Aus­set­zung der Haupt­ver­hand­lung bei Ver­tei­di­ger­wech­sel

Es besteht für das Gericht regel­ä­mä­ßig kei­ne Not­wen­dig­keit, die Haupt­ver­hand­lung wegen Ver­tei­di­ger­wech­sels von Amts wegen aus­zu­set­zen oder zu unter­bre­chen, wenn dies weder von dem Ver­tei­di­ger, noch dem Ange­klag­ten bean­tragt oder ange­regt wur­de.

Aus­set­zung der Haupt­ver­hand­lung bei Ver­tei­di­ger­wech­sel

Nach § 265 Abs. 4 StPO hat das Gericht von Amts wegen oder auf Antrag die Haupt­ver­hand­lung aus­zu­set­zen, falls dies infol­ge der ver­än­der­ten Sach­la­ge zur genü­gen­den Vor­be­rei­tung der Ver­tei­di­gung ange­mes­sen erscheint. Ver­fah­rens­vor­gän­ge kön­nen eine ver­än­der­te Sach­la­ge im Sin­ne des § 265 Abs. 4 StPO her­bei­füh­ren, wenn sie geeig­net sind, die Fähig­keit des Ange­klag­ten zu einer sach­ge­rech­ten Ver­tei­di­gung zu beschrän­ken. Der Wech­sel des Ver­tei­di­gers wäh­rend der lau­fen­den Haupt­ver­hand­lung ist ein sol­cher Ver­fah­rens­vor­gang. Er schafft selbst dann eine ver­än­der­te Sach­la­ge, wenn der neue Ver­tei­di­ger – wie hier – sogleich an die Stel­le des frü­he­ren tritt1. Kommt es zu einem Ver­tei­di­ger­wech­sel, weil nach § 145 Abs. 1 Satz 1 StPO ein neu­er Pflicht­ver­tei­di­ger bestellt wer­den muss, wird § 265 Abs. 4 StPO nicht von § 145 Abs. 3 StPO ver­drängt, weil die­se Bestim­mung nur eine ergän­zen­de, aber kei­ne abschlie­ßen­de Rege­lung für die­se Fall­ge­stal­tung ent­hält2.

Ob auf eine ver­än­der­te Sach­la­ge nach § 265 Abs. 4 StPO in Aus­übung der pro­zes­sua­len Für­sor­ge­pflicht mit einer Aus­set­zung der Haupt­ver­hand­lung zu reagie­ren ist, steht im pflicht­ge­mäß aus­zu­üben­den Ermes­sen des Gerichts und hängt vom Ein­zel­fall ab3. Anstel­le einer Aus­set­zung kann es bei einem Ver­tei­di­ger­wech­sel auch aus­rei­chend sein, wich­ti­ge Ver­fah­rens­ab­schnit­te zu wie­der­ho­len, um dem neu­en Ver­tei­di­ger Gele­gen­heit zu geben, sich ein umfas­sen­des eige­nes Urteil von dem Beweis­ergeb­nis zu machen4.

Hier­von aus­ge­hend bestand kei­ne Not­wen­dig­keit, die Haupt­ver­hand­lung von Amts wegen aus­zu­set­zen oder zu unter­bre­chen, nach­dem dies weder von dem Ver­tei­di­ger, noch dem Ange­klag­ten bean­tragt oder ange­regt wor­den war.

Ein nach § 145 Abs. 1 Satz 1 StPO neu bestell­ter Ver­tei­di­ger hat als unab­hän­gi­ges Organ der Rechts­pfle­ge grund­sätz­lich selbst zu beur­tei­len, ob er für die Erfül­lung sei­ner Auf­ga­be hin­rei­chend vor­be­rei­tet ist5. Hält er die ihm ver­blei­ben­de Vor­be­rei­tungs­zeit für nicht aus­rei­chend, kann er durch einen Antrag nach § 145 Abs. 3 StPO eine Unter­bre­chung oder Aus­set­zung der Haupt­ver­hand­lung erzwin­gen.

Zwar hat das Gericht über die Fra­ge, ob die Für­sor­ge­pflicht eine Aus­set­zung der Haupt­ver­hand­lung nach § 265 Abs. 4 StPO gebie­tet, unab­hän­gig von Anträ­gen und Erklä­run­gen der Betei­lig­ten zu ent­schei­den, doch kommt bei die­ser Ent­schei­dung der Ein­schät­zung des neu bestell­ten Ver­tei­di­gers und sei­nem Pro­zess­ver­hal­ten eine maß­geb­li­che Bedeu­tung zu. Stellt der neue Ver­tei­di­ger sei­ne Fähig­keit zu sach­ge­rech­ter Ver­tei­di­gung nicht in Fra­ge, will er viel­mehr die Haupt­ver­hand­lung ohne zeit­li­che Ver­zö­ge­rung fort­set­zen und gibt auch der Ange­klag­te nicht zu erken­nen, dass er mehr Zeit zur Vor­be­rei­tung der Ver­tei­di­gung benö­tigt, so ist das Gericht in der Regel nicht dazu beru­fen, sei­ne Auf­fas­sung von einer ange­mes­se­nen Vor­be­rei­tungs­zeit gegen den Ver­tei­di­ger durch­zu­set­zen und von die­sem nicht ange­streb­te pro­zes­sua­le Maß­nah­men zu tref­fen6.

Ein sol­cher Fall lag nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs hier vor: Wie sich aus dem Revi­si­ons­vor­brin­gen ergibt, war die Ent­schei­dung des neu­en Ver­tei­di­gers, nicht nach § 145 Abs. 3 StPO vor­zu­ge­hen und kei­nen Aus­set­zungs­an­trag zu stel­len, von der Erwä­gung gelei­tet, dass es unter den gege­be­nen Umstän­den den Inter­es­sen des Ange­klag­ten eher ent­spricht, die bereits begon­ne­ne Haupt­ver­hand­lung in einem Durch­gang zu Ende zu brin­gen. Der Ange­klag­te hat die­ser ihm mit­ge­teil­ten Abwä­gung nicht wider­spro­chen und auch sei­ner­seits kei­nen Aus­set­zungs- oder Unter­bre­chungs­an­trag gestellt. Bei die­ser Sach­la­ge war das Land­ge­richt nur dann gehal­ten, von Amts wegen eine Aus­set­zung oder Unter­bre­chung der Haupt­ver­hand­lung anzu­ord­nen, wenn sich die dem Pro­zess­ver­hal­ten des Ange­klag­ten und sei­nes Ver­tei­di­gers zu ent­neh­men­de Ein­schät­zung der Sach- und Rechts­la­ge als evi­dent inter­es­sen­wid­rig dar­ge­stellt hät­te und ohne die­se Maß­nah­men eine effek­ti­ve Ver­tei­di­gung (Art. 6 Abs. 3 c MRK) unter kei­nem Gesichts­punkt mehr gewähr­leis­tet gewe­sen wäre7. Dies war jedoch nicht der Fall. Den Ankla­ge­vor­wür­fen lagen über­sicht­li­che Lebens­sach­ver­hal­te zugrun­de. Zen­tra­les Beweis­mit­tel waren die Anga­ben der Neben­klä­ge­rin, die nach dem Ver­tei­di­ger­wech­sel noch­mals ver­nom­men wur­de. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te der neue Ver­tei­di­ger 14 Tage Zeit, sich in den Fall ein­zu­ar­bei­ten und die ihm erteil­ten Infor­ma­tio­nen zu ihren bis­he­ri­gen Anga­ben sowie dem übri­gen Beweis­ergeb­nis aus­zu­wer­ten und gege­be­nen­falls zu ergän­zen. Die Revi­si­on trägt nicht vor, dass bei der erneu­ten Ver­neh­mung der Neben­klä­ge­rin Fra­gen oder Vor­hal­te des Ver­tei­di­gers zurück­ge­wie­sen wor­den sind. Der Umstand, dass sich der Ver­tei­di­ger in der Lage sah, gegen die Neben­klä­ge­rin eine Straf­an­zei­ge zu erstat­ten und die­se Anzei­ge vor deren noch­ma­li­ger Ver­neh­mung in der Haupt­ver­hand­lung zu ver­le­sen, lässt erken­nen, dass er den bis­he­ri­gen Anga­ben der Neben­klä­ge­rin ent­ge­gen­zu­tre­ten ver­moch­te. Schließ­lich wur­de auch die als belas­ten­des Beweis­mit­tel her­an­ge­zo­ge­ne Audio­auf­zeich­nung durch die Ver­le­sung ihrer Ver­schrift­li­chung ein zwei­tes Mal zum Gegen­stand der Haupt­ver­hand­lung gemacht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. August 2012 – 4 StR 108/​12

  1. BGH, Beschluss vom 02.02.2000 – 1 StR 537/​99, NJW 2000, 1350; Urteil vom 25.10.1963 – 4 StR 404/​63, VRS 26, 46, 47; vgl. Beschluss vom 24.06.2009 – 5 StR 181/​09, NStZ 2009, 650; Urteil vom 25.06.1965 – 4 StR 309/​65, NJW 1965, 2164, 2165; Urteil vom 19.06.1958 – 4 StR 725/​57, NJW 1958, 1736, 1737 []
  2. BGH, Urteil vom 25.06.1965 – 4 StR 309/​65, NJW 1965, 2164, 2165; Urteil vom 17.07.1973 – 1 StR 61/​73, JR 1974, 247 []
  3. BGH, Beschluss vom 25.06.2002 – 5 StR 60/​02, NStZ-RR 2002, 270; Beschluss vom 02.02.2000 – 1 StR 537/​99, NJW 2000, 1350; Urteil vom 19.06.1958 – 4 StR 725/​57, NJW 1958, 1736, 1738 []
  4. BGH, Urteil vom 25.10.1963 – 4 StR 404/​63, VRS 26, 46, 47 f.; vgl. Beschluss vom 02.02.2000 – 1 StR 537/​99, NJW 2000, 1350 []
  5. BGH, Beschlüs­se vom 24.06.2009 – 5 StR 181/​09, NStZ 2009, 650; vom 24.06.1998 – 5 StR 120/​98, BGHR StPO § 265 Abs. 4 Ver­tei­di­gung, ange­mes­se­ne 5; Urteil vom 24.11.1999 – 3 StR 390/​99, wis­tra 2000, 146, 147 []
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 24.06.2009 – 5 StR 181/​09, NStZ 2009, 650, 651; Urteil vom 02.11.1976 – 1 StR 590/​76, MDR 1977, 767, 768; Urteil vom 25.06.1965 – 4 StR 309/​65, NJW 1965, 2164, 2165 []
  7. vgl. BGH, Urteil vom 25.10.1963 – 4 StR 404/​63, VRS 26, 46, 47 []