Der unwirk­sa­me Pro­zess­ver­gleich

Der Rechts­streit, in dem ein unwirk­sa­mer Pro­zess­ver­gleich geschlos­sen wur­de, ist nur dann fort­zu­set­zen, wenn eine Par­tei die Wirk­sam­keit des Pro­zess­ver­gleichs angreift und damit des­sen pro­zess­be­en­di­gen­de Wir­kung in Fra­ge stellt. Dem­entspre­chend ist eine neue Kla­ge, die den Streit­ge­gen­stand des ursprüng­li­chen Rechts­streits umfasst, zuläs­sig, wenn die Par­tei­en die Been­di­gung des Ursprungs­rechts­streits durch den Ver­gleich nicht in Fra­ge stel­len 1. Der Ein­wand, auf­grund der Unwirk­sam­keit eines Pro­zess­ver­gleichs müs­se das Ursprungs­ver­fah­ren fort­ge­setzt wer­den, ist eine ver­zicht­ba­re pro­zes­sua­le Rüge, die grund­sätz­lich vor Beginn der Ver­hand­lung zur Haupt­sa­che bzw. im Rah­men einer vom Gericht gesetz­ten Kla­ge­er­wi­de­rungs­frist vor­zu­brin­gen ist.

Der unwirk­sa­me Pro­zess­ver­gleich

Die pro­zess­be­en­di­gen­de Wir­kung eines Ver­gleichs ist mit­hin nicht von Amts wegen unab­hän­gig davon zu prü­fen, ob die Par­tei­en die Been­di­gung des Ursprungs­rechts­streits in Fra­ge stel­len.

Die Rechts­hän­gig­keit einer Streit­sa­che durch einen Pro­zess­ver­gleich nur ent­fal­len kann, wenn die pro­zes­sua­len Form­vor­schrif­ten (§ 160 Abs. 3 Nr. 1, § 162 Abs. 1 Satz 1 und Satz 3, § 163 ZPO) ein­ge­hal­ten wer­den. Das folgt aus der Dop­pel­na­tur des Pro­zess­ver­glei­ches als einer­seits mate­ri­ell­recht­li­ches Rechts­ge­schäft und ande­rer­seits Pro­zess­hand­lung 2. Der dem­entspre­chend anzu­wen­den­de § 162 Abs. 1 ZPO ver­langt, dass das den Ver­gleichs­schluss ent­hal­ten­de Pro­to­koll den Betei­lig­ten vor­zu­le­sen oder zur Durch­sicht vor­zu­le­gen und von die­sen zu geneh­mi­gen ist. Die Ein­hal­tung die­ser Förm­lich­kei­ten muss im Pro­to­koll selbst ver­merkt wer­den. Auf die­ser Grund­la­ge ent­spricht es einer ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung, dass Unter­la­gen, auf die in einem Ver­gleich Bezug genom­men wird, als Anla­ge zum Pro­to­koll zu neh­men, vor­zu­le­sen und von den Par­tei­en zu geneh­mi­gen sind. Bei Nicht­ein­hal­tung die­ser Förm­lich­kei­ten genü­ge der Ver­gleich nicht den pro­zes­sua­len Vor­aus­set­zun­gen, sei des­halb unwirk­sam und been­de den Rechts­streit nicht 3. Ob die­ser Auf­fas­sung zu fol­gen ist, kann dahin­ste­hen. Dahin­ste­hen kann auch, ob der Ver­gleich unab­hän­gig davon wirk­sam ist.

Das Gericht hat nicht unab­hän­gig vom Par­tei­wil­len von Amts wegen zu prü­fen, ob durch den tat­säch­lich erfolg­ten Ver­gleichs­schluss die Rechts­hän­gig­keit des Ursprungs­pro­zes­ses ent­fal­len ist.

Es ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass das Ver­fah­ren, in dem der Pro­zess­ver­gleich geschlos­sen wur­de, nur dann fort­zu­set­zen ist, wenn die Wirk­sam­keit des Pro­zess­ver­gleichs ange­grif­fen und damit sei­ne den Pro­zess been­di­gen­de Wir­kung in Fra­ge gestellt wird. Dem­entspre­chend ist eine neue Kla­ge, die den Streit­ge­gen­stand des ursprüng­li­chen Rechts­streits umfasst, dann zuläs­sig, wenn die Par­tei­en die Been­di­gung des Ursprungs­rechts­streits durch den Ver­gleich nicht in Fra­ge stel­len 4. Die­se Recht­spre­chung fin­det in der Lite­ra­tur unein­ge­schränk­te Zustim­mung 5. Soweit die Revi­si­on meint, die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sei dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass das Ursprungs­ver­fah­ren jeden­falls dann fort­ge­führt wer­den müs­se, wenn die pro­zes­sua­len Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt sei­en, ist das unzu­tref­fend. Den Par­tei­en steht es frei, über­ein­stim­mend einen Zivil­pro­zess als durch Ver­gleich been­det anzu­se­hen unab­hän­gig davon, ob die­ser wegen pro­zes­sua­ler oder mate­ri­ell­recht­li­cher Män­gel unwirk­sam ist. Eine Dif­fe­ren­zie­rung danach, auf wel­cher recht­li­chen Grund­la­ge die Unwirk­sam­keit des Ver­gleichs beruht, ist nicht gerecht­fer­tigt.

Solan­ge die Par­tei­en die Been­di­gung des Ursprungs­rechts­streits durch den im Vor­pro­zess geschlos­se­nen Ver­gleich nicht in Fra­ge stel­len, ist es dem Gericht ver­wehrt, den Ver­gleich einer Über­prü­fung zu unter­zie­hen.

Soll­te die Beklag­te in der neu­en Ver­hand­lung die Rechts­wirk­sam­keit des Ver­gleichs mit dem Ziel in Fra­ge stel­len, den Ursprungs­rechts­streit fort­zu­set­zen, dürf­te die­se Rüge nach § 282 Abs. 3, § 296 Abs. 3, § 532 Satz 2 ZPO nicht mehr zuzu­las­sen sein. Bei dem Ein­wand der Unwirk­sam­keit des Ver­gleichs han­delt es sich um eine ver­zicht­ba­re pro­zes­sua­le Rüge, die grund­sätz­lich vor Beginn der Ver­hand­lung zur Haupt­sa­che bzw. im Rah­men einer vom Gericht gesetz­ten Kla­ge­er­wi­de­rungs­frist vor­zu­brin­gen ist.

Dem­entspre­chend besteht jetzt für die Beklag­te zudem grund­sätz­lich kei­ne Mög­lich­keit mehr, im Ursprungs­ver­fah­ren wegen einer Unwirk­sam­keit des Ver­gleichs die Fort­set­zung der münd­li­chen Ver­hand­lung zu bean­tra­gen. Denn das Ursprungs­ver­fah­ren ist nach dem in der Ver­hand­lung zur Haupt­sa­che in die­sem Rechts­streit zum Aus­druck kom­men­den über­ein­stim­men­den Wil­len der Par­tei­en end­gül­tig been­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Novem­ber 2013 – VII ZR 48/​12

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 29.07.1999 – III ZR 272/​98, BGHZ 142, 253, 254; Urteil vom 04.05.1983 – VIII ZR 94/​82, BGHZ 87, 227, 230; Urteil vom 22.12.1982 – V ZR 89/​80, BGHZ 86, 184, 187[]
  2. BGH, Urteil vom 10.03.1955 – II ZR 201/​53, BGHZ 16, 388, 390; Urteil vom 18.06.1999 – V ZR 40/​98, BGHZ 142, 84, 88; Beschluss vom 04.07.2007 – XII ZB 14/​07, NJW-RR 2007, 1451 Rn. 7; Groth in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 162 Rn. 8; Münz­berg in Stein/​Jonas, aaO, § 794 Rn. 29[]
  3. OLG Hamm, BauR 2000, 1231, 1232; OLG Naum­burg, Beschluss vom 28.11.2001 – 5 W 101/​01; HkZPO/​Kindl, 5. Aufl., § 794 Rn. 11; Musielak/​Lackmann, ZPO, 10. Aufl., § 794 Rn. 10; Zöller/​Stöber, ZPO, 30. Aufl., § 794 Rn. 9; Münch­Komm-ZPO/­Wolfs­tei­ner, 4. Aufl., § 794 Rn. 36[]
  4. BGH, Urteil vom 29.07.1999 – III ZR 272/​98, BGHZ 142, 253, 254; Urteil vom 04.05.1983 – VIII ZR 94/​82, BGHZ 87, 227, 230; Urteil vom 22.12.1982 – V ZR 89/​80, BGHZ 86, 184, 187 f.; Urteil vom 15.04.1964 – Ib ZR 201/​62, BGHZ 41, 310, 311; Urteil vom 29.09.1958 – VII ZR 198/​57, BGHZ 28, 171; vgl. Urteil vom 29.06.1978 – IX ZR 151/​74, MDR 1978, 1019[]
  5. Münz­berg in Stein/​Jonas, aaO, § 794 Rn. 58; Münch­Komm-ZPO/­Wolfs­tei­ner, aaO, § 794 Rn. 76 f.; Musielak/​Lackmann, aaO, § 794 Rn. 21; Zöller/​Stöber, aaO, § 794 Rn. 15a; Prütting/​Gehrlein/​Scheuch, ZPO, 5. Aufl., § 794 Rn. 24; Sei­ler in Thomas/​Putzo, ZPO, 34. Aufl., § 794 Rn. 36; HkZPO/​Kindl, 5. Aufl., § 794 Rn.20[]