Haupt­ver­hand­lung – und der nach­träg­li­che Erkennt­nis­ge­winn

Das Gericht hat sei­ne Über­zeu­gung nicht aus dem Inbe­griff der Haupt­ver­hand­lung geschöpft, wenn in den schrift­li­chen Urteils­grün­den auch auf Erkennt­nis­se gestützt wer­den, die erst nach­träg­lich und nicht im Ver­fah­ren nach § 261 StPO gewon­nen wor­den sind.

Haupt­ver­hand­lung – und der nach­träg­li­che Erkennt­nis­ge­winn

Grund­la­ge der Über­zeu­gungs­bil­dung des Rich­ters und der Urteils­fin­dung darf nur das sein, was inner­halb der Haupt­ver­hand­lung, d.h. vom Auf­ruf der Sache bis zum letz­ten Wort des Ange­klag­ten münd­lich so erör­tert wor­den ist, dass alle Betei­lig­ten Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me hat­ten 1. Grün­det das Gericht sei­ne Über­zeu­gung auch auf Tat­sa­chen, die nicht Gegen­stand der Haupt­ver­hand­lung waren, zu denen sich also der Ange­klag­te dem Gericht gegen­über nicht abschlie­ßend äußern konn­te, so ver­stößt das Ver­fah­ren nicht nur gegen § 261 StPO, son­dern zugleich auch gegen den in § 261 StPO zum Aus­druck kom­men­den Grund­satz des recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) 2.

Eine Ver­let­zung des § 261 StPO kann vor­lie­gend nicht bereits an der Erwä­gung schei­tern, das Urteil kön­ne nicht auf einem Vor­gang beru­hen, der sich erst nach Ver­kün­dung des Urteils ereig­net hat, weil die­ser Vor­gang bei der vor­an­ge­gan­gen Über­zeu­gungs­bil­dung und Urteils­fin­dung kei­ne Rol­le gespielt haben kön­ne.

Dem steht ent­ge­gen, dass das Revi­si­ons­ge­richt das ange­foch­te­ne Urteil nur "in der untrenn­ba­ren Ein­heit" nach­prü­fen kann, die der Urteils­te­nor und die schrift­li­chen Urteils­grün­de mit­ein­an­der bil­den 3. Andern­falls bestün­de die Gefahr, dass eine nach­träg­lich erkann­te Lücke in der Beweis­wür­di­gung durch Erkennt­nis­se, die nach Abschluss der Haupt­ver­hand­lung gewon­nen wer­den, noch geschlos­sen wer­den könn­te 4. Die schrift­li­chen Urteils­grün­de sol­len indes die tat­säch­li­chen und recht­li­chen Grund­la­gen des Urteils wie­der­ge­ben, wie sie nach der Haupt­ver­hand­lung in der Bera­tung gewon­nen wor­den sind, und dadurch dem Revi­si­ons­ge­richt die Nach­prü­fung der getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen auf ihre Rich­tig­keit ermög­li­chen 5. Daher darf auch das schrift­li­che Urteil nur auf Erkennt­nis­se gestützt wer­den, die im Ver­fah­ren nach § 261 StPO gewon­nen wor­den sind und zu denen die Betei­lig­ten Stel­lung neh­men konn­ten 6. Es dür­fen mit­hin weder Erkennt­nis­se, die wäh­rend 7 noch sol­che, die erst nach der Urteils­ver­kün­dung 8 erlangt wur­den, zur schrift­li­chen Begrün­dung der gewon­ne­nen Über­zeu­gung her­an­ge­zo­gen wer­den.

Hier­ge­gen hat­te in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das Land­ge­richt ver­sto­ßen: Die in dem schrift­li­chen Gut­ach­ten gewon­ne­nen und im Rah­men der Beweis­wür­di­gung ver­wer­te­ten Erkennt­nis­se hat das Land­ge­richt erst nach der Urteils­ver­kün­dung gewon­nen, ohne dass die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten Gele­gen­heit hat­ten, hier­zu Stel­lung zu neh­men.

Das schrift­li­che Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen wur­de erst nach der Haupt­ver­hand­lung erstellt. Es kann daher weder durch Ver­le­sung noch im Wege des Vor­halts an den Sach­ver­stän­di­gen in der Haupt­ver­hand­lung ein­ge­führt wor­den sein. Zudem ent­hält das in den Urteils­grün­den wört­lich zitier­te Gut­ach­ten umfang­rei­che, sowohl inhalt­lich wie sprach­lich kom­plex gestal­te­te Text­pas­sa­gen, in denen Unter­su­chungs­er­geb­nis­se refe­riert wer­den und eine zusam­men­fas­sen­de gut­ach­ter­li­che Wer­tung der erho­be­nen Befun­de aus neu­ro­lo­gisch­psych­ia­tri­scher Sicht for­mu­liert ist. Der Bun­des­ge­richts­hof schließt daher aus, dass das Land­ge­richt den Inhalt des spä­te­ren schrift­li­chen Gut­ach­tens schon auf­grund der Anga­ben der Sach­ver­stän­di­gen in der Haupt­ver­hand­lung fest­ge­stellt hat 9.

Die tele­fo­nisch erbe­te­ne Stel­lung­nah­me des Vor­sit­zen­den dien­te ersicht­lich auch nicht der blo­ßen Auf­fri­schung sei­nes Gedächt­nis­ses oder als For­mu­lie­rungs­hil­fe für die schrift­li­chen Urteils­grün­de allein dar­über, was der Sach­ver­stän­di­ge in der Haupt­ver­hand­lung sinn­ge­mäß aus­ge­sagt hat­te. Unge­ach­tet des­sen, dass ein sol­ches Vor­ge­hen schon für sich genom­men bedenk­lich erscheint, weil der Über­gang vom blo­ßen Auf­fri­schen bzw. blo­ßen For­mu­lie­ren hin zum Gewin­nen neu­er Erkennt­nis­se merk­lich gering und schwer fest­zu­stel­len ist 10, ist vor­lie­gend bereits dem Akten­ver­merk des Vor­sit­zen­den sowie dem Ant­wort­schrei­ben und Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen zu ent­neh­men, dass das nach­träg­li­che Tele­fon­ge­spräch nicht nur der Ver­ge­wis­se­rung des Inhalts der Haupt­ver­hand­lung dien­te. Denn dafür hät­te es weder der ergän­zen­den Über­sen­dung von Unter­la­gen an den Sach­ver­stän­di­gen noch der Erstat­tung eines schrift­li­chen Gut­ach­tens bedurft.

Die Über­nah­me die­ses Gut­ach­tens in die schrift­li­chen Urteils­grün­de könn­te zwar dann unschäd­lich sein, wenn zwei­fels­frei fest­stün­de, dass das in der Bera­tung – recht­lich feh­ler­frei – gewon­ne­ne Ergeb­nis ledig­lich durch Umstän­de bestä­tigt wur­de, die nach Ver­kün­dung des Urteils ent­stan­den sind 11. So ver­hält es sich hier aber nicht. Die Straf­kam­mer ist gera­de nicht von einer nur spä­te­ren Bestä­ti­gung ihrer – unab­hän­gig von dem Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen Prof. Dr. G. – gewon­ne­nen Über­zeu­gung aus­ge­gan- gen 12, son­dern hat bereits ver­schwie­gen, dass es sich um ein erst nach­träg­lich erstat­te­tes Gut­ach­ten han­delt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Janu­ar 2016 – 2 StR 433/​15

  1. BGH, Beschluss vom 10.07.2001 – 5 StR 250/​01, NStZ 2001, 595, 596; Urteil vom 05.08.2010 – 3 StR 195/​10, BGHR StPO § 261 Inbe­griff der Ver­hand­lung 47; KK-Ott, StPO, 7. Aufl., § 261 Rn. 6[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 13.12 1967 – 2 StR 544/​67, BGHSt 22, 26, 28 f.[]
  3. vgl. schon RG, Urteil vom 24.09.1937 – 1 D 812/​36, RGSt 71, 326, 327; vgl. auch OLG Stutt­gart, NJW 1968, 2022[]
  4. vgl. auch Pegel in Radtke/​Hohmann, StPO, § 261 Rn. 15 f.[]
  5. KK-Kuck­ein, StPO, 7. Aufl., § 267 Rn. 2 mwN[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 03.11.1987 – 4 StR 496/​87; Beschluss vom 20.10.1999 – 5 StR 496/​99; Beschluss vom 10.07.2001 – 5 StR 250/​01, NStZ 2001, 595, 596; KK-Kuck­ein, StPO, 7. Aufl., § 267 Rn. 1; LR-Stu­cken­berg, StPO, 26. Aufl., § 267 Rn. 10[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 10.07.2001 – 5 StR 250/​01, NStZ 2001, 595, 596; Beschluss vom 20.10.1999 – 5 StR 496/​99[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 03.11.2010 – 1 StR 449/​10; vgl. auch OLG Karls­ru­he, Jus­tiz 1998, 601[]
  9. vgl. auch BGH, Beschluss vom 28.07.2015 – 2 StR 38/​15; Urteil vom 06.09.2000 – 2 StR 190/​00, NStZ-RR 2001, 18[]
  10. vgl. OLG Stutt­gart, NJW 1968, 2022; Beck­OK-StPO/E­schel­bach, § 261 Rn.20; Eb. Schmidt, StPO, 1957, § 261 Rn. 4; wei­ter­ge­hend RG, Urteil vom 13.02.1939 – 2 D 4/​39, HRR 1939 Nr. 1214[]
  11. vgl. inso­weit BGH, Urteil vom 21.12 1983 – 3 StR 444/​83; Beschluss vom 03.11.1987 – 4 StR 496/​87, BGHR StPO § 261 Inbe­griff der Ver­hand­lung 8[]
  12. vgl. inso­weit OLG Karls­ru­he, Jus­tiz 1998, 601[]