Arzt­haf­tung – gro­bes Fehl­ver­hal­ten und Beweis­last­um­kehr

Bei der Ein­stu­fung eines ärzt­li­chen Fehl­ver­hal­tens als grob han­delt es sich um eine juris­ti­sche Wer­tung, die dem Tatrich­ter obliegt. Die­se wer­ten­de Ent­schei­dung muss aber in vol­lem Umfang durch die vom ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen mit­ge­teil­ten Fak­ten getra­gen wer­den und sich auf die medi­zi­ni­sche Bewer­tung des Behand­lungs­ge­sche­hens durch den Sach­ver­stän­di­gen stüt­zen kön­nen.

Arzt­haf­tung – gro­bes Fehl­ver­hal­ten und Beweis­last­um­kehr

Grund­sätz­lich hat der Anspruch­stel­ler den Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen dem Behand­lungs­feh­ler und dem gel­tend gemach­ten Gesund­heits­scha­den nach­zu­wei­sen1, wobei nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bei der Unter­las­sung einer gebo­te­nen Befund­er­he­bung eine Beweis­last­um­kehr hin­sicht­lich der haf­tungs­be­grün­den­den Kau­sa­li­tät erfolgt, wenn bereits das Abse­hen von einer aus medi­zi­ni­scher Sicht gebo­te­nen Befund­er­he­bung einen gro­ben ärzt­li­chen Feh­ler dar­stellt.

Zudem kann auch eine nicht grob feh­ler­haf­te Unter­las­sung der Befund­er­he­bung dann zu einer Umkehr der Beweis­last hin­sicht­lich der Kau­sa­li­tät des Behand­lungs­feh­lers für den ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den füh­ren, wenn sich bei der gebo­te­nen Abklä­rung der Sym­pto­me mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit ein so deut­li­cher und gra­vie­ren­der Befund erge­ben hät­te, dass sich des­sen Ver­ken­nung als fun­da­men­tal oder die Nicht­re­ak­ti­on hier­auf als grob feh­ler­haft dar­stel­len wür­de und die­se Feh­ler gene­rell geeig­net sind, den tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den her­bei­zu­füh­ren2.

Zwar han­delt es sich bei der Ein­stu­fung eines ärzt­li­chen Fehl­ver­hal­tens als grob um eine juris­ti­sche Wer­tung, die dem Tatrich­ter obliegt. Indes­sen muss die­se wer­ten­de Ent­schei­dung in vol­lem Umfang durch die vom ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen mit­ge­teil­ten Fak­ten getra­gen wer­den und sich auf die medi­zi­ni­sche Bewer­tung des Behand­lungs­ge­sche­hens durch den Sach­ver­stän­di­gen stüt­zen kön­nen. Es ist dem Tatrich­ter nicht gestat­tet, den Behand­lungs­feh­ler ohne ent­spre­chen­de Dar­le­gun­gen auf­grund eige­ner Wer­tung als grob oder nicht grob zu qua­li­fi­zie­ren3.

Das Gericht hat daher die von ihm bestell­te Sach­ver­stän­di­ge dazu zu befra­gen, wie das von ihr als feh­ler­haft ange­se­he­ne Ver­hal­ten des Arz­tes medi­zi­nisch zu gewich­ten sei, und darf die­se erfor­der­li­che Beweis­erhe­bung nicht durch eine eige­ne medi­zi­ni­sche Wür­di­gung des Behand­lungs­ge­sche­hens erset­zen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Febru­ar 2015 – VI ZR 106/​13

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.12 2010 – VI ZR 284/​09, BGHZ 188, 29 Rn.19; vom 05.11.2013 – VI ZR 527/​12, VersR 2014, 247 Rn. 13
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.11.2013 – VI ZR 527/​12, VersR 2014, 247 Rn. 14; vom 21.01.2014 – VI ZR 78/​13, VersR 2014, 374 Rn.20; sie­he nun auch § 630h Abs. 5 BGB
  3. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 28.05.2002 – VI ZR 42/​01, VersR 2002, 1026, 1027 f.; vom 03.07.2001 – VI ZR 418/​99, VersR 2001, 1116, 1117; vom 19.06.2001 – VI ZR 286/​00, VersR 2001, 1115 f.; vom 07.06.2011 – VI ZR 87/​10, VersR 2011, 1148 Rn. 9