Abtre­tung einer Kon­to­kor­rent­for­de­rung in der Insol­venz

Die Vor­aus­ab­tre­tung kon­to­kor­rent­ge­bun­de­ner For­de­run­gen und des kau­sa­len Schluss­sal­dos aus dem Kon­to­kor­rent führt nicht zum Rechts­er­werb des Abtre­tungs­emp­fän­gers, wenn die Kon­to­kor­rentab­re­de erst mit der Insol­venz­eröff­nung erlischt. Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof und gab damit sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung 1 auf.

Abtre­tung einer Kon­to­kor­rent­for­de­rung in der Insol­venz

Das zuvor mit dem Fall befass­te Ober­lan­des­ge­richt Köln hat in sei­nem Beru­fungs­ur­teil den Inhalt der Abre­den zwi­schen der Schuld­ne­rin und der Beklag­ten revi­si­ons­recht­lich bin­dend als ech­tes kauf­män­ni­sches Kon­to­kor­rent (§ 355 HGB) aus­ge­legt. Die Schuld­ne­rin selbst war nach Anord­nung des all­ge­mei­nen Ver­fü­gungs­ver­bo­tes im Insol­venz­eröff­nungs­ver­fah­ren gemäß § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2, §§ 24, 81 InsO nicht mehr im Stan­de, einen schuld­um­schaf­fen­den Rech­nungs­ab­schluss der Beklag­ten anzu­er­ken­nen und damit eine neue Sal­do­for­de­rung zu begrün­den. Die in das Kon­to­kor­rent ein­ge­stell­ten Ein­zel­for­de­run­gen, die durch das Sal­do­an­er­kennt­nis unter­ge­gan­gen wären 2, waren grund­sätz­lich nicht selb­stän­dig abtret­bar, solan­ge die Kon­to­kor­rent­bin­dung zwi­schen den Betei­lig­ten bestand. Das gilt auch für die kau­sa­le For­de­rung auf den Schluss­sal­do aus dem Kon­to­kor­rent. Die Vor­aus­ab­tre­tung die­ser For­de­run­gen schei­ter­te mit­hin an der wei­ter­wir­ken­den Kon­to­kor­rent­bin­dung 3.

Die Kon­to­kor­rentab­re­de zwi­schen der Schuld­ne­rin und der Beklag­ten erlosch erst nach den §§ 115, 116 InsO mit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens 4. Gleich­zei­tig wirk­te jedoch bereits die Beschrän­kung des § 91 InsO, nach wel­cher an den Gegen­stän­den der Insol­venz­mas­se – hier den bis­her kon­to­kor­rent­ge­bun-denen Ein­zel­for­de­run­gen und dem kau­sa­len Schluss­sal­do – Rech­te nicht wirk­sam erwor­ben wer­den kön­nen. Der mas­se­schüt­zen­de Zweck des § 91 InsO setzt das Wort "nach" des Geset­zes­tex­tes in Bezie­hung zu dem gesam­ten Ver­fah­ren, wel­ches mit dem Eröff­nungs­be­schluss beginnt. Es wäre des­halb zweck­wid­rig, wenn aus die­sem Zeit­raum der Zeit­punkt des Beginns als juris­ti­sche Sekun­de aus­ge­schlos­sen blie­be 5.

Der Bun­des­ge­richt­hof gibt damit die ver­ein­zelt geblie­be­ne Ent­schei­dung sei­nes frü­her für das Kon­kurs­recht zustän­di­gen VIII. Zivil­se­nats 6, nach wel­cher der kau­sa­le Sal­do­an­spruch aus dem mit der Kon­kurs­er­öff­nung been­de­ten Kon­to­kor­rent gegen­über dem Erwerbs­ver­bot des § 15 KO kon­kurs­fest sein soll­te, für den Anwen­dungs­be­reich des § 91 InsO auf. Die vor­be­zeich­ne­te Aus­le­gung von § 15 KO steht nicht in Ein­klang mit der jün­ge­ren Recht­spre­chung, wel­che das Erwerbs­ver­bot des § 91 InsO nur dann zurück­tre­ten lässt, wenn der Drit­te bereits vor der Insol­venz­eröff­nung eine gesi­cher­te Rechts­po­si­ti­on hin­sicht­lich der ihm abge­tre­te­nen oder ver­pfän­de­ten For­de­rung erlangt hat 7. Über eine sol­che Posi­ti­on ver­füg­te die Abt­tre­tungs­emp­fän­ge­rin bis zur Eröff­nung des Insol-venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen der Schuld­ne­rin nicht. Der allein ent­schei­den­de (star­ke) vor­läu­fi­ge Insol­venz­ver­wal­ter der Schuld­ne­rin und die Beklag­te, wel­che die lau­fen­de Rech­nung fort­ge­führt haben, konn­ten viel­mehr bis zur Been­di­gung des Kon­to­kor­rents durch wei­te­re Ver­fü­gun­gen inner­halb des­sel­ben einen kau­sa­len Sal­do­an­spruch der Schuld­ne­rin besei­ti­gen 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Juni 2009 – IX ZR 98/​08

  1. BGHZ 70, 86[]
  2. vgl. BGHZ 141, 116, 120 m.w.N.[]
  3. vgl. BGHZ 58, 257, 260; 70, 86, 92; 73, 259, 263 unter I. 3.; 170, 206, 213 Rn. 19[]
  4. vgl. BGHZ 70, 86, 93; 157, 350, 356 a.E. f; 170, 206, 213 Rn. 19[]
  5. Cana­ris, Han­dels­recht 24. Aufl. § 25 Rn. 53; vgl. auch Jaeger/​Henckel/​Windel, § 91 Rn. 60 bei Fn. 226; Häse­mey­er, Insol­venz­recht 4. Aufl. Rn. 10.24[]
  6. BGH, Urteil vom 7. Dezem­ber 1977, BGHZ 70, 86, 94 f; zustim­mend Münch­Komm-InsO/Breu­er, 2. Aufl. § 91 Rn. 27; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO § 91 Rn. 35 f; HK-InsO/­Kay­ser, 5. Aufl. § 91 Rn. 21; Hmb­Komm-InsO/Ku­lei­sa, 3. Aufl. § 91 Rn. 13; Uhlen­bruck, InsO 12. Aufl. § 91 Rn. 14; Nerlich/​Römermann/​Wittkowski, InsO § 91 Rn. 19; Hess, Insol­venz­recht § 91 Rn. 44; Smid, InsO 2. Aufl. § 91 Rn. 5; mit ande­rer Begrün­dung auch Jaeger/​Windel, InsO § 91 Rn. 60[]
  7. BGHZ 167, 363, 365 Rn. 6; BGH, Urt. v. 8. Janu­ar 2009 – IX ZR 217/​07, ZIP 2009, 380, 382 Rn. 28[]
  8. anders die Annah­me in BGHZ 70, 86, 95 unten[]