Die nicht unter­schrie­be­ne Beru­fungs­be­grün­dung

Ein Rechts­an­walt darf ein­fa­che Ver­rich­tun­gen wie die Kon­trol­le der Unter­schrifts­leis­tung in Schrift­sät­zen vor deren Ver­sen­dung einer ent­spre­chend geschul­ten und zuver­läs­si­gen Büro­kraft über­tra­gen 1 und ist im All­ge­mei­nen auch nicht ver­pflich­tet, sich im Ein­zel­fall über die ord­nungs­ge­mä­ße Aus­füh­rung einer durch all­ge­mei­ne Wei­sung danach zuläs­si­ger­wei­se einer Büro­kraft über­tra­ge­nen Auf­ga­be zu ver­ge­wis­sern 2.

Die nicht unter­schrie­be­ne Beru­fungs­be­grün­dung

Die­ser Grund­satz gilt aller­dings nicht, wenn weil dem sach­be­ar­bei­ten­den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bei der Mit­tei­lung, dass die Fris­tan­ge­le­gen­heit erle­digt sei, hät­te auf­fal­len müs­sen, dass er die Beru­fungs­be­grün­dung nicht selbst unter­schrie­ben hat­te.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall einer vom Beru­fungs­ge­richt ver­sag­ten Wie­der­ein­set­zung hat­te der Rechts­an­walt dem ent­ge­gen gehal­ten, dass es in sei­ner Kanz­lei stän­di­ge Übung gewe­sen sei, dass Schrei­ben, ins­be­son­de­re auch frist­ge­bun­de­ne Eil­sa­chen wie Beru­fungs­be­grün­dun­gen, gege­be­nen­falls trotz Anwe­sen­heit des Sach­be­ar­bei­ters durch einen ande­ren Rechts­an­walt unter­schrie­ben wür­den, nach­dem der sach­be­ar­bei­ten­de Anwalt die ange­wie­se­ne Aus­fer­ti­gung zuvor inhalt­lich am PC über­prüft habe, so dass der Unter­zeich­ner sich auf die­se Prü­fung ver­las­sen kön­ne.

Der Bun­des­ge­richts­hof ließ dies jedoch nicht gel­ten:

Es hät­te viel­mehr zur schlüs­si­gen Dar­le­gung eines feh­len­den Ver­schul­dens gehört mit­zu­tei­len, war­um der sach­be­ar­bei­ten­de Rechts­an­walt von einer ord­nungs­ge­mä­ßen Unter­zeich­nung der Beru­fungs­be­grün­dung hät­te aus­ge­hen dür­fen, obwohl ein Ver­tre­tungs­fall – z.B. infol­ge von Abwe­sen­heit – nicht vor­lag. Dies lag ohne wei­te­ren Vor­trag schon des­halb nicht auf der Hand, weil die Beru­fungs­be­grün­dung als bestim­men­der Schrift­satz die Unter­schrift des für sie ver­ant­wort­lich Zeich­nen­den tra­gen muss, was im Anwalts­pro­zess unter ande­rem vor­aus­setzt, dass die Beru­fungs­be­grün­dung von einem dazu bevoll­mäch­tig­ten und bei dem Pro­zess­ge­richt zuge­las­se­nen Rechts­an­walt nach eigen­ver­ant­wort­li­cher Prü­fung geneh­migt und unter­schrie­ben sein muss 3. Mit den Rege­lun­gen über den Anwalts­zwang (§ 78 Abs. 1 ZPO) und über den not­wen­di­gen Inhalt einer Beru­fungs­be­grün­dung (§ 520 Abs. 3 ZPO) soll erreicht wer­den, dass ein mit dem Ver­fah­ren ver­trau­ter Rechts­an­walt dem Gericht und dem Geg­ner den Sach­ver­halt unter bestimm­ter Bezeich­nung der im Ein­zel­nen anzu­füh­ren­den Anfech­tungs­grün­de nach per­sön­li­cher Durch­ar­bei­tung des Pro­zess­stof­fes vor­trägt. Die Beru­fungs­be­grün­dung muss des­halb Ergeb­nis der geis­ti­gen Arbeit des Beru­fungs­an­walts sein. Erfor­der­lich ist, dass der unter­zeich­nen­de Anwalt die Beru­fungs­be­grün­dung selb­stän­dig prüft und auf­grund der Prü­fung die vol­le Ver­ant­wor­tung für den Schrift­satz über­nimmt 4. Eine nur "for­mel­le Unter­schrift" genügt nicht 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Febru­ar 2014 – IV ZB 30/​12

  1. BGH, Beschlüs­se vom 19.02.2009 – V ZB 168/​08 12; vom 12.12 1984 IVb ZB 103/​84, VersR 1985, 285 unter 2[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 08.01.2013 – VI ZB 52/​12, iuris Rn. 8; vom 27.04.2010 – VIII ZB 84/​09, NJW-RR 2010, 1076 Rn. 11[]
  3. BGH, Beschluss vom 25.09.2012 – VIII ZB 22/​12, NJW 2013, 237 Rn. 9[]
  4. BGH, Beschluss vom 24.01.2008 – IX ZB 258/​05, NJW 2008, 1311 Rn. 5 m.w.N.[]
  5. BGH, Urteil vom 31.03.2003 – II ZR 192/​02, VersR 2004, 487 unter II 1[]