Beweis­wür­di­gung – und der Deal mit dem gestän­di­gen Mit­an­ge­klag­ten

Sofern Inhalt und Begleit­um­stän­de einer Ver­stän­di­gung – wie etwa bei einer Ver­stän­di­gung mit einem Mit­an­ge­klag­ten – für die Beweis­wür­di­gung rele­vant sein kön­nen, ergibt sich die Not­wen­dig­keit einer Berück­sich­ti­gung in der Haupt­ver­hand­lung statt­ge­fun­de­ner Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che bereits aus § 261 StPO [1].

Beweis­wür­di­gung – und der Deal mit dem gestän­di­gen Mit­an­ge­klag­ten

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs muss des­halb bei der Ver­ur­tei­lung eines Ange­klag­ten auf­grund von Geständ­nis­sen der Mit­an­ge­klag­ten, die Gegen­stand einer ver­fah­rens­be­en­den­den Abspra­che waren, die Glaub­haf­tig­keit der Geständ­nis­se in einer für das Revi­si­ons­ge­richt nach­prüf­ba­ren Wei­se gewür­digt wer­den. Dazu gehört ins­be­son­de­re die Erör­te­rung des Zustan­de­kom­mens und des Inhalts der Abspra­che.

Nur bei einer Dar­le­gung der Ent­ste­hungsund Ent­wick­lungs­ge­schich­te des Geständ­nis­ses und des Inhalts der Abspra­che in den Urteils­grün­den ist es dem Revi­si­ons­ge­richt mög­lich, die Beur­tei­lung der Glaub­haf­tig­keit der Anga­ben durch den Tatrich­ter auf Rechts­feh­ler zu über­prü­fen, ins­be­son­de­re ob dem Tatrich­ter bewusst war, dass sich der gestän­di­ge Ange­klag­te durch ein Nicht­ge­stän­di­ge zu Unrecht belas­ten­des Geständ­nis mög­li­cher­wei­se ledig­lich eige­ne Vor­tei­le ver­schaf­fen woll­te [2].

Bei dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof über­prüf­ten Urteil bedeu­te­te dies: Da das ange­foch­te­ne Urteil ledig­lich den Umstand einer mit den Mit­an­ge­klag­ten getrof­fe­nen Ver­stän­di­gung im Sin­ne von § 257c StPO nennt, aber weder etwas vom Inhalt der Abspra­che mit den Mit­an­ge­klag­ten noch zu ihrem Zustan­de­kom­men mit­teilt, genügt die Beweis­wür­di­gung den genann­ten Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen nicht und ist daher lücken­haft. Einer nähe­ren Dar­le­gung der Ent­ste­hungsund Ent­wick­lungs­ge­schich­te der Geständ­nis­se hät­te es schon des­halb bedurft, weil die Geständ­nis­se der Mit­an­ge­klag­ten nur im Kern­ge­sche­hen über­ein­stim­mend waren, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Ver­tei­lung der Beu­te jedoch von­ein­an­der abwi­chen.

Soweit die Revi­si­on bean­stan­det, der sich nicht aus den Urteils­grün­den erge­ben­de Umstand, dass die Ver­stän­di­gung mit den Mit­an­ge­klag­ten für den Fall eines Geständ­nis­ses jeweils Jugend­stra­fen mit Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung beinhal­te­te, sei im Rah­men der Beweis­wür­di­gung nicht erör­tert wor­den, liegt dar­in eine ver­fah­rens­recht­lich zuläs­sig gerüg­te Ver­let­zung des § 261 StPO in Form einer Inbe­griffs­rü­ge [3], die aus den genann­ten Grün­den eben­falls durch­grei­fen wür­de.

Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te im hier ent­schie­de­nen Fall auch nicht aus­schlie­ßen, dass das Urteil zum Nach­teil des Ange­klag­ten auf der feh­ler­haf­ten Beweis­wür­di­gung beruht. Zwar hat der Ange­klag­te hin­sicht­lich sei­ner Tat­be­tei­li­gung ein Teil­ge­ständ­nis abge­legt. Jedoch hat das Land­ge­richt die Über­zeu­gung von der Ver­wen­dung eines Mes­sers durch den Ange­klag­ten, die die­ser in Abre­de gestellt hat, im Wesent­li­chen auf die Anga­ben der Mit­an­ge­klag­ten gestützt. Sowohl den Schuld­spruch des beson­ders schwe­ren Rau­bes (§ 250 Abs. 2 Nr. 1 StGB) als auch den­je­ni­gen des Sich­ver­schaf­fens von Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge mit Waf­fen (§ 30a Abs. 2 Nr. 2 BtMG) hat das Land­ge­richt mit dem Mes­ser­ein­satz des Ange­klag­ten begrün­det. Soweit das Land­ge­richt sei­ne Über­zeu­gung von der Ver­wen­dung eines Mes­sers ergän­zend auch auf die Anga­ben des Geschä­dig­ten P. bei sei­ner Anzei­ge­er­stat­tung gestützt hat, kann dies ein Beru­hen des Urteils auf der lücken­haf­ten Beweis­wür­di­gung nicht aus­schlie­ßen. Denn nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts hat­te P. , der in der Haupt­ver­hand­lung von sei­nem Aus­kunfts­ver­wei­ge­rungs­recht gemäß § 55 StPO Gebrauch mach­te, bei der Anzei­ge­er­stat­tung den Sach­ver­halt teil­wei­se falsch dar­ge­stellt und – um sein eige­nes Betäu­bungs­mit­tel­de­likt zu ver­schlei­ern – zudem ver­heim­licht, dass die Täter von ihm auch Dro­gen erbeu­tet hat­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Janu­ar 2020 – 1 StR 471/​19

  1. BGH, Beschluss vom 06.03.2013 – 5 StR 423/​12, BGHSt 58, 184 Rn. 14[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 15.01.2003 – 1 StR 464/​02 Rn.19, BGHSt 48, 161, 168; vom 08.12 2005 – 4 StR 198/​05 Rn. 50; vom 06.11.2007 – 1 StR 370/​07, BGHSt 52, 78 Rn.19; vom 06.03.2013 – 5 StR 423/​12, BGHSt 58, 184 Rn. 14 f.[]
  3. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 06.03.2013 – 5 StR 423/​12, BGHSt 58, 184 Rn. 14 f.[]