Der ange­klag­te Lebens­sach­ver­halt – und die Kogni­ti­ons­pflicht des Gerichts

Die dem Gericht oblie­gen­de all­sei­ti­ge Kogni­ti­ons­pflicht (§ 264 StPO) gebie­tet, dass der – durch die zuge­las­se­ne Ankla­ge abge­grenz­te – Pro­zess­stoff durch voll­stän­di­ge Abur­tei­lung des ein­heit­li­chen Lebens­vor­gangs erschöpft wird 1.

Der ange­klag­te Lebens­sach­ver­halt – und die Kogni­ti­ons­pflicht des Gerichts

Der Unrechts­ge­halt der Tat muss ohne Rück­sicht auf die dem Eröff­nungs­be­schluss zugrun­de geleg­te Bewer­tung aus­ge­schöpft wer­den, soweit kei­ne recht­li­chen Grün­de ent­ge­gen­ste­hen 2. Fehlt es dar­an, so stellt dies einen sach­lich­recht­li­chen Man­gel dar 3.

So lag es in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof beur­teil­ten Fall: Das Land­ge­richt hat das Vor­lie­gen einer Qua­li­fi­ka­ti­on nach § 225 Abs. 3 StGB nur dahin­ge­hend geprüft, ob die Ange­klag­te durch ihr Unter­las­sen den Säug­ling in die Gefahr des Todes gebracht hat (§ 225 Abs. 3 Nr. 1 Alter­na­ti­ve 1 StGB). Hin­ge­gen hat es nicht erör­tert, ob die Ange­klag­te den Ver­bre­chens­tat­be­stand gemäß § 225 Abs. 3 Nr. 1 Alter­na­ti­ve 2 StGB – durch Unter­las­sen – ver­wirk­licht hat, obwohl nach den Fest­stel­lun­gen das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen die­ser Vor­schrift in Betracht kommt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Janu­ar 2017 – 3 StR 479/​16

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urteil vom 29.10.2009 – 4 StR 239/​09, NStZ 2010, 222, 223 nwN[]
  2. BGH, Urteil vom 24.10.2013 – 3 StR 258/​13, NStZ-RR 2014, 57[]
  3. vgl. KK-Kuck­ein, StPO, 7. Aufl., § 264 Rn. 25 mwN[]
  4. zum revi­si­ons­recht­li­chen Prü­fungs­maß­stab vgl. nur BGH, Urteil vom 05.04.2018 – 1 StR 67/​18, Stra­Fo 2018, 399, 400 mwN[]