Der Kin­der­krip­pen­ver­trag – als dau­ern­des Dienst­ver­hält­nis mit fes­ten Bezü­gen

Ist der Ver­trag über die Betreu­ung eines Kin­des in einer Kin­der­krip­pe ein "dau­ern­des Dienst­ver­hält­nis mit fes­ten Bezü­gen" im Sin­ne von § 627 Abs. 1 BGB? Mit die­ser Fra­ge hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen.

Der Kin­der­krip­pen­ver­trag – als dau­ern­des Dienst­ver­hält­nis mit fes­ten Bezü­gen

Ein Kün­di­gungs­recht nach § 627 Abs. 1 BGB – wel­ches durch All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen grund­sätz­lich nicht wirk­sam abbe­dun­gen wer­den kann (§ 307 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 BGB)1 – stand dem Vater nicht zu. Denn bei dem vor­lie­gen­den Betreu­ungs­ver­trag han­delt es sich zwar um einen Dienst­ver­trag (§ 611 BGB); die Vor­aus­set­zun­gen des § 627 Abs. 1 BGB lie­gen aber nicht vor. Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob Diens­te höhe­rer Art geschul­det sind, ist der vor­lie­gen­de Betreu­ungs­ver­trag näm­lich als ein dau­ern­des Dienst­ver­hält­nis mit fes­ten Bezü­gen ein­zu­ord­nen.

Bei der nähe­ren Bestim­mung des­sen, was unter einem sol­chen Ver­hält­nis zu ver­ste­hen ist, muss neben dem Sprach­ge­brauch und der Ver­kehrs­auf­fas­sung auch der Geset­zes­zweck der Gewähr­leis­tung der per­sön­li­chen Ent­schlie­ßungs­frei­heit einer­seits und des Schut­zes des Ver­trau­ens auf Siche­rung der wirt­schaft­li­chen Exis­tenz durch eine auf Dau­er ver­ein­bar­te fes­te Ent­loh­nung ande­rer­seits maß­geb­lich berück­sich­tigt wer­den2.

Hier­nach ist es für ein dau­ern­des Dienst­ver­hält­nis nicht not­wen­dig, dass es auf unbe­stimm­te Zeit ein­ge­gan­gen wird. Viel­mehr liegt ein Dau­er­ver­hält­nis zunächst und gera­de dann vor, wenn ver­trag­lich eine bestimm­te län­ge­re Zeit fest­ge­legt wird. Aber auch eine kür­ze­re Zeit kann aus­rei­chen, wenn sich nicht aus der Art der über­tra­ge­nen Auf­ga­be (z.B. Urlaubs- oder Krank­heits­ver­tre­tung; Aus­hil­fe bei beson­de­rem Arbeits­an­fall) eine nur vor­über­ge­hen­de Ver­bin­dung ergibt, son­dern sich die Ver­pflich­tung auf stän­di­ge oder lang­fris­ti­ge Auf­ga­ben bezieht. Inso­weit kann etwa auch die Ver­ein­ba­rung einer Lauf­zeit von nur einem Jahr die Annah­me eines dau­ern­den Dienst­ver­hält­nis­ses recht­fer­ti­gen, wenn die Par­tei­en von der Mög­lich­keit und Zweck­mä­ßig­keit einer Ver­län­ge­rung aus­ge­hen3. Des­halb ste­hen auch ver­trag­li­che oder gesetz­li­che Kün­di­gungs­rech­te, bei deren Nicht­aus­übung sich die Lauf­zeit eines Ver­trags ver­län­gert, dem Bestehen eines Dau­er­dienst­ver­hält­nis­ses nicht ent­ge­gen4.

Der Begriff des dau­ern­den Dienst­ver­hält­nis­ses setzt weder eine sozia­le und wirt­schaft­li­che Abhän­gig­keit des Ver­pflich­te­ten noch – anders als § 617 Abs. 1 Satz 1 BGB – vor­aus, dass hier­durch die Arbeits­kraft des Dienst­ver­pflich­te­ten voll­stän­dig oder über­wie­gend in Anspruch genom­men wird5. Jedoch muss die Tätig­keit ein gewis­ses Gewicht haben. Inso­weit ist es im Regel­fall erfor­der­lich, dass das Dienst­ver­hält­nis die sach­li­chen und per­sön­li­chen Mit­tel des Dienst­ver­pflich­te­ten nicht nur uner­heb­lich bean­sprucht6. Durch die gesetz­li­che Rege­lung soll das Ver­trau­en des Dienst­ver­pflich­te­ten geschützt wer­den, dass ihm auf län­ge­re Sicht bestimm­te, von vorn­her­ein fest­ge­leg­te Beträ­ge in einem Umfang zuflie­ßen, wel­che (mit) die Grund­la­ge sei­nes wirt­schaft­li­chen Daseins bil­den kön­nen. Des­halb bedarf es der Fest­le­gung einer Regel­ver­gü­tung, mit der ein in einem dau­ern­den Ver­trags­ver­hält­nis ste­hen­der Dienst­ver­pflich­te­ter als nicht uner­heb­li­chen Bei­trag zur Siche­rung sei­ner wirt­schaft­li­chen Exis­tenz rech­nen und pla­nen darf7. In die­sem Fall genießt das Ver­trau­en des Dienst­ver­pflich­te­ten auf sei­ne Exis­tenz­si­che­rung Vor­rang vor dem Schutz der Ent­schlie­ßungs­frei­heit des Dienst­be­rech­tig­ten.

Der Betreu­ungs­ver­trag ist auf eine Dau­er ange­legt, die im hier ent­schie­de­nen Fall bis zum Ablauf des Monats reicht, der dem drit­ten Geburts­tag des Kin­des folgt, im vor­lie­gen­den Fall also auf eine Lauf­zeit von zwei Jah­ren. Ver­trag­li­che oder gesetz­li­che Kün­di­gungs­rech­te, bei deren Nicht­aus­übung sich die Lauf­zeit eines Ver­trags ver­län­gert, ste­hen der Annah­me eines Dau­er­dienst­ver­hält­nis­ses nicht ent­ge­gen. Auch stellt sich ange­sichts der über­schau­ba­ren Zahl der in der Kin­der­krip­pe betreu­ten Klein­kin­der und der zum Eltern­bei­trag hin­zu­tre­ten­den kind­be­zo­ge­nen För­de­rung durch kom­mu­na­le und staat­li­che Leis­tun­gen (s. Art. 18 ff des Baye­ri­schen Kin­der­bil­dungs- und betreu­ungs­ge­set­zes – Bay­Ki­BiG8; §§ 18 ff der Ver­ord­nung zur Aus­füh­rung des Baye­ri­schen Kin­der­bil­dungs- und betreu­ungs­ge­set­zes – AVBay­Ki­BiG9) die regel­mä­ßi­ge monat­li­che Betreu­ungs­ver­gü­tung von ins­ge­samt 530 € (ein­schließ­lich Ver­pfle­gungs- und Pfle­ge­mit­tel­pau­scha­le) als ein von vorn­her­ein fest­ge­leg­ter Betrag dar, der einen Umfang erreicht, wel­cher (mit) die Grund­la­ge des wirt­schaft­li­chen Daseins der Kin­der­krip­pe bil­den kann. Inso­fern ist ein Ver­trag über die Betreu­ung eines Klein­kin­des in einer Kin­der­krip­pe nicht anders zu beur­tei­len als ein Inter­nats-10 oder ein Pri­vat­schul­ver­trag11.

Im hier ent­schie­de­nen Fall ver­neint der Bun­des­ge­richt­hof sodann auch einen Grund für eine frist­lo­se Kün­di­gung nach § 626 BGB:

Nach § 626 Abs. 1 BGB ist ein wich­ti­ger Grund gege­ben, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund derer dem Kün­di­gen­den unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les und unter Abwä­gung der Inter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Dienst­ver­hält­nis­ses bis zum Ablauf der Kün­di­gungs­frist oder bis zu der ver­ein­bar­ten Been­di­gung des Dienst­ver­hält­nis­ses nicht zuge­mu­tet wer­den kann. Hier­für trifft den Kün­di­gen­den die Dar­le­gungs- und Beweis­last12.

Dass ein Klein­kind nach Auf­nah­me in eine Kin­der­krip­pe Unwohl­sein und Schlaf­schwie­rig­kei­ten zeigt, ist in einer Ein­ge­wöh­nungs­pha­se – zumal an deren Beginn – ver­brei­tet und fällt grund­sätz­lich in den Risi­ko­be­reich der Eltern, vor­lie­gend in den des Vaters13.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Febru­ar 2016 – III ZR 126/​15

  1. s. dazu etwa BGH, Urtei­le vom 05.11.1998 – III ZR 226/​97, NJW 1999, 276, 277; vom 19.05.2005 – III ZR 437/​04, NJW 2005, 2543; vom 09.06.2005 – III ZR 436/​04, NZBau 2005, 509, 511; vom 08.10.2009 – III ZR 93/​09, NJW 2010, 150, 151 f Rn.19, 23; und vom 09.06.2011 – III ZR 203/​10, BGHZ 190, 80, 88 f Rn. 21; BGH, Urteil vom 11.02.2010 – IX ZR 114/​09, NJW 2010, 1520, 1522 Rn. 25 ff mwN; a.A. wohl AG Bre­men, NJW-RR 1987, 1007 []
  2. BGH, Urtei­le vom 22.09.2011 – III ZR 95/​11, NJW 2011, 3575, 3576 Rn. 12; und vom 13.11.2014 – III ZR 101/​14, NJW-RR 2015, 686, 688 Rn.19, jeweils mwN []
  3. BGH, Urteil vom 13.11.2014 aaO Rn.20 mwN; BGH, Urtei­le vom 08.03.1984 – IX ZR 144/​83, BGHZ 90, 280, 282; vom 28.02.1985 – IX ZR 92/​84, NJW 1985, 2585; und vom 19.11.1992 – IX ZR 77/​92, NJW-RR 1993, 374 []
  4. BGH, Urteil vom 13.11.2014 aaO []
  5. BGH, Urtei­le vom 22.09.2011 aaO Rn. 13; und vom 13.11.2014 aaO Rn. 21; BGH, Urteil vom 08.03.1984 aaO S. 282 f []
  6. BGH, Urtei­le vom 22.09.2011 aaO; und vom 13.11.2014 aaO []
  7. s. BGH, Urtei­le vom 22.09.2011 aaO; und vom 13.11.2014 aaO; vgl. auch BGH, Urteil vom 11.02.2010 aaO S. 1521 Rn.20 []
  8. vom 08.07.2005, GVBl.2005, 236 []
  9. vom 05.12 2005, GVBl.2005, 633 []
  10. s. dazu BGH, Urteil vom 28.02.1985 aaO []
  11. s. dazu BGH, Urteil vom 17.01.2008 – – III ZR 74/​07, BGHZ 175, 102, 106 Rn. 13 mwN; vgl. auch BGH, Urteil vom 08.03.1984 aaO [betref­fend einen Direkt­schul­ver­trag mit einer Dol­met­scher- und Kor­re­spon­den­ten­schu­le] []
  12. s. etwa BGH, Urteil vom 05.04.1990 – IX ZR 16/​89, NJW-RR 1990, 1330, 1331 []
  13. vgl. BGH, Urtei­le vom 24.05.1984 aaO; und vom 28.02.1985 aaO S. 2585 f []