Sys­te­mi­sche Män­gel des Asyl­ver­fah­rens in Rumä­ni­en

Bei sum­ma­ri­scher Wer­tung spre­chen nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Schwe­rin durch­grei­fen­de Gesichts­punk­te dafür, dass das Asyl­ver­fah­ren in Rumä­ni­en und die Unter­brin­gung von Asyl­be­wer­bern durch Rumä­ni­en mit sys­te­mi­schen (sys­tem­im­ma­nen­ten) Män­geln belas­tet sind und Rumä­ni­en daher nicht in der Lage ist, ein den Anfor­de­run­gen an euro­päi­sches Recht genü­gen­des Asyl­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren. Es gibt durch­grei­fen­de Anhalts­punk­te dafür, dass über­stell­te Asyl­be­wer­ber in Rumä­ni­en tat­säch­lich Gefahr lau­fen, einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lun­gen im Sin­ne des Art. 4 EU-Grund­rech­te­char­ta bzw. Art. 3 EMRK zu wer­den.

Sys­te­mi­sche Män­gel des Asyl­ver­fah­rens in Rumä­ni­en

Mit Wir­kung vom 06.09.2013 ist § 34a Abs. 2 AsylVfG durch das Gesetz zur Umset­zung der Richt­li­nie 2011/​95/​EU 1 neu gefasst wor­den. Nun­mehr ist vor­läu­fi­ger Rechts­schutz auch bei Abschie­bun­gen in siche­re Dritt­staa­ten bzw. in sog. Dub­lin-Ver­fah­ren (§§ 26a, 27a AsylVfG) zuläs­sig und nach Maß­ga­be des § 80 Abs. 5 VwGO nach nor­ma­len Maß­stä­ben zu gewäh­ren 2.

Der Erfolg eines sol­chen Antrags in der Sache hängt vom Aus­gang einer Inter­es­sen­ab­wä­gung ab. Das Gericht hat dabei eine eige­ne Ermes­sens­ent­schei­dung zu tref­fen, wobei alle in der Sache betrof­fe­nen Inter­es­sen zu berück­sich­ti­gen sind. Regel­mä­ßig wer­den die Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­be­helfs, des­sen auf­schie­ben­de Wir­kung wie­der­her­ge­stellt wer­den soll, als ers­tes Kri­te­ri­um her­an­ge­zo­gen. Denn es kann kein öffent­li­ches Inter­es­se an der sofor­ti­gen Voll­zie­hung eines ein­deu­tig rechts­wid­ri­gen Ver­wal­tungs­akts bestehen, wäh­rend umge­kehrt der Asyl­be­wer­ber grund­sätz­lich kein schutz­wür­di­ges pri­va­tes Inter­es­se haben kann, von der Voll­zie­hung eines offen­sicht­lich recht­mä­ßi­gen Ver­wal­tungs­akts ver­schont zu blei­ben, sofern ein – hier gesetz­lich fest­ge­stell­tes – öffent­li­ches Inter­es­se dar­an besteht, die­sen Ver­wal­tungs­akt vor Ein­tritt sei­ner Bestands­kraft zu voll­zie­hen. Sind die Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­be­helfs im Rah­men der nach § 80 Abs. 5 VwGO not­wen­di­gen, aber auch aus­rei­chen­den sum­ma­ri­schen Prü­fung offen, so ist eine Inter­es­sen­ab­wä­gung erfor­der­lich, die auch gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dun­gen zuguns­ten bzw. ent­ge­gen der sofor­ti­gen Voll­zieh­bar­keit mit gewich­tet.

Bei der ledig­lich gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung begeg­net der ange­grif­fe­ne Bescheid durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken. Im vor­lie­gen­den Fall über­wiegt daher das pri­va­te Aus­set­zungs­in­ter­es­se der Antrag­stel­ler gegen­über dem öffent­li­chen Voll­zugs­in­ter­es­se der Behör­de.

Die Fest­stel­lung der Unzu­läs­sig­keit des Asyl­an­trags des Antrag­stel­lers konn­te hier durch das Bun­des­amt auf der Grund­la­ge des § 27a AsylVfG nicht getrof­fen wer­den. Danach ist ein Asyl­an­trag unzu­läs­sig, wenn ein ande­rer Staat auf Grund von Rechts­vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist. Die­se Vor­aus­set­zung liegt hier bei sum­ma­ri­scher Wer­tung nicht vor, obwohl die Repu­blik Rumä­ni­en sich zur Auf­nah­me der Antrag­stel­ler bereit erklärt und aus­weis­lich der Bun­des­amts­ak­ten auch die Über­stel­lungs­mo­da­li­tä­ten mit­ge­teilt hat.

Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren maß­ge­bend ist die VO (EU) 604/​2013 (sog. Dub­lin III-VO) vom 26.06.2013 3. Gemäß Art. 13 Abs. 1 Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 ist der­je­ni­ge Mit­glied­staat für die Prü­fung des Asyl­an­tra­ges zustän­dig, über des­sen Gren­ze der Asyl­be­wer­ber aus einem Dritt­staat ille­gal ein­ge­reist ist. Danach ist im vor­lie­gen­den Fall die Repu­blik Rumä­ni­en zustän­dig. Nach dem Inhalt der Ver­wal­tungs­vor­gän­ge und den Anga­ben des Antrag­stel­lers hat er am 19.09.2014 in Rumä­ni­en Asyl bean­tragt. Damit bestehen durch­grei­fen­de Anhalts­punk­te dafür, dass der Antrag­stel­ler bereits vor Antrag­stel­lung im Bun­des­ge­biet in einem für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­di­gen Staat, näm­lich Rumä­ni­en gewe­sen ist. Dem­entspre­chend hat die zustän­di­ge rumä­ni­sche Direk­to­ri­um für Asyl und Inte­gra­ti­on unter dem 28.11.2014 gemäß Art. 18 Abs. 1 d) Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 (Dub­lin-III-VO) ihre Zustän­dig­keit für das Asyl­ver­fah­ren des Antrag­stel­lers erklärt.

Der Antrag­stel­ler hat unter Beru­fung auf eine Stu­die von pro asyl 4 vor­ge­tra­gen, dass die Ver­hält­nis­se in Rumä­ni­en nicht den uni­ons­recht­li­chen Maß­stä­ben ent­spricht. Bei sum­ma­ri­scher Wer­tung spre­chen durch­grei­fen­de Gesichts­punk­te dafür, dass das Asyl­ver­fah­ren in Rumä­ni­en und die Unter­brin­gung von Asyl­be­wer­bern durch Rumä­ni­en mit sys­te­mi­schen (sys­tem­im­ma­nen­ten) Män­geln belas­tet sind und Rumä­ni­en daher nicht in der Lage ist, ein den Anfor­de­run­gen an euro­päi­sches Recht genü­gen­des Asyl­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren. Es gibt durch­grei­fen­de Anhalts­punk­te dafür, dass über­stell­te Asyl­be­wer­ber in Rumä­ni­en tat­säch­lich Gefahr lau­fen, einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lun­gen im Sin­ne des Art. 4 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on (GrCH) bzw. Art. 3 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EMRK) aus­ge­setzt zu wer­den 5.

In einem ande­ren beim Ver­wal­tuangs­ge­richt Schwe­rin anhän­gi­gen Ver­fah­ren 6 haben die dor­ti­gen Antrag­stel­ler (eine Fami­lie mit drei­jäh­ri­gen Dril­lin­gen) in einem Erör­te­rungs­ter­min ins­be­son­de­re sub­stan­ti­iert aus­ge­führt, dass ledig­lich zwei Gut­schei­ne im Wert von 100 Lei (= 22, 47 €) für einen Monat aus­ge­ge­ben wor­den sind. Davon haben sie jeweils für eine Woche Lebens­mit­tel kau­fen kön­nen. Die­se Anga­ben wer­den bestä­tigt durch das UNHCR 7, wonach Asyl­be­wer­ber umge­rech­net 30 US-Dol­lar im Monat erhal­ten. Dies dürf­te nach Ein­schät­zung des Gerichts völ­lig unzu­rei­chend sein 8.

Wei­ter haben die Antrag­stel­ler jenes Ver­fah­rens glaub­haft vor­ge­tra­gen, dass sie trotz kal­ter Jah­res­zeit in unbe­heiz­ten Räu­men woh­nen muss­ten und etwa medi­zi­nisch nicht aus­rei­chend ver­sorgt wor­den sei­en. Die Kin­der hät­ten (infol­ge­des­sen) die gesam­te Zeit unter Durch­fall gelit­ten, ohne dass dies sach­ge­recht behan­delt wor­den wäre. Die­se Gesichts­punk­te und etwa die Fra­ge, ob in Rumä­ni­en Anhö­run­gen mit Dol­met­scher durch­ge­führt wer­den, sind im Haupt­sa­che­ver­fah­ren zu klä­ren.

Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin, Beschluss vom 27. März 2015 – 3 B 236/​15 As

  1. BGBl. I 2013, 3474[]
  2. dazu und zum Fol­gen­den auch VG Lüne­burg, Beschluss vom 25.10.2013 – 4 B 57/​13[]
  3. ABl. L 180 S. 31[]
  4. Flücht­lin­ge im Laby­rinth, S. 23[]
  5. grund­le­gend dazu BVerwG, Beschluss vom 19.03.2014 – 10 B 6/​14; EuGH, Urteil vom 21.12 2011 – – C‑411/​10 und – C‑493/​10, – C‑411/​10, – C‑493/​10; EGMR, Beschluss vom 02.04.2013 – 27725/​10; vgl. auch VG Schwe­rin, Beschluss vom 15.03.2013 – 3 B 111/​13 As; und Beschluss vom 13.11.2013 – 3 B 315/​13 As, je mwN – jeweils betref­fend die Repu­bli­ken Grie­chen­land bzw. Ita­li­en[]
  6. VG Schwe­rin – 3 B 82/​15 As[]
  7. vgl. DUBLIN II Regu­la­ti­on Natio­nal Report Roma­nia 2012, S. 39.[]
  8. vgl. auch VG Braun­schweig, Beschluss vom 29.11.2013 – 7 B 215/​13, S. 2 ff. mwN[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 11.09.2003 – 5 StR 253/​03, wis­tra 2003, 429[]