Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die not­wen­di­ge Pro­gno­se­ent­schei­dung

Die grund­sätz­lich unbe­fris­te­te Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus gemäß § 63 StGB ist eine außer­or­dent­lich belas­ten­de Maß­nah­me, die einen beson­ders gra­vie­ren­den Ein­griff in die Rech­te des Betrof­fe­nen dar­stellt.

Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die not­wen­di­ge Pro­gno­se­ent­schei­dung

Sie darf daher nur dann ange­ord­net wer­den, wenn zwei­fels­frei fest­steht, dass der Unter­zu­brin­gen­de bei der Bege­hung der Anlass­ta­ten auf­grund eines psy­chi­schen Defekts schuld­un­fä­hig oder ver­min­dert schuld­fä­hig war und die Tat­be­ge­hung hier­auf beruht.

Dane­ben muss eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des bestehen, der Täter wer­de infol­ge sei­nes fort­dau­ern­den Zustan­des in Zukunft erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten bege­hen; die zu erwar­ten­den Taten müs­sen schwe­re Stö­run­gen des Rechts­frie­dens besor­gen las­sen.

Die not­wen­di­ge Pro­gno­se ist auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Täters, sei­nes Vor­le­bens und der von ihm began­ge­nen Anlasstat(en) zu ent­wi­ckeln [1].

Sie muss sich auch dar­auf erstre­cken, wel­che rechts­wid­ri­gen Taten von dem Beschul­dig­ten dro­hen und wie aus­ge­prägt das Maß der Gefähr­dung ist [2].

Die­sen Anfor­de­run­gen genügt das ange­foch­te­ne Urteil in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nicht. Das Land­ge­richt hat nicht rechts­feh­ler­frei begrün­det, dass von der Beschul­dig­ten in Zukunft mit einer Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten zu erwar­ten sind und sie des­halb für die All­ge­mein­heit gefähr­lich ist.

Das Land­ge­richt hat im Anschluss an den Sach­ver­stän­di­gen zur Begrün­dung sei­ner Gefähr­lich­keits­pro­gno­se aus­ge­führt, die Beschul­dig­te wer­de mit hoher Wahr­schein­lich­keit zukünf­tig ohne eine the­ra­peu­ti­sche und medi­ka­men­tö­se Behand­lung Straf­ta­ten ver­gleich­bar den Anlass­ta­ten am 24.03.2018 bege­hen. Die dem Geschä­dig­ten Z. zuge­füg­te Kör­per­ver­let­zung sei jeden­falls dem Bereich der mitt­le­ren Kri­mi­na­li­tät zuzu­ord­nen. Von der Beschul­dig­ten sei­en in der Zukunft gleich­wer­ti­ge, wenn nicht sogar gefähr­li­che­re Taten unter Ver­wen­dung von Gegen­stän­den zu erwar­ten. Hin­sicht­lich der erwar­te­ten Ver­wen­dung von Gegen­stän­den stützt sich das Land­ge­richt dar­auf, dass die Beschul­dig­te bei dem Vor­fall am 7.11.2018 eine Spiel­zeug­pis­to­le in der Hand gehabt habe, sowie dar­auf, dass am 22.11.2019 die Poli­zei unter Hin­weis dar­auf geru­fen wur­de, dass die Beschul­dig­te in ihrer Woh­nung laut her­um­ge­schrien und mit einem Aschen­be­cher nach einem Pas­san­ten gewor­fen habe.

Die­se Begrün­dung hält recht­li­cher Prü­fung nicht stand.

Die Straf­kam­mer hat nicht in den Blick genom­men und erör­tert, dass die Beschul­dig­te ledig­lich die fest­ge­stell­ten Anlass­ta­ten am 24.03.2018, danach bis zu ihrer vor­läu­fi­gen Unter­brin­gung am 12.12.2019 aber kei­ne Straf­ta­ten mehr began­gen hat. Die in der Zwi­schen­zeit began­ge­nen Vor­fäl­le erschöp­fen sich in einem Abre­agie­ren des Erre­gungs­zu­stan­des durch lau­tes und aggres­si­ves Schrei­en sowie Schimp­fen durch die für die jeweils Anwe­sen­den sicht­bar ver­wirr­te Beschul­dig­te. Der Umstand, dass ein Täter trotz bestehen­den Defekts über einen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg kei­ne erheb­li­chen Straf­ta­ten began­gen hat, ist aber ein gewich­ti­ges Indiz gegen die Wahr­schein­lich­keit künf­ti­ger sol­cher Straf­ta­ten [3].

Es kommt hin­zu, dass die Straf­kam­mer die Pro­gno­se, von der Beschul­dig­ten sei­en in Zukunft Straf­ta­ten gegen Per­so­nen – mög­li­cher­wei­se – auch unter Ver­wen­dung von Gegen­stän­den zu erwar­ten, nicht aus­rei­chend belegt hat. So hat das Land­ge­richt den die­ser Pro­gno­se zugrun­de­lie­gen­den Umstand, die Beschul­dig­te habe am 22.11.2019 tat­säch­lich mit einem Aschen­be­cher nach einem Pas­san­ten gewor­fen, nicht pro­zess­ord­nungs­ge­mäß auf­ge­klärt und fest­ge­stellt. Die Bezug­nah­me auf eine ent­spre­chen­de Benach­rich­ti­gung der Poli­zei, deren Inhalt ein Poli­zei­be­am­ter als Zeu­ge geschil­dert hat, reicht inso­weit nicht aus. Der von dem Land­ge­richt über­dies her­an­ge­zo­ge­ne Umstand, dass die Beschul­dig­te am 7.11.2018 mit einer Spiel­zeug­pis­to­le in der Hand mehr­fach eine Stra­ße über­quer­te, ver­mag die Pro­gno­se, die Beschul­dig­te wer­de in der Zukunft Per­so­nen mit Gegen­stän­den kör­per­lich angrei­fen, nicht zu tra­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Mai 2020 – 1 StR 151/​20

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 21.02.2017 – 3 StR 535/​16 Rn. 7; vom 21.12.2016 – 1 StR 594/​16, BGHR StGB § 63 Anord­nung 2 Rn. 3, 10; und vom 12.10.2016 – 4 StR 78/​16 Rn. 9[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 07.06.2016 – 4 StR 79/​16 Rn. 6; BVerfG, Beschluss vom 05.07.2013 – 2 BvR 2957/​12 Rn. 27; sie­he auch BT-Drs. 18/​7244 S. 23[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.06.2019 – 2 StR 42/​19 Rn. 14; und vom 10.12.2014 – 2 StR 170/​14 Rn.20; Beschluss vom 04.07.2012 – 4 StR 224/​12 Rn. 11[]