Unter­su­chungs­haft – und 1,2 Ver­hand­lungs­ta­ge pro Woche

Bei der Anord­nung und Auf­recht­erhal­tung der Unter­su­chungs­haft ist das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen dem in Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG gewähr­leis­te­ten Recht des Ein­zel­nen auf per­sön­li­che Frei­heit und den unab­weis­ba­ren Bedürf­nis­sen einer wirk­sa­men Straf­ver­fol­gung zu beach­ten. Der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz ist dabei nicht nur für die Anord­nung, son­dern auch für die Dau­er der Unter­su­chungs­haft von Bedeu­tung.

Unter­su­chungs­haft – und 1,2 Ver­hand­lungs­ta­ge pro Woche

Nach dem ver­fas­sungs­recht­lich eben­falls in Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG ver­an­ker­ten Beschleu­ni­gungs­ge­bot in Haft­sa­chen haben die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den und gerich­te alle mög­li­chen und zumut­ba­ren Maß­nah­men zu ergrei­fen, um die not­wen­di­gen Ermitt­lun­gen mit der gebo­te­nen Schnel­lig­keit abzu­schlie­ßen und eine gericht­li­che Ent­schei­dung über die einem Beschul­dig­ten vor­ge­wor­fe­nen Taten her­bei­zu­füh­ren.

An den zügi­gen Fort­gang des Ver­fah­rens sind dabei umso stren­ge­re For­de­run­gen zu stel­len, je län­ger die Unter­su­chungs­haft schon andau­ert. Dies gilt auch im Zwi­schen- und Haupt­ver­fah­ren.

Dem Beschleu­ni­gungs­ge­bot ist regel­mä­ßig nur dann Genü­ge getan, wenn inner­halb von drei Mona­ten nach Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens mit der Haupt­ver­hand­lung begon­nen wird 1. Bei abseh­bar umfang­rei­chen Ver­fah­ren ist eine vor­aus­schau­en­de, auch grö­ße­re Zeit­räu­me umfas­sen­de Haupt­ver­hand­lungs­pla­nung mit durch­schnitt­lich mehr als nur einem Haupt­ver­hand­lungs­tag pro Woche gefor­dert 2.

Dass es dabei immer wie­der zu sach­lich begrün­de­ten Ter­mins­auf­he­bun­gen kom­men kann, steht außer Fra­ge.

Auch bedarf es kei­ner nähe­ren Dar­le­gung, dass ein Ver­stoß gegen das Beschleu­ni­gungs­ge­bot nicht dadurch begrün­det wird, dass im Rah­men der gesetz­li­chen Rege­lun­gen den berech­tig­ten Rege­ne­ra­ti­ons- und Erho­lungs­in­ter­es­sen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in ange­mes­se­ner Wei­se Rech­nung getra­gen wird; das Beschleu­ni­gungs­ge­bot lässt viel­mehr Unter­bre­chun­gen für eine ange­mes­se­ne Zeit bei einer ansons­ten hin­rei­chen­den Ter­mins­dich­te zu 3.

Auch bedarf es kei­ner nähe­ren Dar­le­gung, dass ein Ver­stoß gegen das Beschleu­ni­gungs­ge­bot nicht dadurch begrün­det wird, dass im Rah­men der gesetz­li­chen Rege­lun­gen den berech­tig­ten Rege­ne­ra­ti­ons- und Erho­lungs­in­ter­es­sen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in ange­mes­se­ner Wei­se Rech­nung getra­gen wird; das Beschleu­ni­gungs­ge­bot lässt viel­mehr Unter­bre­chun­gen für eine ange­mes­se­ne Zeit bei einer ansons­ten hin­rei­chen­den Ter­mins­dich­te zu 3.

Schließ­lich ist im vor­lie­gen­den Fall auch zu berück­sich­ti­gen, dass bis­lang 12 Ste­h­ord­ner mit mehr als 5.500 Sei­ten im Selbst­le­se­ver­fah­ren in die Haupt­ver­hand­lung ein­ge­führt wur­den. Der Zeit­raum, den die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten benö­ti­gen, um den Inhalt der Urkun­den außer­halb der Haupt­ver­hand­lung zur Kennt­nis zu neh­men, kann bei der Gesamt­be­trach­tung der Dau­er der Haupt­ver­hand­lung nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben, zumal das Selbst­le­se­ver­fah­ren mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit zu einer erheb­li­chen Ver­kür­zung der Ver­hand­lungs­dau­er geführt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Juli 2016 – StB 23/​16

  1. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 15.02.2007 – 2 BvR 2563/​06, NStZ-RR 2007, 311, 313; vom 11.06.2008 – 2 BvR 806/​08, StV 2008, 421, 423[]
  2. vgl. im Ein­zel­nen BVerfG, Beschlüs­se vom 04.05.2011 – 2 BvR 2781/​10; vom 24.08.2010 – 2 BvR 1113/​10, StV 2011, 31, 34; vom 23.01.2008 – 2 BvR 2652/​07, StV 2008, 198, 199[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 23.01.2008 – 2 BvR 2652/​07, StV 2008, 198, 199[][]