Die ver­spä­te­te Nega­tiv­mit­tei­lung

Auch wenn § 243 Abs. 4 Satz 2 StPO nach sei­nem Wort­laut kei­nen Zeit­punkt für die Mit­tei­lung vor­schreibt, ist in der Regel eine umge­hen­de Infor­ma­ti­on nach dem Ver­stän­di­gungs­ge­spräch gebo­ten [1].

Die ver­spä­te­te Nega­tiv­mit­tei­lung

Der Bun­des­ge­richts­hof hier schließt aber aus, dass das Urteil auf die­sem Rechts­feh­ler beruht. Bei die­ser Beru­hens­prü­fung sind Art und Schwe­re des Rechts­ver­sto­ßes zu berück­sich­ti­gen [2]; erfor­der­lich ist eine wer­ten­de Gesamt­be­trach­tung [3].

Vor­lie­gend ist eine Infor­ma­ti­on über den Inhalt des außer­halb der Haupt­ver­hand­lung geführ­ten und auf eine Ver­stän­di­gung abzie­len­den Gesprächs letzt­lich in öffent­li­cher Haupt­ver­hand­lung erfolgt. Rele­van­te Infor­ma­ti­ons­de­fi­zi­te, die die revi­die­ren­den Ange­klag­ten betref­fen [4], wer­den weder vor­ge­tra­gen noch sind sol­che sonst ersicht­lich. Das Vor­ge­hen des Gerichts wur­de damit in öffent­li­cher Haupt­ver­hand­lung trans­pa­rent, ein ver­bor­ge­nes Gesche­hen hin­ter ver­schlos­se­nen Türen gab es eben­so wenig wie eine unzu­läs­si­ge „infor­mel­le“ Abspra­che.

Die inso­weit revi­die­ren­den Ange­klag­ten wur­den zudem vom Inhalt des Gesprächs umge­hend infor­miert. Aus­weis­lich der unwi­der­spro­chen geblie­be­nen dienst­li­chen Stel­lung­nah­me des Vor­sit­zen­den zu die­sem Gespräch haben die Ver­tei­di­ger den Ver­stän­di­gungs­vor­schlag des Gerichts zunächst alle abge­lehnt und am Ende des Gesprächs zuge­si­chert, ihre Man­dan­ten ent­spre­chend über den Inhalt des Gesprächs zu infor­mie­ren. Dass dies offen­sicht­lich tat­säch­lich auch gesche­hen ist, ergibt sich u.a. dar­aus, dass der Ange­klag­te K. schon weni­ge Tage nach dem Gespräch des­sen ihn (und sei­ne Ehe­frau) betref­fen­den Inhalt auf einer Inter­net­sei­te öffent­lich mach­te.

Dass die Straf­kam­mer in dem vor­ge­nann­ten Gespräch anstel­le von Strafo­ber- und unter­gren­zen jeweils nur eine bestimmt bezeich­ne­te Stra­fe (Punkt­stra­fe) bei Able­gung eines Geständ­nis­ses in Aus­sicht gestellt hat, ist zwar eben­falls rechts­feh­ler­haft [5]. Da eine Ver­stän­di­gung aber nicht zustan­de gekom­men ist und sich die bei­den inso­weit revi­die­ren­den Ange­klag­ten auch nicht gestän­dig ein­ge­las­sen haben, kann der Bun­des­ge­richts­hof aus­schlie­ßen, dass sich die­ser Rechts­feh­ler auf das Urteil aus­ge­wirkt hat.

Soweit eine unzu­rei­chen­de Erfül­lung der Mit­tei­lungs­pflicht gemäß § 243 Abs. 4 StPO bezüg­lich einer Mit­an­ge­klag­ten (Bespre­chung der Fra­ge der Haft­fort­dau­er) gel­tend gemacht wird, bleibt für den Bun­des­ge­richts­hof ent­ge­gen § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO schon offen, wel­chen Inhalt genau die dies­be­züg­li­chen Gesprä­che hat­ten, so dass der Bun­des­ge­richts­hof nicht beur­tei­len kann, ob ein Rechts­feh­ler vor­liegt [6]. Denn bei Gesprä­chen über die Fra­ge der Haft­fort­dau­er muss es sich nicht um mit­tei­lungs­be­dürf­ti­ge Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che han­deln [7]. Zudem wären die Ange­klag­ten von einem etwai­gen Rechts­feh­ler inso­weit hier ohne­hin nicht betrof­fen [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Juni 2015 – 1 StR 590/​14

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 27.01.2015 – 1 StR 393/​14, NStZ 2015, 353[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 15.01.2015 – 2 BvR 878/​14, NStZ 2015, 170[]
  3. BGH, Urteil vom 14.04.2015 – 5 StR 20/​15; vgl. auch BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – 1 StR 315/​14, NJW 2015, 645[]
  4. vgl. zu Defi­zi­ten bezüg­lich Mit­an­ge­klag­ter BGH, Beschluss vom 25.02.2015 – 4 StR 587/​14; BVerfG, Beschluss vom 01.07.2014 – 2 BvR 989/​14, NStZ 2014, 528[]
  5. vgl. nur BGH, Urteil vom 17.02.2011 – 3 StR 426/​10, NStZ 2011, 648[]
  6. vgl. auch BGH, Beschluss vom 22.07.2014 – 1 StR 210/​14, NStZ 2015, 48[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 03.12 2013 – 2 StR 410/​13[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 25.02.2015 – 4 StR 587/​14; BVerfG, Beschluss vom 01.07.2014 – 2 BvR 989/​14, NStZ 2014, 528[]