Über­set­zung der Ankla­ge­schrift

Ein Ange­klag­ter kann auf die das Straf­ver­fah­ren abschlie­ßen­de Ent­schei­dung nur dann hin­rei­chend Ein­fluss neh­men, wenn ihm der Ver­fah­rens­ge­gen­stand in vol­lem Umfang bekannt ist. Dies setzt auch die Kennt­nis der Ankla­ge­schrift vor­aus.

Über­set­zung der Ankla­ge­schrift

Des­halb hat ein Ange­klag­ter nach Art. 6 Abs. 3 Buchst. a) EMRK das Recht, inner­halb mög­lichst kur­zer Frist in einer ihm ver­ständ­li­chen Spra­che in allen Ein­zel­hei­ten über Art und Grund der gegen ihn erho­be­nen Beschul­di­gung unter­rich­tet zu wer­den.

Die­ses Recht beinhal­tet für den der deut­schen Spra­che nicht hin­rei­chend mäch­ti­gen Beschul­dig­ten grund­sätz­lich die Über­sen­dung einer Über­set­zung der Ankla­ge­schrift in einer für ihn ver­ständ­li­chen Spra­che; dies hat in aller Regel schon vor der Haupt­ver­hand­lung zu gesche­hen 1.

Die Über­las­sung der über­setz­ten Ankla­ge­schrift an die nicht der deut­schen Spra­che mäch­ti­gen Ange­klag­te am sieb­ten Ver­hand­lungs­tag war des­halb zu spät. Die münd­li­che Über­set­zung allein des Ankla­ge­sat­zes in der Haupt­ver­hand­lung genügt nur in Aus­nah­me­fäl­len, nament­lich dann, wenn – wie hier gera­de nicht – der Ver­fah­rens­ge­gen­stand tat­säch­lich und recht­lich ein­fach zu über­schau­en ist 2.

Der Umstand, dass die Ange­klag­te eine Ver­tei­di­ge­rin hat, führt – auch unter Berück­sich­ti­gung des § 187 Abs. 2 Satz 5 GVG – zu kei­ner abwei­chen­den recht­li­chen Bewer­tung 1.

Ein Ange­klag­ter, dem die Ankla­ge­schrift nicht ord­nungs­ge­mäß mit­ge­teilt wur­de, kann grund­sätz­lich die Aus­set­zung der Haupt­ver­hand­lung ver­lan­gen, um sei­ne Ver­tei­di­gung genü­gend vor­be­rei­ten zu kön­nen 3.

Dem Tatrich­ter steht bei der Ent­schei­dung über einen sol­chen Aus­set­zungs­an­trag ent­spre­chend § 265 Abs. 4 StPO ein Ermes­sens­spiel­raum zu 4. Ob die­ser Ermes­sens­spiel­raum wegen der Funk­ti­on der (über­setz­ten) Ankla­ge­schrift für die Vor­be­rei­tung einer sach­ge­rech­ten Ver­tei­di­gung auf Null redu­ziert ist und dem Gericht ein Ermes­sen des­halb nur im Rah­men der Ent­schei­dung dar­über zusteht, wie lan­ge es den Zeit­raum bemisst, den es dem Ange­klag­ten für die Vor­be­rei­tung der (Fort­set­zung der) Haupt­ver­hand­lung zur Ver­fü­gung stellt 5, oder ob (bereits) eine ange­mes­se­ne Unter­bre­chung der Haupt­ver­hand­lung genügt 6, kann der Bun­des­ge­richts­hof hier offen las­sen. Denn dem Beschluss, mit dem die Straf­kam­mer im vor­lie­gen­den Fall den Aus­set­zungs­an­trag zurück­ge­wie­sen hat, ist schon nicht zu ent­neh­men, dass sich das Land­ge­richt über­haupt sei­nes Ermes­sens bewusst gewe­sen ist.

Der Bun­des­ge­richts­hof kann nicht aus­schlie­ßen, dass das Urteil, das nach Über­las­sung der schrift­li­chen Über­set­zung der Ankla­ge­schrift nach sie­ben wei­te­ren Haupt­ver­hand­lungs­ta­gen ergan­gen ist, auf einem etwai­gen Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit beruht, zumal sich die Ange­klag­te in Unkennt­nis der schrift­li­chen Über­set­zung der Ankla­ge bereits am sieb­ten Haupt­ver­hand­lungs­tag zu den Tat­vor­wür­fen ein­ge­las­sen hat 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Dezem­ber 2015 – 2 StR 457/​14

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 10.07.2014 – 3 StR 262/​14, BGHR MRK Art. 6 Abs. 3 Buchst. a) Unter­rich­tung 1[][]
  2. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 58. Aufl., Art. 6 MRK Rn. 18 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 14.09.1977 – 3 StR 278/​77, bei Holtz MDR 1978, 111 f.; OLG Cel­le, StV 1998, 531, 532; Stu­cken­berg, in: Löwe/​Rosenberg, StPO, 26. Aufl., § 201 Rn. 46; Schnei­der, in: KK-StPO, 7. Aufl., § 201 Rn. 11; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, aaO, § 201 Rn. 10, jeweils mwN[]
  4. vgl. Stu­cken­berg, in: Löwe/​Rosenberg, aaO, § 265 Rn. 109[]
  5. vgl. OLG Cel­le, StV 1998, 531, 532; Rüben­stahl, Stra­Fo 2005, 30, 32[]
  6. vgl. auch Stu­cken­berg, in: Löwe/​Rosenberg, aaO, § 265 Rn. 112; Kuck­ein, in: KK-StPO, aaO, § 265 Rn. 30; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, aaO, § 265 Rn. 39[]
  7. vgl. – inso­weit anders gela­gert – BGH, Beschluss vom 10.07.2014 – 3 StR 262/​14, BGHR MRK Art. 6 Abs. 3 Buchst. a) Unter­rich­tung 1[]