Die Zustel­lung eines Ver­säum­nis­ur­teils

Nach der bis zum 30.06.2014 gel­ten­den Rechts­la­ge muss­te gemäß § 317 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 4 ZPO auch ein Ver­säum­nis­ur­teil in Form einer Aus­fer­ti­gung der unter­lie­gen­den Par­tei zuge­stellt wer­den. Die Zustel­lung einer beglau­big­ten oder ein­fa­chen Abschrift genüg­te hin­ge­gen nicht, um die Rechts­mit­tel­frist in Gang zu set­zen1.

Die Zustel­lung eines Ver­säum­nis­ur­teils

Eine Aus­fer­ti­gung ist eine in gesetz­lich bestimm­ter Form gefer­tig­te Abschrift, die dem Zweck dient, die bei den Akten ver­blei­ben­de Urschrift nach außen zu ver­tre­ten. Durch die Aus­fer­ti­gung soll dem Zustel­lungs­emp­fän­ger die Gewähr der Über­ein­stim­mung mit der bei den Akten ver­blei­ben­den Urteilsur­schrift gebo­ten wer­den.

Der Aus­fer­ti­gungs­ver­merk bezeugt als eine beson­de­re Art der Beur­kun­dung, dass die Aus­fer­ti­gung mit der Urschrift des Urteils über­ein­stimmt. Wegen die­ser Beson­der­heit ver­langt das Gesetz in § 317 Abs. 4 ZPO, dass die Aus­fer­ti­gung von einem Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le zu unter­schrei­ben und mit dem Gerichts­sie­gel zu ver­se­hen ist2. Mit der Unter­schrift erklärt der Urkunds­be­am­te, dass die in der Aus­fer­ti­gung wie­der­ge­ge­be­nen Tei­le des Urteils gleich­lau­tend mit denen der Urschrift sind.

Die­se Erklä­rung braucht nicht wört­lich in dem Aus­fer­ti­gungs­ver­merk ent­hal­ten zu sein. Das Gesetz sieht eine bestimm­te äuße­re Form für den Aus­fer­ti­gungs­ver­merk nicht vor. Die Urteils­ab­schrift muss aber zumin­dest durch die Unter­schrift des Urkunds­be­am­ten, das Gerichts­sie­gel oder den Dienst­stem­pel und Wor­te wie „Aus­fer­ti­gung” oder „aus­ge­fer­tigt” erken­nen las­sen, dass es sich um eine Aus­fer­ti­gung im Sin­ne des § 317 Abs. 4 ZPO han­deln soll3.

Eine Hei­lung eines hier­nach vor­lie­gen­den Zustel­lungs­man­gels kann nicht des­we­gen ange­nom­men wer­den, weil die Beklag­te per­sön­lich und ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter durch Akten­ein­sicht von dem Ver­säum­nis­ur­teil Kennt­nis erlangt haben.

Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs wird der Man­gel der unter­blie­be­nen Zustel­lung einer beglau­big­ten Abschrift einer Kla­ge­schrift durch die von der Geschäfts­stel­le des Gerichts ver­an­lass­te Über­mitt­lung einer (mit der Ori­gi­nal­ur­kun­de über­ein­stim­men­den) ein­fa­chen Abschrift die­ses Schrift­stücks gemäß § 189 ZPO geheilt4. Ob dies auch für den hier in Rede ste­hen­den Fall der unter­blie­be­nen Zustel­lung einer Urteils­aus­fer­ti­gung gilt, kann dahin­ste­hen. Jeden­falls ist nicht fest­ge­stellt, dass die Geschäfts­stel­le des Land­ge­richts der Beklag­ten oder ihrem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zumin­dest eine ein­fa­che Abschrift des Ver­säum­nis­ur­teils über­mit­telt hat und die­se mit dem Ori­gi­nal­ur­teil über­ein­stimmt.

Da im vor­lie­gen­den Fall damit das Ver­säum­nis­ur­teil der Beklag­ten nicht wirk­sam im Wege der Ersatz­zu­stel­lung zuge­stellt wor­den ist und auch Fest­stel­lun­gen zu einer wirk­sa­men öffent­li­chen Zustel­lung feh­len, hat­te die Ein­spruchs­frist bei Ein­gang des Schrift­sat­zes der Beklag­ten, mit dem sie Ein­spruch gegen das Ver­säum­nis­ur­teil ein­ge­legt hat, nicht zu lau­fen begon­nen. Der Ein­spruch , der auch schon vor Urteils­zu­stel­lung wirk­sam ein­ge­legt wer­den konn­te5, hät­te dem­nach nicht als unzu­läs­sig ver­wor­fen wer­den dür­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Juni 2019 – IV ZR 224/​18

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 27.01.2016 XII ZB 684/​14, NJW 2016, 1180 Rn. 15; vom 31.07.2013 – VIII ZB 18/​13, – VIII ZB 19/​13, NJW 2013, 3451 Rn. 6; vom 28.10.2010 – VII ZB 40/​10, VersR 2011, 93 Rn. 6; vom 09.06.2010 XII ZB 132/​09, BGHZ 186, 22 Rn. 11 ff.; jeweils m.w.N.
  2. BGH, Beschluss vom 09.06.2010 aaO Rn. 7
  3. BGH, Urteil vom 18.05.1994 – IV ZR 8/​94, VersR 1994, 1495 unter 2 b 9]; BGH, Beschlüs­se vom 28.10.2010 aaO; vom 09.06.2010 aaO Rn. 8; vom 28.11.2006 – VIII ZB 116/​05 5; jeweils m.w.N.
  4. BGH, Urteil vom 13.09.2017 – IV ZR 26/​16, NJW 2017, 3721 Rn. 17; BGH, Urtei­le vom 21.02.2019 – III ZR 115/​18, NJW 2019, 1374 Rn. 13; vom 22.12 2015 – VI ZR 79/​15, BGHZ 208, 255 Rn. 17 ff; jeweils m.w.N.
  5. vgl. Zöller/​Herget, ZPO 32. Auf­la­ge § 339 ZPO Rn. 2; RGZ 40, 390, 391 f