Erwerb einer aus­län­di­schen Fahr­erlaub­nis inner­halb der Sperr­frist

Eine im Aus­land erwor­be­ne­ne Fahr­erlaub­nis berech­tigt nicht zum Füh­ren eines Kraft­fahr­zeugs, wenn auf­grund einer recht­kräf­ti­gen gericht­li­chen Ent­schei­dung im Inland kei­ne neue Fahr­erlaub­nis hät­te erteilt wer­den dür­fen. Die Straf­bar­keit wegen Fah­rens ohne Fahr­erlaub­nis setzt dabei vor­aus, dass die Ent­zie­hung der Fahr­erlaub­nis zum Tat­zeit­punkt im Ver­kehrs­zen­tral­re­gis­ter (Fahr­erlaub­nis­re­gis­ter) ein­ge­tra­gen war.

Erwerb einer aus­län­di­schen Fahr­erlaub­nis inner­halb der Sperr­frist

Im hier vom Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig ent­schie­de­nen Fall war im Jahr 2009 per Straf­be­fehl eine acht­mo­na­ti­ge Sperr­frist ange­ord­net wor­den. Nur 10 Tage spä­ter erwarb der Ange­klag­te einen neu­en, tsche­chi­schen Füh­rer­schein. Die­ser Erwerb der neu­en tsche­chi­schen Fahr­erlaub­nis erfolg­te dem­nach wäh­rend der Sperr­frist, so dass der Aus­schluss­grund des § 28 Abs. 4 S. 1 Nr. 4 FeV ein­greift. Danach gilt die grund­sätz­li­che Berech­ti­gung von Inha­bern einer EU- oder EWR-Fahr­erlaub­nis (§ 28 Abs. 4 S. 1 Nr. 1 FeV) nicht, wenn auf­grund einer rechts­kräf­ti­gen gericht­li­chen Ent­schei­dung kei­ne Fahr­erlaub­nis erteilt wer­den darf [1]. Eine wäh­rend der Sperr­frist erteil­te Fahr­erlaub­nis muss auch nach Ablauf der Sper­re nicht aner­kannt wer­den [2]. In der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist über­dies geklärt, „dass die aus­län­di­sche EU-Fahr­erlaub­nis bei Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen von § FEV § 28FEV § 28 Absatz IV 1 Nr. 4 FeV nicht zum Füh­ren von Kraft­fahr­zeu­gen im Inland berech­tigt, ohne dass es zusätz­lich noch eines Ver­wal­tungs­akts der Fahr­erlaub­nis­be­hör­de bedarf, der die­se Rechts­fol­ge kon­sti­tu­tiv aus­spricht.“ [3].

§ 28 Abs. 4 S. 1 Nr. 4 FEV ver­stößt auch nicht gegen vor­ran­gi­ges EU-Recht, ins­be­son­de­re den dort fest­ge­leg­ten Grund­satz der gegen­sei­ti­gen Aner­ken­nung von aus­län­di­schen EU-Fahr­erlaub­nis­sen [4]. Die­ser Grund­satz erfährt schon nach dem gel­ten­den EU-Sekun­där­recht inso­weit Ein­schrän­kun­gen, als ein Mit­glied­staat „sei­ne inner­staat­li­chen Vor­schrif­ten über Ein­schrän­kung, Aus­set­zung, Ent­zug oder Auf­he­bung der Fahr­erlaub­nis“ auf eine aus­län­di­sche Fahr­erlaub­nis „anwen­den“ kann (Art. 11 Abs. 2 Richt­li­nie 2006/​126/​EG; auch Art. 8 Abs. 2 Richt­li­nie 91/​439/​EWG). Dem­entspre­chend kann ein Mit­glied­staat „die Aner­ken­nung der Gül­tig­keit eines Füh­rer­scheins …, der von einem ande­ren Mit­glied­staat einer Per­son aus­ge­stellt wur­de, deren Füh­rer­schein im Hoheits­ge­biet des erst­ge­nann­ten Mit­glied­staats ein­ge­schränkt, aus­ge­setzt oder ent­zo­gen wor­den ist“, ableh­nen (Art. 11 Abs. 4 UA 2 Richt­li­nie 2006/​126/​EG; auch Art. 8 Abs. 4 UA 2 Richt­li­nie 91/​439/​EWG). Er kann sogar die Aner­ken­nung des aus­län­di­schen Füh­rer­scheins für sein Hoheits­ge­biet ableh­nen, wenn sich erst nach­träg­lich Eig­nungs­zwei­fel erge­ben und des­halb eine der genann­ten Maß­nah­men ver­hängt wird [5]. Arti­kel 11 Abs. 4 UA 2 Richt­li­nie 2006/​126/​EG stellt näm­lich eine „Aus­ge­stal­tung des straf- und poli­zei­recht­li­chen Ter­ri­to­ria­li­täts­grund­sat­zes“ dar [6] und die damit ver­bun­de­ne Beschrän­kung des Grund­sat­zes der gegen­sei­ti­gen Aner­ken­nung ist gerecht­fer­tigt, weil sie der Sicher­heit des Stra­ßen­ver­kehrs und damit allen EU-Bür­gern dient [7]. Die glei­chen Grund­sät­ze sind auf den Fall einer iso­lier­ten Sper­re über­trag­bar, weil es sich dabei um eine ver­gleich­ba­re (ent­zugs­ähn­li­che) Maß­nah­me han­delt [8]. Die­sen Maß­nah­men ist gemein­sam, „dass sie die Fest­stel­lung der feh­len­den Kraft­fahr­eig­nung des Betrof­fe­nen vor­aus­set­zen; wegen die­ses Eig­nungs­man­gels soll er im Inter­es­se der Ver­kehrs­si­cher­heit vom Füh­ren von Kraft­fahr­zeu­gen aus­ge­schlos­sen wer­den.“ [9]. In die­sem Sin­ne hat der EuGH auch Bezug auf eine Sperr­frist genom­men und ent­schie­den, dass es einem Mit­glied­staat nicht ver­wehrt ist, „einer Per­son, auf die in sei­nem Hoheits­ge­biet eine Maß­nah­me des Ent­zugs der Fahr­erlaub­nis in Ver­bin­dung mit einer Sperr­frist für ihre Neu­er­tei­lung ange­wandt wor­den ist, die Aner­ken­nung eines von einem ande­ren Mit­glied­staat wäh­rend die­ser Sperr­frist aus­ge­stell­ten neu­en Füh­rer­scheins zu ver­sa­gen.“ [10].

Über­dies ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass in einem sol­chen Fall grund­sätz­lich auch der Aus­nah­me­tat­be­stand des § 28 Abs. 4 S. 1 Nr. 2 FEV in Betracht kommt, wonach die Berech­ti­gung nach Abs. 1 nicht für Inha­ber einer EU-Fahr­erlaub­nis gilt, die zum Zeit­punkt der Fahr­erlaub­nis­er­tei­lung im Inland ihren Wohn­sitz hat­ten. Die­ser Aus­nah­me­tat­be­stand ergibt sich aus dem Wohn­sitz­prin­zip, wonach Vor­aus­set­zung der Ertei­lung der Fahr­erlaub­nis durch einen Mit­glied­staat ist, dass der Antrag­stel­ler in die­sem Mit­glieds­staat sei­nen Wohn­sitz hat (Art. 7 I e) Richt­li­nie 2006/​126/​EG; auch Art. 7 I b)) Richt­li­nie 91/​439/​EWG; dazu auch Zwer­ger, ZfS 2015, 184 f.)). Dies ist auch vom EuGH aner­kannt [11]. Aller­dings liegt bis­lang noch kei­ne Ent­schei­dung des EuGH zu der Fra­ge vor, ob der Auf­ent­halts­mit­glied­staat zur Nicht­an­er­ken­nung einer aus­län­di­schen EU-Fahr­erlaub­nis auch dann berech­tigt ist, wenn der Betrof­fe­ne zum Ertei­lungs­zeit­punkt weder nach dem Uni­ons­recht noch nach dem Fahr­erlaub­nis­recht des Aus­stel­l­er­mit­glied­staa­tes sei­nen ordent­li­chen Wohn­sitz im Aus­stel­l­er­mit­glied­staat haben muss­te. Im Übri­gen muss sich der Inlands­wohn­sitz aus dem Füh­rer­schein oder aus „vom Aus­stel­lungs­mit­glied­staat herrührende[n] unbestreitbare[n] Infor­ma­tio­nen“ erge­ben (vgl. § 28 Abs. 4 S. 1 Nr. 2 FEV sowie Dau­er, a.a.O., Rn. 27). Wei­te­re Erkennt­nis­quel­len sind nicht aner­kannt [12]. Im vor­lie­gen­den Fall hat das Land­ge­richt zwar fest­ge­stellt, dass der Ange­klag­te zum rele­van­ten Zeit­raum einen inlän­di­schen Wohn­sitz hat­te, doch ergibt sich dies nicht aus den o.g. Erkennt­nis­quel­len, wes­halb eine Anwen­dung von § 28 Abs. 4 S. 1 Nr. 2 FEV nicht in Betracht kommt.

Die Straf­bar­keit wegen Fah­rens ohne Fahr­erlaub­nis setzt jedoch gemäß § 28 Abs. 3 S. 3 FeV zusätz­lich vor­aus, dass die Ent­zie­hung der­sel­ben zum Tat­zeit­punkt in das Ver­kehrs­zen­tral­re­gis­ter ein­ge­tra­gen war [13].

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 27. Mai 2015 – 1 Ss 24/​15

  1. vgl. auch BVerwG, Urteil vom 25.08.2011 -3 C 28/​10; Dau­er, in: Hentschel/​König/​Dauer, Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 43. Auf­la­ge, 2015, § 28 FeV Rn. 5, 44; Zwer­ger, ZfS 2015, 185, 188 mwN[]
  2. Dau­er, a.a.O., Rn. 44; Zwer­ger, ZfS 2015, 188[]
  3. BVerwG, NJW 2014, 2214, 2216 Zif­fer 28 mwN[]
  4. BVerwG, a.a.O., Rn. 28–35; BVerwG, NJW 2014, 2214, 2216; all­ge­mein Zwer­ger, ZfS 2015, 191[]
  5. EuGH, Urteil vom 23.04.2015 – – C‑260/​13 [Aykul], Rn. 58, 60, 71 [Fahr­ver­bot und Ent­zug der öster­rei­chi­schen Fahr­erlaub­nis durch deut­sche Behör­de auf­grund Can­na­bis­kon­sum][]
  6. EuGH, ebd., Rn. 61[]
  7. EuGH, ebd., Rn. 70[]
  8. vgl. Dau­er, a.a.O., Rn. 45 mwN[]
  9. BVerwG, NJW 2014, 2214, 2216 f. Zif­fer 30[]
  10. EuGH, Urteil vom 26.04.2012 – C‑419/​10 [Hof­mann], Rn. 49[]
  11. vgl. ua EuGH, Slg. 2008, I‑EUGH-SLG Jahr 2008 I S. 4635 = NJW 2008, 2403 Rn. 72 f. – Wie­de­mann ua; EuGH, Slg. 2011, I‑EUGH-SLG Jahr 2011 I S. 4057 [EUGH-SLG Jahr 2011 I 4069] = NJW 2011, 3635 Rn. 22 f. – Gras­ser[]
  12. Dau­er, a.a.O., Rn. 28 mN der EuGH Rspr.[]
  13. OLG Olden­burg, Beschluss vom 08.12.2010 – 1 Ss 102/​10, NJW 2011, 870 = DAR 2011, 154 ; OLG Jena, Beschluss vom 01.04.2009 – 1 Ss 164/​08 25; OLG Braun­schweig, Beschluss vom 12.02.2013 – 1 Ss 81/​12; OLG Braun­schweig, Beschluss vom 07.08.2013 – 1 Ss 48/​13, Rn. 6; vgl. auch Dau­er, DAR 2011, 155[]