Arzt­haf­tung bei unter­las­se­ner Auf­klä­rung – scha­dens­be­grün­den­de Kau­sa­li­tät und Alter­na­tiv­ver­hal­ten

Besteht die Pflicht­ver­let­zung in einer Unter­las­sung, ist die­se für den Scha­den nur dann kau­sal, wenn pflicht­ge­mä­ßes Han­deln den Ein­tritt des Scha­dens ver­hin­dert hät­te. Die Dar­le­gungs- und Beweis­last hier­für trägt regel­mä­ßig der Geschä­dig­te. Die haf­tungs­be­gren­zen­de Rechts­fi­gur des hypo­the­ti­schen Kau­sal­ver­laufs bei recht­mä­ßi­gem Alter­na­tiv­ver­hal­ten kommt erst dann zum Tra­gen, wenn die Ursäch­lich­keit der durch­ge­führ­ten rechts­wid­ri­gen Behand­lung für den behaup­te­ten Scha­den fest­ge­stellt und mit­hin die Haf­tung grund­sätz­lich gege­ben ist.

Arzt­haf­tung bei unter­las­se­ner Auf­klä­rung – scha­dens­be­grün­den­de Kau­sa­li­tät und Alter­na­tiv­ver­hal­ten

Nach gefes­tig­ten Recht­spre­chungs­grund­sät­zen trifft in den Fäl­len, in denen aus einem Auf­klä­rungs­ver­säum­nis des Arz­tes Scha­dens­er­satz­an­sprü­che her­ge­lei­tet wer­den, die Behaup­tungs- und Beweis­last für die ord­nungs­ge­mä­ße Auf­klä­rung den Arzt. Der Pati­ent trägt hin­ge­gen die Dar­le­gungs- und Beweis­last dafür, dass die Scha­dens­fol­ge, für die er Ersatz ver­langt, auch wirk­lich durch den eigen­mäch­ti­gen Ein­griff des Arz­tes ver­ur­sacht wor­den ist und nicht auf ande­res zurück­geht 1. Der Beweis, dass der ohne rechts­wirk­sa­me Ein­wil­li­gung vor­ge­nom­me­ne ärzt­li­che Ein­griff bei dem Pati­en­ten auch zu einem Scha­den geführt hat, ist eben­so wie im Fall des Behand­lungs­feh­lers Sache des Pati­en­ten. Es besteht kein Sach­grund, bei Ver­let­zung der ärzt­li­chen Auf­klä­rungs­pflicht den Arzt inso­weit beweis­mä­ßig schlech­ter zu stel­len. Die­ser Grund­satz gilt sowohl bei der Ver­let­zung der ärzt­li­chen Auf­klä­rungs­pflicht über die Risi­ken eines Ein­griffs wie auch über bestehen­de Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven (Selbst­be­stim­mungs­auf­klä­rung). Der Pati­ent hat nicht nur in den Fäl­len, in denen die rechts­wid­ri­ge Behand­lung in einem Ein­griff, bei­spiels­wei­se in einer Ope­ra­ti­on, liegt, son­dern auch in den Fäl­len der rechts­wid­ri­gen Fort­set­zung kon­ser­va­ti­ver Behand­lungs­me­tho­den trotz Bestehens gleich­wer­ti­ger Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven zu bewei­sen, dass die bei ihm vor­ge­nom­me­ne Behand­lung ursäch­lich für den gel­tend gemach­ten Scha­den gewor­den ist. Dies gilt auch dann, wenn – wie im Streit­fall – Scha­dens­er­satz­an­sprü­che nicht aus der kon­ser­va­ti­ven Behand­lung her­ge­lei­tet wer­den, son­dern dar­aus, dass wei­ter­ge­hen­de Behand­lungs­maß­nah­men unter­blie­ben sind. Eine Unter­las­sung ist für den Scha­den nur dann kau­sal, wenn pflicht­ge­mä­ßes Han­deln den Ein­tritt des Scha­dens ver­hin­dert hät­te 2. Die blo­ße Mög­lich­keit, eben­so eine gewis­se Wahr­schein­lich­keit genügt nach § 286 ZPO nicht.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall besteht die Pflicht­ver­let­zung in der Unter­las­sung der Beklag­ten, die Mut­ter des Klä­gers nach dem Abklin­gen der Infek­ti­on über die Behand­lungs­al­ter­na­ti­ve einer Cer­cla­ge auf­zu­klä­ren. Mit­hin hat der Klä­ger dar­zu­le­gen und erfor­der­li­chen­falls zu bewei­sen, dass bei pflicht­ge­mä­ßer Auf­klä­rung sei­ner Mut­ter mit­tels der Cer­cla­ge die Geburt in einer für sei­ne Ent­wick­lung maß­geb­li­chen Wei­se ver­zö­gert und der durch sei­ne frü­he Geburt ein­ge­tre­te­ne Scha­den ver­mie­den wor­den wäre.

Hier­zu hat der Klä­ger vor­ge­tra­gen, dass sei­ne Mut­ter bei ent­spre­chen­der Auf­klä­rung sich ohne Zwei­fel für die Cer­cla­ge ent­schie­den hät­te. Bei Durch­füh­rung der Cer­cla­ge hät­ten die extre­me Früh­ge­burt des Klä­gers und die damit ver­bun­de­nen gra­vie­ren­den Gesund­heits­schä­den mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit ver­hin­dert wer­den kön­nen. Die Beklag­ten haben dem ent­ge­gen gesetzt, eine Cer­cla­ge hät­te die Schwan­ger­schaft nicht ver­län­gert. Sie haben damit den Kau­sal­zu­sam­men­hang bestrit­ten 3.

Die­ser Vor­trag kann nicht als Ein­wand eines hypo­the­ti­schen Kau­sal­ver­laufs bei recht­mä­ßi­gem Alter­na­tiv­ver­hal­ten ver­stan­den wer­den, was das Beru­fungs­ge­richt irri­ger­wei­se ange­nom­men hat. Ein sol­cher Ein­wand setzt die Fest­stel­lung vor­aus, dass das vom Schä­di­ger zu ver­ant­wor­ten­de Ver­hal­ten für den Scha­den kau­sal gewor­den ist 4. Danach erst betrifft er die unter Umstän­den auf­tre­ten­de Fra­ge, ob die auf der Pflicht­ver­let­zung beru­hen­den Fol­gen dem Schä­di­ger bil­li­ger­wei­se auch zuge­rech­net wer­den kön­nen 5. Dar­um han­delt es sich hier nicht. Der Vor­trag des Klä­gers bezieht sich auf die den Anspruchs­grund betref­fen­de Fra­ge der Kau­sa­li­tät. Dafür ist der Klä­ger nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen beweis­pflich­tig, abge­se­hen von den Fäl­len der Beweis­last­um­kehr wie bei­spiels­wei­se bei einem gro­ben Behand­lungs­feh­ler. Den Beklag­ten fällt hin­ge­gen die Beweis­last für ent­las­ten­den Vor­trag – wie etwa zum Ein­wand des recht­mä­ßi­gen Alter­na­tiv­ver­hal­tens – erst dann zu, wenn der Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen Pflicht­wid­rig­keit und ein­ge­tre­te­nem Scha­den fest­steht 6.

Rich­ti­ger­wei­se obliegt es dem Klä­ger, dar­zu­le­gen und zu bewei­sen, dass nach der Cer­cla­ge die Geburt in einer für sei­ne Ent­wick­lung maß­geb­li­chen Wei­se ver­zö­gert wor­den wäre. Für eine Ver­la­ge­rung der Beweis­last für den Ursa­chen­zu­sam­men­hang auf die Beklag­ten ist inso­weit kein Raum. Die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung kann sich auch nicht auf das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs 15. März 2005 7 stüt­zen. Dort wur­de aus pro­zess­recht­li­chen Grün­den für das Revi­si­ons­ver­fah­ren unter­stellt, dass die geklag­ten Beschwer­den (ent­spre­chend dem tat­säch­li­chen Ver­lauf der Behand­lung) zumin­dest mit auf der Fort­set­zung der kon­ser­va­ti­ven Behand­lung beruh­ten 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Febru­ar 2012 – VI ZR 63/​11

  1. vgl. BGH, Urteil vom 01.10.1985 – VI ZR 19/​84, VersR 1986, 183 und vom 13.01.1987 – VI ZR 82/​86, VersR 1987, 667, 668; Geiß/​Greiner, Arzt­haft­pflicht­recht, 6. Aufl., Kap. C Rn. 147; Steffen/​Pauge, Arzt­haf­tungs­recht, 11. Aufl., Rn. 702 mwN[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 30.01.1961 – III ZR 225/​59, BGHZ 34, 206, 215; vom 05.07.1973 – VII ZR 12/​73, BGHZ 61, 118, 120 auch zur Umkehr der Beweis­last im – hier nicht gege­be­nen Fall – eines gro­ben Behand­lungs­feh­lers; vom 19.02.1975 – VIII ZR 144/​73, BGHZ 64, 46, 51; vom 22.03.1990 – IX ZR 128/​89, WM 1990, 1161, 1163 und vom 17.10.2002 – IX ZR 3/​01, WM 2002, 2325, 2326 Rn. 11[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 17.10.2002 – IX ZR 3/​01, aaO Rn. 12[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 24.10.1995 – KZR 3/​95, NJW 1996, 311, 312; Urteil vom 17.10.2002 – IX ZR 3/​01 aaO; Larenz, Schuld­recht Bd. I, 14. Aufl., S. 527; Staudinger/​Schiemann (2005) BGB, § 249 Rn. 102, 107[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 02.07.1992 – IX ZR 256/​91, NJW 1992, 2694, 2695; vom 24.10.1995 – KZR 3/​95, aaO und vom 17.10.2002 – IX ZR 3/​01 aaO[]
  6. vgl. Baum­gär­tel, Hand­buch der Beweis­last Bd. I, 2. Aufl., Anh. § 282 BGB Rn. 30[]
  7. BGH, Urteil vom 15.03.2005 – VI ZR 313/​03, VersR 2005, 836 f.[]
  8. BGH, Urteil vom 15.03.2005 – VI ZR 313/​03, aaO unter 3. b aa[]