Die nicht über­ge­be­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen – und die abge­lau­fe­ne Wider­spruchs­frist

Erlischt das Wider­spruchs­recht gemäß § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F., sind die für den Ver­si­che­rungs­ver­trag gel­ten­den All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen auch dann in den Ver­si­che­rungs­ver­trag ein­be­zo­gen, wenn der Ver­si­che­rer sie dem Ver­si­che­rungs­neh­mer bis­lang nicht über­ge­ben hat.

Die nicht über­ge­be­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen – und die abge­lau­fe­ne Wider­spruchs­frist

Nach § 5a VVG a.F., der auf den im Jahr 2005 abge­schlos­se­nen Ver­si­che­rungs­ver­trag anwend­bar ist (Art. 1 EGVVG), gilt ein Ver­si­che­rungs­ver­trag auch dann "auf der Grund­la­ge des Ver­si­che­rungs­scheins, der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen und der wei­te­ren für den Ver­trags­in­halt maß­geb­li­chen Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on als abge­schlos­sen", wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer die­se Unter­la­gen nicht erhal­ten hat, sofern der Ver­si­che­rungs­neh­mer dem Ver­trag nicht wider­spricht und ein Jahr seit Zah­lung der ers­ten Prä­mie ver­stri­chen ist.

§ 5a VVG a.F. erfasst alle Fäl­le, in denen der Ver­si­che­rer weder bei Ver­trags­schluss noch spä­ter die von ihm für den betref­fen­den Ver­si­che­rungs­ver­trag ver­wen­de­ten Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen dem Ver­si­che­rungs­neh­mer über­gibt. Daher wer­den bei einem in der Gel­tungs­zeit von § 5a VVG a.F., d.h. in der Zeit zwi­schen dem 29.07.1994 und dem 31.12 2007 geschlos­se­nen Ver­si­che­rungs­ver­trag die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen des Ver­si­che­rers jeden­falls dadurch Ver­trags­be­stand­teil, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer inner­halb eines Jah­res, nach­dem er die ers­te Prä­mie gezahlt hat, dem Ver­si­che­rungs­ver­trag nicht wider­spricht (§ 5a Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 4 VVG a.F.). Dies ent­spricht ein­hel­li­ger Mei­nung in der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung 1 sowie der herr­schen­den Mei­nung in der Lite­ra­tur 2. Dies gilt auch für die Unfall­ver­si­che­rung, weil § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nur im Bereich der Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­rung und der Zusatz­ver­si­che­rung zur Lebens­ver­si­che­rung richt­li­ni­en­kon­form ein­schrän­kend aus­zu­le­gen ist, aber auf die von der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung nicht erfass­ten Ver­si­che­rungs­ar­ten unein­ge­schränkt anzu­wen­den ist 3.

Eine sol­che Ein­be­zie­hung der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen setzt vor­aus, dass der Ver­si­che­rer den Ver­si­che­rungs­ver­trag nur unter Ein­be­zie­hung ent­spre­chen­der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen abschlie­ßen möch­te und der Ver­si­che­rungs­neh­mer dies jeden­falls bis zum Ablauf der Wider­spruchs­frist erken­nen konn­te. Dies ist im Streit­fall erfüllt. Ein durch­schnitt­li­cher Ver­si­che­rungs­neh­mer ent­nimmt dem Antrags­for­mu­lar unschwer, dass die Beklag­te die Unfall­ver­si­che­rung unter Gel­tung ihrer AUB abschlie­ßen woll­te, weil sie bereits im Antrags­for­mu­lar im Anschluss an die Erklä­run­gen des Ver­si­che­rungs­neh­mers unter der Über­schrift "Erklä­run­gen und Hin­wei­se 1. Ver­trags­grund­la­gen" dar­auf hin­wies, dass für den Ver­si­che­rungs­um­fang die im Antrag gemach­ten Anga­ben sowie die All­ge­mei­nen Unfall­ver­si­che­rungs-Bedin­gun­gen (V. AUB 2000) gel­ten. Zudem unter­schrieb die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin vor­lie­gend eine geson­der­te Erklä­rung, das Bedin­gungs­heft Stand 1.01.2003 erhal­ten zu haben, und hat­te des­halb beson­de­ren Anlass anzu­neh­men, dass die AUB der Beklag­ten ein­be­zo­gen wer­den soll­ten.

Hin­ge­gen hängt die Ein­be­zie­hung der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nach § 5a Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. anders als das Beru­fungs­ge­richt meint nicht davon ab, ob und wel­che Teil­in­for­ma­tio­nen der Ver­si­che­rungs­an­trag zu Gegen­stand und Inhalt der Ver­si­che­rung ent­hielt. Sol­ches steht nicht ein­mal der Ein­be­zie­hung von All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen nach § 305 Abs. 2 BGB ent­ge­gen; viel­mehr betrifft dies allein die Fra­ge, ob die Par­tei­en in ein­zel­nen Punk­ten etwa als Indi­vi­du­al­ab­re­de (§ 305b BGB) vor­ran­gi­ge Rege­lun­gen gegen­über den Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen getrof­fen haben. Es besteht kein Anhalts­punkt dafür, dass § 5a VVG a.F. inso­weit stren­ge­re Anfor­de­run­gen an die Ein­be­zie­hung von all­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen stellt.

§ 5a VVG a.F. unter­schei­det nicht danach, ob und wel­che Teil­in­for­ma­tio­nen der Ver­si­che­rer erteilt; eine sol­che Unter­schei­dung war auch nicht Teil der gesetz­ge­be­ri­schen Inter­es­sen­ab­wä­gung. § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. knüpft schon dem Wort­laut nach aus­schließ­lich dar­an an, ob dem Ver­si­che­rungs­neh­mer die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen bei der Antrag­stel­lung über­ge­ben wor­den sind oder nicht. § 5a VVG a.F. soll­te das Pro­blem lösen, dass mit den neu vor­ge­se­he­nen Infor­ma­ti­ons­pflich­ten vor Ver­trags­ab­schluss teil­wei­se als unüber­wind­bar bezeich­ne­te Schwie­rig­kei­ten im Mas­sen­ge­schäft der Ver­si­che­rung befürch­tet wur­den 4. Die Vor­schrift soll­te jeden Fall erfas­sen, in dem die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen erst nach Antrag­stel­lung über­las­sen wur­den 5. Im Ergeb­nis erleich­tert § 5a VVG a.F. damit die Ein­be­zie­hung der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen in den Ver­si­che­rungs­ver­trag.

Eben­so wenig kommt es für die Ein­be­zie­hung der AVB nach § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. dar­auf an, ob der Ver­si­che­rer die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen dem Ver­si­che­rungs­neh­mer zumin­dest inner­halb der Jah­res­frist über­gibt 6.

§ 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. schafft im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit ein Jahr nach Zah­lung der ers­ten Prä­mie Klar­heit über Inhalt und Wirk­sam­keit des Ver­si­che­rungs­ver­trags; dies erfor­dert, dass hier stets die ent­spre­chen­den Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen in den Ver­si­che­rungs­ver­trag ein­be­zo­gen sind 7. Die von § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. getrof­fe­ne Ent­schei­dung gilt auch hier. Soweit teil­wei­se ange­nom­men wird, in die­sem Fal­le kom­me ein blo­ßer "Rumpf­ver­trag" ohne Ein­be­zie­hung der All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen zustan­de 8, ent­spricht dies nicht der Inter­es­sen­ab­wä­gung des Gesetz­ge­bers. Es liegt typi­scher­wei­se im Inter­es­se bei­der Ver­trags­par­tei­en, dass AVB in den Ver­trag ein­be­zo­gen wer­den. Denn häu­fig fehlt es im Ver­si­che­rungs­recht so ins­be­son­de­re bei der Unfall­ver­si­che­rung nach dem VVG a.F. an gesetz­li­chen Rege­lun­gen, die nach § 306 Abs. 2 BGB als dis­po­si­ti­ves Recht die feh­len­den ver­trag­li­chen Rege­lun­gen über Gegen­stand und Inhalt des Ver­si­che­rungs­ver­trags sowie zu den wech­sel­sei­ti­gen Rech­ten und Pflich­ten erset­zen könn­ten. Ohne eine Ein­be­zie­hung von Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen bestün­de daher eine gro­ße Unsi­cher­heit über den Inhalt des Ver­trags; § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. soll aber gera­de Rechts­si­cher­heit schaf­fen 5. Die­ses Inter­es­se besteht unab­hän­gig davon, ob der Ver­si­che­rungs­neh­mer die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen in die­sem Zeit­raum auch tat­säch­lich erhal­ten hat. Dem­ge­mäß knüpft die Aus­schluss­frist allein an den Zeit­ab­lauf nach Zah­lung der ers­ten Prä­mie an.

Auf die Fra­ge, wie sich die Ver­trags­be­zie­hun­gen zwi­schen den Par­tei­en wäh­rend der Schwe­be­zeit dar­stel­len, kam es in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nicht an; da der Ver­si­che­rungs­fall erst mehr als zwei Jah­re nach Zah­lung der ers­ten Prä­mie ein­ge­tre­ten ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Juni 2015 – IV ZR 170/​14

  1. OLG Frank­furt am Main VersR 2004, 1451, 1452; OLG Frank­furt am Main VersR 2005, 631, 633; OLG Koblenz VersR 2003, 851, 852; OLG Köln VersR 2003, 101, 102; OLG Düs­sel­dorf VersR 2001, 837, 838[]
  2. Prölss in Prölss/​Martin, VVG 27. Aufl. § 5a Rn. 57; Beck­mann in Bruck/​Möller, VVG 9. Aufl. Einf. C Rn. 88; Münch­Komm-VVG/­Reiff, AVB Rn. 58; Römer in Römer/​Langheid, VVG 2. Aufl. § 5a Rn. 46; Prä­ve in Beck­man­n/­Ma­tu­sche-Beck­mann, Ver­si­che­rungs­rechts-Hand­buch 2004 § 10 Rn. 157 ff.; Prä­ve, ZfV 1994, 374, 380; Lorenz, VersR 1995, 616, 619 f.; Schi­mi­kow­ski, r+s 1996, 1, 4; a.A. Dörner/​Hoffmann, NJW 1996, 153, 158; Wandt, Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on und Ver­trags­schluß nach neu­em Recht – Dog­ma­ti­sche Ein­ord­nung und prak­ti­sche Hand­ha­bung, 1995 S. 25 ff.[]
  3. BGH, Urteil vom 07.05.2014 – IV ZR 76/​11, BGHZ 201, 101 Rn. 27[]
  4. BT-Drs. 12/​7595 S. 102[]
  5. BT-Drs. 12/​7595 S. 111[][]
  6. Prölss in Prölss/​Martin, VVG 27. Aufl. § 5a Rn. 57; Römer in Römer/​Langheid, VVG 2. Aufl. § 5a Rn. 46; Münch­Komm-VVG/­Reiff, AVB Rn. 58; Prä­ve in Beck­man­n/­Ma­tu­sche-Beck­mann, Ver­si­che­rungs­rechts-Hand­buch 2004 § 10 Rn. 158; Prä­ve, ZfV 1994, 374, 380; Lorenz, VersR 1995, 616, 619 f.; Schi­mi­kow­ski, r+s 1996, 1, 4[]
  7. so auch Prölss aaO; Römer aaO; Münch­Komm-VVG/­Reiff aaO; Prä­ve aaO Rn. 159; Johann­sen in Beck­man­n/­Ma­tu­sche-Beck­mann aaO § 8 Rn. 9[]
  8. so Dörner/​Hoffmann aaO; Wandt aaO[]