Recht­li­ches Gehör – und die nicht Sams­tags ablau­fen­de Frist

Art. 103 Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Das Gericht ver­stößt gegen die­sen Grund­satz, wenn es einen ord­nungs­ge­mäß ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz nicht berück­sich­tigt 1.

Recht­li­ches Gehör – und die nicht Sams­tags ablau­fen­de Frist

Danach wer­den die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen dem Anspruch des Beschwer­de­füh­rers auf recht­li­ches Gehör nicht gerecht. Die Annah­me des Amts­ge­richts, die Schrift­satz­frist habe am Sonn­abend geen­det, ist nicht nach­voll­zieh­bar und konn­te daher die Nicht­be­rück­sich­ti­gung des am fol­gen­den Mon­tag ein­ge­gan­ge­nen Schrift­sat­zes nicht recht­fer­ti­gen.

Nach § 222 Abs. 2 ZPO endet eine Frist, deren Ende auf einen Sonn­tag, einen all­ge­mei­nen Fei­er­tag oder einen Sonn­abend fällt, mit Ablauf des nächs­ten Werk­tags. Die Ein­be­zie­hung der Fäl­le, in denen das Fris­ten­de auf einen Sonn­abend fällt, in die­se Rege­lung, die ursprüng­lich nur Fris­ten betrof­fen hat­te, die auf einen Sonn- oder Fei­er­tag fal­len, erfolg­te durch Art. 1 Nr. 2b des Geset­zes über den Frist­ab­lauf am Sonn­abend vom 10.08.1965 2. Die ein­hel­li­ge Auf­fas­sung in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur geht davon aus, dass die­se Vor­schrift, ihrem inso­weit nicht unter­schei­den­den Wort­laut ent­spre­chend, unab­hän­gig davon gilt, ob es sich um soge­nann­te berech­ne­te Fris­ten, das heißt um Fris­ten, deren Ablauf­da­tum – wie etwa bei der Ein­räu­mung einer Wochen- oder Monats­frist – aus der Anga­be eines bestimm­ten Zeit­raums zu errech­nen ist, oder um datier­te Fris­ten han­delt 3.

Aus der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, auf die das Amts­ge­richt sich durch Ver­weis auf eine sie zitie­ren­de Kom­men­tar­stel­le beruft, folgt nichts Gegen­tei­li­ges. In dem Beschluss des Zwei­ten Senats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 28.09.1982 4 ist aus­ge­führt, dass, wenn eine Frist nach § 128 Abs. 3 Satz 2 ZPO auf einen Sonn­tag fest­ge­setzt ist, ein Schrift­satz, der am fol­gen­den Werk­tag und damit gemäß § 222 Abs. 2 ZPO noch recht­zei­tig bei Gericht ein­geht, zu berück­sich­ti­gen ist 5. Aus die­ser Fest­stel­lung in einer Ent­schei­dung, die eine an einem Sonn­tag enden­de Frist betraf 6, ist ein Gegen­schluss auf die Behand­lung von Fäl­len, in denen das Fris­ten­de auf einen Sonn­abend fällt, nicht zu zie­hen. Ent­spre­chen­des gilt für den Beschluss der 1. Kam­mer des Ers­ten Senats vom 01.04.1992 7. Dass die vom Amts­ge­richt ange­führ­te Kom­men­tar­fund­stel­le unter Ver­weis auf den erst­ge­nann­ten Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sowie auf eine Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs, die aus der Zeit datiert, als der Sonn­abend in die Rege­lung des § 222 Abs. 2 ZPO noch nicht ein­be­zo­gen war, ohne Fall­be­zug angibt, die­se Rege­lung gel­te auch "wenn das datier­te Ende der Ver­län­ge­rungs­frist nach dem Wort­laut der rich­ter­li­chen Ver­fü­gung auf einen Sonn- oder Fei­er­tag fällt" 8, mag zwar einen Gegen­schluss dahin, dass für auf einem Sonn­abend enden­de Fris­ten etwas ande­res gilt, nahe­le­gen und inso­fern geeig­net sein, den Leser irre­zu­füh­ren. Schon ange­sichts des Wort­lauts der kom­men­tier­ten Vor­schrift, die sich ein­deu­tig auch auf Fris­ten bezieht, deren Ende auf einen Sonn­abend fällt, hät­te jedoch Anlass bestan­den, der Fra­ge nach­zu­ge­hen, ob und war­um der Fall, in dem das Ende der datier­ten Frist auf einen Sonn­abend fällt, anders zu behan­deln sein soll­te als der Fall einer datier­ten Frist, deren Ende auf einen Sonn- oder Fei­er­tag fällt. Erst recht bestand Anlass zur Über­prü­fung, nach­dem der Beschwer­de­füh­rer in sei­nem Anhö­rungs­rü­ge­schrift­satz unter ande­rem auf Kom­men­tie­run­gen hin­ge­wie­sen hat­te, aus denen die Rechts­la­ge ein­deu­tig her­vor­geht.

Die im Beschluss über die Anhö­rungs­rü­ge ange­führ­te Erwä­gung, auf datier­te Fris­ten sei § 222 Abs. 2 ZPO nur ana­log und nur dann anzu­wen­den, wenn der Frist­ab­lauf auf einen Sonn- oder Fei­er­tag fal­le, und dies sei auch sach­ge­recht, da bei datier­ten Fris­ten das Fris­ten­de aus der rich­ter­li­chen Ver­fü­gung klar ersicht­lich sei, ver­hilft der Rechts­auf­fas­sung, auf die das Gericht sich gestützt hat, nicht zur Nach­voll­zieh­bar­keit. § 222 Abs. 2 ZPO bezieht in sei­ner gel­ten­den Fas­sung Sonn­aben­de ein, um den im Rechts­ver­kehr auf­ge­tre­te­nen Unzu­träg­lich­kei­ten Rech­nung zu tra­gen, die mit der Ein­füh­rung der Fünf-Tage-Woche für wei­te Krei­se der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung ein­her­ge­gan­gen waren 9. Auch wenn die Vor­schrift auf datier­te Fris­ten, weil die­se kei­ner Berech­nung bedür­fen, nur ana­log anwend­bar sein soll­te, erschlös­se sich nicht ansatz­wei­se, wes­halb der Umstand, dass bei datier­ten rich­ter­li­chen Fris­ten das Fris­ten­de aus der jewei­li­ge Ver­fü­gung klar ersicht­lich ist, geeig­net sein soll­te, eine unter­schied­li­che Behand­lung von Fris­ten, die an einem Sonn- oder Fei­er­tag, und sol­chen, die an einem Sonn­abend enden, zu begrün­den.

Das Urteil des Amts­ge­richts beruht auf dem Gehörs­ver­stoß und ist daher gemäß § 95 Abs. 2 BVerfGG auf­zu­he­ben. Es erscheint nicht aus­ge­schlos­sen, dass das Gericht zu einer ande­ren, dem Beschwer­de­füh­rer güns­ti­ge­ren Ent­schei­dung gelangt wäre, wenn es des­sen Schrift­satz vom 17.10.2011 berück­sich­tigt hät­te. Der den Gehörs­ver­stoß per­p­etu­ie­ren­de Beschluss des Amts­ge­richts vom 16.01.2012 ist eben­falls auf­zu­he­ben 10, und die Sache ist an das Amts­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 95 Abs. 2 BVerfGG).

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. August 2013 – 2 BvR 425/​12

  1. vgl. BVerfGE 11, 218, 220; 62, 347, 352; 70, 215, 218; BVerfG, Beschluss vom 04.08.1992 – 2 BvR 1129/​92, NJW 1993, 51; und Beschluss vom 12.12.2012 – 2 BvR 1294/​10, NJW 2013, 925[]
  2. BGBl I S. 753[]
  3. vgl. nur BGH, Urteil vom 21.06.1978 – VIII ZR 127/​76, m.w.N.; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 71. Aufl.2013, § 222 Rn. 2; Gehr­lein, in: Münch­Komm-ZPO, 4. Aufl.2013, § 222 Rn. 6; Stad­ler, in: Musielak, ZPO, 10. Aufl.2013, § 222 Rn. 1; Ger­ken, in: Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl.2013, § 222 Rn. 14; Roth, in: Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl.2005, § 222 Rn. 11; bei den nach der Auf­la­ge von 2013 zitier­ten Kom­men­ta­ren eben­so jeweils auch bereits die frü­he­ren, zum Zeit­punkt der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen ver­füg­ba­ren Auf­la­gen[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 28.09.1982 – 2 BvR 125/​82[]
  5. vgl. BVerfGE 61, 119, 122[]
  6. vgl. BVerfG, a.a.O., 119[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 01.04.1992 – 1 BvR 1293/​91[]
  8. Stö­ber, in: Zöl­ler, ZPO, 28. Aufl.2010, § 222 Rn. 1; eben­so die 29. Aufl.2012, a.a.O.[]
  9. vgl. BT-Drs. 4/​3394, S. 3[]
  10. vgl. BVerfGE 4, 412, 424; BVerfGK 18, 83, 89; BVerfG, Beschluss vom 26.09.2012 – 2 BvR 938/​12[]