Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che außer­halb der Haupt­ver­hand­lung – und die Mit­tei­lungs­pflicht des Vor­sit­zen­den

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs besteht die Mit­tei­lungs­pflicht des § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO nur hin­sicht­lich sol­cher Erör­te­run­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, deren Gegen­stand die Mög­lich­keit einer Ver­stän­di­gung war, in denen aus­drück­lich oder kon­klu­dent Fra­gen des pro­zes­sua­len Ver­hal­tens des Ange­klag­ten in Kon­nex zum Ver­fah­rens­er­geb­nis gebracht wur­den 1.

Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che außer­halb der Haupt­ver­hand­lung – und die Mit­tei­lungs­pflicht des Vor­sit­zen­den

Nach § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO hat der Vor­sit­zen­de nach Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes und vor Beleh­rung und Ver­neh­mung des Ange­klag­ten mit­zu­tei­len, ob Erör­te­run­gen nach den §§ 202a, 212 StPO statt­ge­fun­den haben, wenn deren Gegen­stand die Mög­lich­keit einer Ver­stän­di­gung (§ 257c StPO) gewe­sen ist und wenn ja, deren wesent­li­chen Inhalt. Die Mit­tei­lungs­pflicht aus § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO greift bei sämt­li­chen Vor­ge­sprä­chen ein, die auf eine Ver­stän­di­gung abzie­len 2.

Dem­zu­fol­ge muss­te der Vor­sit­zen­de im hier ent­schie­de­nen Fall im Rah­men sei­ner Mit­tei­lungs­pflicht nach § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO auch nähe­re Anga­ben zu den Erör­te­run­gen unmit­tel­bar vor der Haupt­ver­hand­lung am 23.06.2016 machen, denn ent­spre­chend der Pro­to­kol­lie­rung dien­te das statt­ge­fun­de­ne Gespräch der Ver­fah­rens­ver­stän­di­gung. Sol­che Anga­ben sind nicht erfolgt. Ins­be­son­de­re genüg­te es für die Mit­tei­lungs­pflicht über den Inhalt der Erör­te­run­gen vom 23.06.2016 nicht, dass der Vor­sit­zen­de dar­auf hin­wies, dass "noch­mals aus­ge­hend von dem Vor­ge­spräch vom 18.05.2016", des­sen Inhalt im Ein­zel­nen mit­ge­teilt wor­den war, ein wei­te­res Gespräch geführt wor­den ist. Die­sem Erklä­rungs­in­halt der Mit­tei­lung ist jeden­falls nicht zu ent­neh­men, dass die Erör­te­run­gen vom 23.06.2016 (ledig­lich) den glei­chen Inhalt – so die dienst­li­che Stel­lung­nah­me des Vor­sit­zen­den – wie die Bespre­chung vom 18.05.2016 hat­ten. Es hät­te dann zumin­dest der Mit­tei­lung bedurft, dass die Gesprä­che vom 18.05.2016; und vom 23.06.2016 den glei­chen Inhalt hat­ten und dass sich hin­sicht­lich der von den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ein­ge­nom­me­nen Stand­punk­te kei­ne Ver­än­de­rung erge­ben habe.

Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te hier auch nicht aus­schlie­ßen, dass das Urteil auf dem Rechts­feh­ler beruht.

Bei Ver­stö­ßen gegen die Mit­tei­lungs­pflicht aus § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO ist regel­mä­ßig davon aus­zu­ge­hen, dass das Urteil auf die­sem Ver­stoß beruht; ledig­lich in Aus­nah­me­fäl­len ist Abwei­chen­des ver­tret­bar 3. Wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Urteil vom 19.03.2013 4 im Ein­zel­nen dar­ge­legt hat, hält der Gesetz­ge­ber eine Ver­stän­di­gung nur bei Wah­rung der umfas­sen­den Trans­pa­renz- und Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten für zuläs­sig, wes­halb das gesetz­li­che Rege­lungs­kon­zept eine untrenn­ba­re Ein­heit aus Zulas­sung und Beschrän­kung von Ver­stän­di­gun­gen bei gleich­zei­ti­ger Ein­he­gung durch Mit­tei­lungs, Beleh­rungs- und Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten dar­stellt 5. Dies hat zur Fol­ge, dass jeder Ver­stoß gegen sol­che gesetz­li­chen Vor­schrif­ten die Ver­stän­di­gung ins­ge­samt "bema­kelt" und damit zur Rechts­wid­rig­keit der Ver­stän­di­gung führt.

Ein Aus­nah­me­fall, bei dem das Beru­hen des Urteils auf dem Ver­fah­rens­ver­stoß aus­zu­schlie­ßen ist, liegt nicht vor. Die Mit­tei­lung des Inhalts sämt­li­cher auf eine Ver­stän­di­gung abzie­len­der Vor­ge­sprä­che dient nicht nur der not­wen­di­gen Infor­ma­ti­on des bei die­sen – auch vor­lie­gend – nicht anwe­sen­den Ange­klag­ten, son­dern auch der Infor­ma­ti­on der Öffent­lich­keit 6. Jeden­falls unter dem zuletzt genann­ten Gesichts­punkt konn­te der Bun­des­ge­richts­hof im Blick auf das nahe­zu voll­stän­di­ge Feh­len einer ent­spre­chen­den Mit­tei­lung über den Inhalt des Vor­ge­sprächs ein Beru­hen hier nicht aus­schlie­ßen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. März 2017 – 1 StR 622/​16

  1. vgl. BGH, Urteil vom 13.02.2014 – 1 StR 423/​13, NStZ 2014, 217; Beschlüs­se vom 25.06.2015 – 1 StR 579/​14, NStZ 2015, 657; und vom 29.04.2014 – 3 StR 24/​14, NStZ 2014, 529 unter Hin­weis auf BVerfG, Urteil vom 19.03.2013 – 2 BvR 2628/​10, NJW 2013, 1058, 1065[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 13.02.2014 – 1 StR 423/​13, NStZ 2014, 217 mwN[]
  3. vgl. nur BGH, Urteil vom 13.02.2014 – 1 StR 423/​13, NStZ 2014, 217 mwN[]
  4. BVerfG, Urteil vom 19.03.2013 – 2 BvR 2628/​10, NJW 2013, 1058, 1065[]
  5. BVerfG, Urteil vom 19.03.2013 – 2 BvR 2628/​10, NJW 2013, 1058, 1066[]
  6. BVerfG, Beschluss vom 15.01.2015 – 2 BvR 2055/​14, NStZ 2015, 172[]