Die fin­gier­ten Rechts­schutz­fäl­le – und der Aus­schluss aus der Anwalt­schaft

Wer als Rechts­an­walt, um sich eine Ein­nah­me­quel­le von eini­gem Umfang und gewis­ser Dau­er zu ver­schaf­fen, ver­schie­de­ne Rechts­schutz­ver­si­che­run­gen durch die Anzei­ge fik­ti­ver Ver­si­che­rungs­fäl­le und die Vor­la­ge gefälsch­ter Doku­men­te zur Ertei­lung von Deckungs­zu­sa­gen bewegt und in der Fol­ge in die­sen fik­ti­ven Fäl­len Zah­lun­gen auf nicht bestehen­de Gebüh­ren­an­sprü­che ver­ein­nahmt, ver­stösst gegen die Ver­pflich­tung eines Rechts­an­walts, sei­nen Beruf gewis­sen­haft aus­zu­üben und sich inner­halb und außer­halb des Berufs der Ach­tung und des Ver­trau­ens, wel­che die Stel­lung des Rechts­an­walts erfor­dert, wür­dig zu erwei­sen. Er ist daher im Regel­fall aus der Rechts­an­walt­schaft aus­zu­schlies­sen.

Die fin­gier­ten Rechts­schutz­fäl­le – und der Aus­schluss aus der Anwalt­schaft

Durch die Bege­hung die­ser Straf­ta­ten hat der Rechts­an­walt schuld­haft gegen Pflich­ten i. S. des § 113 Abs. 1 BRAO ver­sto­ßen. Zwar ent­hält weder die BRAO noch die BORA spe­zi­el­le Rege­lun­gen über Pflich­ten im Zusam­men­hang mit der Anfor­de­rung von Deckungs­zu­sa­gen und der Ein­for­de­rung von Gebüh­ren­an­sprü­chen gegen­über Recht­schutz­ver­si­che­run­gen. Jedoch ent­spricht es all­ge­mei­ner Berufs­pflicht des Rechts­an­walts nach § 43 BRAO, dass er sei­nen Beruf gewis­sen­haft aus­zu­üben und sich inner­halb und aus­ser­halb des Beru­fes der Ach­tung und des Ver­trau­ens, wel­che die Stel­lung des Rechts­an­wal­tes erfor­dert, sich wür­dig zu erwei­sen hat. Die Vor­schrift des § 43 BRAO regelt all­ge­mei­ne Berufs­pflich­ten "in die­sem Gesetz" i. S. des § 113 Abs. 1 BRAO. Sie ist eine Auf­fang­vor­schrift, der Trans­for­ma­ti­ons- und Abschich­tungs­funk­ti­on zukommt 1.

Der Rechts­an­walt hat bei sei­ner Berufs­aus­übung zahl­rei­che Nor­men aus­ser­halb der BRAO und der BORA zu beach­ten. Er unter­liegt den für jeden Bür­ger gel­ten­den Geset­zen. Da Ver­stös­se gegen sol­che Rechts­nor­men, die nicht unmit­tel­bar dem anwalt­li­chen Berufs­recht zuge­hö­ren, auch eine Ver­let­zung berufs­recht­li­cher Pflich­ten dar­stel­len kön­nen, z. B. im Fal­le einer von einem Rechts­an­walt began­ge­nen Straf­tat, bedarf es im Berufs­recht einer Norm, die die­se aus ande­ren gesetz­li­chen Rege­lun­gen flies­sen­den Pflich­ten in das Berufs­recht über­trägt. Die­se Trans­for­ma­ti­ons­funk­ti­on wird durch die Gene­ral­klau­sel des § 43 BRAO wahr­ge­nom­men. Damit ist § 43 BRAO zugleich auch die Grund­la­ge für eine Abschich­tung der berufs­recht­lich rele­van­ten Geset­zes­ver­let­zung von jenen, die für das Berufs­recht bedeu­tungs­los sind. Wel­che Geset­zes­ver­stös­se berufs­recht­lich nicht tole­ra­bel sind, muss jeweils Sinn und Zweck der Gene­ral­klau­sel unter Berück­sich­ti­gung ver­fas­sungs­recht­li­cher Grund­sät­ze ent­nom­men wer­den. Leit­li­nie in die­sem Wer­tungs­pro­zess ist die Fra­ge, ob der vom Rechts­an­walt began­ge­ne Geset­zes­ver­stoss über sei­ne Aus­wir­kun­gen im Ein­zel­fall hin­aus geeig­net ist, das Ver­trau­en in die Kom­pe­tenz und Inte­gri­tät der Anwalt­schaft zu beein­träch­ti­gen und damit die Funk­ti­on der Anwalt­schaft im Sys­tem der Rechts­pfle­ge zu stö­ren 2. Das ist bei vor­sätz­lich began­ge­nen Straf­ta­ten in der Regel der Fall, spe­zi­ell aber bei sol­chen, die das Ver­trau­en der recht­su­chen­den Bevöl­ke­rung in die Anwalt­schaft unter­gra­ben. Indem der Rechts­an­walt mehr­fach den Straf­tat­be­stand der Urkun­den­fäl­schung sowie des Betru­ges ver­wirk­licht hat, indem er Rechts­schutz­fäl­le anhand der Daten sei­ner Man­dan­ten erfun­den und gefälscht hat­te und sich dadurch einen Teil sei­nes Lebens­un­ter­halts über einen Zeit­raum von fünf Mona­ten finan­ziert hat, ist ein sol­cher Bezug gege­ben.

Die nach § 113 Abs. 1 BRAO zur Ahn­dung der Pflicht­ver­stös­se zu ver­hän­gen­de Mass­nah­me war dem Kata­log des § 114 BRAO zu ent­neh­men. Danach kam vor­lie­gend nur die schwers­te anwalts­ge­richt­li­che Sank­ti­on, näm­lich die Aus­schlies­sung aus der Rechts­an­walt­schaft, in Betracht (§ 114 Abs. 1 Nr. 5 BRAO).

Die bereits den Rechts­an­walt auf­grund sei­ner Ver­feh­lung erreich­te staat­li­che Sank­ti­on, näm­lich die straf­recht­li­che Ver­ur­tei­lung (hier: zu einer Gesamt­frei­heits­stra­fe von zwei Jah­ren), steht for­mell einer Aus­schlies­sung gem. § 115 b Abs. 2 BRAO nicht ent­ge­gen.

Bei den Ver­feh­lun­gen des Rechts­an­wal­tes han­delt es sich um sol­che von erheb­li­cher objek­ti­ver Schwe­re, dass eine mil­de­re Mass­nah­me – ins­be­son­de­re ein Ver­tre­tungs­ver­bot nach § 114 Abs. 1 Nr. 4 BRAO – zum Schutz der Rechts­pfle­ge nicht aus­reicht. Der Rechts­an­walt ist als sol­cher nicht wei­ter trag­bar. Ihm kann die umfas­sen­de Auf­ga­be nicht wei­ter anver­traut wer­den, unab­hän­gi­ger Bera­ter und Ver­tre­ter der Recht­su­chen­den in allen Rechts­an­ge­le­gen­hei­ten zu sein. Dabei ist sich der Senat der beson­ders zu beach­ten­den Grund­rechts­be­trof­fen­heit des Rechts­an­walts aus Art. 12 GG bewusst gewe­sen. Der Aus­schluss aus der Anwalt­schaft stellt schon all­ge­mein betrach­tet eine so gra­vie­ren­de Mass­nah­me dar, dass sie aus Grün­den der Ver­hält­nis­mäs­sig­keit nur erkannt wer­den darf, wenn ansons­ten eine Gefähr­dung der Rechts­pfle­ge nicht ver­hin­dert wer­den kann 3. Allein das berufs­po­li­ti­sche Bedürf­nis, den Anwalts­stand rein zu hal­ten, recht­fer­tigt eine Aus­schlies­sung nur in Zusam­men­hang mit dem Schutz einer funk­ti­ons­tüch­ti­gen Rechts­pfle­ge und kann dann nicht aus­schlag­ge­bend sein, wenn die­ses Gemein­schafts­gut kei­nes Schut­zes vor dem Rechts­an­walt mehr bedarf 4. Die Mass­nah­me kommt damit nur in Betracht, wenn wie als Ahn­dung schwe­rer Pflicht­ver­let­zun­gen zum Schut­ze eines über­ra­gend wich­ti­gen Gemein­schafts­gu­tes, näm­lich des Inter­es­ses der All­ge­mein­heit an einer funk­ti­ons­tüch­ti­gen Rechts­pfle­ge und der Wah­rung des Ver­trau­ens der Recht­su­chen­den in die Inte­gri­tät des Anwalts­stan­des geeig­net und erfor­der­lich ist, und wenn eine Gesamt­ab­wä­gung ergibt, dass mil­de­re Mass­nah­men nicht aus­rei­chen 5.

Hier­von aus­ge­hend stellt sich die Aus­schlies­sung des Rechts­an­walts aus der Anwalt­schaft als erfor­der­lich und ver­hält­nis­mäs­sig dar. Betrug und Urkun­den­fäl­schung in Zusam­men­hang mit der Anfor­de­rung von Deckungs­zu­sa­gen und Zah­lun­gen auf ver­meint­li­che anwalt­li­che Tätig­keit stel­len einen so gra­vie­ren­den Ver­stoß gegen die Kern­pflicht eines Rechts­an­walts dar, dass die Aus­schlies­sung aus der Rechts­an­walt­schaft die regel­mäs­si­ge Fol­ge ist 6. Dabei hat der Senat im kon­kre­ten Fall nicht ver­kannt, dass der Rechts­an­walt auf den ent­stan­de­nen Scha­den bereits Zah­lun­gen in beträcht­li­cher Höhe geleis­tet hat und trotz sei­ner beschei­de­nen finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten auch wei­ter­hin bemüht ist, eine voll­stän­di­ge Scha­dens­be­glei­chung zu erzie­len. Auch ist der sein Fehl­ver­hal­ten voll­stän­dig ein­räu­men­de und deut­lich Reue zei­gen­de Rechts­an­walt zu einer Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt wor­den, deren Voll­stre­ckung zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wur­de. Zudem hat er offen­sicht­lich geeig­ne­te Mass­nah­men ergrif­fen, um sei­ne per­sön­li­chen und gesund­heit­li­chen Pro­ble­me in den Griff zu bekom­men. Erschwe­rend ist jedoch zu berück­sich­ti­gen, dass sich der Rechts­an­walt durch sei­ne Ver­feh­lun­gen über einen län­ge­ren Zeit­raum nicht uner­heb­li­che Beträ­ge von den geschä­dig­ten Ver­si­che­run­gen hat über­wei­sen las­sen und dabei ein erheb­li­ches Maß an kri­mi­nel­ler Ener­gie an den Tag gelegt hat. Er hat das Ver­trau­en der geschä­dig­ten Unter­neh­men aus ego­is­ti­schen Moti­ven miss­braucht. Ein Ver­tre­tungs­ver­bot wür­de der objek­ti­ven Schwe­re sei­nes Fehl­ver­hal­tens nicht gerecht. Ein sol­ches wür­de auch nicht aus­rei­chen, um einer wei­te­ren Gefähr­dung der Rechts­pfle­ge ent­ge­gen zu wir­ken. Eine Pro­gno­se, dass der Rechts­an­walt sich künf­tig pflicht­ge­mäss ver­hal­ten wird und kei­ne wei­te­ren Gefah­ren von ihm aus­ge­hen, kann nicht gestellt wer­den.

Anwalts­ge­richts­hof Cel­le – Urteil vom 02. Dezem­ber 2013 – Amts­ge­richtH 12/​13 (I 6)

  1. vgl. AGH Cel­le, Urteil vom 16.03.2010 – AGH 27/​09; Urteil vom 14.10.2002 – AGH 35/​01[]
  2. vgl. Feuerich/​Weyland, 8. Aufl., § 43 BRAO Rn. 10[]
  3. vgl. Henß­ler/Prüt­ting-Ditt­mann, § 114 BRAO Rn. 14 m. w. N.[]
  4. vgl. BVerfG E 66, 337[]
  5. Feuerich/​Weyland, § 114 BRAO Rn. 37[]
  6. vgl. Feuerich/​Weyland a. a. O., § 114 BRAO Rn. 48 und 55 m. w. N.[]