Die Ver­hin­de­rung des Bei­sit­zers bei der Urteils­un­ter­schrift

Nach in der Sache über­ein­stim­men­der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs steht dem Vor­sit­zen­den ein Spiel­raum hin­sicht­lich der Annah­me der Ver­hin­de­rung eines Bei­sit­zers aus tat­säch­li­chen Grün­den zu 1.

Die Ver­hin­de­rung des Bei­sit­zers bei der Urteils­un­ter­schrift

Teils wird die­ser Spiel­raum als Aus­übung pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sens ver­stan­den 2, teils als Beur­tei­lungs­spiel­raum gedeu­tet 3.

Unge­ach­tet der Unter­schie­de in den For­mu­lie­run­gen besteht in der Sache Einig­keit dar­über, dass der im Ver­hin­de­rungs­ver­merk genann­te Grund gene­rell geeig­net sein muss, den Rich­ter von der im Gesetz als Grund­satz vor­ge­se­he­nen Unter­schrifts­leis­tung (§ 275 Abs. 2 Satz 1 StPO) abzu­hal­ten 4.

Durch Urlaub eines Rich­ters beding­te Abwe­sen­heit stellt einen sol­chen Grund dar 5.

Ob im kon­kre­ten Fall ein gene­rell geeig­ne­ter Grund zur Ver­hin­de­rung eines an der Urteils­fin­dung betei­lig­ten Rich­ters führt, obliegt der Beur­tei­lung des Vor­sit­zen­den 6.

Wur­de – wie vor­lie­gend – eine Ver­hin­de­rung frist­ge­recht beur­kun­det und auf einen die­se grund­sätz­lich tra­gen­den Grund gestützt, kann das Revi­si­ons­ge­richt die Ent­schei­dung des Vor­sit­zen­den ledig­lich dar­auf­hin über­prü­fen, ob dabei der ein­ge­räum­te Spiel­raum in rechts­feh­ler­haf­ter Wei­se über­schrit­ten ist oder die Annah­me der Ver­hin­de­rung auf sach­frem­den Erwä­gun­gen beruht und sie sich des­halb als will­kür­lich erweist 7.

Soweit in der Revi­si­ons­be­grün­dung gel­tend gemacht wird, macht, bereits bei einer ande­ren Gestal­tung der Haupt­ver­hand­lungs­ter­mi­ne hät­te die Vor­sit­zen­de eine Unter­schrifts­leis­tung durch den urlaubs­ab­we­sen­den Rich­ter ermög­li­chen kön­nen, zeigt sie damit sach­frem­de Erwä­gun­gen oder eine Über­schrei­tung des Beur­tei­lungs­spiel­raums nicht auf. Die Vor­sit­zen­de war auch nicht gehal­ten, mit der Anbrin­gung eines Ver­hin­de­rungs­ver­merks bis zum Ablauf der Urteils­ab­set­zungs­frist zu war­ten, um gege­be­nen­falls dem zu die­sem Zeit­punkt urlaubs­ab­we­sen­den Bei­sit­zer noch eine Unter­schrifts­leis­tung zu ermög­li­chen. Es han­delt sich um eine Höchst­frist, deren Zweck dar­in besteht, der "Erfah­rung nach­las­sen­der Erin­ne­rung" zu begeg­nen und eine mög­lichst fri­sche Erin­ne­rung an die Ergeb­nis­se der Haupt­ver­hand­lung und der Bera­tung zu sichern 8. Dies darf in die Ent­schei­dung, einen Ver­hin­de­rungs­ver­merk vor Aus­schöp­fung der Abset­zungs­frist anzu­brin­gen, ein­be­zo­gen wer­den.

Stützt sich der Ver­merk auf einen gene­rell die Ver­hin­de­rung tra­gen­den Grund, bedarf es kei­ner nähe­ren Aus­füh­run­gen des Vor­sit­zen­den zu den Umstän­den der Ver­hin­de­rung 9.

Dar­über hin­aus ver­wirft der Bun­des­ge­richts­hof aber auch die Bean­stan­dung, die Vor­sit­zen­de habe ent­ge­gen § 275 Abs. 2 Satz 1 StPO kei­ne aus­rei­chen­den orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­keh­run­gen getrof­fen, um die Unter­zeich­nung des Urteils durch den urlaubs­ab­we­sen­den Bei­sit­zer zu ermög­li­chen.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat eine sol­che Pflicht bis­lang für den Fall "zuläs­si­ger Aus­schöp­fung" der Frist aus § 275 Abs. 1 StPO ange­nom­men 10. Dabei han­del­te es sich jeweils um Kon­stel­la­tio­nen, in denen die (mög­li­che) Ver­hin­de­rung eines an der Ent­schei­dung mit­wir­ken­den Rich­ters auf des­sen mitt­ler­wei­le erfolg­ten Ver­set­zung bzw. Abord­nung an ein ande­res Gericht beruh­te 11. Die für eine der­ar­ti­ge Pflicht in den Fäl­len der Abord­nung oder Ver­set­zung ange­führ­ten Grün­de 12 las­sen sich auf die Inan­spruch­nah­me von Urlaub durch den betrof­fe­nen Rich­ter nicht über­tra­gen.

Im Übri­gen darf das Auf­stel­len einer Pflicht des Vor­sit­zen­den, orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen zu tref­fen, die eine Unter­schrift­leis­tung durch sämt­li­che an der Ent­schei­dung mit­wir­ken­den Berufs­rich­ter ermög­li­chen, nicht zu einer Ver­än­de­rung des zuvor dar­ge­leg­ten revi­si­ons­ge­richt­li­chen Prü­fungs­maß­stabs hin­sicht­lich der Annah­me tat­säch­li­cher Ver­hin­de­rung füh­ren. Ist das Revi­si­ons­ge­richt inso­weit auf eine Will­kür­kon­trol­le beschränkt, kann es nicht berech­tigt sein, mit­tels bis ins Ein­zel­ne gehen­der Kon­trol­le ergrif­fe­ner (oder unter­las­se­ner) orga­ni­sa­to­ri­scher Maß­nah­men die ange­nom­me­ne Ver­hin­de­rung unter­halb der – mit einer ent­spre­chen­den Ver­fah­rens­rüge vor­zu­tra­gen­der – Schwel­le sach­frem­der Erwä­gun­gen oder einer rechts­feh­ler­haf­ten Über­schrei­tung des Spiel­raums des Vor­sit­zen­den zu über­prü­fen. Soll­te der Beschluss des 2. Straf­se­nats vom 27.10.2010 13 so zu ver­ste­hen sein, dass das Revi­si­ons­ge­richt anhand von Aspek­ten wie etwa dem Umfang des frag­li­chen Urteils, dem bis zum Ablauf der Abset­zungs­frist noch zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zeit­raum o.ä. 14 voll­um­fäng­lich eigen­stän­dig die tat­säch­li­che Ver­hin­de­rung des betrof­fe­nen Rich­ters prü­fen darf, wür­de der 1. Straf­se­nat dem auch für Fäl­le der Ver­set­zung oder Abord­nung nicht fol­gen wol­len. Denn ein der­ar­ti­ger, auf die rechts­mit­tel­ge­richt­li­che Kon­trol­le orga­ni­sa­to­ri­scher Maß­nah­men des Vor­sit­zen­den des Gerichts bezo­ge­ner Prü­fungs­maß­stab ist mit dem bis­lang in der Recht­spre­chung zu Recht ange­nom­me­nen Umfang der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Über­prü­fung von Beur­tei­lun­gen des Vor­sit­zen­den über die tat­säch­li­che Ver­hin­de­rung nicht ver­ein­bar 15.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Mai 2016 – 1 StR 352/​15

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 18.01.1983 – 1 StR 757/​82, BGHSt 31, 212, 215; vom 23.10.1992 – 5 StR 364/​92, NStZ 1993, 96; BGH, Beschluss vom 14.09.2011 – 5 StR 331/​11, BGHR StPO § 275 Abs. 2 Satz 2 Ver­hin­de­rung 8 sowie Beschluss vom 27.10.2010 – 2 StR 331/​10, NStZ 2011, 358 f.[]
  2. BGH, Urtei­le vom 18.01.1983 – 1 StR 757/​82, BGHSt 31, 212, 215; vom 23.10.1992 – 5 StR 364/​92, NStZ 1993, 96[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 14.09.2011 – 5 StR 331/​11, BGHR StPO § 275 Abs. 2 Satz 2 Ver­hin­de­rung 8; und vom 27.10.2010 – 2 StR 331/​10, NStZ 2011, 358 f.[]
  4. BGH, Urtei­le vom 18.01.1983 – 1 StR 757/​82, BGHSt 31, 212, 215; und vom 23.10.1992 – 5 StR 364/​92, NStZ 1993, 96[]
  5. sie­he nur BGH, Beschluss vom 14.09.2011 – 5 StR 331/​11, BGHR StPO § 275 Abs. 2 Satz 2 Ver­hin­de­rung 8; Gre­ger in Karls­ru­her Kom­men­tar zur StPO, 7. Aufl., § 275 Rn. 33 mwN; Fris­ter in Sys­te­ma­ti­scher Kom­men­tar zur StPO, 4. Aufl., Band V, § 275 Rn. 35[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 18.01.1983 – 1 StR 757/​82, BGHSt 31, 212, 215[]
  7. BGH, aaO BGHSt 31, 212, 214; BGH, Urteil vom 23.10.1992 – 5 StR 364/​92, NStZ 1993, 96; BGH, Beschluss vom 08.06.2011 – 3 StR 56/​11 Rn. 13; Gre­ger in Karls­ru­her Kom­men­tar zur StPO, aaO, § 275 Rn. 70; Fris­ter in Sys­te­ma­ti­scher Kom­men­tar zur StPO, aaO, § 275 Rn. 47 i.V.m. Rn. 33[]
  8. BGH, Beschluss vom 21.04.2015 – 1 StR 555/​14 Rn. 12 mwN[]
  9. BGH, Urteil vom 18.01.1983 – 1 StR 757/​82, BGHSt 31, 212, 215; Gre­ger in Karls­ru­her Kom­men­tar zur StPO, aaO, § 275 Rn. 36; sie­he auch Foth NStZ 2011, 359[]
  10. BGH, Beschlüs­se vom 26.04.2006 – 5 StR 21/​06, NStZ 2006, 586 f.; und vom 08.06.2011 – 3 StR 95/​11 Rn. 14 mit zahlr. Nachw.[]
  11. so auch in der BGH, Beschluss vom 27.10.2010 – 2 StR 331/​10, NStZ 2011, 358 f. zugrun­de lie­gen­den Ver­fah­rens­la­ge[]
  12. vgl. BGH, jeweils aaO[]
  13. BGH, Beschluss vom 27.10.2010 – 2 StR 331/​10, NStZ 2011, 358 f.[]
  14. vgl. BGH, aaO NStZ 2011, 358[]
  15. vgl. Foth NStZ 2011, 359[]