Bemes­sung von Schmer­zens­geld nach ser­bi­schem Recht

Ein deut­sches Gericht hat für die Bemes­sung von Schmer­zens­geld nach ser­bi­schem Recht die dor­ti­ge Bemes­sungs­pra­xis zugrun­de zu legen; im Sin­ne abschlie­ßen­der Bewer­tung kann es frei­lich, wenn der Hei­lungs- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess nach dem Unfall sich ins­ge­samt im Inland voll­zo­gen hat und Dau­er­fol­gen mit Unbill­cha­rak­ter hier den Ver­letz­ten belas­ten, eine gewis­se vor­sich­ti­ge Anpas­sung an inlän­di­sche Bemes­sungs­grö­ßen vor­neh­men. In Ser­bi­en zuge­spro­che­nen Ersatz­be­trä­ge lie­gen bei etwa einem Zehn­tel der für ent­spre­chen­de Inlands­fäl­le in Betracht gezo­ge­nen imma­te­ri­el­len Ent­schä­di­gun­gen.

Bemes­sung von Schmer­zens­geld nach ser­bi­schem Recht

Die Rechts­grund­la­ge für Schmer­zens­geld fin­det sich in Arti­kel 200 des ser­bi­schen Obli­ga­ti­ons­ge­set­zes, der in deut­scher Über­set­zung wie folgt lau­tet:

"(1) Für erlit­te­ne kör­per­li­che Schmer­zen, erlit­te­ne see­li­sche Schmer­zen wegen ver­hin­der­ter Lebens­ak­ti­vi­tät, Ver­un­stal­tung, Ver­let­zung des Anse­hens, der Ehre, der Frei­heit oder des Per­sön­lich­keits­rechts, des Todes einer nahe­ste­hen­den Per­son sowie für erlit­te­ne Angst erkennt das Gericht eine gerech­te Ent­schä­di­gung in Geld zu, wenn es fest­stellt, dass die Umstän­de des Fal­les, ins­be­son­de­re das Aus­maß der Schmer­zen und der Angst sowie deren Dau­er dies recht­fer­ti­gen, und zwar unab­hän­gig von dem Ersatz des mate­ri­el­len Scha­dens und unab­hän­gig davon, ob ein sol­cher über­haupt ent­stan­den ist.
(2) Bei der Ent­schei­dung über die For­de­rung auf Ersatz des imma­te­ri­el­len Scha­dens und die Höhe des Ersat­zes berück­sich­tigt das Gericht die Bedeu­tung des ver­letz­ten Rechts­gu­tes und den Zweck, dem die­ser Ersatz dient; es berück­sich­tigt aber auch, dass dadurch nicht Bestre­bun­gen begüns­tigt wer­den, die mit dem Wesen und dem gesell­schaft­li­chen Zweck des Anspruchs nicht ver­ein­bar sind."

Die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Norm sind dem Grun­de nach erfüllt, wenn der Unfall­geg­ner für den Unfall und den Kör­per­scha­den des Klä­gers zu haf­ten hat. Die Beklag­te haf­tet hier­für wie der bei ihr ver­si­cher­te Unfall­geg­ner nach Maß­ga­be der auch hin­sicht­lich des Nicht­ver­mö­gens­scha­dens und sei­nes Ersat­zes gel­ten­den Regeln des ser­bi­schen Rechts.

In recht­li­cher Hin­sicht ist zu unter­schei­den zwi­schen den fest­ge­stell­ten Schmerz­zu­stän­den und ihren Fol­gen für die Lebens­qua­li­tät des Klä­gers und nicht gesi­cher­ten, sub­jek­ti­ven Emp­fin­dun­gen des Klä­gers, die. als "Hypo­chon­drie" oder als "unfall­neu­ro­ti­sche", sub­jek­tiv nicht bewäl­tig­te Fol­gen beschrie­ben wer­den kön­nen. Letz­te­re Aspek­te lässt das ser­bi­sche Recht nicht ins Gewicht für die Bemes­sung von Schmer­zens­geld fal­len. Fer­ner ist der Ver­lust an Akti­vi­täts­mög­lich­kei­ten zu berück­sich­ti­gen, wofür auch die ein­ge­tre­te­ne dau­er­haf­te Inva­li­di­tät und die Min­de­rung der Erwerbs­fä­hig­keit zu berück­sich­ti­gen sind.

Auch ein deut­sches Gericht hat für die Bemes­sung von Schmer­zens­geld nach ser­bi­schem Recht im Grund­satz die dor­ti­ge Bemes­sungs­pra­xis zugrun­de zu legen; im Sin­ne abschlie­ßen­der Bewer­tung kann es frei­lich, wenn der Hei­lungs- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess nach dem Unfall sich ins­ge­samt im Inland voll­zo­gen hat und Dau­er­fol­gen mit Unbill­cha­rak­ter hier den Ver­letz­ten belas­ten, eine gewis­se vor­sich­ti­ge Anpas­sung an inlän­di­sche Bemes­sungs­grö­ßen vor­neh­men 1.

Es ist des­halb zunächst zu berück­sich­ti­gen, dass die in Ser­bi­en zuge­bil­lig­ten Schmer­zens­geld­zah­lun­gen stets grund­sätz­lich nied­ri­ger aus­fal­len als im Inland, das durch höhe­ren Lebens­stan­dard, höhe­re Ein­künf­te und dem­ge­mäß durch gestei­ger­te Anfor­de­run­gen an die Kom­pen­sa­ti­on erlit­te­ner Unbill gekenn­zeich­net ist. Die Grö­ßen­ord­nun­gen der in Ser­bi­en wie in den ande­ren Staa­ten in der Nach­fol­ge Jugo­sla­wi­ens zuer­kann­ten Schmer­zens­gel­der lie­gen deut­lich unter den hie­si­gen Sum­men und Ren­ten­leis­tun­gen. Im Schrift­tum wird berich­tet, dass als höchs­te Zah­lung bis­lang eine Zah­lung fest­ge­setzt wor­den, die umge­rech­net etwa 50.000 € ent­sprach, aller­dings in einem Fall mit erheb­lich stär­ke­ren Ver­let­zungs­fol­gen als im vor­lie­gen­den Fall 2.

Der vor­lie­gen­de Fall ist hin­ge­gen nicht als schwe­rer, son­dern als Fall mit mitt­le­rer Ver­let­zungs­schwe­re ein­zu­ord­nen. Die erheb­li­che Wir­bel­säu­len­ver­let­zung des Klä­gers konn­te ope­ra­tiv beho­ben wer­den.

Nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen H gibt es aus der ser­bi­schen Recht­spre­chung nur Ein­zel­fall­ent­schei­dun­gen; eine Schmer­zens­geld­ta­bel­le hat sich bis­lang noch nicht aus­ge­prägt. Es besteht zwar in der neue­ren Zeit eine durch­aus reich­hal­ti­ge Judi­ka­tur, des Obers­ten Gerichts von Ser­bi­en wie auch der Unter­ge­rich­te der ver­schie­de­nen Stu­fen und aus den ver­schie­de­nen Regio­nen und Pro­vin­zen des heu­ti­gen Staa­tes, eine stets auf­ein­an­der abge­stimm­te Pra­xis in der Bewer­tung des imma­te­ri­el­len Scha­dens und in der Zumes­sung des geld­li­chen Aus­gleichs (Schmer­zens­geld) ist aber nicht erkenn­bar.

Ent­schei­dun­gen aus den Jah­ren ab 2000 haben Ent­schä­di­gung für ein­fa­che­re und mitt­le­re Ver­let­zungs­fol­gen aus Ver­kehrs­un­fäl­len durch Schmer­zens­gel­der von 7.000 Dinar bis 30.000 Dinar fest­ge­setzt; höhe­re Beträ­ge, die bei erheb­li­che­ren Schä­den zu fin­den waren, lie­gen bei 180.000 Dinar oder 100.000 Dinar. Der höchs­te Betrag, den der Sach­ver­stän­di­ge H ermit­teln konn­te, beträgt 900.000 Dinar. Bei dem Ver­gleich der Urtei­le mit­ein­an­der sind aller­dings die erheb­li­chen Kurs­un­ter­schie­de der Wäh­rung zu berück­sich­ti­gen. Bei schlich­ter Umrech­nung in € ohne Berück­sich­ti­gung der Lebens­stan­dard­pa­ri­tä­ten erge­ben die Ent­schei­dun­gen €wer­te von heu­te 1.000 € bis 10.000 €.

Wie die genann­ten Sum­men in den berich­te­ten Ent­schei­dun­gen durch die dor­ti­gen Gerich­te fest­ge­legt wur­den, beruht nicht auf irgend­wel­cher Sys­te­ma­ti­sie­rung oder auf der Anwen­dung von Regel­sät­zen oder der Beach­tung von Pra­xista­bel­len oder von Prä­ju­di­zi­en aus der Recht­spre­chung, jeden­falls wird die Bezug­nah­me auf ande­re Gerichts­ent­schei­dun­gen in den zugäng­lich gewor­de­nen Ent­schei­dun­gen nicht offen gelegt. Die gericht­li­che Ein­zel­wür­di­gung ist prä­gend, sie kann auch zu regio­nal unter­schied­li­cher Bewer­tung füh­ren. Für die Ein­zel­fall­wür­di­gung wird die ärzt­li­che Begut­ach­tung zum Ansatz­punkt genom­men, ent­schie­den wird dann aber nach eige­nem rich­ter­li­chem Ermes­sen.

Von den bei­zieh­ba­ren Ent­schei­dun­gen ser­bi­scher Gerich­te ist am ehes­ten ver­gleich­bar eine Ent­schei­dung des Appel­la­ti­ons­ge­richts Kra­gu­je­vac vom 02.03.2010, Akten­zei­chen 1802/​10. Der dor­ti­ge Ver­letz­te war beim Ent­la­den eines LKW durch einen auf den LKW auf­fah­ren­den Bus erheb­lich ver­letzt wor­den. Er lag etwa einen Monat im Koma, wur­de im Kran­ken­haus ope­riert, so dass der Gesund­heits­scha­den im wesent­li­chen beho­ben wer­den konn­te. Der Geschä­dig­te trug aber stän­di­ge und auf Dau­er vor­han­de­ne Beschwer­den in der Form von Stö­run­gen und Unsi­cher­heit beim Gehen und in der Fort­be­we­gung davon, Hit­zeun­ver­träg­lich­keit, Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen, Schwä­chung des kon­zen­trier­ten und logi­schen Über­le­gens. Er gerät wie­der­holt in Angst­zu­stän­de wegen des Unfalls. Die Fest­stel­lung vol­ler oder teil­wei­ser Erwerbs­un­fä­hig­keit ergibt sich aus der Begrün­dung des Urteils des Beru­fungs­ge­richts nicht. Mit zuge­mes­se­nen 300.000 Dinar – bei dama­li­gem Kurs­wert von etwa 3.000,00 € – hat das dor­ti­ge Gericht den imma­te­ri­el­len Scha­den des dor­ti­gen Geschä­dig­ten im Mit­tel­feld der Nicht­ver­mö­gens­scha­dens­fäl­le ein­ge­ord­net, weit unter­halb der schwers­ten Fäl­le, in denen heu­te mit umge­rech­net 50.000 EUR Beträ­ge zuer­kannt wer­den, die bei einem knap­pen Zehn­tel der dann hier für ent­spre­chen­de Inlands­fäl­le in Betracht gezo­ge­nen Ersatz­be­trä­ge lie­gen.

Die Ein­ord­nung als mitt­le­rer Fall wür­de der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt wohl auch erhal­ten, wür­de deut­sches Recht gel­ten. Im Ver­gleich mit ent­schie­de­nen Fäl­len von Ver­let­zun­gen der Brust- und Len­den­wir­bel­säu­le mit Ver­stei­fungs­not­wen­dig­keit und wie­der­hol­ten Kli­nik- und Reha-Auf­ent­hal­ten lie­ße sich bei Gel­tung deut­schen Rechts wohl ein Schmer­zens­geld von 15.000,00 bis 25.000,00 € fest­le­gen, was etwa einem Zwan­zigs­tel der Höchst­be­trä­ge der Pra­xis ent­spre­chen könn­te. In sol­cher Rela­ti­on zu den nach ser­bi­schem Recht mög­li­chen Höchst­be­trä­gen steht auch ein Betrag von 300.000,00 Dinar (ca. 3.000,00 €).

Da der Fall nach Maß­ga­be des inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts auf der Ebe­ne des ser­bi­schen Rechts zu ent­schei­den ist, kann dar­über hin­aus für die end­gül­ti­ge Bemes­sung eines dem Klä­ger zuzu­spre­chen­den Schmer­zens­gelds mit­be­rück­sich­tigt wer­den, dass der Klä­ger sei­ne aus dem nur zufäl­lig in Ser­bi­en gesche­he­nen Unfall erlit­te­nen Ver­let­zungs­fol­gen im Umfeld sei­nes inlän­di­schen gewöhn­li­chen Auf­ent­halts zu ver­ar­bei­ten hat­te. Das ermög­licht, für die defi­ni­ti­ve Fest­set­zung der Höhe des Ersatz­be­trags die Richt­sät­ze, die die deut­sche Pra­xis für Inlands­fäl­le mit Betei­li­gung nicht­deut­scher Ver­letz­ter ent­wi­ckelt hat, mit her­an­zu­zie­hen, um auf die­se Art und Wei­se einen sich für Ser­bi­en nach ser­bi­schem Recht erge­ben­den, für die abwei­chen­den inlän­di­schen Ver­hält­nis­se zu nied­ri­gen Ersatz­be­trag so ange­mes­sen zu erhö­hen, dass zwar nicht der Betrag eines bei einem inlän­di­schen Fall aus­zu­ur­tei­len­den Schmer­zens­gelds erreicht, aber doch eine ange­mes­se­ne Annä­he­rung bewirkt wird.

Bei der Aus­übung des Ermes­sens ist zu berück­sich­ti­gen, dass eine Behand­lung der Ver­let­zun­gen weit­ge­hend in Deutsch­land erfolg­te und die auf den Unfall zurück­zu­füh­ren­den Fol­gen ihre Aus­wir­kun­gen auf den Lebens­all­tag in Deutsch­land haben. Aus die­sen Erwä­gun­gen ergibt sich eine Ver­dop­pe­lung des Betra­ges von 3.000,00 € auf 6.000,00 €.

Land­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 8. April 2013 – 27 O 218/​09
[nicht rechts­kräf­tig – Beru­fung zum OLG Stutt­gart – 5 U 111/​13]

  1. Erman/​Hohloch, Kom­men­tar zum BGB, Art. 40 EGBGB Rdnr. 63 m.w.N.[]
  2. Neid­hart, Unfall im Aus­land Band 1 Ost­eu­ro­pa 5. Auf­la­ge 2006, Sei­te 150 Rn. 52[]