­ge ange­las­te­ten delik­ti­schen Ver­hal­tens, gegen­über dem sich die Beklag­te trotz der Jah­re zurück­lie­gen­den Pro­dukt­ent­wick­lung fol­ge­rich­tig nicht auf den Vor­ver­trags­ein­wand beru­fen hat11. Damit schei­den die Erstel­lung fal­scher Testa­te und wei­te­re Unter­stüt­zungs­hand­lun­gen seit 1993 als Ein­tritts­zeit­punkt für den Rechts­schutz­fall aus.

Die vor­ge­hal­te­ne Bei­hil­fe kann ihre anspruchs­be­grün­den­de Wir­kung erst bei Bege­hung der Haupt­tat im Zeit­punkt der Anla­ge­ent­schei­dung ent­fal­tet haben, nicht bei den vor­be­rei­ten­den För­de­rungs­hand­lun­gen, die in betrü­ge­ri­scher Wei­se bei Ent­wick­lung und Ver­trieb ihres Anla­ge­pro­dukts mit ein­ge­setzt wor­den sein sol­len. Gegen­über poten­ti­el­len Anle­gern wie der Klä­ge­rin und ihrem Ehe­mann bestan­den damals noch kei­ne gesetz­li­chen oder schuld­recht­li­chen Pflich­ten­be­zie­hun­gen, aus deren Ver­let­zung sie Ansprü­che hät­ten her­lei­ten kön­nen. Sol­che kom­men frü­hes­tens bei der Anbah­nung des Anla­ge­ge­schäfts in Betracht, wenn sich der Gehil­fen­bei­trag für Anla­ge­in­ter­es­sen­ten mani­fes­tiert. Erst dann wird auch ein Scha­den von Anla­ge­zeich­nern im Sin­ne der vor­ge­nann­ten Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung hin­rei­chend wahr­schein­lich. Zu die­sem Zeit­punkt war die Klä­ge­rin aber schon rechts­schutz­ver­si­chert.

Durch die gebo­te­ne zeit­li­che Anknüp­fung an die Anla­ge­ent­schei­dung wer­den im Streit­fall kei­ne Mani­pu­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten eröff­net über soge­nann­te Zweck­ab­schlüs­se, die durch die Rechts­schutz­fall­klau­seln unter­bun­den wer­den sol­len12.

Mit dem maß­geb­li­chen Pflicht­ver­let­zungs­vor­wurf erhält der Ver­si­che­rungs­neh­mer Anlass, für die Durch­set­zung sei­ner Rech­te kos­ten­aus­lö­sen­de Maß­nah­men zu ergrei­fen13. Von die­sem Zeit­punkt an kommt der Abschluss einer kos­ten­über­wäl­zen­den Rechts­schutz­ver­si­che­rung nicht mehr in Betracht. Ein sol­cher Zweck­ab­schluss schei­det aber aus, wenn wie hier bei der Ent­wick­lung eines Anla­ge­pro­dukts noch kei­ner­lei Grund und Mög­lich­keit für kos­ten­aus­lö­sen­de Maß­nah­men besteht. Eben­so wenig wie bei etwa anläss­lich eines ein­zu­ge­hen­den Miet­ver­hält­nis­ses oder beab­sich­tig­ten Erwerbs eines Kraft­fahr­zeugs zur Teil­nah­me am Stra­ßen­ver­kehr genom­me­nen Rechts­schutz­ver­si­che­run­gen han­delt es sich beim Abschluss einer Rechts­schutz­ver­si­che­rung um einen der­ar­ti­gen Zweck­ab­schluss, wenn sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer schon mit Geld­an­la­ge­ge­dan­ken trägt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. April 2014 – IV ZR 47/​13

  1. statt aller Looschelders/​Paffenholz, ARB [2014] § 4 ARB 2010 Rn. 14 []
  2. grund­le­gend BGH, Urteil vom 25.09.2002 – IV ZR 248/​01, VersR 2002, 1503 unter 2 b bb 15, 16 []
  3. BGH, Urteil vom 19.03.2003 – IV ZR 139/​01, VersR 2003, 638 unter 1 a 8 []
  4. BGH, Urteil aaO Rn. 9; Looschelders/​Paffenholz aaO Rn. 18 m.w.N. []
  5. BGH, Urteil vom 23.06.1993 – IV ZR 135/​92, BGHZ 123, 83, 85 und stän­dig []
  6. grund­le­gend: BGH, Urteil vom 28.09.2005 – IV ZR 106/​04, VersR 2005, 1684 unter – I 2 a 20; fer­ner BGH, Urtei­le vom 24.04.2013 – IV ZR 23/​12, VersR 2013, 899 Rn. 12; und vom 19.11.2008 – IV ZR 305/​07, VersR 2009, 109 Rn.19; BGH, Beschluss vom 17.10.2007 – IV ZR 37/​07, VersR 2008, 113 Rn. 3; Looschelders/​Paffenholz aaO Rn. 45, 46 m.w.N. []
  7. Looschelders/​Paffenholz aaO Rn. 17; Harbauer/​Maier, ARB 8. Aufl. § 4 ARB 2000 Rn.19, 20; OLG Koblenz VersR 2013, 99, 100; OLG Karls­ru­he VersR 2013, 579, 581 – Beru­fungs­ur­teil []
  8. vgl. Harbauer/​Maier aaO Rn.19; Prölss/​Martin/​Armbrüster, VVG 28. Aufl. § 4 ARB 2008/​II Rn. 7 []
  9. vgl. Harbauer/​Maier aaO Rn. 13 []
  10. BGH, Urteil vom 24.04.2013 – IV ZR 23/​12, VersR 2013, 899 Rn. 12 []
  11. zu den objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Haf­tungs­vor­aus­set­zun­gen wegen Bei­hil­fe zur Schä­di­gung von Anle­gern durch Fond­s­in­itia­to­ren vgl. BGH, Urteil vom 03.12 2013 – XI ZR 295/​12, WM 2014, 71 Rn. 2836 []
  12. vgl. Prölss/​Martin/​Armbrüster aaO Rn. 39; Harbauer/​Maier, ARB 8. Aufl. § 4 ARB 2000 Rn. 3 []
  13. BGH, Urteil vom 28.09.2005 – IV ZR 106/​04, VersR 2005, 1684 unter – I 3 c []