Recht­li­ches Gehör und über­zo­ge­ne Anfor­de­run­gen an den Sach­vor­trag

Art. 103 Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht, den Vor­trag der Par­tei­en zur Kennt­nis zu neh­men und bei sei­ner Ent­schei­dung in Erwä­gung zu zie­hen [1].

Recht­li­ches Gehör und über­zo­ge­ne Anfor­de­run­gen an den Sach­vor­trag

Ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG setzt dabei eine gewis­se Evi­denz der Gehörsver­let­zung vor­aus, das heißt, im Ein­zel­fall müs­sen beson­de­re Umstän­de vor­lie­gen, die deut­lich erge­ben, dass das Vor­brin­gen der Betei­lig­ten ent­we­der über­haupt nicht zur Kennt­nis genom­men oder bei der Ent­schei­dung ersicht­lich nicht erwo­gen wor­den ist [2].

Eine dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch genü­gen­de Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs setzt außer­dem vor­aus, dass der Ver­fah­rens­be­tei­lig­te bei Anwen­dung der von ihm zu ver­lan­gen­den Sorg­falt zu erken­nen ver­mag, auf wel­chen Tat­sa­chen­vor­trag es für die Ent­schei­dung ankom­men kann. Es kommt des­halb im Ergeb­nis der Ver­hin­de­rung eines Vor­trags gleich, wenn das Gericht ohne vor­he­ri­gen Hin­weis Anfor­de­run­gen an den Sach­vor­trag stellt, mit denen auch ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Pro­zess­ver­lauf nicht zu rech­nen brauch­te [3].

Nach die­sen Maß­stä­ben sah der Bun­des­ge­richts­hof in dem hier ent­schie­de­nen Fall Art. 103 Abs. 1 GG als ver­letzt an: Das Beru­fungs­ge­richt hat erst­mals in der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung am 24.01.2012 die Klä­ger dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie die Inha­ber­schaft der Inha­ber­teil­schuld­ver­schrei­bun­gen im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung nach­zu­wei­sen haben. Hier­bei hat sich das Beru­fungs­ge­richt – ent­ge­gen sei­ner Bezug­nah­me auf die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts in dem Beru­fungs­ur­teil – nicht damit aus­ein­an­der­ge­setzt, dass das Land­ge­richt die Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on der Klä­ger ange­nom­men und daher den Nach­weis der Klä­ger für ihre Anspruchs­be­rech­ti­gung als geführt ange­se­hen hat. Die Beklag­te hat dies in der Beru­fungs­be­grün­dung nur noch unter Hin­weis auf die – vom Land­ge­richt rechts­feh­ler­frei als unschäd­lich ange­se­he­nen – Unstim­mig­kei­ten bei dem Vor­na­men der Klä­ge­rin zu 2) und eini­gen Adres­sen bestrit­ten. Mit der Ladungs­ver­fü­gung vom 22.11.2011 hat das Beru­fungs­ge­richt ledig­lich Beden­ken gegen den voll­stre­ckungs­fä­hi­gen Inhalt des land­ge­richt­li­chen Urteils­te­nors geäu­ßert und um Mit­tei­lung gebe­ten, ob die zwi­schen den Klä­gern bestehen­de Erben­ge­mein­schaft noch unge­teilt ist. Auf­grund des­sen bestand für die Klä­ger bis zur letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Beru­fungs­ge­richt kein Anlass, ihren Vor­trag zu ihrer Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on zu ergän­zen und gege­be­nen­falls durch die erneu­te Vor­la­ge aktu­el­ler Depot­be­schei­ni­gun­gen unter Beweis zu stel­len. Mit den von dem Beru­fungs­ge­richt inso­weit erho­be­nen Beden­ken muss­ten die Klä­ger nach dem bis­he­ri­gen Pro­zess­ver­lauf ohne vor­he­ri­gen Hin­weis nicht rech­nen. Viel­mehr hät­te das Beru­fungs­ge­richt – sofern das Bestrei­ten der Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on der Klä­ger durch die Beklag­te über­haupt als erheb­lich anzu­se­hen sein soll­te – den Klä­gern in geeig­ne­ter Wei­se die Mög­lich­keit geben müs­sen, aktu­el­le Depot­be­schei­ni­gun­gen bei­zu­brin­gen. Dies gilt auch in Bezug auf die von der Klä­ge­rin vor­ge­leg­te Depot­be­schei­ni­gung, soweit das Beru­fungs­ge­richt die­se als zum Nach­weis der Inha­ber­schaft des Zins­an­spruchs nicht aus­rei­chend ange­se­hen hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Novem­ber 2012 – XI ZR 161/​12

  1. BVerfGE 60, 247, 249; 65, 293, 295 f.; 70, 288, 293; 83, 24, 35; BVerfG, NJW-RR 2001, 1006, 1007[]
  2. BVerfGE 22, 267, 274; 79, 51, 61; 86, 133, 146; 96, 205, 216 f.; BVerfG, NJW 2000, 131[]
  3. BVerfG 84, 188, 190; 86, 133, 144; 98, 218, 263[]