Hartz IV-Bezug – und die Abzwei­gung des Kin­der­gel­des an das Kind

Die Ent­schei­dung der Fami­li­en­kas­se über eine Abzwei­gung nach § 74 Abs. 1 EStG ist eine Ermes­sens­ent­schei­dung („kann“). Nach § 102 Satz 1 FGO kann das Gericht eine Ermes­sens­ent­schei­dung nur dar­auf hin über­prü­fen, ob die Behör­de die gesetz­li­chen Gren­zen des Ermes­sens über­schrit­ten oder von dem Ermes­sen in einer dem Zwe­cke der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch gemacht hat. Für die Ent­schei­dung über die Recht­mä­ßig­keit die­ser Ent­schei­dung sind die Ver­hält­nis­se zum Zeit­punkt der letz­ten Ver­wal­tungs­ent­schei­dung (Ein­spruchs­ent­schei­dung) maß­ge­bend [1].

Hartz IV-Bezug – und die Abzwei­gung des Kin­der­gel­des an das Kind

Im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall leb­te der Sohn im Haus­halt sei­nes Vaters. Dies hat­te der Vater in sei­ner Erklä­rung vom 18.06.2013 laut Tat­be­stand des Urteils ange­ge­ben. Bis zum Erlass der Ein­spruchs­ent­schei­dung hat­ten weder der Vater noch der Sohn finan­zi­el­le Leis­tun­gen des Sohns zum Haus­halt des Vaters erwähnt. Des Wei­te­ren lag der Fami­li­en­kas­se im Zeit­punkt der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 13.11.2013 nur die dem Vater des Sohns gegen­über erteil­te „vor­läu­fi­ge“ Bewil­li­gung von Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts zwecks Auf­sto­ckung sei­nes (nicht exis­tenz­de­cken­den) Erwerbs­ein­kom­mens vor. Die Fami­li­en­kas­se hat­te ihre Ermes­sens­aus­übung im Wesent­li­chen dar­auf gestützt, dass der Sohn zum Haus­halt des Vaters gehört und der Kin­der­geld­be­rech­tig­te dadurch sei­ne Unter­halts­pflicht erfüllt habe. Inso­weit ent­sprach die Ent­schei­dung der Fami­li­en­kas­se der Dienst­an­wei­sung zur Durch­füh­rung des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs nach dem X. Abschnitt des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes (DA-FamEStG) zu § 74 Abs. 1 EStG, die als Ver­wal­tungs­vor­schrift das der Ver­wal­tung durch § 74 Abs. 1 EStG ein­ge­räum­te Ermes­sen len­ken soll [2]. Danach kommt eine Abzwei­gung regel­mä­ßig nicht in Betracht, wenn das Kind in den Haus­halt des Berech­tig­ten auf­ge­nom­men wor­den ist [3]. Das Finanz­ge­richt sah die Ent­schei­dung der Fami­li­en­kas­se über die Ableh­nung der Abzwei­gung auch unter Berück­sich­ti­gung des B FH-Urteils vom 17.12.2008 [4] nach dem der Fami­li­en­kas­se unter­brei­te­ten Sach­ver­halt im Zeit­punkt der Ein­spruchs­ent­schei­dung man­gels ver­gleich­ba­rer Sach­ver­hal­te nicht als ermes­sens­wid­rig an.

Auch kann allein aus dem Umstand, dass der Vater vor­läu­fi­ge Leis­tun­gen nach dem SGB II zwecks Auf­sto­ckung sei­nes Erwerbs­ein­kom­mens erhal­ten habe, nicht der Schluss der man­geln­den Leis­tungs­fä­hig­keit gezo­gen wer­den. Viel­mehr ist für den Bun­des­fi­nanz­hof die Annah­me der Unter­halts­ge­wäh­rung durch Haus­halts­auf­nah­me nach­voll­zieh­bar, da das Kin­der­geld für ein voll­jäh­ri­ges, im Haus­halt der Eltern leben­des Kind, das kei­ne eige­nen Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen erhält, als Ein­kom­men der Eltern auf das Arbeits­lo­sen­geld – II anzu­rech­nen ist [5]. Daher blei­ben die Eltern auch bei Erhalt von Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen dem Grun­de nach zum Unter­halt des Kin­des ver­pflich­tet.

Ein dem Urteil des BFH in BFHE 224, 228, BStBl II 2009, 926 zugrun­de­lie­gen­der ver­gleich­ba­rer Sach­ver­halt liegt hier nicht vor. In dem sei­ner­zeit vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te die Stadt den Unter­halt für die Kin­der durch die Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung an die Kin­der selbst, die auch Unter­kunft und Ver­pfle­gung umfass­ten, erbracht. Daher konn­te in der Haus­halts­auf­nah­me der Kin­der durch den Kin­der­geld­be­rech­tig­ten kei­ne Leis­tungs­ge­wäh­rung gese­hen wer­den. Soweit vor­ge­bracht wird, der Bun­des­fi­nanz­hof habe in sei­ner Ent­schei­dung in BFHE 224, 228, BStBl II 2009, 926 (all­ge­mein) den Schluss gezo­gen, dass eine Leis­tung von Unter­halt aus ALG – II nicht mög­lich sei, gilt dies nur für den hier nicht vor­lie­gen­den Fall, dass die Kin­der selbst Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung bezie­hen und der Kin­der­geld­be­rech­tig­te nur Regel­leis­tun­gen für sei­nen eige­nen Bedarf erhält.

Soweit auf das Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 17.10.2013 [6] ver­wie­sen und hier­aus den Schluss gezo­gen wird, dass der Kin­der­geld­be­rech­tig­te bei Erhalt von ALG – II Leis­tun­gen kei­ne Unter­halts­leis­tun­gen durch die Haus­halts­auf­nah­me erbrin­gen könn­te, ist auch die­ser Schluss­fol­ge­rung ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass der BFH die Ver­mu­tung, wonach die Unter­halts­leis­tun­gen des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten bei Haus­halts­auf­nah­me des Kin­des den Kin­der­geld­satz errei­chen, nur bei behin­der­ten Kin­dern aus­ge­schlos­sen hat [7]. In einem sol­chen Fall hän­gen nach Ansicht des BFH etwai­ge Unter­halts­leis­tun­gen der Eltern von so vie­len Fak­to­ren ab, dass die Ver­mu­tung eines bestimm­ten Gesche­hens­ab­laufs nicht gerecht­fer­tigt ist.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 26. Febru­ar 2015 – III B 124/​14

  1. BFH, Beschluss vom 20.02.2012 – III B 107/​11, BFH/​NV 2012, 987, Rz 10[]
  2. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 18.04.2013 – V R 48/​11, BFHE 241, 270, BStBl II 2013, 697, Rz 16[]
  3. DA-FamEStG 2013 Abschn. 74.01.2 Abs. 2 Sät­ze 2 und 3[]
  4. BFH, Urteils vom 17.12 2008 – III R 6/​07, BFHE 224, 228, BStBl II 2009, 926[]
  5. vgl. BSG, Urteil vom 27.01.2009 – B 14/​7b AS 14/​07 R, SGb 2009, 154, Rz 24; BVerfG, Beschluss vom 11.03.2010 – 1 BvR 3163/​09, FamRZ 2010, 800, Rz 6[]
  6. BFH, Urteil vom 17.10.2013 – III R 24/​13, BFH/​NV 2014, 504[]
  7. BFH, Urteil in BFH/​NV 2014, 504, Rz 17[]