Pla­kat­samm­lung Sachs – Die ver­schol­le­ne NS-Raub­kunst

Der Eigen­tü­mer eines durch natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Unrecht ent­zo­ge­nen Kunst­werks kann die­ses nach all­ge­mei­nen zivil­recht­li­chen Vor­schrif­ten (§ 985 BGB) von dem heu­ti­gen Besit­zer her­aus­ver­lan­gen, wenn das Kunst­werk nach dem Krieg ver­schol­len war und des­halb nicht nach den Vor­schrif­ten des alli­ier­ten Rück­erstat­tungs­rechts zurück­ver­langt wer­den konn­te. Mit die­ser Begrün­dung ent­schied nun der Bun­des­ge­richts­hof, dass das Deut­sche His­to­ri­sches Muse­um die Pla­kat­samm­lung Sachs an den Erben her­aus­ge­ben muss.

Pla­kat­samm­lung Sachs – Die ver­schol­le­ne NS-Raub­kunst

Die Ent­schei­dung betrifft die kul­tur­his­to­risch wert­vol­le Pla­kat­samm­lung des jüdi­schen Zahn­arz­tes Dr. Hans Sachs, die sich heu­te im Besitz des Deut­schen His­to­ri­schen Muse­ums, einer Stif­tung Öffent­li­chen Rechts, befin­det. Das Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um ließ die Samm­lung 1938 aus der Woh­nung von Dr. Sachs in Ber­lin-Schö­ne­berg weg­neh­men. Dr. Sachs emi­grier­te Ende 1938 in die USA. Nach dem Krieg war die Samm­lung ver­schol­len. Für ihren Ver­lust bekam Dr. Sachs 1961 im Ver­gleichs­weg eine Wie­der­gut­ma­chungs­zah­lung von 225.000 DM nach dem Bun­des­rück­erstat­tungs­ge­setz. Erst spä­ter erfuhr er, dass Tei­le der Samm­lung in einem Muse­um der DDR auf­ge­taucht waren. Dr. Sachs starb 1974 und wur­de von sei­ner Frau beerbt. Sie starb 1998, ohne nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung irgend­wel­che Ansprü­che wegen der Samm­lung erho­ben zu haben. Sie wur­de von dem Klä­ger, dem Sohn von Dr. Sachs, beerbt.

Der Klä­ger ver­lang­te von dem beklag­ten Deut­schen His­to­ri­schen Muse­um zunächst die Her­aus­ga­be der zwei Pla­ka­ten "Dog­ge" und "Die blon­de Venus". Das Deut­sche His­to­ri­sche Muse­um woll­te im Wege der Wider­kla­ge fest­ge­stellt wis­sen, dass der Klä­ger nicht Eigen­tü­mer der Pla­kat­samm­lung sei, hilfs­wei­se, dass er nicht berech­tigt sei, die in ihrem Besitz befind­li­chen Pla­ka­te her­aus zu ver­lan­gen.

Das erst­in­stanz­lich mit dem Rechts­streit befass­te Land­ge­richt Ber­lin hat die Beklag­te zur Her­aus­ga­be des Pla­kats "Dog­ge" ver­ur­teilt und wei­ter­ge­hen­de Kla­ge sowie die Wider­kla­ge abge­wie­sen 1. Auf die Beru­fung des Muse­ums hat das Kam­mer­ge­richt – unter Abwei­sung aller übri­gen Anträ­ge – gemäß dem Hilfs­wi­der­kla­ge­an­trag der Beklag­ten fest­ge­stellt, dass der Klä­ger nicht berech­tigt ist, die sich im Besitz der Beklag­ten befind­li­chen Pla­ka­te aus der Samm­lung sei­nes Vaters her­aus zu ver­lan­gen 2.

Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on des Sachs-Soh­nes hat­te nun vor dem Bun­des­ge­richts­hof Erfolg, der Bun­des­ge­richts­hof stellt das erst­in­stanz­li­che Urteil des Land­ge­richts Ber­lin wie­der her. Die Her­aus­ga­be des Pla­kats "Die blon­de Venus", wel­ches nicht zwei­fels­frei der Samm­lung Sachs zuge­ord­net wer­den konn­te, hat­te der Klä­ger zuletzt nicht mehr ver­langt. Die Anschluss­re­vi­si­on des beklag­ten Deut­schen His­to­ri­schen Muse­ums, mit der die­ses den Haupt­wi­der­kla­ge­an­trag (Fest­stel­lung, dass der Klä­ger nicht Eigen­tü­mer der Pla­kat­samm­lung ist) wei­ter­ver­folgt hat­te, hat der Bun­des­ge­richts­hof zurück­ge­wie­sen. Damit ist fest­ge­stellt, dass der Klä­ger Eigen­tü­mer der Pla­kat­samm­lung ist und die­se vom Deut­schen His­to­ri­schen Muse­um her­aus­ver­lan­gen kann.

Der Bun­des­ge­richts­hof ist, wie schon in der Vor­in­stanz das Kam­mer­ge­richt, davon aus­ge­gan­gen, dass Dr. Sachs das Eigen­tum an der Pla­kat­samm­lung zu kei­ner Zeit ver­lo­ren hat. Ins­be­son­de­re ließ sich nicht fest­stel­len, dass er die Samm­lung, die sich bis zur Weg­nah­me im Jahr 1938 in sei­nem Besitz befand, zuvor an einen zum Ankauf berei­ten Ban­kier über­eig­net hat­te. Der Zugriff des Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­ums änder­te die Eigen­tums­ver­hält­nis­se nicht, denn es han­del­te sich um eine Weg­nah­me ohne förm­li­chen Ent­eig­nungs­akt. Dass die 11. Ver­ord­nung zum Reichs­bür­ger­ge­setz von 1941, in wel­cher der Ver­fall jüdi­schen Ver­mö­gens ange­ord­net wur­de, wegen ihres Unrechts­ge­halts kei­ne Rechts­wir­kun­gen zu erzeu­gen ver­moch­te, hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits 1955 ent­schie­den.

Die beson­de­ren Rege­lun­gen über die Wie­der­gut­ma­chung natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unrechts ver­drän­gen nicht den zivil­recht­li­chen Eigen­tums­her­aus­ga­be­an­spruch (§ 985 BGB) des Klä­gers. Das Ver­mö­gens­ge­setz fin­det hier kei­ne Anwen­dung, weil die Weg­nah­me der Pla­kat­samm­lung nicht im (spä­te­ren) Bei­tritts­ge­biet, son­dern im West­teil Ber­lins statt­fand. Die Vor­schrift des Art. 51 Satz 1 der Rück­erstat­tungs­an­ord­nung für das Land Ber­lin (REAO) 3 und das Bun­des­rück­erstat­tungs­ge­setz schlie­ßen den Anspruch eben­falls nicht aus.

Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof in den 1950er Jah­ren ent­schie­den, dass Ansprü­che, die sich aus der Unrecht­mä­ßig­keit einer natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ent­eig­nungs­maß­nah­me erge­ben, grund­sätz­lich nur nach Maß­ga­be der zur Wie­der­gut­ma­chung erlas­se­nen Rück­erstat­tungs- und Ent­schä­di­gungs­ge­set­ze und in dem dort vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren ver­folgt wer­den kön­nen. Die­sen Vor­schrif­ten kommt aber dann kein Vor­rang gegen­über einem Her­aus­ga­be­an­spruch nach § 985 BGB zu, wenn der ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­ne Ver­mö­gens­ge­gen­stand – wie hier und anders als in den bis­lang durch den Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­len – nach dem Krieg ver­schol­len war und erst nach Ablauf der Anmel­de­frist für Rück­erstat­tungs­an­sprü­che (hier gemäß Art. 50 Abs. 2 Satz 1 REAO am 30. Juni 1950) wie­der auf­ge­taucht ist. War der Ver­bleib des ent­zo­ge­nen Gegen­stands bis zum Ablauf die­ser Frist unbe­kannt, konn­te der Geschä­dig­te im Rah­men des Rück­erstat­tungs­ver­fah­rens nicht des­sen Rück­ga­be errei­chen, son­dern nur eine Ent­schä­di­gung in Geld ver­lan­gen. Blie­be es auch nach Wie­der­auf­tau­chen des ent­zo­ge­nen Gegen­stands dabei, wäre dem Geschä­dig­ten – trotz fort­be­stehen­den Eigen­tums – durch die alli­ier­ten Rück­erstat­tungs­vor­schrif­ten jede Mög­lich­keit genom­men, die Wie­der­her­stel­lung des recht­mä­ßi­gen Zustands zu ver­lan­gen. Auf die­se Wei­se wür­de das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Unrecht per­p­etu­iert. Das ist jedoch mit dem Zweck der alli­ier­ten Rück­erstat­tungs­vor­schrif­ten, die Inter­es­sen der Geschä­dig­ten zu schüt­zen, nicht zu ver­ein­ba­ren.

Der Bun­des­ge­richts­hof sah den Her­aus­ga­be­an­spruch auch – anders als in der Vor­in­stanz das Ber­lin Kam­mer­ge­richt – nicht als ver­wirkt an. Dass er in den ers­ten 16 Jah­ren nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht gel­tend gemacht wor­den ist, genügt nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht für die Annah­me einer Ver­wir­kung.

Die Rück­erstat­tungs­an­ord­nung für das Land Ber­lin schließt den Her­aus­ga­be­an-spruch nach § 985 BGB nicht aus, wenn der ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­ne Ver­mö-gens­ge­gen­stand nach dem Krieg ver­schol­len war und der Eigen­tü­mer erst nach Ab-lauf der Frist für die Anmel­dung eines Rück­erstat­tungs­an­spruchs von sei­nem Ver-bleib Kennt­nis erlangt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. März 2012 – V ZR 279/​10

  1. LG Ber­lin, Urteil vom 10.02.2009 – 19 O 116/​08[]
  2. KG, Urteil vom 28.01.2010 – 8 U 56/​09[]
  3. Art. 1 REAO – Grund­sät­ze
    (1) Zweck die­ser Anord­nung ist es, in mög­lichst gro­ßem Umfan­ge beschleu­nigt die Rück­erstat­tung fest­stell­ba­rer Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de (Sachen und Rech­te) an natür­li­che oder juris­ti­sche Per­so­nen zu bewir­ken, denen sie in der Zeit vom 30. Janu­ar 1933 bis zum 8. Mai 1945 … aus Grün­den der Ras­se, Reli­gi­on, Natio­na­li­tät, der poli­ti­schen Auf­fas­sung oder der poli­ti­schen Geg­ner­schaft gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus unge­recht­fer­tigt ent­zo­gen wor­den sind …

    (2) Fest­stell­ba­re Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de, die aus den Grün­den des Abs. 1 unge­recht­fer­tigt ent­zo­gen wor­den sind, kön­nen nach den Vor­schrif­ten die­ser Anord­nung zurück­ver­langt wer­den.

    Art. 51 REAO – Ver­hält­nis zum ordent­li­chen Rechts­weg
    Ansprü­che, die unter die­se Anord­nung fal­len, kön­nen, soweit in ihr nichts ande­res bestimmt ist, nur in dem Ver­fah­ren nach die­ser Anord­nung und unter Ein­hal­tung ihrer Fris­ten gel­tend gemacht wer­den. Ansprü­che aus ande­ren Grün­den, die nicht unter die­se Anord­nung fal­len, kön­nen im ordent­li­chen Rechts­weg gel­tend gemacht wer­den.[]