"Maxi­mal 3,9 ‰"

Eine Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von maxi­mal 3,9 ‰ legt die Annah­me einer erheb­li­chen Her­ab­set­zung der Hem­mungs­fä­hig­keit sehr nahe, die nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs schon ab einer Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von 2, 0 Pro­mil­le in Betracht zu zie­hen ist 1.

<span class="dquo">"</span>Maxi­mal 3,9 ‰"

Auch wenn davon aus­zu­ge­hen ist, dass es kei­nen gesi­cher­ten medi­zi­nisch­sta­tis­ti­schen Erfah­rungs­satz dar­über gibt, dass ohne Rück­sicht auf psy­cho­dia­gnos­ti­sche Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en allein wegen einer bestimm­ten Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on zur Tat­zeit in aller Regel vom Vor­lie­gen einer alko­hol­be­dingt erheb­lich ver­min­der­ten Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­gan­gen wer­den muss, ist der fest­ge­stell­te Wert ein gewich­ti­ges Beweis­an­zei­chen für die Stär­ke der alko­ho­li­schen Beein­flus­sung.

Je höher die­ser Wert ist, um so näher liegt die Annah­me einer zumin­dest erheb­li­chen Ein­schrän­kung der Steue­rungs­fä­hig­keit. Maß­geb­lich für die Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen des § 21 StGB gege­ben sind, ist dem­entspre­chend eine Gesamt­wür­di­gung, in die sowohl die Höhe der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on als auch psy­cho­dia­gnos­ti­sche Kri­te­ri­en ein­zu­stel­len sind. Bei einer star­ken Alko­ho­li­sie­rung lässt sich erheb­lich ver­min­der­te Schuld­fä­hig­keit nur aus­schlie­ßen, wenn gewich­ti­ge Anzei­chen für den Erhalt der Hem­mungs­fä­hig­keit spre­chen 2.

Als gegen die Annah­me erheb­lich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit spre­chen­de psy­cho­dia­gnos­ti­sche Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en kom­men dabei nur sol­che Umstän­de in Betracht, die ver­läss­li­che Hin­wei­se dar­auf geben kön­nen, ob das Steue­rungs­ver­mö­gen des Täters trotz der erheb­li­chen Alko­ho­li­sie­rung voll erhal­ten geblie­ben ist 3.

Dass der Ange­klag­te im hier ent­schie­de­nen Fall ziel­ge­rich­tet nach Wert­ge­gen­stän­den gesucht und dem Mit­an­ge­klag­ten K. beim Ein­pa­cken des Fern­se­hers gehol­fen hat, stellt sich ledig­lich als blo­ße Ver­wirk­li­chung des Tat­vor­sat­zes dar, Wert­ge­gen­stän­de aus der Woh­nung zu ent­wen­den; dar­aus las­sen sich regel­mä­ßig kei­ne trag­fä­hi­gen Schlüs­se in bezug auf die Steue­rungs­fä­hig­keit des Täters gewin­nen 4. Inso­weit ist auch der Umstand, der Ange­klag­te M. habe genau gewusst, was er getan habe, eben­so ohne jede Aus­sa­ge­kraft wie die Ein­schät­zung, er sei "laut" und "aggres­siv" gewe­sen (was eher noch ein Umstand für eine Ein­schrän­kung der Steue­rungs­fä­hig­keit sein könn­te).

Das Feh­len von Aus­fall­erschei­nun­gen oder alko­hol­be­ding­ten Ein­schrän­kun­gen, das die Straf­kam­mer in ver­schie­de­ner Wei­se her­an­zieht, kann zwar grund­sätz­lich gegen eine erheb­li­che Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit spre­chen; doch ist bei – wie hier – alko­hol­ge­wöhn­ten Tätern zu berück­sich­ti­gen, dass äuße­res Leis­tungs­ver­hal­ten und inne­re Steue­rungs­fä­hig­keit durch­aus weit aus­ein­an­der fal­len kön­nen 5 und sich gera­de bei Alko­ho­li­kern oft eine durch "Übung" erwor­be­ne erstaun­li­che Kom­pen­sa­ti­ons­fä­hig­keit im Bereich grob­mo­to­ri­scher Auf­fäl­lig­kei­ten zeigt 6.

Hin­zu kommt im vor­lie­gen­den Fall, dass der Ange­klag­te nach dem Ein­druck der Zeu­gin P. "leich­te Gleich­ge­wichts­pro­ble­me" hat­te und damit jeden­falls gewis­se Anhalts­punk­te für eine alko­hol­be­ding­te Ein­schrän­kung im Raum ste­hen.

Schließ­lich ist zu berück­sich­ti­gen, dass die blo­ße Selbst­ein­schät­zung des Ange­klag­ten M. , er sei nur ange­trun­ken, aber nicht betrun­ken gewe­sen, eben­so wenig wie die Anga­ben des eben­falls hoch­gra­dig alko­ho­li­sier­ten Mit­an­ge­klag­ten K. (4,35 ‰), er habe kei­ner­lei alko­hol­be­ding­te Auf­fäl­lig­kei­ten beim Ange­klag­ten M. bemerkt, ohne rele­van­ten Beweis­wert ist 7.

Dar­über hin­aus zeigt das Tat­bild im vor­lie­gen­den Fall Beson­der­hei­ten, die sogar posi­tiv auf eine alko­hol­be­ding­te erheb­li­che Her­ab­set­zung der Hem­mungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten schlie­ßen las­sen kön­nen: Schon der Aus­lö­ser für die Tat ist son­der­bar. Die Ange­klag­ten wur­den von einer guten Bekann­ten gebe­ten, dem Zeu­gen D. , der sich einer ande­ren Frau zuge­wen­det habe, "eins in die Fres­se zu hau­en" und ihm Sachen zu ent­wen­den. Dar­auf­hin mach­ten sie sich unmit­tel­bar mit einem Hund auf einen 20 – 30minütigen Fuß­weg zur Woh­nung des Zeu­gen, in der sie ledig­lich die Zeu­gin P. antra­fen. Dort ent­wen­de­ten sie einen Fern­se­her, den sie in einen Bett­be­zug pack­ten und zu Fuß in die Woh­nung des Mit­an­ge­klag­ten K. brach­ten, wo er spä­ter sicher­ge­stellt wur­de. Eine zuvor mit wei­te­ren Gegen­stän­den bepack­te Rei­se­ta­sche lie­ßen die Ange­klag­ten am Tat­ort zurück, weil sie zu schwer war. Der Zeu­gin P. gelang es, wäh­rend der Tat die Woh­nung zu ver­las­sen. Als sie noch­mals zurück­kehr­te, um ihr Han­dy zurück­zu­for­dern, hän­dig­ten die Ange­klag­ten ihr dies aus und lie­ßen sie wie­der gehen. Neben die­sen für eine spon­ta­ne und unbe­dach­te Tat­aus­füh­rung und damit auch für eine Her­ab­set­zung der Steue­rungs­fä­hig­keit spre­chen­den Umstän­den tritt, dass die Ange­klag­ten am frü­hen Abend des Tat­ta­ges noch­mals zu Fuß zur Woh­nung des Zeu­gen D. zurück­kehr­ten und dort den im Haus­flur ange­trof­fe­nen Zeu­gen Da. baten, bei die­sem zu klin­geln und von ihm die am Tat­ort ver­ges­se­ne Hun­de­lei­ne und die Fern­be­die­nung für den ent­wen­de­ten Fern­se­her zu for­dern. Ein sol­ches, ersicht­lich von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teil­tes Vor­ge­hen, das zudem geeig­net war, die Über­füh­rung der Ange­klag­ten als Täter wesent­lich zu erleich­tern, hät­te die Straf­kam­mer eben­falls in den Blick neh­men müs­sen.

Die Auf­he­bung des Straf­aus­spruchs ist vor­lie­gend auf den nicht revi­die­ren­den Mit­an­ge­klag­ten K. zu erstre­cken (§ 357 StPO). Zwar kommt eine Erstre­ckung bei Rechts­feh­lern im Zusam­men­hang mit der Schuld­fä­hig­keit regel­mä­ßig nicht in Betracht, weil die Fra­ge der Schuld­fä­hig­keit nur indi­vi­du­ell zu bestim­men ist 8. Lie­gen die Auf­he­bungs­grün­de aber nicht nur in der Per­son des Revi­si­ons­füh­rers vor, son­dern betref­fen sie – wie hier – auch den nicht revi­die­ren­den Ange­klag­ten, kommt eine Erstre­ckung in Betracht 9. Das Land­ge­richt hat bei sei­nen Ent­schei­dun­gen über die Schuld­fä­hig­keit der Ange­klag­ten bei ver­gleich­bar hohen Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­tio­nen – wie dar­ge­legt – einen unzu­tref­fen­den Maß­stab zum Aus­gangs­punkt sei­ner Prü­fung gemacht, ohne dass es für die Feh­ler­haf­tig­keit der Ent­schei­dung noch auf die indi­vi­du­el­le Wür­di­gung hin­sicht­lich des ein­zel­nen Ange­klag­ten ankä­me.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Juli 2015 – 2 StR 146/​15

  1. BGH, Urteil vom 22.11.1990- 4 StR 117/​90, BGHSt 37, 231, 235; Urteil vom 12.01.1994 – 3 StR 633/​93, BGHR StGB § 21 Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on 27; Beschluss vom 25.02.1998 – 2 StR 16/​98, BGHR StGB § 21 Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on 34; BGH, Beschluss vom 26.11.1997 – 2 StR 553/​97, NStZ-RR 1998, 107; BGH, Beschluss vom 07.02.2012 – 5 StR 545/​11, NStZ 2012, 261[]
  2. BGH, Beschluss vom 26.11.1997 – 2 StR 553/​97, NStZ-RR 1998, 107[]
  3. BGH, Beschluss vom 30.07.1997 – 3 StR 144/​97, NStZ 1997, 592[]
  4. Fischer, StGB, 62. Aufl., § 20 Rn. 25[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 12.06.2007 – 4 StR 187/​07, NStZ 2007, 696; Beschluss vom 30.04.2015 – 2 StR 444/​14[]
  6. Fischer, aaO, § 20 Rn. 23a[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 26.05.2009 – 5 StR 57/​09, BGHR StGB § 21 Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on 41[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 09.01.1992 – 4 StR 615/​91, StV 1992, 317[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 17.12 1991 – 5 StR 598/​91, StV 1992, 417 im Zusam­men­hang mit einer feh­ler­haf­ten Gesamt­wür­di­gung bei der Fra­ge der Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung[]