Asyl­ver­fah­ren und der sub­si­diä­re uni­ons­recht­li­che Schutz

Der Asyl­be­wer­ber hat bei einer Ein­stel­lung sei­nes Asyl­ver­fah­rens nach §§ 32, 33 Abs. 1 AsylVfG (a.F.) vor Inkraft­tre­ten der Ände­rung des Asyl­ver­fah­rens­ge­set­zes zum 1.12 2013 wei­ter­hin grund­sätz­lich einen Anspruch auf Ent­schei­dung über uni­ons­recht­li­chen sub­si­diä­ren Schutz (nun­mehr nach § 4 Abs. 1 AsylVfG) und hilfs­wei­se über natio­na­len Abschie­bungs­schutz.

Asyl­ver­fah­ren und der sub­si­diä­re uni­ons­recht­li­che Schutz

Für die vom Gericht zu tref­fen­de Fest­stel­lung, aus wel­chem Her­kunfts­land ein Asyl­be­wer­ber stammt, bedarf es der vol­len Über­zeu­gungs­ge­wiss­heit (§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO). Dies erfor­dert die Ermitt­lung und Wür­di­gung aller durch gericht­li­che Auf­klä­rungs­maß­nah­men erreich­ba­ren rele­van­ten Tat­sa­chen.

Dies ent­schied jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in einem Rechts­streit, in dem maß­geb­lich für die recht­li­che Beur­tei­lung des klä­ge­ri­schen Begeh­rens grund­sätz­lich noch das Asyl­ver­fah­rens­ge­setz i.d.F. der Bekannt­ma­chung vom 02.09.2008 1 und das Auf­ent­halts­ge­setz i.d.F. der Bekannt­ma­chung vom 25.02.2008 2 waren. Denn nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts sind Rechts­än­de­run­gen, die nach der Beru­fungs­ent­schei­dung ein­tre­ten; vom Revi­si­ons­ge­richt zu berück­sich­ti­gen, wenn sie das Beru­fungs­ge­richt, wenn es jetzt ent­schie­de, zu beach­ten hät­te 3. Da es sich vor­lie­gend um eine asyl­ver­fah­rens­recht­li­che Strei­tig­keit han­delt, bei der das Beru­fungs­ge­richt nach § 77 Abs. 1 AsylVfG regel­mä­ßig auf die Sach- und Rechts­la­ge im Zeit­punkt sei­ner letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung oder Ent­schei­dung abzu­stel­len hat, müss­te es, wenn es jetzt ent­schie­de, die neue Rechts­la­ge zugrun­de legen, soweit hier­von kei­ne Abwei­chung aus Grün­den des mate­ri­el­len Rechts gebo­ten ist.

Gegen­stand des Revi­si­ons­ver­fah­rens ist nach Inkraft­tre­ten der Ände­run­gen des Asyl­ver­fah­rens­ge­set­zes und des Auf­ent­halts­ge­set­zes zum 1.12 2013 das Begeh­ren des Klä­gers auf Zuer­ken­nung von uni­ons­recht­li­chem sub­si­diä­rem Schutz nach § 4 Abs. 1 AsylVfG (n.F.), hilfs­wei­se die Fest­stel­lung von natio­na­lem Abschie­bungs­schutz nach § 60 Abs. 5 und 7 Auf­en­thG (n.F.), sowie die Auf­he­bung der gegen den Klä­ger in Zif­fer 3 des Bescheids vom 18.10.2010 ver­füg­ten Abschie­bungs­an­dro­hung in sein Her­kunfts­land. Hier­für hat der Klä­ger das erfor­der­li­che Rechts­schutz­in­ter­es­se. Denn er gibt an, soma­li­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger zu sein und auf­grund der ihm in Soma­lia dro­hen­den Gefah­ren die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von uni­ons­recht­li­chem sub­si­diä­rem Schutz und von natio­na­lem Abschie­bungs­schutz zu erfül­len.

Dem Begeh­ren des Klä­gers auf Zuer­ken­nung von uni­ons­recht­li­chem sub­si­diä­rem Schutz nach § 4 Abs. 1 AsylVfG (n.F.) steht die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens gemäß Zif­fer 1 des Bescheids vom 18.10.2010 nicht ent­ge­gen. Zwar erfasst eine Ein­stel­lungs­ent­schei­dung nach §§ 32, 33 Abs. 1 AsylVfG in der seit dem 1.12 2013 gel­ten­den Fas­sung nicht allein – wie bis­her – die Flücht­lings­ei­gen­schaft, son­dern auch den uni­ons­recht­li­chen sub­si­diä­ren Schutz. Die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung fin­det aber auf die streit­ge­gen­ständ­li­che Ein­stel­lungs­ent­schei­dung in Zif­fer 1 des Bescheids vom 18.10.2010, die vor Inkraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung erlas­sen wur­de, kei­ne Anwen­dung. Denn die Ein­stel­lungs­ent­schei­dung aus dem Jahr 2010 bezieht sich nur auf das Ver­fah­ren der Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft, nicht hin­ge­gen auf die erst in Zif­fer 2 des Bescheids getrof­fe­ne Ent­schei­dung zum uni­ons­recht­li­chen sub­si­diä­ren Schutz und natio­na­len Abschie­bungs­schutz. Wür­de man dem Ein­stel­lungs­be­scheid eine über des­sen Inhalt hin­aus­rei­chen­de Bedeu­tung bei­mes­sen, wie das der Ver­tre­ter des Bun­des­in­ter­es­ses beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt schrift­sätz­lich ver­tre­ten hat, käme der gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung eine ech­te Rück­wir­kung zu, die mit der Rechts­ord­nung nicht zu ver­ein­ba­ren wäre. Der Klä­ger kann sein Begeh­ren auf Zuer­ken­nung von uni­ons­recht­li­chem sub­si­diä­rem Schutz daher wei­ter­hin ver­fol­gen, das aller­dings nun­mehr auf Zuer­ken­nung der Rechts­stel­lung nach § 4 Abs. 1 AsylVfG (n.F.) gerich­tet ist. Das fort­be­stehen­de Rechts­schutz­be­dürf­nis des Klä­gers an einer Ent­schei­dung über die Fest­stel­lung von natio­na­lem Abschie­bungs­schutz ergibt sich für den Fall der Ver­sa­gung uni­ons­recht­li­chen Schut­zes nun­mehr aus § 32 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG (n.F.).

Die Behör­de ist ver­pflich­tet zu prü­fen, ob der Klä­ger die Vor­aus­set­zun­gen für die Zuer­ken­nung von uni­ons­recht­li­chem sub­si­diä­rem Schutz nach § 4 Abs. 1 AsylVfG (n.F.) – hilfs­wei­se für die Fest­stel­lung von natio­na­lem Abschie­bungs­schutz – erfüllt. Dem steht die uni­ons­recht­li­che Zustän­dig­keits­re­ge­lung für die Prü­fung von Asyl­an­trä­gen nach der Dub­lin-Ver­ord­nung nicht ent­ge­gen. Maß­geb­lich ist im vor­lie­gen­den Fall die Dub­lin-Ver­ord­nung vom 18.02.2003 4Dub­lin-II-VO. Denn die Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 vom 26.06.2013 5Dub­lin-III-VO – ist nach ihrem Art. 49 nur auf Anträ­ge zur Erlan­gung inter­na­tio­na­len Schut­zes anwend­bar, die ab dem ers­ten Tag des sechs­ten Monats nach ihrem Inkraft­tre­ten, also ab dem 1.01.2014, gestellt wer­den. Hier wur­de der Asyl­an­trag aber schon im Mai 2010 gestellt.

Nach Art. 3 Abs. 1 Satz 2 der Dub­lin-II-VO wird ein Asyl­an­trag, den ein Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ger an der Gren­ze oder im Hoheits­ge­biet eines Mit­glied­staats stellt, von einem ein­zi­gen Mit­glied­staat geprüft, der nach den Kri­te­ri­en des Kapi­tels III als zustän­di­ger Staat zu bestim­men ist. Der Zustän­dig­keit Deutsch­lands für die Prü­fung des Begeh­rens auf Gewäh­rung von uni­ons­recht­li­chem sub­si­diä­rem Schutz kön­nen die Rege­lun­gen der Dub­lin-II-VO schon des­halb nicht ent­ge­gen­ste­hen, weil sich die Ver­ord­nung nur auf das Ver­fah­ren der Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft bezieht (vgl. die Defi­ni­ti­on des "Asyl­an­trags" in Art. 2 Buchst. c Dub­lin-II-VO). Erst nach der hier noch nicht anwend­ba­ren Dub­lin-III-VO umfasst ein Asyl­an­trag auch das Begeh­ren auf Zuer­ken­nung des uni­ons­recht­li­chen sub­si­diä­ren Schut­zes (vgl. Art. 2 Buchst. b Dub­lin-III-VO). Der Ent­schei­dung über die Fest­stel­lung von natio­na­lem Abschie­bungs­schutz ste­hen die uni­ons­recht­li­chen Rege­lun­gen des Dub­lin-Ver­fah­rens schon des­halb nicht ent­ge­gen, da sich die­se nur auf die Gewäh­rung inter­na­tio­na­len Schut­zes bezie­hen, nicht hin­ge­gen auf zusätz­li­che natio­na­le Abschie­bungs­ver­bo­te.

Die Behör­de darf eine Sach­ent­schei­dung über den begehr­ten sub­si­diä­ren Schutz nach § 4 Abs. 1 AsylVfG (n.F.) – hilfs­wei­se natio­na­len Abschie­bungs­schutz – auch nicht des­halb ver­weh­ren, weil auf­grund der feh­len­den Iden­ti­täts­klä­rung nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass dem Klä­ger der begehr­te Schutz in einem ande­ren EU-Mit­glied­staat bereits ver­wei­gert oder gewährt wur­de. Die Behör­de beruft sich für den Fall, dass ein ande­rer EU-Mit­glied­staat uni­ons­recht­li­chen sub­si­diä­ren Schutz bereits abge­lehnt hat, dar­auf, dass die Dub­lin-III-VO einer erneu­ten Sach­ent­schei­dung deut­scher Behör­den ent­ge­gen­ste­hen könn­te. Die Dub­lin-III-VO ist jedoch – wie bereits dar­ge­legt – im vor­lie­gen­den Fall gar nicht anwend­bar, die hier maß­geb­li­che Dub­lin-II-VO erfasst den sub­si­diä­ren Schutz hin­ge­gen nicht.

Hin­ge­gen kann einem Asyl­be­wer­ber das Sach­be­schei­dungs­in­ter­es­se für eine Ent­schei­dung über die Zuer­ken­nung von uni­ons­recht­li­chem sub­si­diä­rem Schutz nach § 4 Abs. 1 AsylVfG (n.F.) und für die Fest­stel­lung von natio­na­lem Abschie­bungs­schutz in Deutsch­land feh­len, wenn ihm ein ande­rer EU-Mit­glied­staat bereits die Flücht­lings­ei­gen­schaft oder uni­ons­recht­li­chen sub­si­diä­ren Schutz zuer­kannt hat. Im vor­lie­gen­den Fall steht aber nicht fest, ob dem Klä­ger bereits inter­na­tio­na­ler Schutz gewährt wur­de. Auch wenn der Klä­ger durch Ver­wei­ge­rung der Mit­wir­kung an sei­ner Iden­ti­täts­klä­rung einen Bei­trag dazu geleis­tet hat, die Klä­rung die­ser Fra­ge zu erschwe­ren, recht­fer­tigt das kei­ne Abwei­chung von der in §§ 32, 33 Abs. 1 AsylVfG (a.F.) nor­mier­ten und nach neu­em Recht fort­be­stehen­den gesetz­li­chen Ver­pflich­tung, über den Antrag des Klä­gers auf Zuer­ken­nung von uni­ons­recht­li­chem sub­si­diä­rem Schutz, hilfs­wei­se auf Fest­stel­lung von natio­na­lem Abschie­bungs­schutz, in der Sache zu ent­schei­den. Es kann hier offen­blei­ben, ob und gege­be­nen­falls unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen gesetz­li­che Rege­lun­gen über einen Vor­auf­ent­halt in einem siche­ren Dritt­staat einer Sach­ent­schei­dung über das Begeh­ren des Klä­gers ent­ge­gen­ste­hen. Denn es steht schon nicht fest, dass der Klä­ger die danach erfor­der­li­che Sicher­heit in einem ande­ren Staat erlangt hat.

Die Fest­stel­lung uni­ons­recht­li­chen Abschie­bungs­schut­zes nach § 60 Abs. 7 Satz 2 Auf­en­thG (a.F.) setzt vor­aus, dass dem Aus­län­der in sei­nem Her­kunfts­land die in der Vor­schrift näher beschrie­be­ne Gefahr droht. Das Abstel­len auf das Her­kunfts­land (Land der Staats­an­ge­hö­rig­keit des Aus­län­ders) ergab sich bis­he­ri­ge Rechts­la­ge aus einer richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung des natio­na­len Rechts (vgl. Art. 2 Buchst. e und k der Richt­li­nie 2004/​83/​EG – Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie) und ist jetzt aus­drück­lich in § 4 Abs. 1 AsylVfG (n.F.) so gere­gelt.

ergibt sich aus den in § 15 Abs. 2 AsylVfG nor­mier­ten Pflich­ten des Asyl­be­wer­bers zur Vor­la­ge sei­nes Pas­ses oder Passersat­zes sowie sons­ti­ger Urkun­den und Unter­la­gen, die in sei­nem Besitz sind, dass die­se Unter­la­gen als regel­mä­ßig erfor­der­lich ange­se­hen wer­den, um über einen Asyl­an­trag sowie Antrag auf Gewäh­rung von uni­ons­recht­li­chem sub­si­diä­rem Schutz und natio­na­lem Abschie­bungs­schutz zu ent­schei­den. Nach § 24 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG ist das Bun­des­amt ver­pflich­tet, den Sach­ver­halt auf­zu­klä­ren und die erfor­der­li­chen Bewei­se zu erhe­ben. In die­sem Rah­men ist es nach § 24 Abs. 1 Satz 3 AsylVfG grund­sätz­lich zu einer per­sön­li­chen Anhö­rung des Asyl­be­wer­bers ver­pflich­tet. Kommt das Bun­des­amt die­ser Ver­pflich­tung nicht nach – etwa weil es sich an einer Sach­ent­schei­dung gehin­dert sieht, muss das Gericht, wenn es eine Ent­schei­dung zur Sache für gebo­ten hält, die gesetz­lich gebo­te­nen Maß­nah­men zur Auf­klä­rung des Sach­ver­halts durch­füh­ren. Jeden­falls nach­dem das Bun­des­amt Zwei­fel an den Anga­ben des Klä­gers zu sei­nem Her­kunfts­land vor­ge­tra­gen und u.a. dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass die vom Klä­ger gebrauch­te Spra­che auch in den an Soma­lia angren­zen­den Lan­des­tei­len von Äthio­pi­en und Kenia gebräuch­lich sei, hät­te der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof die Fest­stel­lung, dass der Klä­ger aus Soma­lia stammt, nicht ohne eige­ne Sach­auf­klä­rung tref­fen dür­fen, ins­be­son­de­re nicht ohne per­sön­li­che Anhö­rung des Klä­gers in der münd­li­chen Ver­hand­lung.

on der Ver­pflich­tung, sich um ver­läss­li­che Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen zum Her­kunfts­land des Klä­gers zu bemü­hen, ist das Gericht nicht wegen der erfolg­ten Wei­ge­rung des Klä­gers ent­bun­den, an der Fest­stel­lung sei­ner Iden­ti­tät mit­zu­wir­ken. Weder die Behör­de noch das Gericht dür­fen sich der Ver­pflich­tung ent­zie­hen, Fest­stel­lun­gen zum Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen für sub­si­diä­ren Schutz und erfor­der­li­chen­falls von natio­na­lem Abschie­bungs­schutz zu tref­fen. Lässt sich das Her­kunfts­land nicht mit der für die behörd­li­che und gericht­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung erfor­der­li­chen Gewiss­heit fest­stel­len, weil der Klä­ger die Mit­wir­kung an der Klä­rung sei­ner Iden­ti­tät ver­wei­gert, ist dies im Rah­men der Beweis­wür­di­gung zu berück­sich­ti­gen und gege­be­nen­falls eine nega­ti­ve Fest­stel­lung zum sub­si­diä­ren Schutz und zum natio­na­len Abschie­bungs­schutz zu tref­fen.

Die Fest­stel­lung von Abschie­bungs­schutz nach § 60 Abs. 7 Satz 2 Auf­en­thG (a.F.), des­sen Vor­aus­set­zun­gen mit denen des nun­mehr maß­geb­li­chen uni­ons­recht­li­chen sub­si­diä­ren Schut­zes nach § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 AsylVfG (n.F.) über­ein­stim­men, setzt vor­aus, dass der Aus­län­der in sei­nem Her­kunfts­land als Ange­hö­ri­ger der Zivil­be­völ­ke­rung einer erheb­li­chen indi­vi­du­el­len Gefahr für Leib oder Leben infol­ge will­kür­li­cher Gewalt im Rah­men eines inter­na­tio­na­len oder inner­staat­li­chen bewaff­ne­ten Kon­flikts aus­ge­setzt ist. Das Beru­fungs­ge­richt hält hier­für der Sache nach für aus­rei­chend, dass im Her­kunfts­staat des Aus­län­ders ein inner­staat­li­cher bewaff­ne­ter Kon­flikt besteht, der zu per­ma­nen­ten Gefähr­dun­gen der Bevöl­ke­rung und schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen führt. Damit bleibt außer Acht, dass es für die indi­vi­du­el­le Betrof­fen­heit einer Fest­stel­lung zur Gefah­ren­dich­te bedarf, die jeden­falls auch eine annä­he­rungs­wei­se quan­ti­ta­ti­ve Ermitt­lung des Tötungs- und Ver­let­zungs­ri­si­kos umfasst 6. Ent­spre­chen­de Fest­stel­lun­gen hat das Beru­fungs­ge­richt nicht getrof­fen. Erst auf der Grund­la­ge der quan­ti­ta­ti­ven Ermitt­lung der Gesamt­zahl der in dem betref­fen­den Gebiet leben­den Zivil­per­so­nen einer­seits und der Akte will­kür­li­cher Gewalt ande­rer­seits, die von den Kon­flikt­par­tei­en gegen Leib oder Leben von Zivil­per­so­nen in die­sem Gebiet ver­übt wer­den, ist eine wer­ten­de Gesamt­be­trach­tung zur indi­vi­du­el­len Betrof­fen­heit des Klä­gers mög­lich, für den kei­ne indi­vi­du­el­len gefah­rer­hö­hen­den Umstän­de fest­ge­stellt wor­den sind 7.

Soll­te das Gericht zu dem Ergeb­nis kom­men, dass uni­ons­recht­li­cher sub­si­diä­rer Schutz nach § 4 Abs. 1 AsylVfG zu ver­nei­nen ist, wird es die Vor­aus­set­zun­gen für die Fest­stel­lung von natio­na­lem Abschie­bungs­schutz gemäß § 60 Abs. 5 und 7 Auf­en­thG (n.F.) zu prü­fen haben. Hier­bei wird das Gericht mit den ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln auf­zu­klä­ren haben, ob dem Klä­ger in Soma­lia Gefah­ren dro­hen, vor denen die genann­ten Vor­schrif­ten Abschie­bungs­schutz gewäh­ren. Die Fest­stel­lung ist auch dann zu tref­fen, wenn nicht mit hin­rei­chen­der Über­zeu­gungs­ge­wiss­heit fest­zu­stel­len ist, dass der Klä­ger soma­li­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger ist, da natio­na­ler Abschie­bungs­schutz auch für einen poten­ti­el­len Ziel­staat gewährt wer­den kann, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit der Klä­ger nicht besitzt. Ein Rechts­schutz­be­dürf­nis hier­für besteht, weil der Klä­ger behaup­tet, aus Soma­lia zu stam­men und die Behör­de dies jeden­falls für mög­lich hält und eine Abschie­bung dort­hin nicht aus­ge­schlos­sen hat. Inso­fern unter­schei­det sich die Sach­la­ge von der­je­ni­gen, die den von der Behör­den zitier­ten Urtei­len des 1. Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 04.12 2001 8; und vom 12.04.2005 9 zugrun­de lag. Im Übri­gen weist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt dar­auf hin, dass das natio­na­le Abschie­bungs­ver­bot des § 60 Abs. 5 Auf­en­thG auch vor Gefah­ren für Leib und Leben schützt, die sei­tens nicht­staat­li­cher Akteu­re dro­hen 10.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 13. Febru­ar 2014 – 10 C 6.2013 -

  1. BGBl I S. 1798[]
  2. BGBl I S. 162, bei­de zuletzt geän­dert durch das Gesetz zur Umset­zung der Richt­li­nie 2011/​95/​EU vom 28.08.2013, BGBl I S. 3474[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 11.09.2007 – 10 C 8.07, BVerw­GE 129, 251 = Buch­holz 402.242 § 60 Abs. 2 ff. Auf­en­thG Nr. 30, jeweils Rn.19[]
  4. Ver­ord­nung, EG Nr. 343/​2003, ABl EG Nr. L 180 S. 1[]
  5. ABl EU Nr. L 180 S. 31[]
  6. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 27.04.2010 – 10 C 4.09, BVerw­GE 136, 360 = Buch­holz 451.902 Europ. Ausl.- u. Asyl­recht Nr. 38, jeweils Rn. 33; und vom 17.11.2011 – 10 C 13.10, Buch­holz 451.902 Europ. Ausl.- u Asyl­recht Nr. 58 Rn. 22 f.[]
  7. vgl. BVerwG, Urteil vom 17.11.2011 a.a.O. Rn. 23[]
  8. BVerwG 1 C 11.01, BVerw­GE 115, 267, 270 f. = Buch­holz 240 § 53 Aus­lG Nr. 52 S. 88, S. 90 f.[]
  9. BVerwG 1 C 3.04, Buch­holz 402.242 § 60 Abs. 1 Auf­en­thG Nr. 2[]
  10. BVerwG, Urteil vom 13.06.2013 – 10 C 13.12, NVwZ 2013, 1489[]