Asyl­recht für Ahma­dis

Wird auf die Ent­schlie­ßungs­frei­heit eines Asyl­be­wer­bers, sei­ne Re­li­gi­on in einer be­stimm­ten Wei­se zu prak­ti­zie­ren, durch die Be­dro­hung mit Ge­fah­ren für Leib, Leben oder Frei­heit ein­ge­wirkt, ist dies als Ein­griff in die Re­li­gi­ons­frei­heit zu prü­fen.

Asyl­recht für Ahma­dis

Eine Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2011/​95/​EU kann – im An­schluss an das Ur­teil des EuGH vom 5. Sep­tem­ber 2012 [1] – nicht nur in der schwer­wie­gen­den Ver­let­zung der Frei­heit lie­gen, sei­ne Re­li­gi­on im pri­va­ten Rah­men zu prak­ti­zie­ren (forum in­ter­num), son­dern auch in der Frei­heit, den Glau­ben öf­fent­lich zu leben (forum ex­ter­num).

Schon das Ver­bot be­stimm­ter For­men der Re­li­gi­ons­aus­übung kann eine be­acht­li­che Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU dar­stel­len, und zwar un­ab­hän­gig davon, ob sich der davon be­trof­fe­ne Glau­bens­an­ge­hö­ri­ge tat­säch­lich re­li­gi­ös be­tä­ti­gen wird oder auf die Aus­übung aus Furcht vor Ver­fol­gung ver­zich­tet.

Ein sol­ches Ver­bot hat nur dann die für eine Ver­fol­gungs­hand­lung er­for­der­li­che ob­jek­ti­ve Schwe­re, wenn dem Aus­län­der durch die Aus­übung sei­ner Re­li­gi­on mit be­acht­li­cher Wahr­schein­lich­keit die Ge­fahr droht, an Leib, Leben oder Frei­heit ver­letzt, straf­recht­lich ver­folgt oder einer un­mensch­li­chen oder er­nied­ri­gen­den Be­hand­lung oder Be­stra­fung un­ter­wor­fen zu wer­den.

Das Ver­bot weist nur dann die dar­über hin­aus er­for­der­li­che sub­jek­ti­ve Schwe­re auf, wenn die Be­fol­gung der ver­bo­te­nen re­li­giö­sen Pra­xis für den Ein­zel­nen zur Wah­rung sei­ner re­li­giö­sen Iden­ti­tät be­son­ders wich­tig und in die­sem Sin­ne für ihn un­ver­zicht­bar ist.

Eine Ge­samt­be­trach­tung un­ter­schied­li­cher Maß­nah­men hat nur dann die Qua­li­tät einer Ver­let­zungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 2011/​95/​EU, wenn der Aus­län­der davon in ähn­li­cher Wei­se be­trof­fen ist wie im Fal­le einer schwer­wie­gen­den Men­schen­rechts­ver­let­zung nach Buch­sta­be a. Dazu be­darf es einer auf die Si­tua­ti­on des ein­zel­nen An­trag­stel­lers be­zo­ge­nen Ver­gleichs­be­trach­tung.

Gemäß § 3 Abs. 1 und Abs. 4 AsylVfG i.V.m. § 60 Abs. 1 Auf­en­thG ist – unter Berück­sich­ti­gung der uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben – einem Aus­län­der die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuzu­er­ken­nen, wenn sei­ne Furcht begrün­det ist, dass er in sei­nem Her­kunfts­land Bedro­hun­gen sei­nes Lebens, sei­ner Frei­heit oder ande­rer in Art. 9 Abs. 1 Richt­li­nie 2011/​95/​EU (zuvor: Richt­li­nie 2004/​83/​EG) – im Fol­gen­den: Richt­li­nie – geschütz­ter Rechts­gü­ter wegen sei­ner Ras­se, Reli­gi­on, Staats­an­ge­hö­rig­keit, sei­ner Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe oder wegen sei­ner poli­ti­schen Über­zeu­gung aus­ge­setzt ist. Die Furcht vor Ver­fol­gung ist begrün­det, wenn dem Aus­län­der die vor­ge­nann­ten Gefah­ren auf­grund der in sei­nem Her­kunfts­land gege­be­nen Umstän­de in Anbe­tracht sei­ner indi­vi­du­el­len Lage tat­säch­lich, d.h. mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit dro­hen.

Nach § 60 Abs. 1 Satz 5 Auf­en­thG sind für die Fest­stel­lung, ob eine Ver­fol­gung nach Satz 1 vor­liegt, Arti­kel 4 Abs. 4 sowie die Arti­kel 7 bis 10 der Richt­li­nie ergän­zend anzu­wen­den. Nach Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie gel­ten als Ver­fol­gung im Sin­ne des Arti­kels 1 A der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on (GFK) sol­che Hand­lun­gen, die auf­grund ihrer Art oder Wie­der­ho­lung so gra­vie­rend sind, dass sie eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der grund­le­gen­den Men­schen­rech­te dar­stel­len, ins­be­son­de­re der Rech­te, von denen gemäß Arti­kel 15 Absatz 2 EMRK kei­ne Abwei­chung zuläs­sig ist. Nach Art. 9 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie kann eine Ver­fol­gungs­hand­lung auch in einer Kumu­lie­rung unter­schied­li­cher Maß­nah­men, ein­schließ­lich einer Ver­let­zung der Men­schen­rech­te, bestehen, die so gra­vie­rend ist, dass eine Per­son davon in ähn­li­cher wie der unter Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie beschrie­be­nen Wei­se betrof­fen ist. Nach Art. 9 Abs. 3 der Richt­li­nie muss eine Ver­knüp­fung zwi­schen den Ver­fol­gungs­grün­den des Art. 10 Abs. 1 der Richt­li­nie und den Ver­fol­gungs­hand­lun­gen nach Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie bestehen.

Die vom Klä­ger als Mit­glied der Ahma­di­y­ya-Glau­bens­ge­mein­schaft (Ahma­di) gel­tend gemach­te Ver­fol­gungs­ge­fahr ist als Furcht vor einem Ein­griff in die Frei­heit der Reli­gi­ons­aus­übung zu wer­ten. Denn Ahma­dis droht in Paki­stan die Gefahr einer Inhaf­tie­rung und Bestra­fung nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts nicht schon wegen ihrer blo­ßen Zuge­hö­rig­keit zu der Glau­bens­ge­mein­schaft als sol­cher. Die Ver­wirk­li­chung der Gefahr hängt viel­mehr von dem wil­lens­ge­steu­er­ten Ver­hal­ten des ein­zel­nen Glau­bens­an­ge­hö­ri­gen ab: der Aus­übung sei­ner Reli­gi­on mit Wir­kung in die Öffent­lich­keit. In sol­chen Fäl­len besteht der unmit­tel­bar dro­hen­de Ein­griff in einer Ver­let­zung der Frei­heit, die eige­ne Reli­gi­on ent­spre­chend den gel­ten­den Glau­bens­re­geln und dem reli­giö­sen Selbst­ver­ständ­nis des Gläu­bi­gen zu prak­ti­zie­ren, weil der Glau­bens­an­ge­hö­ri­ge sei­ne Ent­schei­dung für oder gegen die öffent­li­che Reli­gi­ons­aus­übung nur unter dem Druck der ihm dro­hen­den Ver­fol­gungs­ge­fahr tref­fen kann. Er liegt hin­ge­gen nicht in der Ver­let­zung der erst im Fall der Prak­ti­zie­rung bedroh­ten Rechts­gü­ter (z.B. Leib, Leben, per­sön­li­che Frei­heit). Etwas ande­res gilt dann, wenn der Betrof­fe­ne sei­nen Glau­ben im Her­kunfts­land bereits prak­ti­ziert hat und ihm schon des­halb – unab­hän­gig von einer wil­lens­ge­steu­er­ten Ent­schei­dung über sein Ver­hal­ten in der Zukunft – unmit­tel­bar die Gefahr z.B. einer Inhaf­tie­rung und Bestra­fung droht. Eine der­ar­ti­ge Vor­ver­fol­gung hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg im vor­lie­gen­den Fall jedoch nicht fest­ge­stellt.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat auf Vor­la­ge des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts durch Urteil vom 5. Sep­tem­ber 2012 [2] ent­schie­den, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Ein­grif­fe in die Reli­gi­ons­frei­heit als Ver­fol­gungs­hand­lun­gen im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie ange­se­hen wer­den kön­nen.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof sieht in dem in Art. 10 Abs. 1 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on (GR-Char­ta) ver­an­ker­ten Recht auf Reli­gi­ons­frei­heit ein grund­le­gen­des Men­schen­recht, das eines der Fun­da­men­te einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft dar­stellt und Art. 9 EMRK ent­spricht. Ein Ein­griff in das Recht auf Reli­gi­ons­frei­heit kann so gra­vie­rend sein, dass er einem der in Art. 15 Abs. 2 EMRK genann­ten Fäl­le gleich­ge­setzt wer­den kann, auf die Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie als Anhalts­punkt für die Fest­stel­lung ver­weist, wel­che Hand­lun­gen ins­be­son­de­re als Ver­fol­gung gel­ten [3]. Aller­dings stellt nicht jeder Ein­griff in das durch Art. 10 Abs. 1 GR-Char­ta garan­tier­te Recht auf Reli­gi­ons­frei­heit eine Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie dar [4]. Zunächst muss es sich um eine Ver­let­zung die­ser Frei­heit han­deln, die nicht durch gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Ein­schrän­kun­gen der Grund­rechts­aus­übung im Sin­ne von Art. 52 Abs. 1 GR-Char­ta gedeckt ist. Wei­ter­hin muss eine schwer­wie­gen­de Rechts­ver­let­zung vor­lie­gen, die den Betrof­fe­nen erheb­lich beein­träch­tigt [5]. Das setzt nach Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie vor­aus, dass die Ein­griffs­hand­lun­gen einer Ver­let­zung der grund­le­gen­den Men­schen­rech­te gleich­kom­men, von denen gemäß Art. 15 Abs. 2 EMRK in kei­nem Fall abge­wi­chen wer­den darf [6].

Zu den Hand­lun­gen, die nach der Recht­spre­chung des EuGH eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie dar­stel­len kön­nen, gehö­ren nicht nur gra­vie­ren­de Ein­grif­fe in die Frei­heit des Antrag­stel­lers, sei­nen Glau­ben im pri­va­ten Rah­men zu prak­ti­zie­ren, son­dern auch sol­che in sei­ne Frei­heit, die­sen Glau­ben öffent­lich zu leben. Der Gerichts­hof hält es mit der wei­ten Defi­ni­ti­on des Reli­gi­ons­be­griffs in Art. 10 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie nicht für ver­ein­bar, die Beacht­lich­keit einer Ver­let­zungs­hand­lung danach zu beur­tei­len, ob die­se in einen Kern­be­reich der pri­va­ten Glau­bens­be­tä­ti­gung (forum inter­num) oder in einen wei­te­ren Bereich der öffent­li­chen Glau­bens­aus­übung (forum exter­num) ein­greift [7]. Der Senat folgt die­ser Aus­le­gung und hält daher an der vor Inkraft­tre­ten der Richt­li­nie 2004/​83/​EG ver­tre­te­nen, hier­von abwei­chen­den Rechts­auf­fas­sung für den Flücht­lings­schutz [8] nicht mehr fest. Folg­lich ist bei der Bestim­mung der Hand­lun­gen, die auf­grund ihrer Schwe­re ver­bun­den mit der ihrer Fol­gen für den Betrof­fe­nen als Ver­fol­gung gel­ten kön­nen, nicht dar­auf abzu­stel­len, in wel­che Kom­po­nen­te der Reli­gi­ons­frei­heit ein­ge­grif­fen wird, son­dern auf die Art der aus­ge­üb­ten Repres­sio­nen und ihre Fol­gen für den Betrof­fe­nen [9].

Ob eine Ver­let­zung des durch Art. 10 Abs. 1 der GR-Char­ta garan­tier­ten Rechts eine Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie dar­stellt, rich­tet sich danach, wie gra­vie­rend die Maß­nah­men und Sank­tio­nen sind, die gegen­über dem Betrof­fe­nen ergrif­fen wer­den oder ergrif­fen wer­den kön­nen. Dem­nach kann es sich bei einer Ver­let­zung des Rechts auf Reli­gi­ons­frei­heit um eine Ver­fol­gung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie han­deln, wenn der Asyl­be­wer­ber auf­grund der Aus­übung die­ser Frei­heit in sei­nem Her­kunfts­land u.a. tat­säch­lich Gefahr läuft, durch einen der in Art. 6 der Richt­li­nie genann­ten Akteu­re straf­recht­lich ver­folgt oder unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Bestra­fung unter­wor­fen zu wer­den [10]. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof ver­wen­det in der ver­bind­li­chen deut­schen Sprach­fas­sung des Urteils (vgl. Art. 41 der Ver­fah­rens­ord­nung des Gerichts­hofs [11]) zwar nur den Begriff „ver­folgt“, ohne dies aus­drück­lich auf eine straf­recht­li­che Ver­fol­gung zu bezie­hen. Es wäre jedoch zir­ku­lär, den Begriff der „asyl­erheb­li­chen Ver­fol­gung“ durch „Ver­fol­gung“ zu defi­nie­ren. Dafür spricht zudem ein Ver­gleich der deut­schen mit der fran­zö­si­schen, eng­li­schen und ita­lie­ni­schen Fas­sung des Urteils. In allen drei zum Ver­gleich her­an­ge­zo­ge­nen Sprach­fas­sun­gen ist von straf­recht­li­cher Ver­fol­gung die Rede. Dar­über hin­aus ist auch die im Fall der Reli­gi­ons­aus­übung dro­hen­de Gefahr einer Ver­let­zung von Leib und Leben sowie der (phy­si­schen) Frei­heit hin­rei­chend schwer­wie­gend, um die Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit als Ver­fol­gungs­hand­lung zu bewer­ten.

Ein hin­rei­chend schwe­rer Ein­griff in die Reli­gi­ons­frei­heit gemäß Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie setzt nicht vor­aus, dass der Aus­län­der sei­nen Glau­ben nach Rück­kehr in sein Her­kunfts­land tat­säch­lich in einer Wei­se aus­übt, die ihn der Gefahr der Ver­fol­gung aus­setzt. Viel­mehr kann bereits der unter dem Druck der Ver­fol­gungs­ge­fahr erzwun­ge­ne Ver­zicht auf die Glau­bens­be­tä­ti­gung die Qua­li­tät einer Ver­fol­gung errei­chen. Das ergibt sich ins­be­son­de­re aus der Aus­sa­ge des Gerichts­hofs in Rn. 69, dass schon das Ver­bot der Teil­nah­me an reli­giö­sen Riten im öffent­li­chen Bereich eine hin­rei­chend gra­vie­ren­de Hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie und somit eine Ver­fol­gung dar­stel­len kann, wenn der Ver­stoß dage­gen die tat­säch­li­che Gefahr der dort genann­ten Sank­tio­nen und Kon­se­quen­zen her­auf­be­schwört. Kann Ver­fol­gung somit schon in dem Ver­bot als sol­chem lie­gen, kommt es auf das tat­säch­li­che künf­ti­ge Ver­hal­ten des Asyl­be­wer­bers und dar­an anknüp­fen­de Ein­grif­fe in ande­re Rechts­gü­ter des Betrof­fe­nen (z.B. in Leben oder Frei­heit) letzt­lich nicht an.

Die­sem Ver­ständ­nis der Ent­schei­dung, das den Flücht­lings­schutz gegen­über der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vor­ver­la­gert, steht nicht ent­ge­gen, dass der Gerichts­hof in sei­nen Aus­füh­run­gen auf die Gefahr abstellt, die dem Aus­län­der bei „Aus­übung die­ser Frei­heit“ [12] bzw. der „reli­giö­sen Betä­ti­gung“ [13] droht. Denn damit nimmt die­ser ledig­lich den Wort­laut der ent­spre­chen­den Vor­la­ge­fra­gen 2a und 3 des Senats auf, ohne dass dar­in eine not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für die Flücht­lings­an­er­ken­nung liegt. Könn­te nicht schon das Ver­bot bestimm­ter For­men der Reli­gi­ons­aus­übung eine Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie dar­stel­len, blie­ben Betrof­fe­ne gera­de in sol­chen Län­dern schutz­los, in denen die ange­droh­ten Sank­tio­nen beson­ders schwer­wie­gend und so umfas­send sind, dass sich Gläu­bi­ge genö­tigt sehen, auf die Glau­bens­prak­ti­zie­rung zu ver­zich­ten [14]. Die­se Erstre­ckung auch auf einen erzwun­ge­nen Ver­zicht ent­spricht dem Ver­ständ­nis des bri­ti­schen Upper Tri­bu­nal (Immi­gra­ti­on and Asyl­um Cham­ber) in sei­nem Grund­satz­ur­teil vom 14. Novem­ber 2012 [15] betref­fend die reli­giö­se Ver­fol­gung von Ahma­dis in Paki­stan und dem Urteil des Supre­me Court of the United King­dom betref­fend die Ver­fol­gung wegen Homo­se­xua­li­tät vom 7. Juli 2010 [16]. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt folgt die­ser Aus­le­gung und hält daher an sei­ner vor Inkraft­tre­ten der Richt­li­nie 2004/​83/​EG ver­tre­te­nen, hier­von abwei­chen­den Rechts­auf­fas­sung [17] nicht mehr fest.

Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on hängt die Beur­tei­lung, wann eine Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit die erfor­der­li­che Schwe­re auf­weist, um die Vor­aus­set­zun­gen einer Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie zu erfül­len, von objek­ti­ven wie auch sub­jek­ti­ven Gesichts­punk­ten ab [18]. Objek­ti­ve Gesichts­punk­te sind ins­be­son­de­re die Schwe­re der dem Aus­län­der bei Aus­übung sei­ner Reli­gi­on dro­hen­den Ver­let­zung ande­rer Rechts­gü­ter wie z.B. Leib und Leben. Die erfor­der­li­che Schwe­re kann ins­be­son­de­re dann erreicht sein, wenn dem Aus­län­der durch die Teil­nah­me an reli­giö­sen Riten in der Öffent­lich­keit die Gefahr droht, an Leib, Leben oder Frei­heit ver­letzt, straf­recht­lich ver­folgt oder einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung oder Bestra­fung unter­wor­fen zu wer­den. Bei straf­rechts­be­wehr­ten Ver­bo­ten kommt es inso­weit maß­geb­lich auf die tat­säch­li­che Straf­ver­fol­gungs­pra­xis im Her­kunfts­land des Aus­län­ders an, denn ein Ver­bot, das erkenn­bar nicht durch­ge­setzt wird, begrün­det kei­ne erheb­li­che Ver­fol­gungs­ge­fahr [19].

Als rele­van­ten sub­jek­ti­ven Gesichts­punkt für die Schwe­re der dro­hen­den Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit sieht der Gerichts­hof den Umstand an, dass für den Betrof­fe­nen die Befol­gung einer bestimm­ten gefahr­träch­ti­gen reli­giö­sen Pra­xis in der Öffent­lich­keit zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät beson­ders wich­tig ist [18]. Denn der Schutz­be­reich der Reli­gi­on erfasst sowohl die von der Glau­bens­leh­re vor­ge­schrie­be­nen Ver­hal­tens­wei­sen als auch die­je­ni­gen, die der ein­zel­ne Gläu­bi­ge für sich selbst als unver­zicht­bar emp­fin­det [20]. Dabei bestä­tigt der EuGH die Auf­fas­sung des Senats, dass es auf die Bedeu­tung der reli­giö­sen Pra­xis für die Wah­rung der reli­giö­sen Iden­ti­tät des ein­zel­nen Aus­län­ders ankommt, auch wenn die Befol­gung einer sol­chen reli­giö­sen Pra­xis nicht von zen­tra­ler Bedeu­tung für die betref­fen­de Glau­bens­ge­mein­schaft ist [21]. Dem Umstand, dass die kon­kre­te Form der Glau­bens­be­tä­ti­gung (z.B. Mis­sio­nie­rung) nach dem Selbst­ver­ständ­nis der Glau­bens­ge­mein­schaft, der der Schutz­su­chen­de ange­hört, zu einem tra­gen­den Glau­bens­prin­zip gehört, kann dabei eine indi­zi­el­le Wir­kung zukom­men. Maß­geb­lich ist aber, wie der ein­zel­ne Gläu­bi­ge sei­nen Glau­ben lebt und ob die ver­fol­gungs­träch­ti­ge Glau­bens­be­tä­ti­gung für ihn per­sön­lich nach sei­nem Glau­bens­ver­ständ­nis unver­zicht­bar ist.

Der vom EuGH ent­wi­ckel­te Maß­stab, dass die Befol­gung einer bestimm­ten reli­giö­sen Pra­xis zur Wah­rung der reli­giö­sen Iden­ti­tät beson­ders wich­tig ist, setzt nach dem Ver­ständ­nis des Senats nicht vor­aus, dass der Betrof­fe­ne inner­lich zer­bre­chen oder jeden­falls schwe­ren see­li­schen Scha­den neh­men wür­de, wenn er auf eine ent­spre­chen­de Prak­ti­zie­rung sei­nes Glau­ben ver­zich­ten müss­te [22]. Jedoch muss die kon­kre­te Glau­bens­pra­xis für den Ein­zel­nen ein zen­tra­les Ele­ment sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät und in die­sem Sin­ne für ihn unver­zicht­bar sein. Es reicht nicht aus, dass der Asyl­be­wer­ber eine enge Ver­bun­den­heit mit sei­nem Glau­ben hat, wenn er die­sen – jeden­falls im Auf­nah­me­mit­glied­staat – nicht in einer Wei­se lebt, die ihn im Her­kunfts­staat der Gefahr der Ver­fol­gung aus­set­zen wür­de. Maß­geb­lich für die Schwe­re der Ver­let­zung der reli­giö­sen Iden­ti­tät ist die Inten­si­tät des Drucks auf die Wil­lens­ent­schei­dung des Betrof­fe­nen, sei­nen Glau­ben in einer für ihn als ver­pflich­tend emp­fun­de­nen Wei­se aus­zu­üben oder hier­auf wegen der dro­hen­den Sank­tio­nen zu ver­zich­ten. Die Tat­sa­che, dass er die unter­drück­te reli­giö­se Betä­ti­gung sei­nes Glau­bens für sich selbst als ver­pflich­tend emp­fin­det, um sei­ne reli­giö­se Iden­ti­tät zu wah­ren, muss der Asyl­be­wer­ber zur vol­len Über­zeu­gung des Gerichts nach­wei­sen [23].

Die reli­giö­se Iden­ti­tät als inne­re Tat­sa­che lässt sich nur aus dem Vor­brin­gen des Asyl­be­wer­bers sowie im Wege des Rück­schlus­ses von äuße­ren Anhalts­punk­ten auf die inne­re Ein­stel­lung des Betrof­fe­nen fest­stel­len. Dafür ist das reli­giö­se Selbst­ver­ständ­nis eines Asyl­be­wer­bers grund­sätz­lich sowohl vor als auch nach der Aus­rei­se aus dem Her­kunfts­land von Bedeu­tung. Bei Ahma­dis aus Paki­stan ist zunächst fest­zu­stel­len, ob und seit wann sie der Ahma­di­y­ya-Glau­bens­ge­mein­schaft ange­hö­ren. Hier­bei dürf­te sich die Ein­ho­lung einer Aus­kunft der Zen­tra­le der Glau­bens­ge­mein­schaft in Deutsch­land anbie­ten, die ihrer­seits auf die Erkennt­nis­se des Welt-Head­quar­ters in Lon­don – ins­be­son­de­re zur reli­giö­sen Betä­ti­gung des Betrof­fe­nen in Paki­stan – zurück­grei­fen kann [24]. Nähe­re Fest­stel­lun­gen über die reli­giö­se Betä­ti­gung eines Aus­län­ders vor sei­ner Aus­rei­se ver­rin­gern auch das Risi­ko einer objek­tiv unzu­tref­fen­den Zuord­nung zu einer Glau­bens­ge­mein­schaft [25]. Zusätz­lich kommt die Befra­gung eines Ver­tre­ters der loka­len deut­schen Ahma­di-Gemein­de in Betracht, der der Asyl­be­wer­ber ange­hört. Schließ­lich erscheint im gericht­li­chen Ver­fah­ren eine aus­führ­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen im Rah­men einer münd­li­chen Ver­hand­lung in aller Regel unver­zicht­bar. Wenn das Gericht zu dem Ergeb­nis kommt, dass der Klä­ger sei­nen Glau­ben in Paki­stan nicht in einer in die Öffent­lich­keit wir­ken­den Wei­se prak­ti­ziert hat, sind die Grün­de hier­für auf­zu­klä­ren. Denn der Ver­zicht auf eine ver­fol­gungs­re­le­van­te Glau­bens­be­tä­ti­gung im Her­kunfts­land kenn­zeich­net die reli­giö­se Iden­ti­tät eines Gläu­bi­gen dann nicht, wenn er aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung erfolg­te. Ergibt die Prü­fung, dass der Klä­ger sei­nen Glau­ben in Deutsch­land nicht in einer Wei­se prak­ti­ziert, die ihn in Paki­stan der Gefahr der Ver­fol­gung aus­set­zen wür­de, spricht dies regel­mä­ßig dage­gen, dass eine sol­che Glau­bens­be­tä­ti­gung für sei­ne reli­giö­se Iden­ti­tät prä­gend ist, es sei denn, der Betrof­fe­ne kann gewich­ti­ge Grün­de hier­für vor­brin­gen. Prak­ti­ziert er sei­nen Glau­ben hin­ge­gen in ent­spre­chen­der Wei­se, ist wei­ter zu prü­fen, ob die­se Form der Glau­bens­aus­übung für den Klä­ger zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät beson­ders wich­tig ist und nicht etwa nur des­halb erfolgt, um die Aner­ken­nung als Flücht­ling zu errei­chen.

Das Ver­bot einer öffent­li­chen reli­giö­sen Betä­ti­gung als sol­ches kann aber nur dann als hin­rei­chend schwe­re Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit und damit als Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne des Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie ange­se­hen wer­den, wenn der Asyl­be­wer­ber – über die soeben genann­ten objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Gesichts­punk­te hin­aus – bei Aus­übung der ver­bo­te­nen öffent­lich­keits­wirk­sa­men Glau­bens­aus­übung in sei­nem Her­kunfts­land tat­säch­lich Gefahr läuft, an Leib, Leben oder Frei­heit ver­letzt, straf­recht­lich ver­folgt oder einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung oder Bestra­fung unter­wor­fen zu wer­den. Das bedeu­tet, dass die genann­ten Fol­gen und Sank­tio­nen dem Aus­län­der im Her­kunfts­land mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit dro­hen müs­sen. Die­ser in dem Tat­be­stands­merk­mal „… aus der begrün­de­ten Furcht vor Ver­fol­gung …“ des Art. 2 Buchst. c der Richt­li­nie 2004/​83/​EG (Art. 2 Buchst. d Richt­li­nie 2011/​95/​EU) ent­hal­te­ne Wahr­schein­lich­keits­maß­stab ori­en­tiert sich an der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR), der bei der Prü­fung des Art. 3 EMRK auf die tat­säch­li­che Gefahr abstellt („real risk“); das ent­spricht dem Maß­stab der beacht­li­chen Wahr­schein­lich­keit [26]. Der Wahr­schein­lich­keits­maß­stab setzt vor­aus, dass bei einer zusam­men­fas­sen­den Wür­di­gung des zur Prü­fung gestell­ten Lebens­sach­ver­halts die für eine Ver­fol­gung spre­chen­den Umstän­de ein grö­ße­res Gewicht besit­zen und des­halb gegen­über den dage­gen spre­chen­den Tat­sa­chen über­wie­gen. Dabei ist eine „qua­li­fi­zie­ren­de“ Betrach­tungs­wei­se im Sin­ne einer Gewich­tung und Abwä­gung aller fest­ge­stell­ten Umstän­de und ihrer Bedeu­tung anzu­le­gen. Es kommt dar­auf an, ob in Anbe­tracht die­ser Umstän­de bei einem ver­nünf­tig den­ken­den, beson­ne­nen Men­schen in der Lage des Betrof­fe­nen Furcht vor Ver­fol­gung her­vor­ge­ru­fen wer­den kann [27]. Im vor­lie­gen­den Fall kommt es dar­auf an, ob der Klä­ger berech­tig­ter­wei­se befürch­ten muss, dass ihm auf­grund einer öffent­li­chen reli­giö­sen Betä­ti­gung in Paki­stan, die zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät beson­ders wich­tig ist, mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit eine schwe­ren Rechts­gut­ver­let­zung droht, ins­be­son­de­re die Gefahr, an Leib, Leben oder Frei­heit ver­letzt, straf­recht­lich ver­folgt oder einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung oder Bestra­fung unter­wor­fen zu wer­den.

Nach den Fest­stel­lun­gen besteht für paki­sta­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge in ihrem Hei­mat­land allein wegen ihrer Zuge­hö­rig­keit zur Ahma­di­y­ya-Glau­bens­ge­mein­schaft noch kei­ne flücht­lings­recht­lich rele­van­te Ver­fol­gungs­ge­fahr. Eine sol­che droht nur „beken­nen­den Ahma­dis“, die „ihren Glau­ben im Hei­mat­land auch öffent­lich aus­üben wol­len“. Das Beru­fungs­ge­richt hält zur Fest­stel­lung der Ver­fol­gungs­wahr­schein­lich­keit die für eine Grup­pen­ver­fol­gung gel­ten­den Maß­stä­be inso­weit mit Recht nicht für voll­um­fäng­lich über­trag­bar, als eine Ver­gleichs­be­trach­tung der Zahl der statt­ge­fun­de­nen Ver­fol­gungs­ak­te zur Gesamt­zahl aller Ahma­dis in Paki­stan (etwa 4 Mil­lio­nen) oder der beken­nen­den Ahma­dis (500.000 bis 600.000) die unter Umstän­den hohe Zahl der Glau­bens­an­ge­hö­ri­gen unbe­rück­sich­tigt lie­ße, die aus Furcht vor Ver­fol­gung auf ein öffent­li­ches Prak­ti­zie­ren ihrer Reli­gi­on ver­zich­ten. Hängt die Ver­fol­gungs­ge­fahr aber von dem wil­lens­ge­steu­er­ten Ver­hal­ten des Ein­zel­nen – der ver­bo­te­nen Aus­übung des Glau­bens in der Öffent­lich­keit – ab, ist für die Gefah­ren­pro­gno­se auf die Grup­pe der ihren Glau­ben trotz der Ver­bo­te in der Öffent­lich­keit prak­ti­zie­ren­den Glau­bens­an­ge­hö­ri­gen abzu­stel­len. Dabei ergibt sich aus den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen nicht, dass die Aus­übung reli­giö­ser Riten in einer Gebets­stät­te der Ahma­dis bereits als öffent­li­che Betä­ti­gung gewer­tet und straf­recht­lich sank­tio­niert wird. Die Zahl der ihren Glau­ben in straf­recht­lich ver­bo­te­ner Wei­se prak­ti­zie­ren­den Ahma­dis ist – bei allen damit ver­bun­de­nen, auch dem Senat bekann­ten Schwie­rig­kei­ten – jeden­falls annä­he­rungs­wei­se zu bestim­men. In einem wei­te­ren Schritt ist sodann fest­zu­stel­len, wie vie­le Ver­fol­gungs­ak­te die Ange­hö­ri­gen die­ser Grup­pe tref­fen. Dabei ist ins­be­son­de­re zu ermit­teln, mit wel­cher Wahr­schein­lich­keit ein Ahma­di inhaf­tiert und bestraft wird, der ent­ge­gen den Vor­schrif­ten des Paki­stan Penal Code bei sei­ner Glau­bens­aus­übung reli­giö­se Begrif­fe und Riten des Islam benutzt, sei­nen Glau­ben öffent­lich bekennt oder für ihn wirbt. Bei der Rela­ti­ons­be­trach­tung, die die Zahl der ihren Glau­ben ver­bots­wid­rig in der Öffent­lich­keit prak­ti­zie­ren­den Ahma­dis mit der Zahl der tat­säch­li­chen Ver­fol­gungs­ak­te in Bezie­hung setzt, ist zu berück­sich­ti­gen, dass es sich um eine wer­ten­de Betrach­tung han­delt, die auch even­tu­ell bestehen­de Unsi­cher­hei­ten und Unwäg­bar­kei­ten der staat­li­chen Straf­ver­fol­gungs­pra­xis mit ein­zu­be­zie­hen hat. Besteht auf­grund einer sol­chen Pro­gno­se für die – mög­li­cher­wei­se zah­len­mä­ßig nicht gro­ße – Grup­pe der ihren Glau­ben in ver­bo­te­ner Wei­se in der Öffent­lich­keit prak­ti­zie­ren­den Glau­bens­an­ge­hö­ri­gen ein rea­les Ver­fol­gungs­ri­si­ko, kann dar­aus der Schluss gezo­gen wer­den, dass auch die Gesamt­grup­pe der Ahma­dis, für die die­se öffent­lich­keits­wirk­sa­men Glau­bens­prak­ti­ken ein zen­tra­les Ele­ment ihrer reli­giö­sen Iden­ti­tät dar­stel­len und in die­sem Sin­ne unver­zicht­bar sind, von den Ein­schrän­kun­gen ihrer Reli­gi­ons­frei­heit in flücht­lings­recht­lich beacht­li­cher Wei­se betrof­fen ist.

Bei Prü­fung eines Antrags auf Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft sind alle Akte zu berück­sich­ti­gen, denen der Antrag­stel­ler aus­ge­setzt war oder aus­ge­setzt zu wer­den droht, um fest­zu­stel­len, ob unter Berück­sich­ti­gung sei­ner per­sön­li­chen Umstän­de die­se Hand­lun­gen als Ver­fol­gung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie gel­ten kön­nen [28]. Liegt kei­ne Ver­fol­gungs­hand­lung nach Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie vor, ist wei­ter zu prü­fen, ob sich eine sol­che aus einer Gesamt­be­trach­tung nach Art. 9 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie ergibt. Buch­sta­be a erfasst Hand­lun­gen, die auf­grund ihrer Art oder Wie­der­ho­lung so gra­vie­rend sind, dass sie eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der grund­le­gen­den Men­schen­rech­te dar­stel­len. Nach Buch­sta­be b kann auch eine Kumu­la­ti­on unter­schied­li­cher Maß­nah­men die Qua­li­tät einer Ver­let­zungs­hand­lung haben, wenn der Aus­län­der davon in ähn­li­cher Wei­se betrof­fen ist wie im Fal­le einer schwer­wie­gen­den Men­schen­rechts­ver­let­zung nach Buch­sta­be a. Die Maß­nah­men im Sin­ne von Buch­sta­be b kön­nen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, aber auch Dis­kri­mi­nie­run­gen sein, die für sich allein nicht die Qua­li­tät einer Men­schen­rechts­ver­let­zung auf­wei­sen.

In Buch­sta­be a beruht die Schwe­re der Ein­griffs­hand­lun­gen auf ihrer Art oder Wie­der­ho­lung („natu­re or repe­ti­ti­on“). Wäh­rend die „Art“ der Hand­lung ein qua­li­ta­ti­ves Kri­te­ri­um beschreibt, ent­hält der Begriff der „Wie­der­ho­lung“ eine quan­ti­ta­ti­ve Dimen­si­on [29]. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof geht in sei­nem Urteil vom 05.09.2012 [30] davon aus, dass das Ver­bot der Teil­nah­me an reli­giö­sen Riten im öffent­li­chen Bereich eine hin­rei­chend gra­vie­ren­de Hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie dar­stel­len kann. Der Qua­li­fi­zie­rung als „ein“ Ver­bot steht nicht ent­ge­gen, dass die­ses in meh­re­ren Straf­vor­schrif­ten des Paki­stan Penal Code mit unter­schied­li­chen Straf­tat­be­stän­den nor­miert ist. Das Ver­bot kann von so schwer­wie­gen­der „Art“ sein, dass es für sich allein die tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zung von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie erfüllt. Ande­re Maß­nah­men kön­nen hin­ge­gen unter Umstän­den nur auf­grund ihrer Wie­der­ho­lung ver­gleich­bar gra­vie­rend wir­ken wie ein gene­rel­les Ver­bot.

Setzt die Erfül­lung des Tat­be­stan­des von Buch­sta­be a mit­hin eine bestimm­te gra­vie­ren­de Ein­griffs­hand­lung oder die Wie­der­ho­lung gleich­ar­ti­ger Hand­lun­gen vor­aus, ermög­licht die Tat­be­stand­s­al­ter­na­ti­ve des Buch­sta­be b in einer erwei­ter­ten Per­spek­ti­ve die Berück­sich­ti­gung einer Kumu­la­ti­on unter­schied­li­cher Ein­griffs­hand­lun­gen, wie sie bei­spiel­haft in Art. 9 Abs. 2 der Richt­li­nie auf­ge­führt sind. Die Kumu­la­ti­ons­be­trach­tung ent­spricht auch dem Ver­ständ­nis des UNHCR vom Ver­fol­gungs­be­griff in Art. 1 A Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on [31]. In die nach Art. 9 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie erfor­der­li­che Gesamt­be­trach­tung kön­nen ins­be­son­de­re ver­schie­den­ar­ti­ge Dis­kri­mi­nie­run­gen gegen­über den Ange­hö­ri­gen einer bestimm­ten Glau­bens­ge­mein­schaft ein­be­zo­gen wer­den, z.B. beim Zugang zu Bil­dungs- oder Gesund­heits­ein­rich­tun­gen, aber auch exis­ten­zi­el­le beruf­li­che oder wirt­schaft­li­che Ein­schrän­kun­gen [32]. Die ein­zel­nen Ein­griffs­hand­lun­gen müs­sen nicht für sich allein die Qua­li­tät einer Men­schen­rechts­ver­let­zung auf­wei­sen, in ihrer Gesamt­heit aber eine Betrof­fen­heit des Ein­zel­nen bewir­ken, die der Ein­griffs­in­ten­si­tät einer schwer­wie­gen­den Men­schen­rechts­ver­let­zung im Sin­ne von Buch­sta­be a ent­spricht.

Daher sind bei der Prü­fung einer Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie zunächst alle in Betracht kom­men­den Ein­griffs­hand­lun­gen in den Blick zu neh­men, und zwar Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen wie sons­ti­ge schwer­wie­gen­de Repres­sa­li­en, Dis­kri­mi­nie­run­gen, Nach­tei­le und Beein­träch­ti­gun­gen. In die­ser Prü­fungs­pha­se dür­fen Hand­lun­gen, wie sie bei­spiel­haft in Art. 9 Abs. 2 der Richt­li­nie genannt wer­den, nicht vor­schnell des­halb aus­ge­schlos­sen wer­den, weil sie nur eine Dis­kri­mi­nie­rung, aber kei­ne Men­schen­rechts­ver­let­zung dar­stel­len [33]. Zunächst ist aber zu prü­fen, ob die Ver­let­zung eines grund­le­gen­den Men­schen­rechts im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie vor­liegt. Ist das nicht der Fall, ist wei­ter zu prü­fen, ob die Sum­me der nach Buch­sta­be b zu berück­sich­ti­gen­den Ein­grif­fe zu einer ähn­lich schwe­ren Rechts­ver­let­zung beim Betrof­fe­nen führt wie eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der grund­le­gen­den Men­schen­rech­te im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie. Ohne eine fall­be­zo­ge­ne Kon­kre­ti­sie­rung des Maß­stabs für eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung grund­le­gen­der Men­schen­rech­te gemäß Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie kann die bewer­ten­de Beur­tei­lung nach Buch­sta­be b, ob der ein­zel­ne Asyl­be­wer­ber unter­schied­li­chen Maß­nah­men in einer so gra­vie­ren­den Kumu­la­ti­on aus­ge­setzt ist, dass sei­ne Betrof­fen­heit mit der in Buch­sta­be a ver­gleich­bar ist, nicht gelin­gen. Stellt das Gericht hin­sicht­lich des Tat­be­stands­merk­mals der „Betrof­fen­heit in ähn­li­cher Wei­se“ kei­ne Ver­gleichs­be­trach­tung mit den von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie erfass­ten Ver­fol­gungs­hand­lun­gen an, liegt dar­in ein Ver­stoß gegen Bun­des­recht.

Das Urteil des Beru­fungs­ge­richts steht im Ein­klang mit den sich aus der Recht­spre­chung des EuGH erge­ben­den Vor­ga­ben, soweit es die Maß­stä­be für die Annah­me einer Ver­fol­gungs­hand­lung nach Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie bei einer Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit betrifft. Die Anwen­dung der Ober­sät­ze auf den vor­lie­gen­den Fall ist nur inso­weit zu bean­stan­den, als die hin­rei­chen­de Ver­fol­gungs­wahr­schein­lich­keit auf­grund einer mit Bun­des­recht nicht ver­ein­ba­ren Rela­ti­ons­be­trach­tung bejaht wird.

In Über­ein­stim­mung mit den bun­des­recht­li­chen Vor­ga­ben hält das Beru­fungs­ge­richt schon das Ver­bot einer öffent­li­cher Glau­bens­aus­übung für geeig­net, eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung des Rechts auf Reli­gi­ons­frei­heit im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2011/​95/​EU zu begrün­den. Vom Schutz­be­reich der durch Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie geschütz­ten Reli­gi­ons­frei­heit sieht das Gericht – im Ein­klang mit dem Urteil des EuGH vom 05.09.2012 – auch die in die Öffent­lich­keit wir­ken­de Prak­ti­zie­rung der Reli­gi­on erfasst, ein­schließ­lich des Rechts, den Glau­ben wer­bend zu ver­brei­ten und ande­re von ihm zu über­zeu­gen. Nach­voll­zieh­bar erblickt es in den auf die Ahma­dis gemünz­ten Ver­bo­ten des Paki­stan Penal Code eine Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie, wenn der ein­zel­ne Gläu­bi­ge auf so schwer­wie­gen­de Wei­se an der Aus­übung sei­nes Glau­bens gehin­dert wird, dass dadurch der men­schen­recht­li­che Min­dest­stan­dard ver­letzt wird. Damit wird der Sache nach auf die nach Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie erfor­der­li­che schwer­wie­gen­de Ver­let­zung grund­le­gen­der Men­schen­rech­te Bezug genom­men. Sol­che schwer­wie­gen­den Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen kön­nen nach zutref­fen­der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts auch in erheb­li­chen Ein­schrän­kun­gen oder Ver­bo­ten öffent­li­cher Glau­bens­be­tä­ti­gung lie­gen, wenn die­se nach dem Ver­ständ­nis der jewei­li­gen Reli­gi­on oder nach dem – nicht not­wen­di­ger­wei­se völ­lig iden­ti­schen – Ver­ständ­nis des ein­zel­nen Gläu­bi­gen „von grund­le­gen­der Bedeu­tung“ sind. Aus dem Kon­text der Ent­schei­dungs­grün­de ergibt sich, dass der Maß­stab des Beru­fungs­ge­richts damit der Sache nach den frei­lich stren­ger for­mu­lier­ten Anfor­de­run­gen des EuGH noch genügt, dass die Befol­gung einer bestimm­ten reli­giö­sen Pra­xis für den ein­zel­nen Gläu­bi­gen zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät beson­ders wich­tig ist.

Im Rah­men sei­ner Sub­sum­ti­on sieht das Beru­fungs­ge­richt die Frei­heit der Glau­bens­aus­übung durch die Ein­schrän­kun­gen und Ver­bo­te als ver­letzt an, die sich ins­be­son­de­re aus der paki­sta­ni­schen Ver­fas­sung, den Straf­vor­schrif­ten der Sec. 295 C, 298 B und 298 C des Paki­stan Penal Code sowie aus Über­grif­fen reli­giö­ser Extre­mis­ten erge­ben. Die hier­zu getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen und Wer­tun­gen sind revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Aller­dings kön­nen die Über­grif­fe reli­giö­ser Extre­mis­ten nicht als Ein­griff glei­cher „Art“ wie das staat­li­che Ver­bot öffent­li­cher Reli­gi­ons­aus­übung ange­se­hen wer­den und sind daher erst im Rah­men einer kumu­lie­ren­den Betrach­tung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie zu berück­sich­ti­gen.

Nicht mit Bun­des­recht ver­ein­bar ist hin­ge­gen die vom Beru­fungs­ge­richt gestell­te Ver­fol­gungs­pro­gno­se. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat das Ergeb­nis, dass die beschrie­be­nen Ver­fol­gungs­ge­fah­ren „für beken­nen­de Ahma­dis bestehen, die ihren Glau­ben im Hei­mat­land auch öffent­lich aus­üben wol­len“, nicht auf der Grund­la­ge einer nach­voll­zieh­ba­ren Gefah­ren­pro­gno­se ent­wi­ckelt. Nicht zu bean­stan­den ist der Aus­gangs­punkt, dass sich der Klä­ger nicht mit Erfolg auf eine begrün­de­te Furcht vor Ver­fol­gung unter dem Gesichts­punkt einer augen­blick­lich bestehen­den Grup­pen­ver­fol­gung beru­fen kön­ne. Das begrün­det das Beru­fungs­ge­richt in revi­si­ons­ge­richt­lich nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se damit, dass die Zahl der gegen Ahma­dis ein­ge­lei­te­ten Straf­ver­fah­ren, Ver­ur­tei­lun­gen und Gewalt­ta­ten reli­giö­ser Extre­mis­ten nicht so hoch sei, dass sich dar­aus die für eine Grup­pen­ver­fol­gung erfor­der­li­che Ver­fol­gungs­dich­te ablei­ten las­se. Das Urteil lässt jedoch nicht erken­nen, auf­grund wel­cher Tat­sa­chen und nach wel­chem Pro­gno­se­maß­stab es dann die hin­rei­chen­de Ver­fol­gungs­be­trof­fen­heit für beken­nen­de Ahma­dis bejaht, die ihren Glau­ben im Hei­mat­land auch öffent­lich aus­üben wol­len. Hängt die Ver­fol­gungs­ge­fahr von einem wil­lens­ge­steu­er­ten Ver­hal­ten ab – hier: der Prak­ti­zie­rung des Glau­bens in der Öffent­lich­keit -, ist für die Gefah­ren­pro­gno­se auf die Grup­pe der ihren Glau­ben genau in die­ser Wei­se prak­ti­zie­ren­den Glau­bens­an­ge­hö­ri­gen abzu­stel­len. Das ist in dem ange­foch­te­nen Urteil nicht erfolgt. Das Beru­fungs­ge­richt hat weder – wie gebo­ten – die Zahl der ihren Glau­ben ent­ge­gen den genann­ten Ver­bo­ten öffent­lich prak­ti­zie­ren­den Ahma­dis jeden­falls annä­he­rungs­wei­se bestimmt noch fest­ge­stellt, wie vie­le Ver­fol­gungs­ak­te die Ange­hö­ri­gen die­ser Grup­pe tref­fen. Nur wenn eine wer­ten­de Betrach­tung ergibt, dass für die Grup­pe der ihren Glau­ben öffent­lich prak­ti­zie­ren­den Ahma­dis in Paki­stan ein rea­les Ver­fol­gungs­ri­si­ko besteht, kann dar­aus der Schluss gezo­gen wer­den, dass auch die vom Beru­fungs­ge­richt als ver­fol­gungs­be­trof­fen gewer­te­te Gesamt­grup­pe der Ahma­dis, zu deren reli­giö­sem Selbst­ver­ständ­nis die Prak­ti­zie­rung des Glau­bens in der Öffent­lich­keit gehört, einem beacht­li­chen Ver­fol­gungs­ri­si­ko aus­ge­setzt ist.

Kei­nen Anlass zu Bean­stan­dun­gen geben hin­ge­gen die umfang­rei­chen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts zum reli­giö­sen Selbst­ver­ständ­nis des Klä­gers. Es hat fest­ge­stellt, dass der Klä­ger vor sei­ner Aus­rei­se in Paki­stan zwar kei­ne her­aus­ge­ho­be­ne Funk­ti­on und kein Amt in der ört­li­chen Ahma­di­y­ya-Gemein­de beklei­det, wohl aber ein reli­gi­ös gepräg­tes Leben geführt hat. Sei­ne dor­ti­ge reli­giö­se Betä­ti­gung spre­che jeden­falls für eine enge und ver­pflich­ten­de Ver­bun­den­heit zu dem Glau­ben der Ahma­di­y­yas. Seit sei­ner Ein­rei­se nach Deutsch­land im Jahr 2000 habe er sich jeweils in der für ihn zustän­di­gen Gemein­de der Ahma­dis betä­tigt und sei regel­mä­ßig zum Gebet in die Moschee gegan­gen. In der Gemein­de B. habe er nicht nur die in Paki­stan bereits geleis­te­ten Hilfs­diens­te fort­ge­setzt, son­dern sich nun­mehr auch öffent­lich­keits­wirk­sam reli­gi­ös betä­tigt. So habe er sich monat­lich an einem Bücher­stand vor dem Bahn­hof betei­ligt und Anders­gläu­bi­ge in mis­sio­na­ri­scher Absicht ange­spro­chen. Nach sei­nem Umzug nach O. habe der Klä­ger vor allem auch die­se mis­sio­na­ri­schen Akti­vi­tä­ten fort­ge­setzt und inten­si­viert. Aus der Prak­ti­zie­rung des Glau­bens hat das Beru­fungs­ge­richt in revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se die Fol­ge­rung gezo­gen, dass es dem Klä­ger ein inne­res Anlie­gen ist, eige­ne Lands­leu­te von sei­nem Glau­ben zu über­zeu­gen. Für das inne­re Anlie­gen des Klä­gers, sei­ne Reli­gi­on auch öffent­lich zu bekun­den, hat das Gericht zudem die Tat­sa­che her­an­ge­zo­gen, dass der Klä­ger regel­mä­ßig an über­re­gio­na­len öffent­lich­keits­wirk­sa­men Ver­an­stal­tun­gen sei­ner Glau­bens­ge­mein­schaft teil­nimmt. Sein Bestre­ben, sei­ne Reli­gi­on an ande­re wei­ter­zu­ge­ben, brin­ge er auch in der reli­giö­sen Erzie­hung sei­ner klei­nen Toch­ter zum Aus­druck. Die­ser Wür­di­gung steht nach der nach­voll­zieh­ba­ren Wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts nicht ent­ge­gen, dass der Klä­ger ledig­lich über ein ein­ge­schränk­tes theo­lo­gi­sches Wis­sen ver­fügt. Das Gericht hat sei­ne Fest­stel­lun­gen auf der Grund­la­ge einer inten­si­ven, mehr als ein­stün­di­gen Befra­gung des Klä­gers im Rah­men der münd­li­chen Ver­hand­lung getrof­fen. Außer­dem haben ihm drei Beschei­ni­gun­gen der Ahma­di­y­ya Mus­lim Jamaat e.V., Zen­tral­stel­le für Deutsch­land, vor­ge­le­gen, die nicht nur Aus­sa­gen zur Mit­glied­schaft des Klä­gers in der Glau­bens­ge­mein­schaft tref­fen, son­dern auch zu des­sen Glau­bens­pra­xis in Deutsch­land. Danach nimmt er regel­mä­ßig an den ört­li­chen als auch den zen­tra­len Gemein­de­ver­an­stal­tun­gen teil.

Ist die Per­sön­lich­keit des Klä­gers nach den im Beru­fungs­ur­teil getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen aber dadurch geprägt, dass er „sei­nem Glau­ben … ver­pflich­tend ver­bun­den ist und die­sen ins­be­son­de­re auch öffent­lich­keits­wirk­sam, vor allem durch Ent­fal­tung mis­sio­na­ri­scher Akti­vi­tä­ten, leben will“, ent­spricht dies der Sache nach dem Kri­te­ri­um des EuGH, dass ihm die Aus­übung sei­ner Reli­gi­on in der Öffent­lich­keit, wie sie in Paki­stan mit schwer­wie­gen­den Sank­tio­nen bedroht ist, zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät beson­ders wich­tig und in die­sem Sin­ne für ihn unver­zicht­bar ist.

Man­gels aus­rei­chen­der tat­säch­li­cher Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts zur Wahr­schein­lich­keit der Ver­fol­gung des Klä­gers bei Rück­kehr nach Paki­stan kann der Senat in der Sache nicht selbst abschlie­ßend ent­schei­den. Der Rechts­streit ist daher zur wei­te­ren Auf­klä­rung an das Beru­fungs­ge­richt gemäß § 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 VwGO zurück­zu­ver­wei­sen.

Bei den zu tref­fen­den Fest­stel­lun­gen zur jeden­falls unge­fäh­ren Grö­ße der Grup­pe der Ahma­dis, die ihren Glau­ben unter Ver­stoß gegen die Straf­vor­schrif­ten der Sec. 295 C, 298 B und 298 C des Paki­stan Penal Code prak­ti­zie­ren, kann das Beru­fungs­ge­richt u.a. auf die Erkennt­nis­se zurück­grei­fen, die das bri­ti­sche Upper Tri­bu­nal sei­nem Urteil vom 14.11.2012 zugrun­de gelegt hat [34] – ein­schließ­lich der detail­lier­ten Auf­stel­lung des Ahma­di­y­ya-Head­quar­ters über die Ver­fol­gungs­schlä­ge in den Jah­ren 1984 bis 2011 [35]. Wenn die ver­füg­ba­ren Erkennt­nis­se nicht aus­rei­chen, wird das Beru­fungs­ge­richt eige­ne Ermitt­lun­gen anzu­stel­len haben und ggf. die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens ver­an­las­sen müs­sen. Soll­te es zu dem Ergeb­nis kom­men, dass das staat­li­che Ver­bot einer in die Öffent­lich­keit wir­ken­den Reli­gi­ons­aus­übung nicht zu einer Ver­fol­gungs­pra­xis geführt hat, die einen sei­nen Glau­ben in ver­bo­te­ner Wei­se prak­ti­zie­ren­den Ahma­di mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit einer Ver­fol­gungs­ge­fahr aus­setzt, wird das Gericht wei­ter zu prü­fen haben, ob sich eine rele­van­te Ver­fol­gungs­ge­fahr auf­grund einer Gesamt­be­trach­tung unter­schied­li­cher Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und Dis­kri­mi­nie­run­gen im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie ergibt. Dabei bedarf es auch einer im Ein­zel­nen begrün­de­ten und auf die Situa­ti­on des Klä­gers bezo­ge­nen Bewer­tung, ob und ggf. war­um die Sum­me der nach Buch­sta­be b berück­sich­tig­ten Ein­griffs­hand­lun­gen so gra­vie­rend ist, dass die­ser davon in ähn­li­cher, d.h. ver­gleich­ba­rer Wei­se wie von einer schwer­wie­gen­den Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie betrof­fen ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 20. Febru­ar 2013 – 10 C 23.12

  1. EuGH, Urteil vom 05.09.2012 – C‑71/​11 und C‑99/​11[]
  2. EuGH, Urteil vom 05.09.2012 – Rs. C‑71/​11 und C‑99/​11, NVwZ 2012, 1612[]
  3. EuGH a.a.O. Rn. 57[]
  4. EuGH a.a.O. Rn. 58[]
  5. EuGH a.a.O. Rn. 59[]
  6. EuGH a.a.O. Rn. 61[]
  7. EuGH a.a.O. Rn. 62 f.[]
  8. vgl. BVerwG, Urteil vom 20.01.2004 – 1 C 9.03, BVerw­GE 120, 16, 19 ff.[]
  9. EuGH a.a.O. Rn. 65 mit Ver­weis auf Rn. 52 der Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts[]
  10. EuGH a.a.O. Rn. 67[]
  11. vom 25.09.2012, ABl L 265/​1 vom 29.09.2012[]
  12. EuGH a.a.O. Rn. 67 und 72[]
  13. EuGH a.a.O. Rn. 73, 78 und 79 f.[]
  14. so auch Lüb­be, ZAR 2012, 433, 437[]
  15. Upper Tri­bu­nal (Immi­gra­ti­on and Asyl­um Cham­ber, Urteil vom 14.11.2012 – MN and others [2012] UKUT 00389(IAC) Rn. 79[]
  16. Supre­me Court of die United King­dom, Urteil vom 07.07.2010 – HJ, Iran, FC, Appelat v. Secreta­ry of Sta­te for the Home Depart­ment [2010] UKSC 31 Rn. 82[]
  17. vgl. BVerwG, Urteil vom 20.01.2004 a.a.O., 23[]
  18. EuGH, a.a.O. Rn. 70[][]
  19. so auch Gene­ral­an­walt Bot in sei­nen Schluss­an­trä­gen vom 19.04.2012 (EuGH, a.a.O. , Rs. C‑71/​11 und C‑99/​11, Rn. 82) []
  20. EuGH, a.a.O. Rn. 71[]
  21. vgl. BVerwG, Beschluss vom 09.12.2010 – 10 C 19.09, BVerw­GE 138, 270 Rn. 43[]
  22. vgl. zu den stren­ge­ren Maß­stä­ben der Recht­spre­chung zur Gewis­sens­not von Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rern: BVerwG, Urteil vom 01.02.1982 – 6 C 126.80, BVerw­GE 64, 369, 371 m.w.N.[]
  23. so schon BVerwG, Beschluss vom 09.12.2010 a.a.O. Rn. 43[]
  24. so auch das bri­ti­sche Upper Tri­bu­nal in sei­nem Urteil vom 14.11.2012 a.a.O. Leit­satz 5[]
  25. s.a. Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 02.11.2012, S. 14[]
  26. vgl. BVerwG, Urteil vom 01.06.2011 – 10 C 25.10, BVerw­GE 140, 22 Rn. 22[]
  27. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 05.11.1991 – 9 C 118.90, BVerw­GE 89, 162, 169 f. und vom 01.06.2011 a.a.O. Rn. 24[]
  28. vgl. BVerwG, Urteil des EuGH vom 05.09.2012 a.a.O. Rn. 68[]
  29. so auch Hailbronner/​Alt, in: Hail­bron­ner, EU Immi­gra­ti­on and Asyl­um Law, 2010, S. 1072 Rn. 30[]
  30. EuGH, a.a.O. Rn. 69[]
  31. vgl. Hand­buch über Ver­fah­ren und Kri­te­ri­en zur Fest­stel­lung der Flücht­lings­ei­gen­schaft, 1979, Rn. 53[]
  32. vgl. UNHCR Richt­li­nie vom 28.04.2004 zur Aner­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft auf­grund reli­giö­ser Ver­fol­gung, HCR/​GIP/​04/​06 Rn. 17[]
  33. ähn­lich Marx, Hand­buch zum Flücht­lings­schutz – Erläu­te­run­gen zur Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie, 2. Aufl.2012, Kapi­tel 4 § 13 Rn. 18[]
  34. Upper Tri­bu­nal, Urteil vom 14.11.2012, a.a.O. – ins­bes. Rn. 26 bis 72[]
  35. ver­wer­tet im Urteil des Upper Tri­bu­nal Rn. 30 – dor­ti­ge Fuß­no­te 6 und Rn. 103 mit Wür­di­gung der Zuver­läs­sig­keit der Auf­stel­lung – auch zugäng­lich unter: http://www.persecutionofahmadis.org/wp-content/uploads/2012/02/Persecution-of-Ahmadis-2011.pdf[]