Ver­län­ge­rung der Über­stel­lungs­frist im Asyl­ver­fah­ren

Die ein­schrän­ken­den Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­län­ge­rung der Über­stel­lungs­frist nach Art.20 Abs 2 Satz 2 der Dub­lin-II-Ver­ord­nung 343/​2003 berüh­ren weder sub­jek­ti­ve Rech­te der zu über­stel­len­den Asyl­be­wer­ber noch ver­mö­gen sie sol­che zu begrün­den. Sie bezwe­cken nicht den Schutz der Betrof­fe­nen, son­dern die­nen allein objek­ti­ven Zwe­cken, einer (sach-)gerechten Ver­tei­lung der mit der Durch­füh­rung der Asyl­ver­fah­ren ver­bun­de­nen Las­ten in Abstim­mung mit dem um Wie­der­auf­nah­me ersuch­ten Mit­glied­staat.

Ver­län­ge­rung der Über­stel­lungs­frist im Asyl­ver­fah­ren

Nach Art.20 Abs. 1 lit. d der Dub­lin II-VO erfolgt die Über­stel­lung gemäß den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten des ersu­chen­den Mit­glied­staats, sobald dies mate­ri­ell mög­lich ist und spä­tes­tens inner­halb einer Frist von sechs Mona­ten nach der Annah­me des Antrags auf Wie­der­auf­nah­me durch einen ande­ren Mit­glied­staat oder der Ent­schei­dung über den Rechts­be­helf, wenn die­ser auf­schie­ben­de Wir­kung hat. Wird die Über­stel­lung nicht inner­halb der Frist von sechs Mona­ten durch­ge­führt, so geht nach Art.20 Abs. 2 Satz 1 der Dub­lin II-VO die Zustän­dig­keit auf den Mit­glied­staat über, in dem der Asyl­an­trag ein­ge­reicht wur­de. Die­se Frist kann nach Art.20 Abs. 2 Satz 2 der Dub­lin II-VO höchs­tens auf 18 Mona­te ver­län­gert wer­den, wenn der Asyl­be­wer­ber flüch­tig ist.

Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren wur­de nach Sach­ak­ten­la­ge die Über­stel­lungs­frist wirk­sam bis zum 21.12 2014 ver­län­gert. Aus dem Wort­laut von Art.20 Abs. 2 Satz 2 der Dub­lin II-VO („kann […] ver­län­gert wer­den“) ergibt sich, dass die Frist­ver­län­ge­rung nicht auto­ma­tisch erfolgt. Erfor­der­lich ist hier­für nach Art. 9 Abs. 2 Satz 1 (bes­ser 3) der Kom­mis­si­on vom 02.09.2003 mit Durch­füh­rungs­be­stim­mun­gen zur Ver­ord­nung Nr. 343/​2003 (im Fol­gen­den: Dub­lin II-DVO) viel­mehr, dass der Mit­glied­staat, der die Über­stel­lung aus einem der in Art.20 Abs. 2 der Dub­lin II-VO genann­ten Grün­de nicht inner­halb der in Art.20 Abs. 1 lit. d. der Dub­lin II-VO vor­ge­se­he­nen regu­lä­ren Frist von sechs Mona­ten vor­neh­men kann, den zustän­di­gen Mit­glied­staat dar­über vor Ablauf die­ser Frist unter­rich­tet. Eine der­ar­ti­ge Unter­rich­tung hat die Antrags­geg­ne­rin der Repu­blik Polen mit ihrem Schrei­ben vom 21.Oktober 2013 zukom­men las­sen, in dem sie aus­ge­führt hat, dass eine Über­stel­lung der Antrag­stel­ler der­zeit nicht mög­lich sei, weil die­se unter­ge­taucht sei­en, und die Über­stel­lung spä­tes­tens bis zum 21.12 2014 erfol­ge.

Es kann dahin­ste­hen, ob die Antrag­stel­ler „flüch­tig“ im Sin­ne von Art.20 Abs. 2 Satz 2 der Dub­lin II-VO waren. Die ein­schrän­ken­den Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­län­ge­rung der Über­stel­lungs­frist berüh­ren näm­lich weder sub­jek­ti­ve Rech­te der zu über­stel­len­den Asyl­be­wer­ber noch ver­mö­gen sie sol­che zu begrün­den. Sie bezwe­cken nicht den Schutz der Betrof­fe­nen, son­dern die­nen allein objek­ti­ven Zwe­cken, einer (sach)gerechten Ver­tei­lung der mit der Durch­füh­rung der Asyl­ver­fah­ren ver­bun­de­nen Las­ten in Abstim­mung mit dem um Wie­der­auf­nah­me ersuch­ten Mit­glied­staat.

Die Dub­lin II-VO, in der die Kri­te­ri­en und das Ver­fah­ren zur Bestim­mung des für die Prü­fung eines Asyl­an­tra­ges zustän­di­gen Mit­glied­staats fest­ge­legt sind, beinhal­tet vor allem Ver­pflich­tun­gen der Mit­glied­staa­ten unter­ein­an­der. Dies gilt auch für die Fris­ten in Kapi­tel V (Art. 17 Abs. 1, 18 Abs. 1, Abs. 6 und Abs. 7, 19 Abs. 3 und Abs. 4, 20 Abs. 1 lit. d und Abs. 2 der Dub­lin II-VO), das das Auf­nah­me- und Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren zwi­schen den Mit­glied­staa­ten regelt.

Zwar sind als Reflex des Zustän­dig­keits­über­gangs nach Art.19 Abs. 4 Satz 1, 20 Abs. 2 Satz 1 Dub­lin II-VO aus­nahms­wei­se auch sub­jek­ti­ve Rech­te der Asyl­be­wer­ber betrof­fen, wenn die Über­stel­lungs­fris­ten nach Art.19 Abs. 3 und Abs. 4 Satz 1, 20 Abs. 1 lit. d und Abs. 2 Dub­lin II-VO ohne Über­stel­lung der Asyl­be­wer­ber abge­lau­fen sind und der ersuch­te Mit­glied­staat nun­mehr nicht mehr zur Auf­nah­me bzw. Wie­der­auf­nah­me bereit ist. Denn könn­ten Asyl­be­wer­ber in einer sol­chen Situa­ti­on die Auf­he­bung eines von der Antrags­geg­ne­rin erlas­se­nen Dub­lin-Beschei­des gericht­lich nicht durch­set­zen, bestän­de die Gefahr, dass die Asyl­an­trä­ge in kei­nem Mit­glied­staat mate­ri­ell geprüft wür­den. Dies wäre weder mit dem nach Art. 18 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on (im Fol­gen­den: GRCh) gewähr­leis­te­ten Asyl­recht noch mit dem Grund­satz in Art. 3 Abs. 1 Satz 1 der Dub­lin II-VO, wonach die Mit­glied­staa­ten jeden Asyl­an­trag eines Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen mate­ri­ell prü­fen, ver­ein­bar und soll­te mit den Rege­lun­gen zum Zustän­dig­keits­über­gang – die im zuvor maß­geb­li­chen Dub­li­ner Über­ein­kom­men nicht ent­hal­ten waren – aus­drück­lich ver­mie­den wer­den [1].

Anders stellt es sich jedoch bei den hier in Rede ste­hen­den Vor­aus­set­zun­gen für die Frist­ver­län­ge­rung nach Art.20 Abs. 2 Satz 2 der Dub­lin II-VO dar. Die­se ein­schrän­ken­den Vor­aus­set­zun­gen die­nen, wie ein­gangs fest­ge­stellt, nach dem Wort­laut sowie dem Sinn und Zweck der Vor­schrift nicht dem Schutz der zu über­stel­len­den Asyl­be­wer­ber, son­dern den genann­ten öffent­li­chen Belan­gen. Bestrei­tet der Mit­glied­staat, der die Wie­der­auf­nah­me zuge­sagt hat, das Vor­lie­gen eines zur Frist­ver­län­ge­rung berech­ti­gen­den Grun­des – wie hier die Repu­blik Polen – nicht, blei­ben die Rech­te der Asyl­be­wer­ber gewahrt. Denn es ist im Ein­klang mit Art. 18 GRCh und Art. 3 Abs. 1 Satz 1 der Dub­lin II-VO gewähr­leis­tet, dass die mate­ri­el­le Prü­fung ihrer Asyl­an­trä­ge erfol­gen wird.

Im Übri­gen sprä­chen selbst bei Ablauf der Über­stel­lungs­frist, die Bereit­schaft der Repu­blik Polens zur Wie­der­auf­nah­me der Antrag­stel­ler vor­aus­ge­setzt, der auch das Öffent­li­che Recht beherr­schen­de Grund­satz von Treu und Glau­ben gegen die Annah­me einer Ver­let­zung der Antrag­stel­ler in einer sub­jek­ti­ven Rechts­po­si­ti­on. Als posi­tiv­recht­li­che Aus­prä­gung die­ses Grund­sat­zes ist der in § 162 Abs. 2 BGB zum Aus­druck kom­men­de all­ge­mei­ne Rechts­ge­dan­ke anzu­se­hen. Nach § 162 Abs. 2 BGB gilt der Ein­tritt einer Bedin­gung als nicht erfolgt, wenn deren Ein­tritt von der Par­tei, zu deren Vor­teil sie gereicht, wider Treu und Glau­ben her­bei­ge­führt wird. So dürf­te es sich bei den Antrag­stel­lern im Hin­blick auf die eine Ein­hal­tung der regu­lä­ren Über­stel­lungs­frist ver­hin­dern­den Umstän­de ver­hal­ten. Nach den Anga­ben in den Aus­län­der­ak­ten der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg für die Antrag­stel­ler spricht vie­les dafür, dass die­se ihren Mit­wir­kungs­pflich­ten bei der Bean­tra­gung einer Geburts­ur­kun­de für das am 11.08.2013 gebo­re­ne Kind treu­wid­rig nicht nach­ge­kom­men sind. Ohne Geburts­ur­kun­de konn­te jedoch, wie den Antrag­stel­lern zu 1. und 2. offen­bar bekannt war, eine Über­stel­lung des neu­ge­bo­re­nen Kin­des und damit auch der übri­gen Antrag­stel­ler nicht erfol­gen. Die Antrag­stel­ler wur­den sei­tens des Ein­woh­ner­zen­tral­amts der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg wie­der­holt – so sind Auf­for­de­run­gen vom 17.07.2013, 19.08.2013, 23.09.2013, 1.10.2013, 7.11.2013 und 19.11.2013 doku­men­tiert – auf­ge­for­dert, eine Geburts­ur­kun­de zu bean­tra­gen. Die­sen Auf­for­de­run­gen sind sie indes nicht nach­ge­kom­men. Der Antrag­stel­ler zu 1. äußer­te aus­weis­lich eines Akten­ver­merks vom 19.11.2013 gegen­über dem Dol­met­scher Herrn G. sogar, dass er die Geburts­ur­kun­de für das Kind nicht vor­le­gen wer­de, da die Fami­lie sonst abge­scho­ben wür­de. Eine Geburts­ur­kun­de wur­de erst am 28.01.2014 auf Antrag des Ein­woh­ner­zen­tral­amts der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg aus­ge­stellt, nach­dem die­ses die Päs­se und Eheur­kun­de der Antrag­stel­ler zu 1. und 2. aus Polen ange­for­dert und deren Über­set­zung ver­an­lasst hat­te.

Ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 8. April 2014 – 17 AE 1762/​14

  1. s. Vor­schlag für eine Ver­ord­nung des Rates zur Fest­le­gung von Kri­te­ri­en und Ver­fah­ren zur Bestim­mung des Mit­glied­staats, der für die Prü­fung eines Asyl­an­trags zustän­dig ist, den ein Staats­an­ge­hö­ri­ger eines drit­ten Lan­des in einem Mit­glied­staat gestellt hat, KOM/​2001/​0447 endg., Nr. 4 zu Art.20, juris: Ver­mei­dung der Kate­go­rie sog. „refu­gees in orbit“[]