Teil­wert­ermitt­lung – und das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zur Bewer­tung der Betei­li­gung

Das Finanz­ge­richt ver­letzt sei­ne aus § 76 Abs. 1 FGO fol­gen­de Pflicht zur Sach­auf­klä­rung, indem es ermes­sens­feh­ler­haft die bean­trag­te Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zur Bewer­tung einer Betei­li­gung ablehnt.

Teil­wert­ermitt­lung – und das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zur Bewer­tung der Betei­li­gung

Im hier vom Bun­des­fin­anaz­hof ent­schie­de­nen Fall hängt die Ent­schei­dung des Rechts­streits von der Höhe des Teil­werts (§ 6 Abs. 1 Nr. 1 Satz 3 EStG) ab, der ein objek­ti­ver Wert ist und nicht auf der per­sön­li­chen Auf­fas­sung des Steu­er­pflich­ti­gen, son­dern auf einer all­ge­mei­nen Wert­ein­schät­zung beruht 1. Der vom Finanz­ge­richt zu bestim­men­de Teil­wert ist eine bestimm­te fes­te Grö­ße und darf ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ge­rin des­halb nicht nach einer Band­brei­te bestimmt wer­den 2.

Bei der Teil­wert­ermitt­lung han­delt es sich um eine Schät­zung nach § 162 der Abga­ben­ord­nung 3, die Tat­sa­chen­fest­stel­lung i.S. von § 118 Abs. 2 FGO ist und daher revi­si­ons­recht­lich nur dar­auf­hin über­prüft wer­den kann, ob sie dem Grun­de nach zuläs­sig war, in ver­fah­rens­feh­ler­frei­er Wei­se zustan­de gekom­men ist und nicht gegen aner­kann­te Schät­zungs­grund­sät­ze, Denk­ge­set­ze und all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt 4.

Die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zur Ermitt­lung des Teil­werts der Betei­li­gung steht grund­sätz­lich im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Gerichts. Die Ermes­sens­frei­heit fin­det aller­dings dort ihre Gren­zen, wo sich die Not­wen­dig­keit der Hin­zu­zie­hung eines Sach­ver­stän­di­gen man­gels eige­ner Sach­kun­de dem Gericht auf­drän­gen muss­te 5. Von der Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens abse­hen kann das Finanz­ge­richt nur dann, wenn es aus­nahms­wei­se selbst über die nöti­ge Sach­kun­de ver­fügt und die­se in den Ent­schei­dungs­grün­den dar­legt 6.

Nach die­sen Maß­stä­ben beruht im vor­lie­gen­den Fall die Ableh­nung des Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses zur Bestim­mung des Teil­werts der Betei­li­gung im Streit­fall auf einem Ermes­sens­feh­ler.

Ein Beweis­an­trag auf Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens erfor­dert gemäß § 82 FGO i.V.m. § 403 der Zivil­pro­zess­ord­nung (ZPO) eine hin­rei­chen­de Kon­kre­ti­sie­rung sowohl des Beweis­the­mas als auch der zu bewei­sen­den Tat­sa­chen. Dies ist im Rah­men der vom Amts­er­mitt­lungs­grund­satz gepräg­ten FGO dahin zu ver­ste­hen, dass eine sum­ma­ri­sche Bezeich­nung der zu begut­ach­ten­den Punk­te aus­reicht, aber auch erfor­der­lich ist 7.

Die­sen Anfor­de­run­gen genügt das Vor­brin­gen der Klä­ge­rin, wonach Beweis dar­über erho­ben wer­den soll, "ob der im Kauf­ver­trag vom 29.09.2000 ver­ein­bar­te Kauf­preis für die Akti­en der [X‑AG] dem Ver­kehrs­wert der Akti­en ent­spricht bzw. fremd­üb­lich ist", und "zu der Fra­ge der Berück­sich­ti­gung eines Wachs­tums­ab­schla­ges".

Das Finanz­ge­richt hät­te den Beweis­an­trä­gen ent­spre­chen müs­sen, da es nicht selbst ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ein­ge­holt und nicht die erfor­der­li­che eige­ne Sach­kun­de zur Teil­wert­ermitt­lung der Betei­li­gung an der X‑AG in den Ent­schei­dungs­grün­den dar­ge­legt hat.

Das Finanz­ge­richt konn­te nicht des­halb von einer Beweis­erhe­bung abse­hen, weil ihm im Kla­ge­ver­fah­ren das von der Klä­ge­rin bei­gebrach­te Gut­ach­ten einer Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft als Par­tei­gut­ach­ten vor­ge­legt wur­de. Ein Par­tei­gut­ach­ten kann das Finanz­ge­richt sei­ner Ent­schei­dung nur dann zugrun­de legen, wenn kei­ner der Betei­lig­ten sub­stan­ti­ier­te Ein­wen­dun­gen gegen die Rich­tig­keit erhebt 8. Dies hat­te das Finanz­amt indes­sen seit dem Fest­stel­lungs­ver­fah­ren getan. Es war dem Finanz­ge­richt daher nicht ermes­sens­feh­ler­frei mög­lich, das Gut­ach­ten zugrun­de zu legen und dann ‑anders als das Gut­ach­ten- streit­ent­schei­dend einen Wachs­tums­ab­schlag von 1 % als "unte­re Gren­ze" zuguns­ten des Finanz­amt zu berück­sich­ti­gen, ohne nähe­re Aus­füh­run­gen zur eige­nen Sach­kun­de zu machen. Das Finanz­ge­richt legt nicht näher dar, wor­aus sich dies­be­züg­li­che Erkennt­nis­se über den Ansatz eines Wachs­tums­ab­schlags erge­ben. Dar­über hin­aus geht es nicht auf mög­li­che Inter­de­pen­den­zen zwi­schen dem Wachs­tums­ab­schlag und ande­ren Para­me­tern ein. Ins­be­son­de­re macht es kei­ne Aus­füh­run­gen dazu, ob der Wachs­tums­ab­schlag impli­zit im Risi­ko­zu­schlag oder in ande­ren Para­me­tern berück­sich­tigt wor­den ist, oder ob sich bei Ansatz eines Wachs­tums­ab­schlags ande­re Para­me­ter hät­ten ändern müs­sen. Ein Geld­ent­wer­tungs- oder Wachs­tums­ab­schlag auf den als Sum­me aus dem Basis­zins­satz und einem Risi­ko­zu­schlag ermit­tel­ten Kapi­ta­li­sie­rungs­zins­satz ist dann gerecht­fer­tigt, wenn für die im Rah­men des Ertrags­wert­ver­fah­rens zu berück­sich­ti­gen­de zwei­te Pla­nungs­pha­se im Rah­men der Pro­gno­se­mög­lich­kei­ten eine abge­si­cher­te Wachs­tums­er­war­tung besteht. Ein Wachs­tums­ab­schlag trägt dem Umstand Rech­nung, dass das Unter­neh­men mög­li­cher­wei­se die Geld­ent­wer­tung durch Preis­er­hö­hun­gen auf­fan­gen kann 9. Dazu feh­len indes jeg­li­che Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt. Soweit die Vor­ent­schei­dung aus­führt, ein Null­wachs­tum sei abso­lut unüb­lich und es sei gera­de in der …, wie jeder selbst auf­grund der jähr­lich … wis­se und was des­halb gerichts­be­kannt sei, mit einem Wachs­tum zu rech­nen, kön­nen die­se Mut­ma­ßun­gen kon­kre­te Fest­stel­lun­gen nicht erset­zen und berück­sich­ti­gen auch nicht die Mög­lich­keit eines nur sehr gerin­gen Wachs­tums und des­sen Aus­wir­kung auf die Wert­fin­dung.

Dem Ein­wand des Finanz­amt, das Finanz­ge­richt habe sich bei sei­nen Über­le­gun­gen auf die Aus­füh­run­gen der unab­hän­gi­gen, gericht­lich bestell­ten Gut­ach­te­rin des LG Y im Spruch­stel­len­ver­fah­ren zur Abfin­dung von Aktio­nä­ren anläss­lich des Abschlus­ses des Beherr­schungs­ver­tra­ges vom 30.06.1997 bezie­hen kön­nen, ist nicht zu fol­gen. Unbe­scha­det des­sen, dass es sich um neu­en, im Revi­si­ons­ver­fah­ren nicht zu berück­sich­ti­gen­den Sach­vor­trag han­delt, hat das Finanz­ge­richt weder sei­ne Teil­wert­ermitt­lung auf die­ses Gut­ach­ten gestützt noch betrifft die­ses die hier zu beur­tei­len­de Bewer­tung im Zeit­punkt der Ver­äu­ße­rung im Streit­jahr.

Die Klä­ge­rin hat auch ihre schrift­sätz­li­chen Beweis­an­trä­ge ‑aus­weis­lich des Sit­zungs­pro­to­kolls- in der münd­li­chen Ver­hand­lung noch­mals wie­der­holt und um zwei wei­te­re ergänzt sowie die Nicht­er­he­bung der Bewei­se vor­sorg­lich gerügt, wes­halb ihr Rüge­recht nicht gemäß § 295 ZPO i.V.m. § 155 Satz 1 FGO ver­lo­ren gegan­gen ist.

Das ange­foch­te­ne Urteil war wegen des Sach­auf­klä­rungs­man­gels auf­zu­he­ben. Vor die­sem Hin­ter­grund kann offen­blei­ben, ob die wei­te­ren von der Klä­ge­rin vor­ge­brach­ten Ver­fah­rens­feh­ler gege­ben sind. Da die Sache nicht spruch­reif ist, war der Rechts­streit zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Finanz­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Die bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt rei­chen nicht aus, um den Teil­wert der Betei­li­gung an der X‑AG zum Zeit­punkt der Über­tra­gung bestim­men zu kön­nen. Im zwei­ten Rechts­gang hat das Finanz­ge­richt Gele­gen­heit, den erfor­der­li­chen Sach­ver­stän­di­gen­be­weis nach­zu­ho­len und auf des­sen Grund­la­ge erneut und umfas­send zu wür­di­gen, wie hoch der Teil­wert die­ser Betei­li­gung war.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Dezem­ber 2015 – IV R 18/​12

  1. BFH, Urteil vom 07.11.1990 – I R 116/​86, BFHE 162, 552, BSt­Bl II 1991, 342[]
  2. BFH, Beschluss vom 20.12 2012 – IV B 12/​12, BFH/​NV 2013, 547, Rz 7, m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le vom 04.03.1998 – X R 151/​94, BFH/​NV 1998, 1086; vom 30.07.2009 – III R 8/​07, BFH/​NV 2010, 190[]
  4. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. zuletzt BFH, Urteil vom 18.06.2015 – IV R 6/​11, BFH/​NV 2015, 1381, Rz 28, m.w.N.[]
  5. BFH, Urteil in BFH/​NV 2015, 1381, Rz 29[]
  6. vgl. BFH, Beschluss vom 07.01.2015 – I B 42/​13, BFH/​NV 2015, 1093, Rz 9[]
  7. BFH, Beschluss vom 25.07.2006 – IV B 116/​04, BFH/​NV 2006, 2270[]
  8. vgl. BFH, Urteil vom 04.03.1993 – IV R 33/​92, BFH/​NV 1993, 739; BFH, Beschluss vom 21.12 2011 – VIII B 88/​11, BFH/​NV 2012, 600[]
  9. vgl. näher Ste­phan in K. Schmidt/​Lutter, AktG, 3. Aufl., § 305 AktG Rz 59[]