Das zuläs­si­ge Ver­tei­di­gungs­ver­hal­tens des Beam­ten – und sei­ne nach­tei­li­ge dis­zi­pli­nar­recht­li­che Wür­di­gung

m Rah­men der Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me kann unter dem Aspekt der Berück­sich­ti­gung des Per­sön­lich­keits­bil­des des Beam­ten (§ 13 Abs. 1 Satz 3 BDG; hier: § 11 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 2 ThürDG) zu des­sen Guns­ten zu berück­sich­ti­gen sein, dass der Beam­te die von ihm ein­ge­räum­ten Taten nach­träg­lich auf­ge­ar­bei­tet hat (z.B. indem er inne­re Ein­sicht zeigt oder sie wie­der­gut­zu­ma­chen sucht) und eine erneu­te Bege­hung ent­spre­chen­der Dienst­ver­ge­hen nicht mehr zu besor­gen ist.

Das zuläs­si­ge Ver­tei­di­gungs­ver­hal­tens des Beam­ten – und sei­ne nach­tei­li­ge dis­zi­pli­nar­recht­li­che Wür­di­gung

Nicht zuläs­sig ist es dage­gen, das Aus­blei­ben einer sol­chen inne­ren Ein­sicht und Auf­ar­bei­tung zu Las­ten des Beam­ten zu wür­di­gen. Zuläs­si­ges Pro­zess­ver­hal­ten, wozu auch das Bestrei­ten der Tat und das Negie­ren oder Rela­ti­vie­ren ihres Unrechts­ge­halts gehört, darf grund­sätz­lich nicht zu Las­ten des Beam­ten gewer­tet wer­den.

Andern­falls wür­de das Gericht mit der Berück­sich­ti­gung des Ver­tei­di­gungs­ver­hal­tens des Beam­ten im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren zu sei­nem Nach­teil gegen den rechts­staat­li­chen Grund­satz "nemo ten­e­tur" und gegen das Recht auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nach Art. 103 Abs. 1 GG, § 108 Abs. 2 VwGO ver­sto­ßen. Das Gericht muss inso­weit den Beam­ten vor der Urteils­ver­kün­dung dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es die Ent­fer­nung aus dem Beam­ten­ver­hält­nis aus­schlag­ge­bend auch auf des­sen Ver­tei­di­gungs­ver­hal­ten im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren stüt­zen will.

Der Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs soll sicher­stel­len, dass ein Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter Ein­fluss auf den Gang des gericht­li­chen Ver­fah­rens und des­sen Aus­gang neh­men kann. Zu die­sem Zweck muss er Gele­gen­heit erhal­ten, sich zu allen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gesichts­punk­ten zu äußern, die ent­schei­dungs­er­heb­lich sein kön­nen. Zwar kor­re­spon­diert mit die­sem Äuße­rungs­recht kei­ne umfas­sen­de Fra­ge, Auf­klä­rungs- und Hin­weis­pflicht des Gerichts. Viel­mehr kann regel­mä­ßig erwar­tet wer­den, dass die Betei­lig­ten von sich aus erken­nen, wel­che Gesichts­punk­te Bedeu­tung für den Fort­gang des Ver­fah­rens und die abschlie­ßen­de Sach­ent­schei­dung des Gerichts erlan­gen kön­nen, und ent­spre­chend vor­tra­gen. Jedoch ver­langt der Schutz vor einer Über­ra­schungs­ent­schei­dung, dass das Gericht recht­zei­tig mit­teilt, dass es auf eine Rechts­auf­fas­sung abstel­len will, mit der die Betei­lig­ten ange­sichts des Stan­des von Recht­spre­chung und Schrift­tum nicht zu rech­nen brau­chen. Nur durch einen sol­chen Hin­weis erhal­ten sie Gele­gen­heit, sich zu die­ser Auf­fas­sung zu äußern, und damit auf die Ent­schei­dungs­fin­dung des Gerichts ein­zu­wir­ken 1.

Vor­lie­gend hat das Gericht das Ver­tei­di­gungs­ver­hal­ten des Beam­ten im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren nicht als bemes­sungs­neu­tral behan­delt, son­dern aus­drück­lich zu sei­nem Nach­teil in die Gesamt­wür­di­gung nach § 11 ThürDG ein­be­zo­gen. Es hat zu Las­ten des Beam­ten berück­sich­tigt, dass er offen­sicht­lich nicht erkannt habe, dass er Gren­zen über­schrit­ten habe. Wie sei­ne Aus­füh­run­gen in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zeig­ten, sei er nach wie vor der Ansicht, dass ihm nichts vor­zu­wer­fen sei. Ins­be­son­de­re aus dem Inhalt sei­ner per­sön­li­chen Erklä­rung und der Art und Wei­se, wie er sie in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­tra­gen habe, erge­be sich, dass der Beam­te die ihm vor­ge­wor­fe­nen Hand­lun­gen nahe­zu aus­schließ­lich aus sei­nem Blick­win­kel betrach­te und nach sei­nen Maß­stä­ben bewer­te. Es sei nicht im Ansatz zu erken­nen gewe­sen, dass sich der Beam­te um eine objek­ti­ve Sicht­wei­se bemüht habe, geschwei­ge denn sich selbst­kri­tisch mit sei­nem Ver­hal­ten und des­sen Fol­gen aus­ein­an­der­ge­setzt habe. Folg­lich feh­le ihm nach wie vor die Ein­sicht in die Pflicht­wid­rig­keit sei­nes Tuns.

Die­sen Erwä­gun­gen zum nach­träg­li­chen Umgang des Beam­ten mit dem von ihm in der Sache nicht bestrit­te­nen Ver­hal­ten ist ihre Rele­vanz für die erfor­der­li­che Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nicht abzu­spre­chen.

Gemäß § 11 Abs. 1 ThürDG (vgl. auch § 13 Abs. 1 BDG) wird eine Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen unter Berück­sich­ti­gung der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens, des Per­sön­lich­keits­bil­des des Beam­ten und der Beein­träch­ti­gung des Ver­trau­ens des Dienst­herrn oder der All­ge­mein­heit ver­hängt 2. Grund­sätz­lich ist dem­nach die Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens rich­tungs­wei­send für die Bestim­mung der erfor­der­li­chen Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me. Davon aus­ge­hend kön­nen aber Erkennt­nis­se zum Per­sön­lich­keits­bild des Beam­ten im Ein­zel­fall der­art ins Gewicht fal­len, dass eine ande­re als die durch die Schwe­re indi­zier­te Maß­nah­me gebo­ten ist 3. Gera­de für die Fra­ge, ob auf den Beam­ten mit pflich­ten­mah­nen­den Maß­nah­men noch aus­rei­chend ein­ge­wirkt wer­den kann oder ob er für eine wei­te­re Amts­aus­übung im Beam­ten­ver­hält­nis untrag­bar gewor­den ist, kommt dem Per­sön­lich­keits­bild des Beam­ten aus­schlag­ge­ben­de Bedeu­tung zu 4.

Es kann daher zu sei­nen Guns­ten berück­sich­tigt wer­den, wenn der Beam­te die von ihm ein­ge­räum­ten Taten nach­träg­lich auf­ge­ar­bei­tet hat und eine erneu­te Bege­hung ent­spre­chen­der Dienst­ver­ge­hen nicht mehr zu besor­gen ist 5.

Nicht zuläs­sig ist es dage­gen, das Aus­blei­ben sol­cher inne­ren Ein­sicht und Auf­ar­bei­tung der dem Beam­ten vor­ge­wor­fe­nen Pflich­ten­ver­stö­ße zu sei­nen Las­ten zu wür­di­gen. Zuläs­si­ges Pro­zess­ver­hal­ten, wozu auch das Bestrei­ten der Tat selbst und das Negie­ren oder Rela­ti­vie­ren ihres Unrechts­ge­halts gehört, darf grund­sätz­lich nicht zu Las­ten des Beam­ten gewer­tet wer­den 6.

Die nach­tei­li­ge Berück­sich­ti­gung des Ver­tei­di­gungs­ver­hal­tens des Beam­ten im gericht­li­chen Ver­fah­ren durch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt war hier des­halb ver­fah­rens­feh­ler­haft. Weder im Hin­blick auf die dar­ge­stell­te höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung noch in Anbe­tracht des kon­kre­ten Pro­zess­ver­laufs, in dem das Ver­tei­di­gungs­ver­hal­ten bis­lang nicht für bedeut­sam erach­tet wor­den war und im erst­in­stanz­li­chen Urteil kei­ne Erwäh­nung gefun­den hat­te, bestand für den Beam­ten Anlass, von einer maß­geb­li­chen Berück­sich­ti­gung die­ses Umstan­des aus­zu­ge­hen, sodass die Wür­di­gung im Beru­fungs­ur­teil als "über­ra­schend" gewer­tet wer­den muss 7.

Hät­te das Gericht einen Hin­weis dar­auf gege­ben, wäre der Beam­te in die Lage ver­setzt wor­den, sei­ne Ein­wän­de gegen eine sol­che nach­tei­li­ge Berück­sich­ti­gung zuläs­si­gen Ver­tei­di­gungs­ver­hal­tens dar­zu­le­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Mai 2015 – 2 B 32.2014 -

  1. BVerfG, Beschluss vom 19.05.1992 – 1 BvR 986/​91, BVerfGE 86, 133, 144 f.; BVerwG, Urteil vom 19.08.2010 – 2 C 5.10, Buch­holz 235.2 LDis­zi­pli­narG Nr. 12 Rn. 28 und Beschluss vom 20.11.2012 – 2 B 56.12, NVwZ 2013, 1093 Rn. 5[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 29.10.2013 – 1 D 1.12, BVerw­GE 148, 192 Rn. 39 zu § 13 Abs. 1 BDG[]
  3. BVerwG, Urteil vom 28.02.2013 – 2 C 3.12, BVerw­GE 146, 98 Rn. 26[]
  4. BVerwG, Beschlüs­se vom 25.05.2012 – 2 B 133.11, NVwZ-RR 2012, 607 Rn. 8; und vom 11.02.2014 – 2 B 37.12 21 ff.[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.07.2011 – 2 C 16.10, BVerw­GE 140, 185 Rn. 37 zur inne­ren Ein­sicht, sich künf­tig recht­streu zu ver­hal­ten; Urteil vom 25.07.2013 – 2 C 63.11, BVerw­GE 147, 229 Rn. 26 zur frei­wil­li­gen Wie­der­gut­ma­chung[]
  6. BVerwG, Urteil vom 28.02.2013 – 2 C 62.11, Buch­holz 235.1 § 13 BDG Nr.19 Rn. 49 ff.; Beschlüs­se vom 20.11.2012 – 2 B 56.12, NVwZ 2013, 1093 Rn. 8; und vom 10.12 2014 – 2 B 75.14ZBR 2015, 131 Rn. 10; hier­zu auch Mül­ler, ZBR 2012, 331, 339 ff.[]
  7. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 20.11.2012 – 2 B 56.12, NVwZ 2013, 1093 Rn. 4 ff.; und vom 12.11.2014 – 2 B 67.14ZBR 2015, 92 Rn. 9 ff.[]