Tarif­struk­tur­zu­schlag in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung

Ein Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men, das neue Kran­ken­ver­si­che­rungs­ta­ri­fe ein­führt und die bis­he­ri­gen Tari­fe für Neu­kun­den sperrt, kann von ihren Ver­si­che­rungs­neh­mern einen Zuschlag auf die Grund­prä­mie erhe­ben, wenn die­se von dem bis­he­ri­gen in einen "neu­en" Tarif wech­seln. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main akzep­tier­te jetzt einen sol­chen „Tarif­struk­tur­zu­schlag“ beim Wech­sel in struk­tu­rell ande­re Kran­ken­ver­si­che­rungs­ta­ri­fe.

Tarif­struk­tur­zu­schlag in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung

Die Klä­ge­rin des jetzt vom Ver­wal­tungs­ge­richt Frankfurt/​Main ent­schie­de­nen Falls hat am 01.03.2007 eine neue Tarif­se­rie zur Kran­ken­ver­si­che­rung mit der Bezeich­nung „Aktimed“ auf den Markt gebracht und zugleich die ver­gleich­ba­ren Alt­ta­ri­fe für das Neu­ge­schäft geschlos­sen. Die Tari­fe der Aktimed-Serie unter­schei­den sich von den Alt­ta­ri­fen ins­be­son­de­re durch eine ver­än­der­te Gesund­heits­prü­fung, die eine ver­ur­sa­chungs­ge­rech­te­re und voll­stän­di­ge­re Bewer­tung von Vor­er­kran­kun­gen ermög­li­chen soll. Im Fal­le eines Wech­sels eines Ver­si­che­rungs­neh­mers aus einem der alten Tari­fe in einen Tarif der Aktimed-Serie erhebt die Klä­ge­rin unab­hän­gig von der Fra­ge, ob der neue Tarif gegen­über dem alten Tarif mehr Leis­tun­gen bie­tet, einen pau­scha­len Zuschlag in Höhe von ca. 20 % auf die Grund­prä­mie des Aktimed-Tarifs, den sie als „Tarifs­struk­tur­zu­schlag“ bezeich­net. Den Tarif­struk­tur­zu­schlag ver­langt die Klä­ge­rin auch von Ver­si­che­rungs­neh­mern, die im alten Tarif bis­her kei­nen Risi­ko­zu­schlag gezahlt haben. Ver­si­cher­te, die im bis­he­ri­gen Tarif bereits Risi­ko­zu­schlä­ge gezahlt haben, sol­len zusätz­lich zu dem pau­scha­len Tarif­struk­tur­zu­schlag indi­vi­du­el­le Risi­ko­zu­schlä­ge zah­len. Die Klä­ge­rin begrün­det die Erhe­bung des Tarif­struk­tur­zu­schlags damit, dass in den alten Tari­fen unter­schied­lich hohe Risi­ken gleich­ge­stellt und zu einer Pau­schal­prä­mie ver­si­chert wor­den sei­en. Fast 90 % der Ver­si­cher­ten sei­en in den Alt­ta­ri­fen ohne indi­vi­du­el­le Risi­ko­zu­schlä­ge ver­si­chert wor­den. Die Grund­prä­mie der Aktimed-Tari­fe sei dage­gen auf Basis der bes­ten Risi­ken kal­ku­liert und daher erheb­lich nied­ri­ger. Könn­ten alle Ver­si­che­rungs­neh­mer, die in den alten Tari­fen kei­nen indi­vi­du­el­len Risi­ko­zu­schlag zah­len muss­ten, zur güns­ti­gen Grund­prä­mie in die Aktimed-Tari­fe wech­seln, wür­den sie gegen­über den Neu­kun­den unge­recht­fer­tigt bevor­zugt.

Die Beklag­te, die Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht, hat mit Bescheid vom 08.05.2008 ange­ord­net, dass die Klä­ge­rin Anträ­ge von Ver­si­che­rungs­neh­mern bei ab dem 01.01.2008 abge­schlos­se­nen Ver­trä­gen auf Wech­sel aus Tari­fen mit gleich­wer­ti­gem Ver­si­che­rungs­schutz in ver­schie­de­ne Aktimed-Tari­fe ohne Erhe­bung eines Tarif­struk­tur­an­schlags anneh­men muss, soweit bei Ver­trags­be­ginn kei­ner­lei Vor­er­kran­kun­gen, Beschwer­den oder sons­ti­ge gefah­rer­hö­hen­de Umstän­de, die nach den Aktimed-Tari­fen zu einem Risi­ko­zu­schlag füh­ren, doku­men­tiert wur­den. Gegen die­se Anord­nung hat die Klä­ge­rin Wider­spruch erho­ben und vor­ge­tra­gen, der Tarif­struk­tur­zu­schlag ent­spre­che dem in den Alt­ta­ri­fen ent­hal­te­nen kal­ku­la­to­ri­schen pau­scha­len Risi­ko­zu­schlag und sei not­wen­dig, um die kal­ku­la­to­ri­sche Inkom­pa­ti­bi­li­tät zwi­schen den Alt- und Neu­ta­ri­fen zu über­win­den und das Tarif­wech­sel­recht zu ermög­li­chen. Gegen den ableh­nen­den Wider­spruchs­be­scheid hat die Klä­ge­rin am 06.10.2008 Kla­ge beim Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt erho­ben.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Der Tarif­struk­tur­zu­schlag hin­de­re die Ver­si­che­rungs­neh­mer in den Her­kunfts­ta­ri­fen nicht dar­an, in die neue Tarif­welt zu wech­seln. Die im Her­kunfts­ta­rif erwor­be­nen Rech­te wür­den dabei voll­stän­dig ange­rech­net. Das Gesetz ver­lan­ge nur, dass die Tarif­wechs­ler recht­lich nicht schlech­ter ste­hen dürf­ten als sie im Her­kunfts­ta­rif gestan­den haben, nicht aber, dass ihnen der Tarif­wech­sel so attrak­tiv wie mög­lich gemacht wer­den müs­se. Auch die gesetz­li­chen Vor­schrif­ten über die Gleich­be­hand­lung der Ver­si­che­rungs­neh­mer sei­en nicht ver­letzt, da die Alt­ver­si­cher­ten und die Neu­ver­si­cher­ten die Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge jeweils unter ande­ren Bedin­gun­gen geschlos­sen hät­ten und daher für die Bemes­sung der Prä­mi­en kei­ne glei­chen Vor­aus­set­zun­gen vor­lä­gen. Es fin­de auch kei­ne Quer­sub­ven­tio­nie­rung der güns­ti­ge­ren Prä­mi­en für Neu­kun­den zulas­ten der Bestands­kun­den statt.

Das Urteil ist noch nicht rechts­kräf­tig, das Ver­wal­tungs­ge­richt hat gegen sein Urteil sowohl die Beru­fung zum Hes­si­schesn Ver­wal­tungs­ge­richts­hof wie auch die Sprung­re­vi­si­on zum Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zuge­las­sen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main, Urteil vom 23. Juli 2009 – 1 K 3082/​08.F(2)