Münd­li­che Ein­zel­an­wei­sun­gen – und die Fris­ten­kon­trol­le

Erteilt der Rechts­an­walt im Rah­men der Fris­ten­kon­trol­le eine münd­li­che Ein­zel­wei­sung, so müs­sen aus­rei­chen­de Vor­keh­run­gen dage­gen getrof­fen wer­den, dass die Erle­di­gung nicht in Ver­ges­sen­heit gerät. Hier­zu genügt meist die kla­re und prä­zi­se Anwei­sung, die Erle­di­gung sofort vor­zu­neh­men.

Münd­li­che Ein­zel­an­wei­sun­gen – und die Fris­ten­kon­trol­le

Mit hier ent­schie­de­nen Fall war den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten am Tag des Frist­ab­laufs vor­mit­tags die Hand­ak­te in die­ser Sache vor­ge­legt wor­den. Dort war der Ablauf der Beru­fungs­ein­le­gungs­frist zutref­fend notiert. Da zunächst nur frist­wah­rend Beru­fung habe ein­ge­legt wer­den sol­len, hat die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te bereits am Nach­mit­tag des Vor­tags ihre Büro­vor­ste­he­rin ange­wie­sen, eine an das Land­ge­richt Köln zu adres­sie­ren­de Beru­fungs­schrift zu fer­ti­gen und zur Unter­schrift vor­zu­le­gen. Am Fol­ge­tag, als am Tag des Frist­ab­laufs, hat­te sich die Beru­fungs­schrift auch in der am Vor­mit­tag vor­ge­leg­ten Unter­schrif­ten­map­pe befun­den.

Die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te hat aller­dings erst "kurz nach Unter­zeich­nung" des Schrift­sat­zes bemerkt, dass die­se irr­tüm­lich an das unzu­stän­di­ge Ober­lan­des­ge­richt Köln adres­siert wor­den war. Sie hat nach Bemer­ken des Feh­lers ihrer Büro­vor­ste­he­rin münd­lich die Wei­sung erteilt, den an das Ober­lan­des­ge­richt gerich­te­ten Schrift­satz "zu schred­dern" und einen neu zu erstel­len­den, an das Land­ge­richt Köln gerich­te­ten Schrift­satz zur Unter­schrift vor­zu­le­gen und sodann an das Land­ge­richt per Fax zu über­mit­teln. Es ist auch ein neu­er, zutref­fend an das Land­ge­richt gerich­te­ter Schrift­satz erstellt und unter­schrie­ben wor­den. Von der ansons­ten zuver­läs­si­gen Büro­vor­ste­he­rin ist jedoch ver­se­hent­lich der an das Ober­lan­des­ge­richt Köln adres­sier­te Schrift­satz an das Ober­lan­des­ge­richt gefaxt wor­den, was sich aus dem Sen­de­be­richt von 15.26 Uhr, ergibt. Den kor­rekt an das Land­ge­richt adres­sier­ten und am Tag des Frist­ab­laufs unter­schrie­be­nen Beru­fungs­schrift­satz hat die Büro­vor­ste­he­rin – eben­falls ver­se­hent­lich – ver­nich­tet.

Das Land­ge­richt hat­te den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag zurück­ge­wie­sen und die Beru­fung als unzu­läs­sig ver­wor­fen 1. Der Bun­des­ge­richts­hof bil­lig­te dies zumin­dest im Ergeb­nis:

Das Land­ge­richt hat sei­ne Ent­schei­dung damit begrün­det, dass das nach § 85 Abs. 2 ZPO den Klä­gern zure­chen­ba­re Ver­schul­den (§ 233 Satz 1 ZPO) ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bezüg­lich der Ver­säu­mung der Beru­fungs­ein­le­gungs­frist dar­in zu sehen sei, dass in der Anwalts­kanz­lei kei­ne wirk­sa­me Aus­gangs­kon­trol­le frist­wah­ren­der Schrift­sät­ze ein­ge­rich­tet gewe­sen sei. In dem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such sei nicht dar­ge­legt wor­den, dass in der Kanz­lei eine Anwei­sung an die Ange­stell­ten bestehe, eine notier­te Frist im Fris­ten­ka­len­der erst dann zu strei­chen, wenn nach einer Über­mitt­lung per Tele­fax anhand des Sen­de­pro­to­kolls über­prüft wor­den sei, ob die Über­mitt­lung voll­stän­dig und an den rich­ti­gen Emp­fän­ger erfolgt sei.

Auf die­se Begrün­dung kann – was der Bun­des­ge­richts­hof aus­drück­lich betont – die Zurück­wei­sung des Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs bereits des­halb nicht gestützt wer­den, weil weder dar­ge­tan noch ersicht­lich ist, war­um eine funk­tio­nie­ren­de Aus­gangs­kon­trol­le im vor­lie­gen­den Fall die irr­tüm­li­che Ver­sen­dung der Beru­fungs­schrift an das unzu­stän­di­ge Ober­lan­des­ge­richt Köln ver­hin­dert und eine frist­wah­ren­de Über­mitt­lung an das zustän­di­ge Land­ge­richt gewähr­leis­tet hät­te. Eine Aus­gangs­kon­trol­le der ver­se­hent­lich an das für die Beru­fung unzu­stän­di­ge Ober­lan­des­ge­richt gerich­te­ten Beru­fungs­schrift hät­te vor­lie­gend nur erbracht, dass der Schrift­satz inner­halb offe­ner Frist an eben das Gericht (Ober­lan­des­ge­richt Köln) gefaxt wor­den ist, an das es nach der Adres­sie­rung auch über­mit­telt wer­den soll­te.

Die Zurück­wei­sung des Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs erweist sich für den Bun­des­ge­richts­hof indes aus ande­ren Grün­den als rich­tig (§ 577 Abs. 3 ZPO):

Nach dem Vor­trag in dem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such, das durch die eides­statt­li­che Ver­si­che­rung der Büro­vor­ste­he­rin in der Kanz­lei der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ger unter­legt ist, hat die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ger, kurz nach­dem sie bemerkt hat­te, dass sie den fälsch­lich an das Ober­lan­des­ge­richt adres­sier­ten Schrift­satz unter­schrie­ben hat­te, ihre Büro­vor­ste­he­rin am Vor­mit­tag des Tages des Ablaufs der Beru­fungs­frist münd­lich ange­wie­sen, den an das Ober­lan­des­ge­richt gerich­te­ten Schrift­satz "zu schred­dern" und eine neue an das zustän­di­ge Land­ge­richt adres­sier­te Beru­fungs­schrift zu fer­ti­gen, zur Unter­schrift vor­zu­le­gen und an das Land­ge­richt per Fax zu ver­sen­den. Zwar sei ein kor­rekt an das Land­ge­richt adres­sier­ter Schrift­satz vor­ge­legt und auch unter­schrie­ben wor­den; aller­dings habe die Büro­vor­ste­he­rin sodann ver­se­hent­lich die­sen Schrift­satz ver­nich­tet und den an das Ober­lan­des­ge­richt adres­sier­ten Schrift­satz am Nach­mit­tag dort­hin gefaxt.

Bei die­sem geschil­der­ten Gesche­hen trifft die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ger ein die­sen über § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den an der Ver­säu­mung der Frist zur Ein­le­gung der Beru­fung. Zwar war die Ein­zel­an­wei­sung der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten an sich geeig­net, eine frist­ge­rech­te Ver­sen­dung an das zustän­di­ge Land­ge­richt zu gewähr­leis­ten. Wird die Ein­zel­an­wei­sung eines Rechts­an­walts aber – wie hier – nur münd­lich erteilt, müs­sen aus­rei­chen­de Vor­keh­run­gen dage­gen getrof­fen wer­den, dass die Erle­di­gung nicht in Ver­ges­sen­heit gerät. Hier­zu genügt meist die kla­re und prä­zi­se Anwei­sung, die Erle­di­gung sofort vor­zu­neh­men 2. Dar­an fehlt es hier.

Die Klä­ger haben mit dem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such weder vor­ge­tra­gen, noch glaub­haft gemacht, dass ihre Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die Büro­vor­ste­he­rin ange­wie­sen habe, den an das Ober­lan­des­ge­richt gerich­te­ten Schrift­satz sofort zu ver­nich­ten und den an das Land­ge­richt gerich­te­ten Schrift­satz nach Unter­schrift sofort dort­hin zu über­mit­teln. Die Aus­füh­run­gen im Wie­der­ein­set­zungs­ge­such beschrän­ken sich viel­mehr auf die Schil­de­rung, die Büro­vor­ste­he­rin sei am Vor­mit­tag des Frist­ab­lauf­ta­ges ange­wie­sen wor­den, den an das Ober­lan­des­ge­richt gerich­te­ten Schrift­satz "zu schred­dern" und den an das Land­ge­richt gerich­te­ten Schrift­satz zu ver­sen­den. Gera­de weil eine an das unzu­stän­di­ge Gericht adres­sier­te und unter­schrie­be­ne Beru­fungs­schrift vor­lag und damit die Gefahr einer (spä­te­ren) Ver­wechs­lung der Schrift­stü­cke gege­ben war, hät­te die Anwei­sung mit dem Zusatz ver­se­hen wer­den müs­sen, den Auf­trag sofort aus­zu­füh­ren.

Die Frist­ver­säu­mung beruht auch auf dem Ver­schul­den der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ger; denn es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die Büro­vor­ste­he­rin, die erst nach­mit­tags tätig gewor­den ist, bei ord­nungs­ge­mä­ßer Anwei­sung noch im Gedächt­nis geblie­ben wäre, wel­chen Schrift­satz sie ver­nich­ten und wel­chen Schrift­satz sie ver­sen­den soll­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. April 2015 – VIII ZB 49/​14

  1. LG Köln, Beschluss vom 05.06.2014 – 10 S 80/​14[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 05.06.2013 – XII ZB 47/​10, NJW-RR 2013, 1393 Rn. 12; vom 08.02.2012 – XII ZB 165/​11 , Fam­RZ 2012, 623 Rn. 31; jeweils mwN[]