Stra­fe trotz bereits ver­häng­tem Buß­geld?

Nach Ansicht des Gene­ral­an­walts beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on steht die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on dem nicht ent­ge­gen, dass eine Per­son straf­recht­lich ver­folgt wird, gegen die bereits wegen der­sel­ben Hand­lung eine bestands­kräf­ti­ge Ver­wal­tungs­sank­ti­on ver­hängt wur­de. Das Will­kür­ver­bot gebie­tet jedoch, dass die zuvor ver­häng­te Ver­wal­tungs­sank­ti­on in dem Sin­ne berück­sich­tigt wird, dass sie sich auf die Straf­sank­ti­on mil­dernd aus­wirkt.

Stra­fe trotz bereits ver­häng­tem Buß­geld?

Die Mit­glied­staa­ten der Uni­on haben zusam­men mit wei­te­ren euro­päi­schen Staa­ten die Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten unter­zeich­net. Für die Ein­hal­tung der aus die­ser Kon­ven­ti­on resul­tie­ren­den Ver­pflich­tun­gen sorgt der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te mit Sitz in Straß­burg. Dar­über hin­aus hat die Uni­on mit der Annah­me des Ver­trags von Lis­sa­bon eine ver­bind­li­che Grund­rech­te­char­ta geschaf­fen. Die Char­ta erkennt ins­be­son­de­re den Grund­satz ne bis in idem an, wonach nie­mand wegen ein und der­sel­ben Zuwi­der­hand­lung straf­recht­lich erneut ver­folgt oder bestraft wer­den darf. Für den Fall, dass ein Grund­recht sowohl in der Char­ta als auch in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­an­kert ist, schreibt die Char­ta vor, dass die­ses Grund­recht die in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on vor­ge­se­he­ne Bedeu­tung und Trag­wei­te haben muss.

In die­sem Zusam­men­hang ist der­zeit beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren aus Schwe­den anhän­gig: Herr Frans­son ist als Selb­stän­di­ger tätig. In den Steu­er­jah­ren 2004 und 2005 kam er in Schwe­den sei­nen steu­er­li­chen Mit­tei­lungs­pflich­ten nicht nach. Am 24. Mai 2007 erleg­ten die schwe­di­schen Steu­er­be­hör­den Herrn Frans­son für die im Steu­er­jahr 2004 began­ge­nen Steuer­un­re­gel­mä­ßig­kei­ten eine Geld­bu­ße in Form von Steu­er­zu­schlä­gen auf, von der 4 872 SEK auf den Ver­stoß hin­sicht­lich der Mehr­wert­steu­er ent­fie­len, die durch die Mehr­wert­steu­er-Sys­tem­richt­li­nie 2006/​112/​EG 1 gere­gelt ist. Für das Steu­er­jahr 2005 wur­de ihm von den schwe­di­schen Behör­den eine wei­te­re Geld­bu­ße auf­er­legt, von der 3 255 SEK auf den Ver­stoß hin­sicht­lich der Mehr­wert­steu­er ent­fie­len. Weder die Sank­ti­on für das Steu­er­jahr 2004 noch die Sank­ti­on für das Steu­er­jahr 2005 wur­de ange­foch­ten, so dass sie bestands­kräf­tig wur­den. Im Juni 2009 wur­de dann gegen Herrn Frans­son ein Straf­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Die Staats­an­walt­schaft wirft ihm näm­lich vor, in den Steu­er­jah­ren 2004 und 2005 Steu­ern hin­ter­zo­gen zu haben. Die Herrn Frans­son vor­ge­wor­fe­ne Straf­tat kann mit einer Frei­heits­stra­fe von bis zu sechs Jah­ren bestraft wer­den. Der Sach­ver­halt, auf den die Staats­an­walt­schaft ihre Ankla­ge stützt, ist der­sel­be wie der, auf dem die am 24. Mai 2007 ver­häng­te Ver­wal­tungs­sank­ti­on beruh­te.

In die­sem Zusam­men­hang hat das mit dem Straf­ver­fah­ren befass­te Hapa­ran­da tings­rätt, das schwe­di­sche Gericht ers­ter Instanz in Hapa­ran­da an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen zu der Fra­ge gerich­tet, ob es mit dem nach der Char­ta vor­ge­se­he­nen Grund­satz ne bis in idem (Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung) ver­ein­bar ist, dass ein Mit­glied­staat im Fall eines Ver­sto­ßes gegen die Mehr­wert­steu­er­re­ge­lung auf­grund ein und des­sel­ben Sach­ver­halts sowohl eine Ver­wal­tungs- als auch eine Straf­sank­ti­on ver­hängt.

Von der Char­ta gere­gel­te Fäl­le

In sei­nen jetzt vor­ge­leg­ten Schluss­an­trä­gen erin­nert der Gene­ral­an­walt dar­an, dass die Char­ta für die Mit­glied­staa­ten aus­schließ­lich bei der Durch­füh­rung des euro­päi­schen Uni­ons­rechts gilt. Wenn also die natio­na­len Behör­den das Uni­ons­recht „anwen­den“, muss die Euro­päi­sche Uni­on dafür sor­gen, dass die Grund­rech­te im Hin­blick auf das Han­deln der Mit­glied­staa­ten gewahrt sind.

Im vor­lie­gen­den Fall ist nach Ansicht des Gene­ral­an­walts der Grad des Zusam­men­hangs zwi­schen dem „ange­wen­de­ten“ Uni­ons­recht (hier die Richt­li­nie von 2006) und dem Han­deln Schwe­dens zu schwach, um ein ein­deu­tig fest­stell­ba­res Inter­es­se der Uni­on an der Gewähr­leis­tung des Ver­bots der Dop­pel­be­stra­fung zu begrün­den. Die schwe­di­sche steu­er­li­che Sank­ti­ons­re­ge­lung beruht näm­lich nicht unmit­tel­bar auf dem euro­päi­schen Uni­ons­recht, denn die frag­li­che Richt­li­nie regelt nicht das Sys­tem zur Ahn­dung von Steu­er­straf­ta­ten in Bezug auf die Mehr­wert­steu­er. Des­halb hat Schwe­den sein Steu­er­sank­ti­ons­sys­tem ledig­lich in den Dienst der Mehr­wert­steu­er­erhe­bung gestellt.

Da der vor­lie­gen­de Fall nach Ansicht des Gene­ral­an­walts nicht als ein Fall der Durch­füh­rung des Uni­ons­rechts ein­zu­stu­fen ist, schlägt er dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor, sich für die Beant­wor­tung der Vor­la­ge­fra­gen des schwe­di­schen Gerichts für unzu­stän­dig zu erklä­ren.

Das Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung

Für den Fall jedoch, dass sich der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on für zustän­dig hal­ten soll­te, prüft der Gene­ral­an­walt den Anwen­dungs­be­reich des Ver­bots der Dop­pel­be­stra­fung im Uni­ons­recht, genau­er gesagt, ob die­ser Grund­satz so, wie er in der Char­ta nie­der­ge­legt ist, dem ent­ge­gen­steht, dass ein Mit­glied­staat, wenn er das Uni­ons­recht anwen­det, im Hin­blick auf den­sel­ben Sach­ver­halt zwei Sank­tio­nen, eine ver­wal­tungs­recht­li­che und eine straf­recht­li­che Sank­ti­on, ver­hängt.

Im Rah­men die­ser Prü­fung erin­nert der Gene­ral­an­walt dar­an, dass gemäß der Char­ta die in ihr vor­ge­se­he­nen Rech­te die „glei­che“ Bedeu­tung und Trag­wei­te haben wie die ent­spre­chen­den Rech­te in der EMRK.

Das Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung wer­de in der EMRK bestä­tigt. Nach der Aus­le­gung der EMRK durch den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in Straß­burg ste­he die­se Kon­ven­ti­on einer ver­wal­tungs­recht­li­chen und straf­recht­li­chen Dop­pel­be­stra­fung für ein und den­sel­ben Sach­ver­halt ent­ge­gen und schlie­ße daher die Ein­lei­tung eines zwei­ten Ver­fah­rens – sei es ver­wal­tungs­recht­li­cher oder straf­recht­li­cher Art – aus, wenn die ers­te Sank­ti­on bereits Bestands­kraft erlangt habe.

Das in der EMRK ent­hal­te­ne Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung sei jedoch von den Unter­zeich­ner­staa­ten der Kon­ven­ti­on, zu denen meh­re­re Mit­glied­staa­ten der Uni­on gehör­ten, nicht ein­stim­mig ange­nom­men wor­den. Eini­ge Mit­glied­staa­ten der Uni­on hät­ten die­ses Ver­bot näm­lich nicht rati­fi­ziert bzw. Vor­be­hal­te oder Aus­le­gungs­er­klä­run­gen dazu abge­ge­ben. Zum Zeit­punkt der Ver­kün­dung die­ser Schluss­an­trä­ge ist Art. 4 des Pro­to­kolls 7 der EMRK, der das Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung ent­hält, von Bel­gi­en, Deutsch­land, den Nie­der­lan­den und dem Ver­ei­nig­ten König­reich nicht rati­fi­ziert wor­den. Von den Staa­ten, die die­sen Arti­kel rati­fi­ziert haben, hat Frank­reich zu dem genann­ten Pro­to­koll einen Vor­be­halt gel­tend gemacht, wonach es des­sen Anwen­dung aus­schließ­lich für Straf­ta­ten vor­sieht. Außer­dem haben Deutsch­land, Ita­li­en, Öster­reich und Por­tu­gal bei der Unter­zeich­nung ver­schie­de­ne Erklä­run­gen abge­ge­ben, um die aus der Sicht der inner­staat­li­chen Rechts­ord­nung begrenz­te Trag­wei­te von Art. 4 des Pro­to­kolls 7, des­sen Schutz aus­schließ­lich eine „straf­recht­li­che“ Dop­pel­be­stra­fung betref­fe, zu beto­nen.

Unter die­sen Umstän­den ist der Gene­ral­an­walt der Ansicht, dass die Pflicht zur Aus­le­gung der Char­ta im Licht der EMRK nuan­ciert wer­den muss, wenn – wie im vor­lie­gen­den Fall – ein in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­an­ker­tes Grund­recht (hier das Ver­bot einer ver­wal­tungs­recht­li­chen und straf­recht­li­chen Dop­pel­be­stra­fung) nicht von allen Mit­glied­staa­ten der Uni­on voll­stän­dig über­nom­men wor­den ist. In einem sol­chen Fall sei die EMRK für das Uni­ons­recht eine Quel­le der Inspi­ra­ti­on, und die Pflicht, das Schutz­ni­veau der Char­ta dem der EMRK gleich­zu­stel­len, ent­beh­re der­sel­ben Wirk­sam­keit.

Nach Ansicht des Gene­ral­an­walts ist dem Wort­laut der Char­ta nichts zu ent­neh­men, was zu dem Schluss ver­an­las­sen könn­te, dass die Absicht bestan­den hät­te, ein kumu­la­ti­ves Zusam­men­tref­fen einer Ver­wal­tungs­sank­ti­on und einer Straf­sank­ti­on für ein und das­sel­be Ver­hal­ten zu ver­bie­ten. Über­dies wei­se der Wort­laut der Char­ta auf die straf­recht­li­che Dimen­si­on des Ver­bots der Dop­pel­be­stra­fung hin. Der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und das mit einem Rechts­staat ein­her­ge­hen­de grund­sätz­li­che Will­kür­ver­bot gebie­ten jeden­falls nach Ansicht des Gene­ral­an­walts, dass im Rah­men des Straf­ver­fah­rens berück­sich­tigt wird, dass der Sach­ver­halt, über den in die­sem Ver­fah­ren zu ent­schei­den ist, bereits Gegen­stand einer ver­wal­tungs­recht­li­chen Sank­ti­on war.

Dem­zu­fol­ge kommt der Gene­ral­an­walt zu dem Ergeb­nis, dass die Mit­glied­staa­ten durch die Char­ta nicht an der Ein­lei­tung eines Straf­ver­fah­rens wegen des­sel­ben, bereits bestands­kräf­tig auf dem Ver­wal­tungs­weg geahn­de­ten Sach­ver­halts gehin­dert sind, sofern das Straf­ge­richt die Mög­lich­keit hat, eine vor­he­ri­ge ver­wal­tungs­recht­li­che Sank­ti­on zu berück­sich­ti­gen, um die von ihm zu ver­hän­gen­de Stra­fe her­ab­zu­set­zen. Es ist Sache des vor­le­gen­den schwe­di­schen Gerichts, zu beur­tei­len, ob sei­ne natio­na­le Rechts­ord­nung eine der­ar­ti­ge Anrech­nung zulässt.

Die Schluss­an­trä­ge sei­nes Gene­ral­an­walts sind für den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nicht bin­dend. Auf­ga­be des Gene­ral­an­walts ist es, dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in völ­li­ger Unab­hän­gig­keit einen Ent­schei­dungs­vor­schlag für die betref­fen­de Rechts­sa­che zu unter­brei­ten. Die Rich­ter des Euro­päi­schen Gerichts­hofs tre­ten nun­mehr in die Bera­tung ein. Das Urteil wird zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ver­kün­det.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts vom 12. Juni 2012 – C‑617/​10 [ Åklaga­ren /​Hans Åker­berg Frans­son ]

  1. Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28. Novem­ber 2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (ABl. L 347, S. 1).[]