Die kon­kret in Bezug genom­me­ne Anla­ge – und ihre Nicht­be­rück­sich­ti­gung durch das Gericht

Gerich­te sind nicht ver­pflich­tet, umfang­rei­che unge­ord­ne­te Anla­gen­kon­vo­lu­te von sich aus durch­zu­ar­bei­ten, um so die erho­be­nen Ansprü­che zu kon­kre­ti­sie­ren.

Die kon­kret in Bezug genom­me­ne Anla­ge – und ihre Nicht­be­rück­sich­ti­gung durch das Gericht

Nimmt der Klä­ger zur Sub­stan­ti­ie­rung sei­nes Anspruchs aller­dings auf eine aus sich her­aus ver­ständ­li­che (und im hier ent­schie­de­nen Streit­fall nicht ein­mal eine Sei­te umfas­sen­de) Dar­stel­lung in den Anla­gen kon­kret Bezug und ver­langt die Berück­sich­ti­gung der in Bezug genom­me­nen Anla­ge vom Tatrich­ter kei­ne unzu­mut­ba­re Such­ar­beit, so liegt eine sol­che Fall­ge­stal­tung nicht vor 1.

In der unter­blie­be­nen Berück­sich­ti­gung einer kon­kret in Bezug genom­me­nen Anla­ge kann ein Gehörs­ver­stoß lie­gen.

Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Dadurch soll sicher­ge­stellt wer­den, dass die Ent­schei­dung frei von Ver­fah­rens­feh­lern ergeht, die ihren Grund in unter­las­se­ner Kennt­nis­nah­me und Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Sach­vor­trags einer Par­tei haben 2. Lässt ein Gericht den Vor­trag einer Par­tei unbe­rück­sich­tigt, ohne dass dies im Pro­zess­recht eine Stüt­ze fin­det, ver­letzt es damit deren Recht auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs 3.

Zwar trifft es zu, dass Gerich­te nicht ver­pflich­tet sind, umfang­rei­che unge­ord­ne­te Anla­gen­kon­vo­lu­te von sich aus durch­zu­ar­bei­ten, um so die erho­be­nen Ansprü­che zu kon­kre­ti­sie­ren 4. Auch kann erfor­der­li­cher Sach­vor­trag nicht durch die blo­ße Vor­la­ge von Anla­gen ersetzt wer­den 5.

Um sol­che Fall­ge­stal­tun­gen ging es im hier Streit­fall aber offen­sicht­lich nicht. Die von der Mut­ter der Klä­ge­rin im Zusam­men­hang mit dem gel­tend gemach­ten Haus­halts­füh­rungs­scha­den auf nicht ein­mal einer Sei­te erstell­te Dar­stel­lung des Tages­ab­laufs der Klä­ge­rin vor dem Unfall, die der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin vor­ge­legt und zur Sub­stan­ti­ie­rung des gel­tend gemach­ten Haus­halts­füh­rungs­scha­dens in der Beru­fungs­be­grün­dung kon­kret in Bezug genom­men hat, ist aus sich her­aus ver­ständ­lich und ver­langt vom Tatrich­ter kei­ne unzu­mut­ba­re Such­ar­beit.

Es wäre eine durch nichts zu recht­fer­ti­gen­de För­me­lei, woll­te man den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten für ver­pflich­tet hal­ten, die Auf­stel­lung abschrei­ben zu las­sen, um sie in den Schrift­satz selbst zu inte­grie­ren 6.

Die­ser Gehörs­ver­stoß war ent­schei­dungs­er­heb­lich. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt auf der Grund­la­ge der in Anla­ge K09 ent­hal­te­nen Auf­stel­lung ggf. nach im Rah­men von § 139 Abs. 1 ZPO gebo­te­ner kon­kre­ter Ergän­zungs­fra­gen zum Ergeb­nis gelangt wäre, bei dem von der Klä­ge­rin geführ­ten Haus­halt hand­le es sich um einen nor­ma­len Haus­halts­typ ohne Anhalt für Beson­der­hei­ten, sich infol­ge­des­sen im Rah­men sei­nes Schät­zungs­er­mes­sens für den Umfang der vor dem Unfall ange­fal­le­nen Haus­halts­tä­tig­keit wie zuläs­sig 7 auf ein aner­kann­tes Tabel­len­werk gestützt hät­te und damit letzt­lich zum Ergeb­nis gelangt wäre, dass der Haus­halts­füh­rungs­scha­den noch nicht voll­stän­dig aus­ge­gli­chen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Okto­ber 2018 – VI ZR 213/​17

  1. Fort­füh­rung BGH, Urteil vom 17.07.2003 – I ZR 295/​00, NJW-RR 2004, 639, 640[]
  2. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschluss vom 24.04.2018 – VI ZB 48/​17, MDR 2018, 883 Rn. 6[]
  3. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 06.02.2014 – VII ZR 160/​12, NJW-RR 2014, 456 Rn. 12, mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 17.07.2003 – I ZR 295/​00, NJW-RR 2004, 639, 640[]
  5. BGH, Urteil vom 26.04.2016 – VI ZR 50/​15, NJW 2016, 3092 Rn. 23[]
  6. vgl. BGH aaO[]
  7. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 22.05.2012 – VI ZR 157/​11, NJW 2012, 2024 Rn. 21; und vom 03.02.2009 – VI ZR 183/​08, NJW 2009, 2060 Rn. 5[]