Justizgewährleistungsanspruch – und das Erfordernis des Rechtsschutzbedürfnisses

Mit dem Erfordernis des Rechtsschutzbedürfnisses als Einschränkung des durch Art.20 Abs. 3 GG in Verbindung mit Art. 2 Abs. 1 GG verfassungsrechtlich abgesicherten Justizgewährleistungsanspruchs soll (lediglich) verhindert werden, dass die Gerichte als Teil der Staatsgewalt unnütz oder gar unlauter bemüht werden oder ein gesetzlich vorgesehenes Verfahren zur Verfolgung zweckwidriger und insoweit nicht schutzwürdiger Ziele ausgenutzt wird1. Nur ausnahmsweise können deshalb bei Leistungsklagen besondere Umstände das Verlangen des Klägers, in die materiellrechtliche Prüfung seines Anspruchs einzutreten, als nicht schutzwürdig erscheinen lassen2.

Justizgewährleistungsanspruch – und das Erfordernis des Rechtsschutzbedürfnisses

Die gegenteilige Ansicht des Landgerichts Berlin3 verkennt, dass mit dem Erfordernis des Rechtsschutzbedürfnisses als Einschränkung des durch Art.20 Abs. 3 GG in Verbindung mit Art. 2 Abs. 1 GG verfassungsrechtlich abgesicherten Justizgewährleistungsanspruchs (lediglich) verhindert werden soll, dass die Gerichte als Teil der Staatsgewalt unnütz oder gar unlauter bemüht werden oder ein gesetzlich vorgesehenes Verfahren zur Verfolgung zweckwidriger und insoweit nicht schutzwürdiger Ziele ausgenutzt wird4. Es sollen solche Klagebegehren nicht in das Stadium der Begründetheitsprüfung gelangen, die gemessen am Zweck des Zivilprozesses ersichtlich eines staatlichen Rechtsschutzes durch eine materiellrechtliche Prüfung nicht bedürfen5. Rechtsschutz kann unter diesem rechtlichen Gesichtspunkt deshalb nur unter engen Voraussetzungen versagt werden6.

Bei Leistungsklagen wie hier ergibt sich ein Rechtsschutzbedürfnis regelmäßig schon aus der Nichterfüllung des behaupteten materiellen Anspruchs, dessen Vorliegen für die Prüfung des Interesses an seiner gerichtlichen Durchsetzung zu unterstellen ist7. Erfüllt der Schuldner einen Anspruch nicht freiwillig, ist der Gläubiger auf eine gerichtliche Entscheidung angewiesen, um den Anspruch notfalls im Wege der Zwangsvollstreckung durchsetzen zu können8. Nur ausnahmsweise können deshalb besondere Umstände das Verlangen eines Klägers, in die materiellrechtliche Prüfung seines Anspruchs einzutreten, als nicht schutzwürdig erscheinen lassen9.

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Das Landgericht Berlin hat dabei grundlegend verkannt, dass die Berechtigung des geltend gemachten materiellen Klagebegehrens von der Frage des Rechtsschutzbedürfnisses für die Klage abzugrenzen ist10 und dass der von ihm aus dem materiellen Recht hergeleitete vermeintliche Mangel eines Interesses der Klägerin an den begehrten Auskünften damit keine Frage der Zulässigkeit, sondern der Begründetheit der Klage ist11.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 23. März 2022 – VIII ZR 133/20

  1. im Anschluss an BGH, Urteile vom 05.12.1975 – I ZR 122/74, GRUR 1976, 256 unter II; vom 14.03.1978 – VI ZR 68/76, NJW 1978, 2031 unter – II 2 a; jeweils mwN[]
  2. im Anschluss an BGH, Urteile vom 25.10.2012 – III ZR 266/11, BGHZ 195, 174 Rn. 51; vom 22.08.2018 – VIII ZR 99/17, NJW-RR 2018, 1285 Rn. 10[]
  3. LG Berlin, Urteil vom 29.04.2020 64 S 95/19, ZMR 2020, 584; so auch schon LG Berlin, Beschluss vom 12.12.2017 67 S 282/17, juris; Urteil vom 09.09.2020 64 S 44/19, juris; vgl. zudem BeckOK-BGB/Schüller, Stand: 1.02.2022, § 556g Rn. 34[]
  4. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteile vom 05.12.1975 – I ZR 122/74, GRUR 1976, 256 unter II; vom 14.03.1978 – VI ZR 68/76, NJW 1978, 2031 unter – II 2 a; jeweils mwN; ebenso Wieczorek/Schütze/Assmann, ZPO, 4. Aufl., Vorb. vor § 253 Rn. 78; zur Schutzrichtung siehe auch Münch-Komm-ZPO/Becker-Eberhard, 6. Aufl., Vorb. zu § 253 Rn. 11 f.[]
  5. vgl. BGH, Urteile vom 25.10.2012 – III ZR 266/11, BGHZ 195, 174 Rn. 51; vom 04.06.2014 – VIII ZR 4/13, WuM 2014, 558 Rn. 18; vom 21.09.2017 – I ZR 58/16, WRP 2017, 1488 Rn. 37; Stein/Jonas/Roth, ZPO, 23. Aufl., Einleitung vor § 253 Rn. 133; MünchKomm-ZPO/Becker-Eberhard, aaO Rn. 11[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 14.03.1978 – VI ZR 68/76, aaO; Stein/Jonas/Roth, aaO[]
  7. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteile vom 30.09.2009 – VIII ZR 238/08, NJW 2010, 1135 Rn. 7; vom 25.10.2012 – III ZR 266/11, aaO; vom 04.06.2014 – VIII ZR 4/13, aaO Rn. 17; vom 22.08.2018 – VIII ZR 99/17, NJW-RR 2018, 1285 Rn. 10[]
  8. Wieczorek/Schütze/Assmann, aaO[]
  9. vgl. BGH, Urteile vom 25.10.2012 – III ZR 266/11, aaO; vom 22.08.2018 – VIII ZR 99/17, aaO[]
  10. vgl. Zöller/Greger, ZPO, 34. Aufl., Vor § 253 Rn. 18; Rosenberg/Schwab/Gottwald, Zivilprozessrecht, 18. Aufl., § 90 Rn. 33[]
  11. vgl. hierzu Wieczorek/Schütze/Assmann, ZPO, 4. Aufl., Vorb. vor § 253 Rn. 104 mwN[]
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  • Landgericht Berlin Llittenstraße,: Beek100