EGMR-Urteil als Wie­der­auf­nah­me­grund

Ein vor 2007 rechts­kräf­tig abge­schlos­se­nes gericht­li­ches Ver­fah­ren kann auch dann nicht wie­der auf­ge­nom­men wer­den, wenn der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in die­sem Fall eine Ver­let­zung der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on fest­ge­stellt hat.

EGMR-Urteil als Wie­der­auf­nah­me­grund

In dem jetzt vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf ent­schie­de­nen Fall war der Klä­ger seit dem Jah­re 1983 bei der beklag­ten katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de als Kir­chen­mu­si­ker tätig. Die­se kün­dig­te das Arbeits­ver­hält­nis zum 31. März 1998 mit der Begrün­dung, der noch ver­hei­ra­te­te Klä­ger unter­hal­te nach Tren­nung von sei­ner Ehe­frau eine außer­ehe­li­che Bezie­hung. Die Ehe des Klä­gers wur­de im August 1998 geschie­den. Die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge des Kir­chen­mu­si­kers hat­te vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf kei­nen Erfolg. Die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Klä­gers zum Bun­des­ar­beits­ge­richt blieb im Jahr 2000 eben­so ohne Erfolg wie des­sen Ver­fas­sungs­be­schwer­de im Jahr 2002. Auf die Indi­vi­du­al­be­schwer­de des Klä­gers vom 11. Janu­ar 2003 zum Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ent­schied die­ser am 23. Janu­ar 2010, dass die Beschwer­de zuläs­sig und dass das in Arti­kel 8 EMRK geschütz­te Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens ver­letzt ist.

Mit der am 18. Okto­ber 2010 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf ein­ge­gan­ge­nen Resti­tu­ti­ons­kla­ge begehrt der Klä­ger die Wie­der­auf­nah­me des Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­rens. Er bean­tragt in der Haupt­sa­che die Fest­stel­lung, dass das Arbeits­ver­hält­nis nicht durch die Kün­di­gung zum 31. März 1998 auf­ge­löst wur­de, hilfs­wei­se die Wie­der­ein­stel­lung ab dem 23. Sep­tem­ber 2010. Die Par­tei­en strei­ten zunächst dar­über, ob ein gemäß § 580 ZPO beacht­li­cher Grund dafür vor­liegt, das nach natio­na­lem Recht rechts­kräf­tig abge­schlos­se­ne Ver­fah­ren wie­der auf­zu­neh­men. § 580 Nr. 8 ZPO sieht die Fest­stel­lung der Ver­let­zung der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on als Resti­tu­ti­ons­grund vor.

Die­se Fas­sung hat der § 580 ZPO aller­dings erst durch das 2. Jus­tiz­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz 1 erhal­ten, das zum 31. Dezem­ber 2006 in Kraft getre­ten ist. Die hier­zu erlas­se­ne Über­gangs­vor­schrift des § 35 EGZPO bestimmt hier, dass der Resti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 8 ZPO nicht auf Ver­fah­ren anzu­wen­den ist, die vor dem 31. Dezem­ber 2006 rechts­kräf­tig abge­schlos­sen wor­den sind.

Da das (ers­te) Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren bereits 2002 recht­kräf­tig abge­schlos­sen wur­de, konn­te sich der Klä­ger daher nicht auf § 580 Nr. 8 ZPO beru­fen. Es stell­te sich somit nun die Fra­ge, ob ange­sichts des durch den Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­re­che fest­ge­stell­ten Ver­sto­ßes gegen die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on nicht die Beru­fung allei­ne auf natio­na­le Form­vor­schrif­ten aus­ge­schlos­sen ist.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf folg­te die­ser Über­le­gung jedoch nicht und wies die Resti­tu­ti­ons­kla­ge als unzu­läs­sig ab: Zwar sieht § 580 Nr. 8 als Wie­der­auf­nah­me­grund für ein nach natio­na­lem Recht rechts­kräf­tig abge­schlos­se­nes Ver­fah­ren die Fest­stel­lung der Ver­let­zung der EMRK durch den EGMR vor. Die­ser neu ein­ge­führ­te Resti­tu­ti­ons­grund konn­te für den Klä­ger jedoch nicht zur Anwen­dung kom­men, weil er auf­grund der Über­gangs­vor­schrift des § 35 EGZPO nicht auf Ver­fah­ren anzu­wen­den ist, die vor dem 31.12.2006 rechts­kräf­tig abge­schlos­sen wor­den sind. Dies ist vor­lie­gend der Fall. Weder das deut­sche Ver­fas­sungs­recht, noch die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­pflich­ten den natio­na­len Gesetz­ge­ber, im Fal­le der Fest­stel­lung der Ver­let­zung der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on durch den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te einen eige­nen Resti­tu­ti­ons­grund zu schaf­fen. Schafft der natio­na­le Gesetz­ge­ber ohne recht­li­che Ver­pflich­tung einen sol­chen Wie­der­auf­nah­me­grund, begeg­net es kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken, wenn er aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und aus Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­ten, die Ein­füh­rung mit einer Stich­tags­re­ge­lung ver­bin­det.

Unab­hän­gig davon hat­te der Klä­ger die Frist des § 586 Abs. 2 Satz 2 ZPO von fünf Jah­ren für die Erhe­bung der Resti­tu­ti­ons­kla­ge nicht ein­ge­hal­ten.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 4. Mai 2011 – 7 Sa 1427/​10

  1. Zwei­tes Gesetz zur Moder­ni­sie­rung der Jus­tiz (2. Jus­tiz­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz) vom 22.12.2006, BGBl. I S. 3416[]